#Allgemeines

7. Juni 2013 | Kreuzfahrt und Schiffsuntergang

Schaffhauser Nachrichten
von Anne Gross

Mallorca, Madagaskar und China waren die drei Stationen, an denen das Kreuzfahrtschiff «Costa Kantia» diese Woche haltmachte. Von Montag bis Mittwoch wurde je ein anderes Land bereist. Passend zu den verschiedenen Destinationen wurde das Schulhaus dekoriert und das Essen in der Mensa dem jeweiligen Land angepasst.
Der eigentliche Höhepunkt der Woche fand aber gestern Vormittag statt, am letzten offiziellen Schultag der Maturandinnen und Maturanden vor den Prüfungen: der Maturstreich. Der letzte Tag auf der «Costa Kantia» wurde mit einem Galaanlass gefeiert. Dabei mussten sich auch die jüngeren Schüler beweisen. Ob bei einem Rettungsrennen rund um die Turnhalle oder beim Inszenieren einer einfallsreichen Bildergeschichte, die Zweit- und Drittklässler gaben sich grosse Mühe. Erstklässler wurden dieses Jahr geschont und konnten sich entspannt zurücklehnen. Wie jedes Jahr wurden auch gestern wieder besonders auffällige Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Kategorien nominiert. Das goldene Paar, der goldene Hipster, die goldenen Barbie und Ken und der goldene «wanna-be» wurden durch lautstarken Applaus von den anwesenden Schülern aus den Nominierten erkoren. Hinter dem Spass und der grossen Show steckt jedoch eine Menge Arbeit. Ein zehnköpfiges Organisationskomitee plante die letzte Schulwoche schon Monate im Voraus. Der Maturand Jann Schwaniger bereut die investierte Zeit aber auf keinen Fall: «Klar, wir standen diese Woche jeden Morgen schon um halb sieben in der Schule und mussten noch vieles vorbereiten», sagt er. «Aber der Aufwand hat sich definitiv gelohnt, auch wenn dabei das Lernen für die Prüfungen diese Woche etwas zu kurz kam», so der Maturand. Auch Rektor Urs Saxer ist sehr zufrieden mit dem diesjährigen Maturstreich: «Ich appelliere immer an die Abschlussklassen, dass die letzte Schulwoche auch ein wenig Tiefgang haben soll», so Saxer. «Diese Jahr bin ich von der Idee und der Umsetzung des Themas begeistert», sagt er. Mit dem abschliessenden Untergang der «Costa Kantia» war der ganze Streich dann aber auch schon wieder vorbei, und die Maturanden gingen nach Hause, um sich vor den heute beginnenden Prüfungen noch zu erholen.



In der Munotturnhalle versammelten sich Schüler und Lehrer zahlreich, um den letzten Schultag der Maturanden mitzuerleben. Bild Selwyn Hoffmann



Schnelle Rettungsaktion: Die Drittklässler gaben beim Wettrennen in der Munothalle alles. Bild Selwyn Hoffmann



Einfallsreiche Verkleidungen: Demian Schlatter als Matrose und Sibylle Müller als Putzfrau auf der «Costa Kantia». Bild Anne Gross

#Notizen zu Namen

3. Juni 2013 | Abschied und Aufbruch zugleich

Schaffhauser Nachrichten
Von Werner Breiter

Mit einem rauschenden Fest wurden am Freitagabend der Abschied vom Uehlinger-Tierärzteteam mit den Standorten Beringen und Thayngen sowie die Übergabe der Praxis an die beiden langjährigen Berufskolleginnen Eveline Muhl und Kathrin Urscheler an der Ratsteig in Thayngen gefeiert. In ihrer Laudatio schilderte Kathrin Urscheler ihren bisherigen Vorgesetzten als verständnisvollen und fortschrittlichen Chef, der immer hinter seinem Personal stand, auch auf private Wünsche Rücksicht nahm und seine Praxis sukzessive ausbaute. Kathrin Urscheler gratulierte Peter Uehlinger nicht nur zu seiner Wahl als Kantonstierarzt, sondern auch zum gemeinsam mit seiner Frau Nicole und ihren Kindern gefeierten Hochzeitstag.
Zum Teil von weit her kamen die Gäste zur Übernahmefeier, so Brigitte Bark Leuch, die gleichentags von einer Reise aus Texas eingeflogen war und von Gatte Felix Leuch, dem früheren Inhaber der Uehlinger-Praxis, begleitet wurde. Aus Passau kam der ehemalige Assistenzarzt (von 1997 bis 1999) Tom Keiser mit seiner Frau Brigitte in vierstündiger Autofahrt nach Thayngen. Ein weiterer ehemaliger Assistenzarzt, Koni Schacher, praktiziert heute in Wallbach im Fricktal. Mit von der Partie war Renate Ringli, die während mehr als 18 Jahren in der Praxis Uehlinger gearbeitet hatte. Die jahrelangen guten Dienste Peter Uehlingers schätzten Thomas und Barbara Brunner, die in Stetten einen grossen Bauernhof betreiben. Und natürlich fehlte auch David Bell, Hausmeister der Praxis Beringen, nicht, der das Fest musikalisch untermalte. Viel zur guten Laune trugen die als Köchin berühmte Nicole Uehlinger sowie Emil und Vroni Suter aus der benachbarten Metzgerei mit ihrem hervorragenden Catering bei.

#Allgemeines

1. Juni 2013 | «Alle haben eine Goldmedaille verdient»

Schaffhauser Nachrichten
von Anne Gross

«Sie haben es in die Champions League geschafft», lobte Erziehungsdirektor Christian Amsler die 21 Maturandinnen und Maturanden, deren Arbeiten dieses Jahr der Jury zur Prämierung vorgeschlagen wurden.
Für Amsler war klar: «Sie haben alle eine Goldmedaille verdient.» Acht Maturaarbeiten wurden prämiert und mit jeweils 500 Franken Preisgeld belohnt (siehe unten). Gespendet wurden die Preise von der Buchhandlung Fass, hofer.kick Architekten, von der Naturforschenden Gesellschaft, vom Historischen Verein und von den Schaffhauser Platzbanken. Etwa 120 Personen, unter denen vor allem die stolzen Eltern und die nicht minder stolzen betreuenden Lehrpersonen waren, kamen am Donnerstagabend in die Kantonsschule Schaffhausen, um der Verleihung beizuwohnen.
Die Maturaarbeit sei für jeden Maturanden eine arbeitsintensive Zeit, in der man so manches Jammer- und Motivationstal überwinden müsse, um ans Ziel zu kommen, sagte Amsler weiter.

**Der Spitzenreiter Geschichte**
Dieses Jahr wurden 130 Arbeiten eingereicht und bewertet. Auch die 21 Arbeiten, die zur Prämierung vorgeschlagen, waren schon im Voraus von den betreuenden Lehrpersonen beurteilt und mit Bestnoten ausgezeichnet worden. Seit letztem Jahr zählt diese Note auch als vollwertige Note im Maturazeugnis.
Wie schon in den Jahren zuvor wurden die meisten Arbeiten im Fach Geschichte eingereicht. Aber es gäbe dieses Jahr einen neuen, erfreulichen zweiten Platz, sagte der Prorektor Thomas Stamm: die Fremdsprachen.

**Die nominierten und die prämierten Maturaarbeiten**

Fachbereich Sprachen
Tobias Urech: Altsprachlicher Unterricht in der Literatur *
Lukas Pfeiffer: The Norman Influence on the English Vocabulary *
Ursina Storrer: Sesselrücken. Eine Erzählung
Katja Meier: Emilie. Eine Erzählung

Fachbereich Geistes- und Sozialwissenschaften
Julia Müller: Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika. Ein Vorbild für die Vergangenheitsbewältigung nach Konflikten in anderen Ländern?
Johannes Stamm: Flüchtlinge an der Schaffhauser Grenze zur Zeit des 3. Reiches
Jann Schwaninger: Wen wir wählen. Eine Annäherung an die Schaffhauser Politikerinnen und Politiker
Lukas Hächler: Der englische Langbogen. Einsatz des Lang- bogens während des Hundertjährigen Krieges
Lea Germann: Das Leben von Hans Jakob Fehr. Das unkonventionelle Leben eines Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert, der auch fern der Heimat seine Spuren hinterliess *
Lukas Schwendener: Jugend und soziale Netzwerke
Melania Klaiber: David gegen Goliath. Mögliche Lehren für die Schweiz aus dem Konflikt um die nachrichtenlosen Konten Ende der Neunzigerjahre mit den USA *
Stephanie Wichmann: Die Nachfrage nach Kindertagesstätten in Schaffhausen

Fachbereich Naturwissenschaften und Mathematik
Lisa Krattiger: Leben mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit
Julia Zechner: Katarakt durch veränderte Gene? Untersuchungen von kataraktauslösenden Mutationen auf dem Gen SLC16A12
Dominique Vogt: Giftpflanzen im heimischen Garten. Wie gross ist der Wissensstand der Bevölkerung und welche Gefahr geht von ihnen aus? *
Fabian Fischer: Die Entwicklung eines Android-Apps für die Kantonsschule Schaffhausen. Persönlicher Stundenplan mit Fach, Zeit, Raum, Lehrkraft und Notizfunktion
Denis Pfeifer: Lautsprecher – Lautsprecherbau, Frequenzweiche, Stehende Wellen
Matthias Stähle: Der Apfel in der Zeit. Die Reife als Extremalproblem *

Fachbereich Kunst und Sport Xenia Ritzmann: Faszination Theatersport
Nina Haug: Klangfarben des Klaviers. Verschiedene Anschlagarten und ihr Einfluss auf die Klangfarben *
Vera Bühl: Amygdala. Darstellung von Emotionen im Film *

(* Prämierte Arbeiten)

**Nina Haug** beschäftigte sich mit einem musikalischen Thema, das aber einen hoch physikalischen Hintergrund hat: In ihrer Arbeit «Klangfarben des Klaviers» untersuchte sie die verschiedenen Anschlagarten und deren Einfluss auf die Klangfarbe des Klaviers. Die Arbeit schrieb sie im Fach Physik und wurde von der Jury in der Kategorie Kunst ausgezeichnet.

**Lea Germann** rekonstruierte anhand von Briefen und Urkunden das unkonventionelle Leben eines Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert. Dank eines umfangreichen Familienarchivs und den Erzählungen ihres Grossvaters gelang es ihr, aus den alten Schriften das Leben ihres Vorfahren Hans Jakob Fehr nachzuvollziehen und darzustellen.

**Lukas Pfeiffer** schrieb seine Maturaarbeit in englischer Sprache. «The Norman Influence on the English Vocabulary» ist eine Arbeit über die französische Sprache, die in der Vergangenheit und bis heute einen grossen Einfluss auf das englische Vokabular hatte. Dies untersuchte Pfeiffer an drei verschiedenen Wortfeldern.

**Matthias Stähle** isst gerne Äpfel. Deshalb untersuchte er im Rahmen seiner Maturaarbeit den idealen Reifeprozess verschiedener Äpfel. Anhand einer Formel, die er selbst austüftelte, fand er die ideale Ernte- und Esszeit verschiedener Apfelsorten heraus. Dank Stähles Arbeit «Der Apfel in der Zeit», weiss man nun, wann welche Äpfel essreif sind.

