#Allgemeines

19. Dezember 1970 | 100 Jahre Weihnachtscommers

Schaffhauser Nachrichten, Nr. 296
Michael E. Dreher

Wie jedes Jahr werden die Alten Herren aus der ganzen Schweiz, ja aus Europa und Amerika, zusammenkommen, um sich während einiger Stunden am Weihnachtscommers zu treffen. Wie jedes Jahr wird sich der Fackelcortège durch die Strassen unserer alten Stadt bewegen, und wie jedes Jahr werden dazu die Lieder von geschwänzten Collegien, von fahrender Gesellenlieb’, vom Jugendbronnen Heidelberg, den Ministern beim Burgunderwein, von Zechgelagen, Kätzchen und Katern gesungen, um schliesslich vor dem «Falken» in der Erinnerung an die Alte Burschenherrlichkeit mächtig auszuklingen. Im grossen «Falken»-Saal wird sich das rauschende (in jeder Beziehung) Commerstreiben abwickeln, von dem jeweils nur vage Vermutungen an die Öffentlichkeit dringen …, und auch dieses Jahr dürften vielleicht die sonntäglichen Frühaufsteher einige Weihnachtssterne auf dem Trottoir — nein, lassen Sie mich darüber den Vorhang milder Nachsicht senken …
Es fehlt denn auch nicht an kritischen Stimmen, die auf die Fragwürdigkeit derartiger Bräuche im ausgehenden 20. Jahrhundert hinweisen, und im Festhalten an studentischen Sitten aus einer Zeit, die uns im Wesen recht fremd ist und die wir uns wahrscheinlich kaum zurückwünschen dürften, faschistoides (wie sie sagen) Gehaben sehen. Zweifellos haben diese Leute in allen Teilen recht. Uebermässiges Biertrinken ist gesundheitsschädlich (vielleicht weniger als Hasch, aber wer fragt danach!), die alten Lieder besingen keine Produktionsfortschritte in der Computerindustrie, und im Commersbetrieb steckt die Mitbestimmung noch in den Kinderschuhen …
Worin liegt denn also die Faszination, die dieses altertümelnde Geschehen auf vernünftige Zeitgenossen ausübt, die überdies von fern her gezogen kommen, um an diesem Fest teilzunehmen?
Liegt es an der Tatsache, dass in diesem Verein drei Generationen vertreten sind, die alle einmal einen ähnlichen Verbindungsbetrieb erlebt haben? Oder ist es die Möglichkeit, Freunde zu treffen, die man das ganze Jahr sonst nicht sieht, die aber sicher heute kommen? Ist es die Freude, als älteres Semester unter Jüngeren einmal wieder richtig auf die Pauke hauen zu dürfen? Oder liegt es am Getränk, dem Bier, das alle ohne Ausnahme saufen? Liegt es am Biercomment? An der Freude am Commersbetrieb? An den blauweissblauen Farben? An der Möglichkeit, ohne weiteres mit ganz jungen Semestern in Kontakt zu kommen? Oder ist es ganz einfach der Wunsch, für ein paar Stunden ein paar Jahre zurückzuholen?
Ich weiss es nicht. Sicher aber ist der Weihnachtscommers ein Stück Schaffhausen, Tradition im besten Sinne.
Den Scaphusianern wünschen wir ein mächtiges «Ergo Bibamus»!

#Notizen zu Namen

29. März 1966 | Dr. Hugo von Ziegler

Schaffhauser Nachrichten
Ernst Steinemann

In seinem Heim zum Weissturngut an der Stokarbergstrasse verschied am 25. März, für Angehörige und Freunde unerwartet, Dr. Hugo von Ziegler an einem Schlaganfall. Obschon er in der Oeffentlichkeit wenig hervortrat und unseres Wissens auch nie weder ein kantonales noch ein städtisches Amt bekleidete, verdient er doch, dass seiner ehrend gedacht wird.
Dr. Hugo von Ziegler entstammte einem Zweig des alten städtischen Geschlechtes der Ziegler, der im Jahre 1717 durch Kai ser Karl VI. geadelt worden ist und dem Stand Schaffhausen im Laufe seiner Geschichte tüchtige Magistraten und Offiziere gestellt hat. Es zeugt für seine vornehme Gesinnung, dass er nie auf die Verdienste seiner Vorfahren pochte, sondern der Ueberzeugung huldigte, dass jede Generation nur das ist, wozu sie sich selbst emporarbeitet.
Dr. Hugo von Ziegler wurde am 8. Februar 1890 in Schaffhausen geboren, durchlief die humanistische Abteilung der Kantonsschule und promovierte in Berlin zum Dr. iur. Im Jahre 1921 vermählte er sich mit Fräulein Schindler von Mollis, einer ihn mit grosser Treue umhegenden Person, und eröffnete in der Vorstadt das unter seinem Namen bekanntgewordene Bankgeschäft von Ziegler, das er vor wenigen Wochen altershalber liquidierte. Im heissen Sommer 1911 bestand er mit seinen teilweise noch jetzt lebenden Schaffhauser Kameraden die Offiziersschule in Zürich und diente dann in der dritten Division, wo er als fahrender Mitrailleur bis zum Rang des Majors aufstieg.
Wer die Freude und das Glück hatte, die Bekanntschaft von Zieglers zu machen, lernte in ihm einen sehr bescheidenen, von allem Dünkel freien Menschen kennen, der ein Schaffhauser war durch und durch und die alten städtischen Familien und deren Geschichte kannte wie kaum ein Historiker vom Fach Daneben gehörte seine grosse Liebe dem Garten seines Hauses, in welchem es keine Pflanze, weder Blume noch Strauch gab, deren deutschen und lateinischen Namen er nicht kannte. Sein grosses Können und Wissen lag jedoch auf dem Gebiet der Kunstgeschichte. Hier war er Autorität. So bereitete er als wohl bester Kenner Lindtmayers im Jahre 1952 gemeinsam mit Dr. Steiner die Daniel-Lindtmayer-Ausstellung vor und bearbeitete mit grösster Sachkenntnis den vielbeachteten Katalog. Mit derselben Hingabe warf er sich auch auf die Sammlung von Schaffhauser Altsilber und erlebte noch in den letzten Tagen die Freude, einen zweiten Zunftbecher des in alle Winde zerstreuten Tafelgeschirrs der Wohladelichen Gesellschaft zun Kaufleuten erwerben zu können. Mit der jüngst verstorbenen Dora Rittmeyer zählte er zu den besten Kennern der schweizerischen Silber- und Goldschmiedearbeiten.
Von den alten Familien, die einst der Stadt das Gepräge gaben, verschwindet eine nach der andern. Ihre Nachkommen ziehen weg und suchen anderwärts ihr Auskommen. Die Bevölkerungsstruktur ist in einem gewaltigen Umbruch begriffen. So nimmt mit Dr. Hugo von Ziegler ebenfalls der letzte Vertreter seines Geschlechtes von der Stadt Abschied. Wir wissen, dass wir uns diesem Wandel zu beugen haben. Und so nehmen wir Abschied von Dr. Hugo von Ziegler als von einem Menschen, dem der christliche Glaube seiner Vater Kraft und Trost war und der in seiner süllen Art durch seine Sammeltätigkeit der Heimat mit allen Fasern seines Wesens verbunden war.