**Tobias Urech** befasste sich mit der Darstellung des altsprachlichen Unterrichts in der Literatur. Er untersuchte die Werke grosser Schriftsteller, wie zum Beispiel diejenigen von Thomas Mann. Dabei kam der altsprachliche Unterricht, den die grossen Literaten und Mächtigen genossen, mal besser und mal schlechter weg.

**Vera Bühl** drehte den Film «Amygdala». Darin setzte sie sich, wie auch schon berühmte Filmemacher wie Alfred Hitchcock, mit der Darstellung von Emotionen im Film auseinander. Einerseits versuchte sie, die Angst filmisch darzustellen, und anderseits sollte die Angst auch beim Zuschauer geweckt werden.

**Melania Klaiber** «David und Goliath» ist der Titel von Klaibers Arbeit. Sie untersuchte darin die möglichen Lehren für die Schweiz aus dem Konflikt mit der USA um die nachrichtenlosen Konten Ende der Neunzigerjahre. Dabei sprach sie mit verschiedenen Professoren, mit einem Bankvertreter der CS und einem Anwalt, der bei den Konflikten beteiligt war.

**Dominique Vogts** Thema heisst «Giftpflanzen im heimischen Garten – Wie gross ist der Wissensstand der Bevölkerung und welche Gefahr geht von ihnen aus?». Dabei untersuchte sie unter anderem auch, wie gut die Gärtnereien ihre Kunde über die Gefahren der verschiedenen Pflanzen informieren.

#Notizen zu Namen

27. Mai 2013 | Slam-Poetry

Schaffhauser Nachrichten
Von Anne Gross

«Ein verstorbenes Mitglied der Mittelschulverbindung Scaphusia hatte der Kantonsschule eine bestimmte Summe testamentarisch für einen bestimmten Zweck überwiesen», sagte Alex Wanner, der Organisator des Poetry-Slam-Wettbewerbs an der Kantonsschule. Der Mittelschullehrer ist selbst Mitglied der Scaphusia. Der Spender, ein Herr, der namentlich nicht erwähnt werden wollte, habe die Geldsumme zur Förderung junger Talente an der Kantonsschule im Bereich Kultur zur Verfügung gestellt, erklärte Wanner.
So wurde mit dem zur Verfügung gestellten Geld eine Stiftung gegründet, die in einem bestimmten Rhythmus Wettbewerbe ausschreibe, bei denen sich Schüler mit besonderer Eigenleistung musikalischer oder, wie am vergangenen Freitagabend, sprachlicher Art beweisen könnten. In diesem Jahr ging es um Poetry Slam – den Wettstreit der Dichter vor Publikum. Trotz Plakaten an der Schule und Flyern in den Klassenfächern hatten sich nur fünf Interessierte gemeldet, um am diesjährigen Wettbewerb teilzunehmen.

**Der Moderator als «Opferlamm»**
Christian Hunziker, ehemaliger Kantonsschüler, übernahm die Moderation und erklärte zu Beginn die Regeln: «Keine Verkleidung, kein Gesang, keine Begleitung auf dem Piano – nur ihr selbst und eure Texte vor dem Publikum sind erlaubt.» Bei jedem Slam gibt es ein sogenanntes Opferlamm, das den Anfang machen muss. So trug Hunziker einen seiner eigenen Texte vor, den er zu Schulzeiten als wütender und verliebter Achtzehnjähriger geschrieben hatte. «Hass mich, wenn du mich nicht lieben kannst», klagte er seine unerwiderte Liebe an. Hunziker gab damit die Vorlage. Dann ging es für die am Wettbewerb teilnehmenden Schüler und ihre Darbietungen los. Die Reihenfolge der Auftritte wurde per Auslosung festgelegt. Die Maturandin Xenia Ritzmann machte den Anfang; sie erinnerte sich eingangs an ihre erste Begegnung mit der besonderen Slam-Redekunst. Damals, im verrauchten Tap- Tab-Keller, staunte die 15-Jährige über einen Slammer auf der Bühne, der «nicht nur mit Worten, sondern auch mit seinen Kleidern jonglieren konnte» und am Ende seiner Darbietung mit nichts als seinem Taschentuch auf der Bühne stand. Die Erstklässlerin Nathalie Krebser präsentierte anschliessend einen sehr nachdenklichen Text über eine kalte Kriegsnacht – sie endete mit dem Tod. Auch Rahel Stamm bewies mit einer Erinnerung eines Kriegssoldaten, dass Slammen nicht nur komisch, sondern auch nachdenklich sein kann. Der Austauschschüler aus Lausanne, Matthieu Augsburger, überraschte mit einem Slam in drei Sprachen – Latein, Französisch und Deutsch. Und Andreas Zulauf brachte die gut 20 Zuschauer mit einer drohenden «Biberkrise» und der Abholzung der Wälder zum Lachen. In der Finalrunde gaben die drei Teilnehmer Xenia, Andreas und Natalie, die vom Publikum die höchste Punktzahl erhalten hatten, je noch einen neuen Text zum Besten. Andreas überzeugte das Publikum erneut und holte sich den ersten Preis – die stolze Summe von 800 Franken.



Der Gewinner Andreas Zulauf mit den zweit- und drittplatzierten Xenia Ritzmann (rechts) und Nathalie Krebser.
Bild Anne Gross

#Notizen zu Namen

25. Mai 2013 | Rudolf Krönlein sicher zwischengelagert

Schaffhauser Nachrichten
von Mark Schiesser

«Alles für das Inventar erfassen und mit Nummern versehen», so lautete Anfang der Woche der Auftrag an die Spezialisten in Uniform mit weissen Handschuhen. Während im Rathaus die Mitarbeiter der Verwaltung ihren üblichen Geschäften nachgingen, hielt der Kulturgüterschutz Schaffhausen seinen Wiederholungskurs in Stein am Rhein respektive am selben Ort im riesigen Estrich und im «Steinbock», dem angrenzenden Gebäude hinter dem Rathaus, ab.

**Vor der Rathausrenovation**
Dort, wo seit mehr als 50 Jahren Kulturgüter, Schenkungen und historisches Material in Form von Akten, Büchern, Drucksachen und Bildern provisorisch untergebracht wurden. Wie zum Beispiel das Porträt des Steiner Chirurgen Rudolf Ulrich Krönlein († 26. 10. 1910), dessen Bürgerrecht immerhin auf sechs Generationen zurückführt. «Im Zuge der bevorstehenden Rathausrenovation muss alles geräumt und in ein Zwischendepot verschoben werden», erklärte Roman Sigg, Steiner Stadtarchivar und Einsatzleiter Kulturgüterschutz. Wie auch er hatten schon seine Vorgänger den Auftrag, herauszufinden, was mit der «Sammlung gelehrter Werke um die Jahrhundertwende» und den weiteren Gütern geschehen sollte. Der Zivilschutzeinsatz war ein erster Schritt, denn einiges konnte bisher in der Datenbank des Stadtarchivs noch nicht erfasst werden, und selbst der Steiner Stadtarchivar wurde überrascht von einigen Trouvaillen. Bereits Mitte der Woche zeigte sich anhand der bereits verpackten Bilder und gefüllten Kisten, welch ein Berg an Arbeit es zusammen mit Offizier Daniel Schmid vom Schaffhauser Amt für Militär und Zivilschutz und weiteren Zivilschutzpflichtigen zu bewältigen galt. Allein der Büchernachlass des 1911 verstorbenen Historikers Johannes Meyer mit unzähligen Schriftstücken und die Bibliothek Van Vleuten mit Tagebüchern, Akten und Fotoalben – er war Professor für germanisches Recht in Lausanne, interessierte sich für nordische Rechtsgeschichte und Philologie und hat der Stadt auch eine wertvolle Münzsammlung hinterlassen – füllten Seiten auf der Inventarliste. Die im Umgang mit Fotoausrüstung, wassergeschädigten Archivalien und dem richtigen Vorgehen bei der Inventarisierung ausgebildeten Spezialisten hatten alle Hände voll zu tun. Buch für Buch wurde auf einer Liste mit Autor und Kurztitel erfasst und nummeriert. Die zum Teil wertvollen Gemälde und Bilder wurden fotografiert, ebenfalls erfasst, sicher verpackt und alles zusammen konnte abtransportiert werden. Dies als Ziel des Kulturgüterschutzes, dafür zu sorgen, dass das kulturelle Erbe in bewaffneten Konflikten und in Katastrophenfällen möglichst unversehrt erhalten werden kann. Stadtarchivar Roman Sigg zeigte sich gestern zufrieden: «Meine Kollegen haben gute Arbeit geleistet. Über 50 volle Umzugskartons und zahlreiche gut verpackte Bilder und Gemälde sind nun in einem Schutzraum sicher zwischengelagert.» Und auch im Fall der beiden Bibliotheken zeichne sich in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Kultur und dem Klostermusem St. Georgen eine Lösung ab.



Roman Sigg mit einem Porträt von Rudolf Krönlein
Bild Mark Schiesser

#Notizen zu Namen

23. Mai 2013 | Kunst aus Recyclingmaterial und selbst designte Schuhe

Schaffhauser Nachrichten
Philipp Ruppli

Weil die acht Maturanden und Fachmittelschüler ihre Abschlussarbeiten in den Fächern Bildnerisches Gestalten oder Kommunikation und Medien gemacht hatten, wurden sie in den Kunstverein Schaffhausen aufgenommen.
Stéphanie Stamm, seit Beginn diesen Jahres Vorstandsmitglied des Kunstvereins, begrüsste die Anwesenden im Museum Allerheiligen.
Die Kunststudentin erklärte, dass die Mitgliedschaft für die betreffenden Maturanden bis zu ihrem 25. Geburtstag gratis sei. «Ihr könnt euch über ein vielfältiges Angebot freuen», sagte Stamm. Mit der Mitgliedschaft fallen beispielsweise die Eintrittsgebühren für verschiedene Ausstellungen weg. «Natürlich haben wir die Hoffnung, mit diesem Angebot der kostenlosen Mitgliedschaft euer Interesse an der Kunst noch mehr zu wecken», sagte Stamm. Es sei immer schön, wenn auch junge Gesichter im Kunstverein zu sehen seien, sagte sie. Anschliessend stellten die sechs anwesenden Schüler in Kurzpräsentationen ihre Arbeiten vor.
Ob Céline Schlatters Architekturprojekt, Mara Riccis selbst designte Schuhe, Danja Vögeles recycelter Kronleuchter aus alten Bierdeckeln, Leonie Neukomms Bildband «Gesichter der Schweiz» oder Kevin Steigers Animationsfilm einer Geeko-Grillen-Verfolgungsjagd, an Vielfältigkeit mangelte es bei den vorgestellten Arbeiten nicht.
Philipp Ruppli erläuterte seine Arbeit über die christliche Sakralarchitektur als Einziger etwas genauer. «Die Frage, die mir zu meiner Arbeit am meisten gestellt worden ist, war, ob ich denn religiös sei, dass ich ein solche Thema gewählt hätte», sagte Ruppli. Seine Entscheidung, über die Kirchenbauten seine Arbeit zu schreiben, hätte aber nichts mit seiner Einstellung zur Religion zu tun gehabt, sondern mit seinem grossen Interesse an der Architektur, erklärte Ruppli.
«Seit ich diese Arbeit geschrieben habe, betrete ich ein Gebäude viel bewusster und mache mir Gedanken darüber, was der Architekt sich beim Bau wohl überlegt hat», sagte Ruppli.

#Allgemeines

13. Mai 2013 | Ein märchenhafter Abschlussball

Schaffhauser Nachrichten
Anne Gross

Dieses Jahr war alles ein bisschen anders. Denn zum ersten Mal feierten die Maturanden der Kantonsschule Schaffhausen ihren Abschlussball nicht wie in den vergangenen Jahren im Park Casino Schaffhausen, sondern im alten, ehrwürdigen Schloss Laufen über dem tosenden Rheinfall.
Gegen sechs Uhr abends trafen die ersten Paare ein, schritten über den roten Teppich, vorbei an der Eingangskontrolle hinein in den Festsaal des Schlosses, der in einem festlichen Purpur leuchtete. Der Maturball ist für die meisten Abschlussklässler ein wichtiger Anlass in ihrem letzten Schuljahr. Ob die Wahl des Kleides oder des Anzuges, die passende Frisur und vor allem die richtige Begleitung, alles muss an diesem Abend stimmen und, wie das diesjährige Motto «Fairytale» versprach, märchenhaft sein.
Ob gelb, rot, blau, lang oder kurz, die Maturandinnen überraschten mit einer Vielfalt an Kleidern. Auch die Herren des Abends konnten sich in ihren eleganten Anzügen sehen lassen. Nach dem Apéro stand ein grosses Buffet bereit. Neben Salat wurden drei verschiedene Hauptgänge und ein vielfältiges Dessertbuffet serviert.
Nach dem Essen wurde die Musik lauter, die Gespräche wurden weniger, und die Tanzbegeisterten unter den Maturandinnen und Maturanden zog es auf die Tanzfläche. Denn einige von ihnen hatten zuvor wochenlang einen Tanzkurs besucht, um zu Foxtrott und Cha-Cha-Cha das Tanzbein schwingen zu können. Auch die anwesenden Lehrer liessen es sich nicht nehmen und tanzten ausgelassen. Gegen vier Uhr früh verliessen auch die letzten Gäste das märchenhafte Schloss und zogen weiter in die Stadt oder, müde vom gelungenen Abend, nach Hause ins Bett, denn schon bald stehen die grossen Prüfungen an.

#Notizen zu Namen

7. Mai 2013 | Marcel Montanari neuer Präsident des Jungfreisinns

Schaffhauser Nachrichten
Mitg.

An der Jahresversammlung der Jungfreisinnigen vom 28. April fanden nebst den üblichen statutarischen Geschäften auch diverse Neuwahlen in den Vorstand statt. Insbesondere hatten die zahlreichen Anwesenden einen Ersatz für den bisherigen Präsidenten Markus Bührer zu wählen. Dieser hatte die Jungfreisinnigen während der letzten Jahre – teils alleine, teils im Co-Präsidium mit Christian Mundt – äusserst erfolgreich geführt. Zur Ersatzwahl stellte sich der 27-jährige Jurist Marcel Montanari, der letzten Herbst neu in den Kantonsrat gewählt wurde und davor für drei Jahre im Thaynger Einwohnerrat gesessen hatte. Die Anwesenden wählten ihn einstimmig. Der neu gewählte Präsident nutzte sogleich die Gelegenheit, den scheidenden Markus Bührer unter spontanem Applaus zu verdanken. Weiter durfte die Versammlung Stefan Kübler (21, aus Hofen), Christoph Werner (21, aus Beggingen) und Philipp Zumbühl (27, aus Dörflingen) in den Vorstand wählen.
Nach den Wahlen standen Parolenfassungen für kommende Abstimmungen an. Die Jungfreisinnigen sind sich einig, dass im Asylwesen Handlungsbedarf besteht und dass die Reformbestrebungen in die richtige Richtung gehen. Die Asylgesetzrevision wird deshalb klar befürwortet. Die Volkswahl des Bundesrates wird von den Jungfreisinnigen ebenfalls befürwortet. In einer starken Demokratie müssen so viele Entscheidungen wie möglich vom Bürger selbst getroffen werden, also auch, wer an der politischen Spitze des Landes steht. Ausserdem haben die Stimmberechtigten heute viel bessere Möglichkeiten als früher, sich über die in Frage kommenden Kandidaten zu informieren. Mit modernen Massenmedien kenne man heute Bundesparlamentarier vielfach sogar besser als die eigenen Kantonspolitiker. Der Vollständigkeit halber sei auch noch die Parole der städtischen Jungfreisinnigen erwähnt, welche den Landverkauf am Hohberg befürworten.

#Allgemeines

30. April 2013 | Kantonsschüler zu Gast bei der Zeitung

Schaffhauser Nachrichten
von Anne Gross

Keine lautstarken Diskussionen, wie man es von den täglichen Redaktionssitzungen des Teams der «Schaffhauser Nachrichten» gewohnt ist, sind beim Betreten des Schulungsraumes an der Vordergasse zu hören. Eher ein zurückhaltendes Flüstern, das von leisem Tastaturschreiben sogar noch übertönt wird.
Die acht Kantischüler halten sich noch etwas zurück. Im Rahmen der jährlich stattfindenden Projektwoche der Kantonsschule Schaffhausen sind sie diese Woche bei den SN und schnuppern in den Journalistenarbeitsalltag hinein. Untätig bleiben sie dabei nicht. In einer Beilage der SN werden Ende Woche ihre Artikel zum Thema «Generation iPhone» erscheinen.
Regine Frey, Deutschlehrerin an der Kantonsschule Schaffhausen, ist die Initiatorin des Projektes und schon zum fünften Mal mit ihren Schülern im Rahmen der Projektwoche in der Redaktion der «Schaffhauser Nachrichten». «Dieses Jahr ist es das erste Mal, dass wir das Thema schon vorgegeben haben. Zuvor hatte ich die Themenwahl immer den Schülern überlassen, oder wir haben uns gemeinsam auf etwas geeinigt», sagt Frey. Die Deutschlehrer Anja Kükenbrink und Wolfgang Behschnitt unterstützen Frey dieses Jahr zum ersten Mal. «Ich war natürlich sofort begeistert von diesem Projekt», sagt Kükenbrink. «Das intensive Schaffen an Text und Sprache fasziniert mich von Berufs wegen sowieso, aber in diesem journalistischen Umfeld ist es natürlich doppelt spannend», sagt Behschnitt. Die drei Lehrer haben sich schon vor den Frühlingsferien mit den teilnehmenden Schülern und Sandro Stoll, dem stellvertretenden Chefredaktor der SN, getroffen und schon einiges vorbereitet. So hat das Interview mit dem Zürcher Hochschulprofessor für Angewandte Psychologie, Daniel Süss, schon stattgefunden.
Die Schülerin Christiane von Stegmann hat zum Projektthema «Generation iPhone» einen Selbstversuch durchgeführt: eine Woche ohne Facebook und ohne Smartphone. Für einige sicher eine unvorstellbare Vorstellung, nicht so für Christiane. «Als Herr Stoll diesen Vorschlag gebracht hat, dachte ich mir, das versuche ich mal», sagt von Stegmann. Eigentlich sei es gar nicht so schlimm gewesen, sagt die Schülerin. «Ich hatte plötzlich viel mehr Zeit für alles», sagt sie. Die Hausaufgaben seien ohne Handy auch schneller erledigt gewesen, erinnert sie sich.
Bei der ersten, fast eineinhalbstündigen Sitzung am Montagnachmittag blühten die Schüler im Gespräch mit Sandro Stoll richtiggehend auf.
Die verschiedenen Artikel wurden von den jeweiligen Gruppen vorgestellt, und der Profi machte Verbesserungsvorschläge gab und journalistische Tipps. Auch Stoll selbst konnte sich fast nicht mehr von den Schülern losreissen. «Das war jetzt wirklich sehr spannend für mich», bemerkt der gestandene Journalist.

**Ein vielfältiges Angebot**
Nicht zu vergessen sind die andern laufenden Projekte. Auch dieses Jahr wird den Schülern wieder eine Vielzahl von Projekten vorgeschlagen.
22 Projekte wurden von den Lehrern vorbereitet, 18 davon kamen zustande. Wer ein bisschen weiter wegwollte als «nur» bis in die SN­Redaktion, hatte die Möglichkeit dazu. Ob eine Reise nach Barcelona im Rahmen des Schwerpunktfaches Spanisch oder in London der englischen Literatur auf der Spur sein, Rom entdecken oder im Oberengadin die Natur erforschen, das alles ist möglich. Aber auch die Projekte in Schaffhausen waren begehrt.
Die Technikwoche, die schon zum fünften Mal stattfindet, wird von Prorektor Georg Keller angeboten. «Eines der Highlights dieser Woche ist sicher der Besuch bei dem Grosskonzern Bosch, wo die Schüler praktische Eindrücke sammeln können, die sie dann in den Workshops anwenden müssen», sagt Keller.

#Notizen zu Namen

27. April 2013 | Angriff aus den eigenen Reihen

Schaffhauser Nachrichten
Von Robin Blanck

Die Alternative Liste (AL) entstand vor rund zehn Jahren, weil die SP Schaffhausen damals nicht für den Ständerat antreten wollte. Mit der Gründung der AL verlor die SP aber nicht nur eine ganze Generation von pointiert linken Jungpolitikern, die nun in der Partei merklich fehlen, sondern sie erschuf sich auch, ohne es zu merken, eine Konkurrentin im Kampf um linke Stimmen: Bei Wahlen hat die SP seit 2003 an Terrain verloren, die AL aber hat jeweils zugelegt und nebenbei wichtige Schaltstellen im Machtgefüge SP besetzt. Im letzten Jahr gelang es der Kleinpartei sogar, der SP einen Stadtratssitz zu entreissen.

**Juso als Gegenmittel**
Wie aber konnte es dazu kommen? Stadtrat Peter Neukomm, der sich vor den Stadtratswahlen gegen eine Nomination von Simon Stocker ausgesprochen hatte, und Andres Bächtold, Präsident der Stadt-SP, nehmen Stel- lung zu dieser Entwicklung und erklären, wie die Partei das Ruder herumreissen will. Grundtenor dabei: Während nach wie vor die Gemeinsamkeiten mit der AL herausgestrichen werden, sollen die Jungsozialisten in Zukunft die entstandenen Lücken in der Partei schliessen.

**Hört die Signale**

*Leitartikel*

Der gefährlichste Gegner ist der, den man nicht erkennt: Davon kann die FDP ein Lied singen, welche die erstarkende SVP lange als Juniorpartner betrachtete und plötzlich feststellen musste, dass sich die Kräfteverhältnisse deutlich verschoben hatten. Der Schaffhauser SP droht derzeit die gleiche Entwicklung mit ihrem vermeintlichen Juniorpartner, der Alternativen Liste: Fast 4 Prozent und zwei Sitze hat die SP bei den letzten Grossstadtratswahlen verloren, gleichwohl betonte sie, dass «die Linke insgesamt» zugelegt habe. Gemeint ist damit vor allem die Alternative Liste (AL), die ihren Wähleranteil erneut ausbauen konnte. Dass dies schon länger auf Kosten der SP geschieht, will man bei der SP zumindest offiziell noch immer nicht richtig wahrhaben. Und die AL hat keinen Grund, ihr das nochmals zu sagen, zumal das aus ihrer Sicht schon immer klar war: Die AL wurde 2003 explizit als Alternative und nicht als Ergänzung zur SP gegründet. Bei der SP betrachtete man die AL aber als Gratis-Treibnetz am linken Rand und wartete darauf, dass der Fang in der eigenen Partei landet. Ein Fehlentscheid, denn die Dynamik der Jungpartei wurde unterschätzt und konkurrenziert die SP zunehmend. Die Zahlen: Anfang der Siebzigerjahre kam die SP Schaffhausen bei Parlamentswahlen auf einen Wähleranteil von 32,4 Prozent, bis kurz nach der Jahrtausendwende lag der Anteil noch bei über 27 Prozent. Seit dem Aufkommen der AL ist die SP auf 23 Prozent (2008) und 21 Prozent (2012) gefallen. Einer, der die Signale längst gehört hatte, war Stadtrat Peter Neukomm: Er hatte die Konkurrenz durch die AL bereits vor den Stadtratswahlen erkannt und an einer Parteiversammlung erfolglos beantragt, auf eine zusätzliche Nomination von AL-Kandidat Simon Stocker zu verzichten. Es kam anders, die SP empfahl auch Stocker und verlor einen Stadtratssitz an die AL.
Der Abstieg der SP war keineswegs zwingend, denn die Ausgangslage war mehr als gut: Exzesse in manchen Privatunternehmen offenbarten die Schwächen der ungezügelten Marktwirtschaft und erschütterten das Vertrauen auch bürgerlicher Wähler. Lange als unnötig verworfene Sparbemühungen wurden durch die aufziehende Schuldenkrise verstärkt, die noch dringenderen Haushaltssanierungen mit Abstrichen auf allen Ebenen bildeten den idealen Nährboden für linke Ideen. Aber die SP überliess dieses Feld der AL: Mit Energie und Begeisterung mobilisierte die AL bei den Jungen und gewann darüber hinaus Sympathien bei den Älteren. Die Partei kämpfte engagiert gegen Stadtbildverordnung und Videoüberwachung. Sammelte Unterschriften, reichte eine Initiative ein, kandidierte für fast jedes Mandat. Mindestens so wichtig: Zentrale Positionen, die bis anhin in der Hand der SP lagen, wurden kampflos der AL überlassen. Heute ist AL-Vordenker Florian Keller Präsident des Gewerkschaftsbundes Schaffhausen, Sektionschef der Unia Schaffhausen und damit der wohl wichtigste Arbeitnehmervertreter der Region. In der «Schaffhauser az», ehemals das erweiterte SP-Kader, sitzen heute AL-Mitglieder und berichten ausführlich über die Anliegen und Aktionen ihrer Parteikollegen. Die SP hat auch dort das Nachsehen. Zurückgelehnt beobachtete die SP in den letzten Jahren, wie innerhalb der FDP erbittert gestritten wurde, wie im Freisinn Junge und Alte um den Kurs der Partei rangen. Ganz vergessen ging dabei, dass dieser Konflikt in der SP ausblieb, weil ihre Jungen längst bei der AL waren. Der Ursprung der AL ist auch der Ursprung des Abstiegs der Schaffhauser SP: eine gewisse Müdigkeit. Hans-Jürg Fehr wagte es 2003 nicht, für den Ständerat zu kandidieren, und wurde damit zum Gründer der AL, die genau zu diesem Zweck geschaffen wurde. Die Chancen Fehrs im Ständeratsrennen wären nicht besonders gut gewesen, doch indem die Partei sein gemütliches Verbleiben im Nationalrat – wohl auch als Anerkennungsgeschenk für geleistete Dienste – zuliess, verlor sie nicht nur die Jungen, sondern blockierte auch die zweite Reihe: Statt dass die einsatzfreudige und talentierte Martina Munz als neues SP-Zugpferd im Nationalrat die Zukunft einläuten konnte, band man ihre politische Energie mit dem Parteipräsidium. Statt neue Akzente zu setzen, muss sie den SP-Laden hüten. Will die SP nicht noch weiter verlieren, muss sie die Müdigkeit abschütteln und für Junge wieder attraktiv werden: Mit der Juso soll sich das wieder ändern, allerdings hinkt man der Konkurrenz ganze zehn Jahre hinterher. Aber vielleicht hat man die Signale ja gehört: Am 1. Mai spricht Juso-Kantonsrätin Seraina Fürer auf dem Fronwagplatz. 2010 war das noch AL-Politikerin Susi Stühlinger.

#Notizen zu Namen

27. April 2013 | Wenn der Juniorpartner Konkurrent wird

Schaffhauser Nachrichten
von Erwin Künzi

Als die letzten Resultate des Wahlherbstes 2012 am 28. Oktober bekannt gegeben wurden, stand es fest: Neben der FDP gehörte die Sozialdemokratische Partei (SP) zu den grossen Verlierern, während der Juniorpartner der SP, die Alternative Liste (AL), sich als Siegerin feiern lassen konnte. Die AL-Bilanz war eindrücklich: In den Schaffhauser Stadtrat wurde mit Simon Stocker zum ersten Mal ein AL-Vertreter gewählt, während der von Peter Käppler gehaltene zweite SP-Sitz verloren ging. Im Kantonsrat wie im grossen Stadtrat gewann die AL Mandate, während die SP verlor.

**Parteiprogramm beim Picknick**
Wie konnte es so weit kommen, dass aus dem Juniorpartner ein Konkurrent wurde? Und warum entstand überhaupt links von der SP eine neue Partei? Die Schuld daran trägt, wenn man so will, SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr. Blenden wir zehn Jahre zurück, ins Jahr 2003, ein Jahr, in dem National- und Ständeratswahlen anstanden. Im März gab die SP bekannt, sie wolle bei den Ständeratswahlen nicht gegen die beiden Bisherigen Peter Briner (FDP) und Hannes Germann (SVP) antreten. Dieser Beschluss kam nicht zuletzt deshalb zustande, weil Hans-Jürg Fehr, der aussichtsreichste Kandidat der SP, nicht vom National- in den Ständerat wechseln wollte, da an diesem Wechsel vier Jahre vorher bereits die sehr populäre SP-Nationalrätin Ursula Hafner gescheitert war. Diesen Entscheid der SP wollten die beiden Freunde Florian Keller, damals SP-Mitglied, und Christoph Lenz nicht hinnehmen. «Wir wollten die Mutlosigkeit der Linken nicht akzeptieren und beschlossen, selber für den Ständerat zu kandidieren», erinnert sich Christoph Lenz, der dann 2004 für die AL in den Grossen Stadtrat gewählt wurde. Um ihre Kandidaturen abzustützen, stellten sie eine Partei, die AL, auf die Beine. «Da haben sich zwei, drei Freundeskreise zusammengefunden, die im Ausgang auch über Politik diskutierten. Wir haben dann beim Bröötle im Schaaren das Parteiprogramm der AL geschrieben», so Lenz. Ende Juli 2003 stellte die junge Partei sich und ihr Programm an einer Medienkonferenz der Öffentlichkeit vor. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte (siehe Artikel auf dieser Seite).

**AL auch in Gewerkschaftsbewegung**
Die AL konnte in den folgenden Jahren Wähleranteile und Mandate gewinnen und 2012 ihren bisher grössten Erfolg feiern. Doch damit nicht genug: Die AL gewann auch Einfluss bei der Gewerkschaftsbewegung (Präsident des Gewerkschaftsbundes Schaffhausen ist AL-Kantonsrat Florian Keller)und in der Redaktion der «Schaffhauser AZ» (die meisten jüngeren Redaktionsmitglieder gehören der AL an). Dies alles geschah zum grössten Teil auf Kosten der SP. Was lief aus Sicht der SP schief? Einer, der den Aufstieg der AL genau beobachtet und sich auch Gedanken zum Verhältnis SP/AL gemacht hat, ist Peter Neukomm. Er wurde letztes Jahr mit dem Bestresultat wieder in den Stadtrat und mit einem Glanzergebnis neu in den Kantonsrat gewählt; ihm werden gute Chancen als Nachfolger von Stadtpräsident Thomas Feurer attestiert. Für das schlechtere Abschneiden der SP bei den letzten Wahlen sieht er drei Gründe. Da war erstens die Besetzung der SP-Listen. «Nachdem verschiedene engagierte und profilierte SP-Parlamentarier nicht mehr zur Wahl angetreten waren, gelang es nicht, sie auf den Listen gleichwertig zu ersetzen. Wir haben es nicht geschafft, genügend zugkräftiges Personal zu nominieren, um so unser volles Wählerinnen- und Wählerpotenzial auszuschöpfen.» Den zweiten Grund sieht er bei der AL selbst: «Mit dem Bonus der jungen, neuen und unverbrauchten Partei gelang es ihr, die Wählerschaft besser zu mobilisieren. Davon haben früher auch andere neue Parteien, vom Jupa bis zum Grübü, profitiert.» Die SP hingegen sei als Traditionspartei wahrgenommen worden; sie habe auch andere, schwerfälligere Strukturen, die ein spontanes Politisieren erschweren würden. «Wir können nicht wie die AL am Frühstückstisch in der WG mal rasch eine Volksinitiative beschliessen», meinte Neukomm. Die SP habe diese Probleme aber erkannt und bereits in Klausurtagungen im Kanton wie in der Stadt besprochen und entsprechende Massnahmen eingeleitet. Der dritte Punkt liegt laut Neukomm in der Aussendarstellung der SP: «Es ist uns zu wenig gelungen, unsere gute Arbeit zu verkaufen, im Gegensatz zur AL.» Als Beispiel nannte Neukomm die Volksinitiative zur Verbilligung der Krankenkassenprämien. Diese wurde von der SP unterstützt, die auch kräftig dafür Unterschriften sammelte. In der öffentlichen Wahrnehmung war sie aber eine AL-Initiative, und es war vor allem die AL, die sich nachher im Abstimmungssieg sonnen konnte.

**Juso als Hoffnung**
Für die Zukunft der SP ist Peter Neukomm allerdings nicht bang. «Die SP befindet sich in einem Generationenumbruch. Uns fehlt zwar zum Teil das Alterssegment, das die AL besetzt, aber mit den Jungsozialisten haben wir sehr junge, aktive und gute Leute; sie sind unsere Zukunft.» Er betont, dass SP und AL sich politisch nahe stehen, bei der Verfolgung gemeinsamer Ziele gut zusammenarbeiten und dabei auch aufeinander angewiesen sind. Trotzdem müssten auch die Unterschiede der beiden Parteien für den Wähler erkennbar sein. Das heisse vor allem für die SP, dass sie wieder vermehrt ihr Profil schärfen und von Fall zu Fall prüfen müsse, ob und wie sie mit der AL zusammenarbeiten wolle. «Das ist keine einfache Situation, aber ich bin überzeugt, dass wir sie bewältigen werden», sagte Peter Neukomm. Bei der SP-Versammlung zur Stadtratswahl hatte sich Neukomm übrigens gegen die Unterstützung des AL-Kandidaten ausgesprochen. Das geschah aber aus grundsätzlichen Überlegungen, unabhängig von der Parteizugehörigkeit und der Person des Kandidaten, da Neukomm der Meinung ist, die SP solle bei Exekutivwahlen keine Kandidaten anderer Parteien unterstützen, wenn sie eigene im Rennen hat.


**In knapp zehn Jahren in Parlamente und Ämter**

*Seit es die AL gibt, gewinnt sie an Stärke, gleichzeitig verliert die SP deutlich an Unterstützung.*

Als SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr im Jahr 2003 den Sprung in den Ständerat nicht einmal versucht, finden sich rund 50 junge Leute zu «einer Alternative zur SP» zusammen und schicken mit Christoph Lenz und Florian Keller gleich zwei Kandidaten ins Rennen. Die beiden bleiben auch weiterhin prägend für die AL.
Mit je rund 4000 Stimmen erreichen die beiden zwar nur einen Viertel der Unterstützung von Peter Briner oder Hannes Germann, aber schon damals verfolgt die Partei mit ihrer Kandidatur auch ein anderes Ziel: Der Ständeratswahlkampf solle als Durchlauferhitzer für die anstehenden Kantonsratswahlen dienen. Und die Rechnung geht auf: 2003 erhält die AL knapp 2 Prozent der Stimmen und damit einen ersten Kantonsratssitz, der mit Florian Keller besetzt wird. Noch erfolgreicher ist die Partei in der Stadt: Auf Anhieb entfallen 5,18 Prozent der Parteistimmen auf die AL, die Partei gewinnt zwei Sitze im Grossen Stadtrat. Nach Rücktritten wird dort 2007 auch Simon Stocker nachrücken und erstmals politisch in Erscheinung treten.
In der Folge wehrt sich die Partei zusammen mit Jungfreisinn und Junger SVP gegen die sogenannte Stadtbildverordnung (2005), stellt sich gegen die Videoüberwachung (2008), während die SP den Kameras zustimmt.
Die Wahlen 2008 sind der Lohn der Arbeit: Im Kantonsrat vereinigt die AL 4,1 Prozent der Stimmen. Drei Vertreter schickt die Partei nun in den Kantonsrat, analog dazu legt die Partei auch in der Stadt zu und kann mit über 7 Prozent auch dort mit drei Grossstadträten mitreden. Gleichzeitig schafft Simon Stocker den Einzug in den Stadtschulrat. Allerdings: Das Wahljahr 2008 ist mit der Einführung des Wahlsystems des Doppelten Pukelsheim ein Übergang zu einem System, das den Kleinparteien zugutekommt und gleichzeitig eine Zäsur markiert: Die SP verliert kantonal rund 2 Prozent Stimmen, in der Stadt sind es fast 4 Prozent. Das Wahljahr 2012 bringt schliesslich den Durchbruch für die AL: Im Kanton erreicht sie 7,48 Prozent (5 Sitze), in der Stadt 11,3 (4 Sitze). Ausserdem wird Simon Stocker auf Kosten der SP in den Stadtrat gewählt, Till Aders schafft den Sprung in den Schulrat. Doch nicht genug: Die Prämienverbilligungs-Initiative, bei der die AL als treibende Kraft auftritt, wird Ende 2012 vom Volk gutgeheissen. (rob)


**Fuss wieder reinbekommen**

*Nachgefragt Andres Bächtold, Präsident SP Stadt*

Interview von Robin Blanck

*Wie hat sich das Verhältnis der SP zur AL seit der Gründung verändert?*
Andres Bächtold: Anfangs war man erstaunt und abwartend, inzwischen hat sich eine gute Zusammenarbeit entwickelt. Von einzelnen Disputen abgesehen ist das Verhältnis nach wie vor unverkrampft und gut.

*Die AL sitzt im Kantonsrat und im Grossen Stadtrat inzwischen nicht mehr mit der SP in einer Fraktion, sondern hat jeweils eigene Fraktionen. Während die AL in der Stadt gegen den Landverkauf Hohberg kämpft, ist die SP dafür. Bei den Stadtrats-wahlen hat die SP einen Sitz an die AL verloren. Die AL schwächt die SP.*
Nein, das denke ich nicht. Es bestehen ja in beiden Räten Fraktionsgemeinschaften, das Verhältnis ist unbelastet. Das Problem bei der SP ist, dass die mitteljunge Generation fehlt, was insbesondere bei der Parteiarbeit und der Besetzung von Parteiämtern spürbar ist. Gegen aussen spielt das eine untergeordnete Rolle, die Zusammenarbeit in den Räten, aber auch mit Simon Stocker, ist aus meiner Sicht gut. Wir vertreten mit geringen Unterschieden auch die gleichen Werte. Die AL kann heute forscher dreinfahren als eine Traditionspartei, das ist ihr Vorteil und macht sie attraktiv für neue, junge Wählerschichten.

*Hat die SP es nicht verpasst, die jungen Linken in die Partei zu holen, als die AL entstand?*
Das ist im Nachhinein schwierig zu beantworten. Wesentliche Exponenten der AL waren damals in der SP und hätten sich einbringen und integrieren können. Dass es Abspaltungen gibt, ist nichts Neues, so ist etwa auch die Poch entstanden. Die Situation wird sich für die SP auch wieder einrenken: Als alte Partei wird sie sicher überleben. Ob der AL das gelingt, muss sie zuerst noch beweisen, denn bisher haben andere Linksparteien das nicht geschafft. Wir arbeiten intensiv daran, die ganz junge Generation in die SP zu integrieren, und ich denke, wir sind auf gutem Weg.

*In den letzten beiden Parlamentswahlen hat die SP jeweils etwa so viel Wähleranteil verloren, wie die AL gewonnen hat. Ist es Ihnen egal, dass die SP an Terrain verliert?*
Nein, aber die AL hat mehr gewonnen, als wir verloren haben: Insgesamt hat die Linke zugelegt und ist jünger geworden in den Parlamenten. Ich sehe das positiv. Dass es in gewissen Bereichen Differenzen gibt, ist ein Generationenproblem, aber nicht weiter schlimm. Man darf nicht vergessen: Für die AL wird es mit ihren Exekutivmandaten im Stadtrat und im Schulrat nun auch schwieriger zu politisieren.

*Die AL hat heute mit Florian Keller bei den Gewerkschaften einen wichtigen Posten besetzt, in der «Schaffhauser AZ», früher ein reines SP-Sprachrohr, schreiben AL-Mitglieder über die Vorstösse und Aktionen ihrer Parteikollegen, interviewen diese und kommentieren das Ganze noch. Hat die SP nicht wichtige Schaltstellen verloren?*
Das haben wir durchaus zur Kenntnis genommen. Auch daran arbeiten wir.

*Was heisst das?*
Wir müssen dafür sorgen, dass wir den Fuss dort wieder reinbekommen. Vorübergehend werden wir das aber wohl der aktiveren AL überlassen müssen und von aussen Einfluss zu nehmen versuchen.

#Notizen zu Namen

26. April 2013 | Steiner Hausarztpraxis ist künftig im Besitz der Spital Thurgau AG

Schaffhauser Nachrichten
von Edith Fritschi

Der Steiner Hausarzt Georg Schlatter hat das Nachfolgeproblem für sich gelöst: Ende Juni 2014 will er mit Praktizieren aufhören; er hat lange erfolglos nach einer Nachfolge gesucht. Weil es ihm mit dem Modell Gemeinschaftspraxis, das in Stein am Rhein auf gutem Weg ist und wofür er sich mit den Kollegen Andreas Dieterle und Gerhard Schilling eingesetzt hatte, offenbar zu langsam voranging, klopfte er bei der Spital Thurgau AG an. Diese wird die Praxis Mitte 2014 übernehmen. Er befinde sich damit in einer Schrittmacherrolle, schreibt er. Denn auch mit der Fertigstellung eines Gemeinschaftszentrums in Stein am Rhein seien längst nicht alle Probleme wie die Personalrekrutierung gelöst. Zudem bremse dies die Krankenkassen, die Kantonsgrenzen immer noch als Hindernis sähen. In Stein am Rhein ist man über Schlatters Entschluss nicht glücklich. Der Entscheid komme eher überraschend und sei bedauerlich, sagte Stadtpräsidentin Claudia Eimer. Und die Schaffhauser Gesundheitsdirektorin Ursula Hafner-Wipf ist brüskiert, dass sie alles erst erfuhr, nachdem die Verträge unterzeichnet waren. «Ich habe den Thurgauer Gesundheitsdirektor Bernhard Koch erst kürzlich getroffen, und er hat nichts gesagt. Das ist enttäuschend.» So habe man keine Handlungsmöglichkeiten gehabt. Das Vorgehen sei legitim, aber nicht kollegial. Natürlich hätte man sonst die Option einer Übernahme geprüft, da die Steiner dem Schaff- hauser Rettungsdienst angeschlossen seien, sagte sie.


**«Für Kooperation und Gespräche offen»**

*Die Praxis des Steiner Hausarztes Georg Schlatter wird von der Spital Thurgau AG übernommen. Darüber herrscht aber nicht nur eitel Freude.*

Es war ein eigentlicher Überraschungscoup. «Auch wir sind einigermassen überrascht, dass Georg Schlatter an die Spital Thurgau AG verkauft», sagt Stadtpräsidentin Claudia Eimer. Der Stadtrat habe die Nachricht von den anderen beiden Steiner Hausärzten erfahren. Bisher sei man immer davon ausgegangen, dass alle drei Hausärzte hinter der Lösung der neuen Gemeinschaftspraxis ständen. Und erst vor Kurzem konnte der Steiner Stadtrat mitteilen, dass diese an der Chline Schanz geplant sei (vgl. auch separaten Artikel).

Das oberste Ziel der Stadt sei es, die medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, und zwar mit einer Praxis rechts des Rheins. «Mit unserem Projekt klappt das auch», sagt Eimer. Bedauerlich finde sie nur, dass Georg Schlatter sich ausgeklinkt und seine Praxis verkauft habe. Gerade Schlatter habe immer darauf gepocht, dass möglichst bald etwas passieren müsse. Die Zeit dränge. «Nun haben wir eine Lösung mit vollem Tempo vorangetrieben und sind schon sehr weit», konstatiert Eimer. Deshalb ist für sie die neueste Situation eher enttäuschend. Georg Schlatter, der sich gestern auf einer Fortbildung befand, war nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Per Mail wurde aber ein Argumentarium übermittelt, womit er die Entscheidung für die Spital Thurgau AG als Nachfolger begründete. Das Projekt Gemeinschaftspraxis in Stein am Rhein, heisst es dort, werde vermutlich nicht bis zum 1. Juli 2014 fertiggestellt. Zu diesem Termin aber möchte Schlatter aufhören, und er sei, schreibt er weiter, für die Zeit danach bereits andere Verpflichtungen eingegangen. Ergo hätte er das Personal auf die Strasse stellen müssen, und die Patienten hätten in die Röhre geguckt.

**Es gäbe eine Übergangslösung**
«Stimmt so nicht ganz», meint sein Kollege Andreas Dieterle: «Wir haben eine Übergangslösung vorgeschlagen, wie wir den Betrieb für die Patienten auch danach sichern könnten.» Dies zusammen mit Hausarzt Gerhard Schilling. Nun hat Schlatter für sich aber einen Weg gefunden, der garantiert, dass seine Praxis in den nächsten vier Jahren weitergeführt wird. «Wir wissen das seit etwa zwei Wochen», sagt Dieterle. Zwar habe Schlatter bei dem Gemeinschaftspraxisprojekt mitgemacht, aber seit Längerem angedeutet, dass er noch nach anderen Lösungen suche. Die Spital Thurgau AG könne aus einem grösseren Pool von Bewerbern den oder die Geeignetsten auswählen, begründet Schlatter seinen Entscheid zu verkaufen; zudem sei durch die Nähe zum Spital Gewähr für eine qualitativ hochstehende, wissenschaftlich fundierte Medizin geboten. «Wir können Schlatters Gründe akzeptieren», sagt Dieterle. «Was wir aber in den falschen Hals bekommen haben, ist, dass ausgerechnet die Spital Thurgau AG die Praxis übernimmt. «Das ist ein Affront.» Als Reaktion darauf werde man die Zusammenarbeit mit den Spitälern Schaffhausen intensivieren, betont Dieterle. «Wir habe nun eine klare Konkurrenzsituation. Auch wenn seitens der Spital Thurgau AG betont wird, dass die Leute die freie Wahl haben, wird man dort sicher stärker zum Zuge kommen.» Er vermutet zudem, dass die Praxis Schlatter später der Praxis Lang & Spycher in Eschenz einverleibt und diese damit vergrössert wird.

**Durchlässiges Gebiet**
«Darüber haben wir uns bisher keine Gedanken gemacht», sagt Marc Kohler, CEO der Spital Thurgau AG. «Das ist reine Spekulation.» Er betont, dass nicht die Spital Thurgau AG auf Schlatter zugegangen sei, sondern umgekehrt Schlatter die Spital Thurgau AG angefragt habe. «Nachdem er seit Jahren nach einer Nachfolgelösung gesucht und keine gefunden hat, fragte er bei uns an», sagt Kohler. «Weil es Sinn macht, da auch gut die Hälfte von Schlatters Patienten aus dem Thurgau stammt, haben wir zugesagt.» Aber es sei nicht die Politik der Spital Thurgau AG, aktiv Praxen zu rekrutieren, sagt Kohler. «Ebenso wenig betrachten wir es als Affront gegenüber Schaffhausen. Für uns muss eine integrierte Versorgung gewährleistet sein.» Man engagiere sich überdies, damit es künftig überhaupt noch Hausarztpraxen gebe, sagt er. «Wir agieren in einem durchlässigen Gebiet. Viele Patienten aus Stein kommen jetzt schon in den Thurgau, und Thurgauer gehen nach Schaffhausen.» Da spielten Kantonsgrenzen keine Rolle. «Im Übrigen sind wir für Kooperation und Gespräche mit den anderen Hausärzten offen», betont Kohler.


**Gemeinschaftspraxis : Vertrag unterzeichnet, Projekt auf gutem Weg**

Wie im ganzen Kanton steht es auch in Stein am Rhein mit der Nachfolge für die praktizieren- den Hausärzte nicht zum Besten. Deshalb luden die Steiner Ärzte im April letztes Jahr zu einem Podiumsgespräch über die Zukunft der ärztlichen Grundversorgung ein (SN vom 20. April 2012). Mit dabei war auch Regierungsrätin Ursula Hafner-Wipf. Die Situation mit drei Praxen in Stein am Rhein sei zwar noch komfortabel, dürfte sich aber spätestens 2014 verschärfen, wenn Gerhard Schilling und Georg Schlatter aufhörten, hiess es damals. Und wenn Andreas Dieterle voraussichtlich 2016 aufhöre, müsse etwas geschehen. Gemeinsam suchte man dann nach Lösungsmodellen und kam auf die Variante Gemeinschaftspraxis, was alle drei Ärzte unterstützten. Der Steiner Stadtrat teilte vor Kurzem mit, dass man von der Ärztekasse, einer Genossenschaft von Schweizer Ärzten, die Zusicherung habe, dass sie den Praxisbetrieb an der Chline Schanz führen werde (SN vom 15. April 2013). «Die Verträge sind unterschrieben», sagte Stadtpräsidentin Claudia Eimer. In dieser Praxis würden nun Andreas Dieterle und Gerhard Schilling arbeiten, bestätigte Dieterle gegenüber den SN, dies in Teilzeit oder mehr. «Und wir werden das Projekt vonseiten des Kantons kräftig unterstützen», sagte Regierungsrätin Ursula Hafner-Wipf, die bedauert, dass Georg Schlatter nicht mehr dabei ist und seine Praxis an die Spital Thurgau AG verkauft hat. (efr.)

#Allgemeines

19. April 2013 | Wegen 2 Schülern 200 000 Franken gespart

Schaffhauser Nachrichten, Region
von Bodo Lamparsky

Der Einbruch von 25 Prozent in nur zwei Jahren bei den Anmeldungen hatte es vermuten lassen: Auch die Zahl der definitiv in die Probezeit der Maturitätsschule aufgenommenen Schüler hat stark abgenommen – gegenüber 2011 um 22,6 Prozent. Zugleich liegt die Erfolgsquote der Gymi-Anwärter mit 43 Prozent dieses Jahr eher am unteren Rand der üblichen Bandbreite. «Das zeigt, dass die Aufnahmeprüfungen trotz tieferen Anmeldezahlen nicht etwa leichter waren, sondern dass wir das bisherige Anspruchsniveau behalten haben», sagt Kanti-Rektor Urs Saxer. Die gymnasiale Maturitätsquote im Kanton Schaffhausen wird damit bei unterdurchschnittlich tiefen 16,2 Prozent verharren (Schweiz: 20 Prozent). Mit 19 Prozent weist Schaffhausen hingegen die landesweit höchste Berufsmaturitätsquote auf.
Insgesamt haben 137 Jugendliche den Sprung ans Gymnasium geschafft, 40 weniger als noch vor zwei Jahren. Das füllt je zwei Klassen der musisch-neusprachlichen Ausrichtung (Typus M), der naturwissenschaftlich-mathematischen Ausrichtung (Typus N) und der sprachlich-altsprachlichen Ausrichtung (Typus S), total also sechs Klassen, eine weniger als bisher.

**Die Mädchen sind schuld**
Verantwortlich dafür sind die Mädchen. Der von ihnen klar favorisierte Typus M ist mit einem Minus von über 25 Prozent am stärksten von den rückläufigen Zahlen betroffen. Hier werden nun eine 27er- und eine 26er-Klasse gebildet. Bei nur zwei Schülern mehr hätte es weiterhin für eine dritte Klasse gereicht: Im Kanton Schaffhausen wird ab einem Schülerbestand von 28 eine zusätzliche Klasse gebildet. «Eine Klasse weniger heisst 200 000 Franken Lehrerlöhne weniger», sagt Urs Saxer. 36 bis 38 Wochenlektionen fallen nun weg. Betroffen davon sind die Lehrbeauftragten. Über alle Fachschaften hinweg müssen sie ihre Pensen reduzieren. Aber selbst wenn man jetzt eine Klasse mehr gebildet hätte: Bei derart knappen Verhältnissen wären drei Klassen auf das zweite Schuljahr hin sowieso auf zwei zusammengelegt worden, da 10 bis 20 Prozent der Erstklässler die Probezeit erfahrungsgemäss nicht bestehen. Die abnehmenden Schülerzahlen haben Urs Saxer zunächst zwar «schon beunruhigt». Richtig Sorgen macht er sich aber noch nicht – obwohl die Kurve doch klar nach unten zeigt und sich die wirklich geburtenschwachen Jahrgänge erst in drei Jahren bemerkbar machen werden.

**Latein bleibt gefragt**
Neben dem Typus M hat auch der mathematisch-naturwissenschaftliche Lehrgang im Zwei-Jahres-Vergleich einen Aderlass hinnehmen müssen. Der Mädchenschwund fällt hier besonders krass aus. Zuletzt konnte sich der überwiegend von den Burschen gewählte Typus N aber einigermassen halten, was den Kanti-Rektor freut: Schliesslich werde diese Fachrichtung in Schaffhausen «speziell gefördert». Im letzten Jahr sogar wieder leicht hinzugewonnen hat das sprachlich-altsprachliche Ausbildungsprofil mit Latein als Grundlagenfach. Auch dieser Zuwachs geht allein auf das Konto der Jungs. Das Latein verdankt seine vergleichsweise starke Stellung der Vorbildung an der Sekundarschule: Wer in den Typus S eintreten will, muss es dort als Freifach belegt haben. Ausserdem ist es dann Bestandteil der Aufnahmeprüfung. Mit der Wahl von Latein an der Maturitätsschule lässt sich das «Kleine Latinum» vermeiden – ein häufig unterschätzter Kurs, den etwa die Uni Zürich während der ersten zwei Studiensemester anbietet. Ein Abschluss in Latein ist in Zürich nach wie vor Voraussetzung für die Zulassung zu einer Vielzahl von Studienrichtungen wie etwa Germanistik, Sprachen, Geschichte oder Philosophie. Ausser den drei gymnasialen Lehrgängen kann an der Kanti Schaffhausen auch eine Fachmittelschule besucht werden, die den Zugang zu den Fachhochschulen ermöglicht. Hier halten sich die Schülerzahlen über die Jahre hinweg sehr konstant. Zulieferer der Kanti sind 25 Sekundarschulen, nämlich 19 aus dem Kanton Schaffhausen, 3 (Feuerthalen, Uhwiesen und Marthalen) aus dem Kanton Zürich, 1 (Diessenhofen) aus dem Kanton Thurgau sowie das Lernstudio Winterthur und die Rudolf-Steiner-Schule. Aus Deutschland ist dieses Jahr kein Schüler dabei. Ein Graben zwischen Stadt und Land lässt sich bei der Herkunft der Schüler kaum nachweisen.


**Schulabgänger**

*Der Amtsleiter rätselt über die Zahlren der Kanti*

Auf gut 18 Prozent hat eine Prognose des Bundes den Rückgang der Schulabgänger im Kanton Schaffhausen für die zehn Jahre zwischen 2010 und 2020 veranschlagt. Das ist weit entfernt vom Einbruch der Anmeldungen wie auch der definitiven Übertritte ans Gymnasium von 20 bis 25 Prozent in den zwei Jahren seit 2011. Rolf Dietrich, Abteilungsleiter im kantonalen Berufsbildungsamt, hatte sich daher schon bei der Bekanntgabe der Gymi-Anmeldungen über die stark rückläufigen Zahlen der Kantonsschule gewundert. Denn in der Berufsbildung sehe das Bild nicht so aus: Die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge folge jeweils der Zahl der Schulabgänger nach der 9. Klasse und schwanke niemals in diesem Ausmass. «Wir haben nirgends eine vergleichbare Entwicklung», sagt Rolf Dietrich – auch wenn sich manche Betriebe beklagten, dass es schwieriger geworden sei, anspruchsvolle Lehrstellen zu besetzen. Er kann sich den Rückgang an der Kantonsschule nicht erklären. Allein der Hinweis auf die geburtenschwachen Jahrgänge gebe keine ausreichende Begründung dafür her. (la)



Seit 2011 nimmt die Zahl der Eintritte in die Kantonsschule Schaffhausen ab. (Grün: musisch-neusprachliches Profil. Rot: mathematisch-naturwissenschaftliches Profil. Blau: sprachlich-altsprachliches Profil. Gelb: Fachmittelschule.)
Grafik PD

#Notizen zu Namen

18. April 2013 | Georg M. Frey

Schaffhauser Nachrichten

Georg M. Frey von Schaffhausen, zweisprachiger Master in Wirtschaftsrecht der Universitäten Basel und Genf, hat nach Praktika bei Bär & Karrer AG, Rechtsanwälte, Zürich und am Bezirksgericht Horgen die als sehr anspruchsvoll geltende Anwaltsprüfung des Kantons Zürich bestanden. Wir gratulieren herzlich und wünschen dem jungen Rechtsanwalt alles Gute für seine berufliche Laufbahn, die ihn ab 1. Mai 2013 wieder zur renommierten Zürcher Wirtschaftskanzlei Bär & Karrer AG führen wird.

#Notizen zu Namen

4. April 2013 | Rattern des Projektors ist Musik

Schaffhauser AZ
Peter Pfister

Seit einem guten Jahr können Ton-Nostalgiker im Internet das «Museum of Endangered Sounds» besuchen. Die Töne von Schreibmaschine und Telefonwählscheibe, das Rattern des Filmprojektors, ja sogar der erste Nokia-Klingelton sind alle verstummt und können dort online abgerufen werden. Die technische Entwicklung scheint immer schneller voranzuschreiten,
dabei bleiben manche Qualitäten der alten Technologien auf der Strecke. Diese Tatsache provoziert Gegenbewegungen. Eine davon ist die Wiedergeburt der tot geglaubten Vinylplatte. Eine andere bilden Kinofreaks, die auf die alte Projektionstechnik schwören, welche durch die laufende Digitalisierung der hiesigen Kinosäle immer mehr verdrängt wird.
Einer dieser Filmliebhaber ist der Schaffhauser Lars Wicki. Wicki ist nicht etwa ein alter Kinooperateur wie Alfredo in Giuseppe Tornatores berühmtem Film «Nuovo Cinema Paradiso», sondern ein 18-jähriger Kantonsschüler, der durchaus mit der neuen digitalen Technik umzugehen weiss, arbeitet er doch immer wieder im Kino Kiwi als Filmoperateur.

**Kino im Keller**
Zu Hause hat er mit Hilfe des Partners seiner Mutter in den letzten zwei Jahren einen Kellerraum zu einem kleinen Kinosaal mit einer drei Meter breiten und ein Meter vierzig hohen Leinwand und zwei bequemen Sofas umgestaltet. Prunkstück ist ein voll funktionstüchtiger italienischer 35-Millimeter-Kinoprojektor der Marke Cinemeccanica aus dem Jahr 1996.
Wieso steht ein 18-jähriger auf eine Technik aus dem letzten Jahrhundert? «Ich bin ganz einfach fasziniert davon, liebe es, den Filmstreifen beim Einspannen zu spüren, und das Rattern des Projektors ist Musik in meinen Ohren», erklärt Wicki. Bei der neuen digitalen Technik falle das alles weg. Das Bild sei glasklar, es fehlten das leichte Flimmern und die durchs wiederholte Abspielen entstandenen Abnützungsspuren. «Das entbehrt einfach jeglicher Magie, das ist für mich kein Kino mehr», sagt er mit Überzeugung in der Stimme.
Wie denn diese Passion fürs Kino begonnen habe, wollen wir vom jungen Mann wissen. «Meine Grossmutter besass sehr viele Super-8-Filme», erinnert er sich. «Das interessierte mich, ich kaufte mir bald auf Ebay einen alten Projektor und begann, selber Filme zu projizieren. Im Kino konzentrierte ich mich weniger darauf, was sich vorne auf der Leinwand abspielte, sondern wandte immer wieder fasziniert den Blick nach hinten zum magischen Lichtstrahl, der all die Illusionen nach vorne auf die Leinwand warf.» In der sechsten Klasse liess ihn ein Operateur im Kinepolis erstmals einen Blick in die Projektionskabine werfen. «Ich fühlte mich wie im Himmel», strahlt Lars Wicki. Erst drei Jahre später durfte er wieder in die Kabine und zum ersten Mal Filmmaterial in die Hand nehmen. «Ich glaube, da war es endgültig um mich geschehen», sagt Wicki. Sein bald darauf in der Sekundarschule zum Thema gehaltener Vortrag habe auf jeden Fall nicht mehr enden wollen, ein deutliches Zeichen von Angefressensein.

**Kinooperateur im Kiwi**
Sein Wunsch, im Kinepolis als Operateur arbeiten zu dürfen, sei ihm damals mit dem Hinweis auf sein jugendliches Alter verwehrt worden. Bald darauf durfte Lars Wicki sich aber als Praktikant im Kino Kiwi nützlich machen und hat dabei vieles gelernt, was er seit dem Erreichen des 18. Altersjahrs nun als Operateur im selben Kino gebrauchen kann. Wicki half vor kurzem auch mit bei der Umrüstung des Kinos Kiwi auf das digitale Zeitalter. Besonders freut es ihn, dass in beiden Kinosälen ein herkömmlicher Filmprojektor stehen geblieben ist. Die grosse alte 35-Millimeter-Projektionsmaschine, welche heute das Entrée des Kinos ziert, ist übrigens die erste, welche Lars Wicki besass. Es ist ebenfalls eine italienische Maschine der Marke Cinemeccanica, allerdings aus den 40er Jahren. «Alleine der Reader für die Tonspur hätte mich mehr gekostet als die Maschine, die ich heute installiert habe», meint Wicki.
Um eine neuere Maschine zu finden, habe er im Internet auf dem Filmvorführerforum eine Suchanzeige aufgegeben. «Nach vier Monaten meldete sich ein Kinooperateur aus Deutschland, wo ein Kino digitalisiert wurde. Wir wurden bald handelseinig», erzählt Wicki. Mit einem Spezialtransport kam die 182 Kilogramm schwere Maschine einige Wochen später heil in Schaffhausen an. Ganz unversehrt war sie allerdings nicht: «Beim Ausbau im Kino herrschte scheinbar ein Chaos, und alles musste husch-husch gehen. Statt sämtliche Kabel ordentlich zu lösen, wurden viele einfach durchgeschnitten», seufzt Lars Wicki. So stand er etwas ratlos vor einem riesigen Kabelsalat und hatte keine Ahnung, was wohin gehörte. «Das Einzige, was funktionierte, war der FI-Schutzschalter. Mit anderen Worten: Es hat mir immer wieder die Sicherungen rausgehauen.» Zum Glück half ihm ein befreundeter Elektroingenieur, ebenfalls ein Kinofreak, die Kabel wieder richtig anzuschliessen. Dabei lernte Wicki wieder eine Menge hinzu. Heute gebe es nur noch gelegentlich kleinere Probleme mit dem Projektor.

**James Bond und Heidemarie**
Der Filmfreak freut sich darauf, bald vermehrt Freunde und Bekannte in seinem ausgebauten Heimkino willkommen zu heissen. Allerdings sei sein Repertoire noch etwas dürftig. Lars Wicki nennt nämlich erst zwei Langspielfilme sein eigen: eine Kopie des James Bond-Streifens «Der Spion, der mich liebte», und die Johanna-Spyri-Verfilmung «Heidemarie» mit Gustav Knuth in einer Hauptrolle. Er sei noch auf der Suche nach weiteren Unterhaltungsfilmen, sagt der frischgebackene Kinobesitzer. Im Internet würden 35-Millimeter-Kinofilme heute je nach Qualität zu Preisen zwischen 130 bis 300 Euro angeboten.
Obwohl sich seine Leidenschaft am Kino und an der Projektionstechnik entzündet hatte, drehte Lars Wicki auch selber schon früh einige kleinere Filme, allerdings mit einer Digitalkamera. Und er plant nach Abschluss der Kantonsschule den Film auch zum Thema seines Studiums zu machen, sei es an der Zürcher Hochschule für Künste oder in München, wo er vor einigen Wochen mit der Kantonsschule im Fach Kommunikation und Medien einen interessanten Einblick in die Bavaria-Filmstudios gewinnen durfte.



Jetzt heisst es: Film ab! Lars Wicki beim Scharfstellen in der Projektionskabine.
Foto: Peter Pfister



Das Heimkino im Keller ist bequem und zweckmässig eingerichtet.
Foto: Peter Pfister

#Notizen zu Namen

4. April 2013 | Ein Pionier des Gewässerschutzes

Schaffhauser Mappe Magazin 1/2013
Max Ruh

Geboren wurde Otto Jaag im Jahre 1900. Er wuchs zusammen mit zwei Brüdern in Beringen auf. Unter grossen Opfern ermöglichten die Eltern den intelligenten Knaben den Besuch der Kantonsschule. Der Wissenschaftler Ernst Kehlhofer begeisterte Otto Jaag für die Botanik. Weil für ein Studium das Geld fehlte, liess er sich als Lehrer ausbilden. Er unterrichtete während dreieinhalb Jahren an der Primarschule Beringen. Ein von zwei Gönnerfamilien zur Verfügung gestelltes Darlehen ermöglichte Otto Jaag dann aber ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität Genf, das er mit einer Dissertation über die Biologie des Algenpartners in der Flechtensymbiose mit Erfolg abschloss.
An der ETH Zürich fand er 1929 eine Anstellung als erster Assistent am Pflanzenphysiologischen Institut, wechselte aber nach drei Jahren an das Institut für spezielle Botanik. Hier entwickelte er bis zu seiner Ernennung 1952 zum Direktor der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) eine überaus erfolgreiche wissenschaftliche Tätigkeit, die in vielen Publikationen ihren Niederschlag fand. Er habilitierte sich auf dem Gebiet der Hydrobiologie und Kryptogamenkunde und wurde 1941 zum Titular- und 1946 zum ausserordentlichen, 1963 zum ordentlichen Professor der ETH ernannt. 1937 führte ihn eine einjährige Forschungsreise nach dem damaligen Niederländisch-Indien.
Während der Kriegsjahre konzentrierten sich die wissenschaftlichen Arbeiten Otto Jaags speziell auf die Untersuchungen des Seegrundes der Schweizer Seen. Er wies den bedenklichen biologischen Zustand mancher Gewässer nach und legte damit die Basis für seinen über drei Jahrzehnte währenden Einsatz zugunsten des Wasserschutzes. Sein bevorzugtes Untersuchungsgebiet waren für ihn Rhein, Unter- und Bodensee. Als begnadeter Lehrer vermochte er seine Studenten auf unzähligen Exkursionen zu begeistern. Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass 1949 eine Schweizerische Vereinigung für Gewässerschutz gegründet wurde, der Vertreter der Wissenschaft, der Wassserwirtschaft, der Hygiene und der Fischerei angehörten. Jaag stellte sich die Aufgabe, die Behörden und die Bevölkerung aufzuklären und sie von der Unerlässlichkeit eines allgemeinen Gewässerschutzes zu überzeugen. Unermüdlich warb er in unzähligen Vorträgen und Diskussionen überall für den wenig populären, weil kostspieligen Gewässerschutz.
Im Jahre 1948 wurden ihm die Organisation und die Durchführung des XI. Internationalen Kongresses für theoretische und angewandte Limnologie in Zürich übertragen. Der Kongress wurde zu einem vollen Erfolg. Jaag gründete und leitete viele Jahre die Föderation des europäischen Gewässerschutzes. Es war der Beginn seiner Expertentätigkeit in vielen internationalen Organisationen, vor allem in der Weltgesundheitsorganisation. 1955 wurde er Mitbegründer der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Müllforschung, deren Präsident er bis 1970 war.
Der Bund beauftragte im Jahre 1952 eine unter seinem Vorsitz stehende ausserparlamentarische Kommission mit der Ausarbeitung eines Entwurfs zu einem Verfassungsartikel und einem Bundesgesetz über den Gewässerschutz. 1953 stimmte das Schweizervolk dem Verfassungsartikel mit 81,4 Prozent zu, was weitgehend der Aufklärungsarbeit von Otto laag zu verdanken war.
Mit grossem Einsatz bemühte er sich um die Einrichtung einer Stiftung der Wirtschaft zur Förderung des Gewässerschutzes in der Schweiz, gedacht als eine Einrichtung zur Ergänzung der Aktionen der öffentlichen Hand. Gegründet wurde sie im Januar 1962. Zu den Aufgaben der Stiftung gehörte eine breit gefächerte Aufklärungsarbeit mittels populärer Artikel über das Wesen des Gewässerschutzes in all seinen Aspekten. Es wurden aber auch Stipendien an ETH-Studenten zum Weiterstudium in den USA gesprochen.
Nach seiner Ernennung zum Direktor des Eawag baute er das Institut zu einem international renommierten Zentrum aus, an dem Limnologen in Theorie und Praxis in Dübendorf und im Seeforschungslaboratorium in Kastanienbaum ausgebildet werden.
Sein Wirken, seine wissenschaftlichen und organisatorischen Leistungen erfuhren unzählige in- und ausländische Würdigungen und Ehrungen. Otto Jaag verstarb 1978 in Zürich.



Otto Jaag (1900-1978) setzte sich zeitlebens Für den Gewässerschutz ein.
Bild: Stadtarchiv Schaffhausen

#Notizen zu Namen

4. April 2013 | Hermann Freuler – Der erste Grüne

Schaffhauser Mappe Magazin 1/2013
Max Ruh

Zu Recht bezeichnete der Historiker Kurt Bächtold den Rechtsanwalt Hermann Freuler als den ersten Grünen unseres Kantons. Wie niemand vor ihm führte er einen unermüdlichen Kampf um die Bewahrung des Rheinfalls vor der Beanspruchung durch die Industrie. Im Jahre 1841 wurde er in Schaffhausen geboren, er besuchte das hiesige Gymnasium und gehörte zu den Gründern der Mittelschulverbindung Scaphusia. Seine juristischen Studien absolvierte er an den Universitäten in Heidelberg, München und Zürich und verbrachte vor Studienabschluss einige Monate in Paris. Heimgekehrt, eröffnete er Mitte der 1860er-Jahre das erste Anwaltsbüro in Schaffhausen. Das von seinem Grossvater ererbte Vermögen ermöglichte eine materielle Unabhängigkeit. Er gehörte 1866 zu den Mitbegründern der «Schaffhauser Zeitung», die in Opposition zu den beiden Tageszeitungen, dem «Intelligenzblatt» und dem «Tageblatt» stand. Als alleiniger Redaktor geisselte er in scharfem Ton den unkritischen Fortschrittsglauben der Liberalen und sah in der Erweiterung der Volksrechte Gleichmacherei und Vermassung. Da die liberal-konservative «Schaffhauser Zeitung» wenig Unterstützung fand, ging sie im Februar 1868 bereits wieder ein.
Im Jahre 1867 gelang Freuler der Sprung in den Kantonsrat. Damit begann für ihn eine politische Laufbahn, welche ihn während der kommenden Jahrzehnte, oft nur für kurze Zeit, zum Mandatsträger der meisten höhern Ämter ausser demjenigen des Regierungsrats machte. Wir finden ihn im Grossen, dann im Kleinen Stadtrat, er war Präsident der Einwohnergemeinde und wie schon erwähnt Mitglied des Grossen Rates, den er mehrfach präsidierte. Mit seinen Ideen war er seiner Zeit oft voraus. Zu seinen Lieblingsideen gehörte der Plan, die Rheinufer vor weitern Überbauungen zu schützen und eine durchgehende Quaistrasse anzulegen. Am 2. Dezember 1875 wählte ihn der Grosse Rat in den Ständerat. Mit seinem Antrag, eine eidgenössische Emissionsbank zu gründen, wurde er zum Vorkämpfer der erst später gegründeten Nationalbank. Aufsehen erregte er mit seiner Kampagne zur Wiedereinführung der Todesstrafe. 1879 legte er sein Mandat nieder. Seine neue Lebensaufgabe, der er sich mit ganzer Leidenschaft widmete, fand er in der Erhaltung des Rheinfalls als Naturwunder. Ausgelöst wurde sein Wirken durch das Konzessionsgesuch der Firma J. G. Nehers Söhne & Cie, welche am rechten Rheinfallufer zur Herstellung von Aluminium ein gewaltiges Turbinengebäude zur Energiegewinnung errichten wollte. Er schrieb zahlreiche Artikel im «Intelligenzblatt» gegen die befürchtete Verschandelung des Rheinfalls und publizierte Studien, die er 1888 unter dem Titel «Rhein und Rheinfall» als Buch veröffentlichte. Bei seinen Nachforschungen stiess er auf Dokumente, welche zeigten, dass früher der ganze Rhein von Langwiesen bis nach Neuhausen unter Schaffhauser Hoheit stand. Als es um die Erteilung einer Kraftwerkskonzession auf der Zürcher Seite ging, strengte er einen Prozess beim Bundesgericht an, der 1895 zugunsten Schaffhausens entschieden wurde. Im gleichen Jahr wurde Freuler als Nachfolger des verstorbenen Gustav Schoch, diesmal vom Volk, erneut in den Ständerat gewählt. Er kämpfte gegen den Beamtenstaat und die Verstaatlichung der Bahnen und schuf sich als Einzelgänger Gegner sowohl bei den Rechten als auch bei den Linken. Einen wertvollen Beitrag im Ständerat vermochte Freuler allerdings bei der Codifikation des schweizerischen Wasserrechts zu leisten. Von seiner lokalen Tätigkeit her galt er als Fachmann. Seine Erfahrungen hatte er 1874 erworben, als der Grosse Stadtrat von Schaffhausen beschloss, die allgemeine Wasserversorgung einzuführen. Er hatte sich damals in verschiedenen Ämtern für die Erschliessung der Quellen eingesetzt.
Ab 1888 führte er bis 1900 und nochmals von 1902 bis zu seinem überraschenden Tod im Jahre 1903 neben seiner Tätigkeit als Anwalt mit gewandter Feder die Redaktion des «Intelligenzblattes». Im Nachruf, den die Zeitung schrieb, stand zu lesen: «Mag in manchen Punkten Freuler in der Städtischen, kantonalen oder eidgenössischen Politik seine eigenen, von Vielen unverstandenen Wege gegangen sein – in einigen Punkten wird ihm auch ein Gegner die Anerkennung nicht versagen; sein Kampf für die Erhaltung des Rheinfalls wird unvergessen bleiben.»



Hermann Freuler (1841-1903) hat sich als Kämpfer für die Erhaltung des Rheinfalls unendliche Verdienste erworben.
Bild: Stadtarchiv Schaffhausen

#Notizen zu Namen

4. April 2013 | Schaffhausens andere Grüne

Schaffhauser Mappe Magazin 1/2013
Karl Hotz

Im Kanton Schaffhausen war und ist halt vieles anders. Das betrifft auch das Verhältnis der Parteien zu Fragen des Umweltschutzes im weitesten Sinn. Da ergaben sich in den letzten 60 Jahren Koalitionen, die in ihrer Art fast einmalig sind. Ein gedrängter Rückblick auf ein vielfältiges Thema.

**Rheinau als Auslöser**
Der Start des Schaffhauser Sonderzuges lässt sich zeitlich genau festlegen: Alles begann am 21. Januar 1951, als der freisinnige Politiker und spätere Ständerat Kurt Bächtold als Redaktor der «Schaffhauser Nachrichten» einen flammenden Artikel gegen das geplante Kraftwerk in Rheinau veröffentlichte. Dieses stand nach über 20-jähriger Planung kurz vor dem Bau. Bächtolds Aufruf, der durch den Stau eine Verschandelung des Rheinfalls befürchtete, hatte einen riesigen Erfolg – nicht zuletzt in seiner eigenen Partei. Oskar Bek, Fridolin Forster, Hans Minder (der Vater von Ständerat Thomas Minder), Arthur Uehlinger – das sind nur einige Namen von Mitstreitern, die zum Teil über Jahrzehnte den Kern eines grossen Umweltflügels in der Schaffhauser FDP bildeten. Aus dem Aufruf resultierte schliesslich eine eidgenössische Volksinitiative, welche die Konzession für das Kraftwerk rückgängig machen wollte. 1954 wurde sie überdeutlich abgelehnt. Nur gerade der Kanton Schaffhausen sagte Ja, alle anderen Stände lehnten ab. Die übrigen Schaffhauser Parteien waren skeptisch (SP) bis deutlich ablehnend (Bauern-, Gewerbe und Bürgerpartei, die heutige SVP). Mit dem Steiner Stadtpräsident Konrad Graf unterstützte aber auch ein prominenter BGBIer das Begehren öffentlich. Die FDP selber lehnte an einem Parteitag eine Ja-Parole mit 46 zu 43 Stimmen ganz knapp ab und entschloss sich zu einer Stimmfreigabe. Der Kampf um die Rheinau hatte verschiedene Folgen. So wurde etwa der Rheinaubund gegründet, über Jahre von FDPlern und später von Koni Graf präsidiert. Dieser Koni Graf, später SVP-Ständerat, war es übrigens auch, der 1979 Bundesrat Rudolf Gnägi auspfiff, als dieser am SVP-Parteitag das Nein zur ersten Atom-Initiative vertrat. Erst später wurde der Rheinaubund die Domäne von Linken und Grünen. Ein weiteres Kind der gleichen Gruppe war auch die Randenvereinigung, die sich erfolgreich gegen Pläne für Einödhöfe auf den Randenhöhen wehrte. Sie war ebenfalls über Jahre eine Domäne der Bürgerlichen.
Auch auf Bundesebene blieb der Rheinaubund aktiv. Eine zweite Initiative wollte das Volk über Konzessionen für Wasserwerke abstimmen lassen. Sie scheiterte 1958 ebenfalls. Die Schaffhauser FDP hatte erneut Stimmfreigabe beschlossen. Die SP und (natürlich) die BGB waren erneut für ein Nein. Das Schaffhauservolk sagte wieder Ja, wenn auch knapper als 1954. Keinen Erfolg hatte auch das Referendum gegen das Spöl-Kraftwerk am Rande des Nationalparks, über das auch 1958 abgestimmt wurde. Diesmal sagte der FDP-Parteitag mit 33 zu 17 deutlich Ja zum geplanten Kraftwerk. Noch viel deutlich war übrigens damals das Ja des Vorstandes der SP Schweiz: 37 Ja-Stimmen standen nur gerade 2 Nein gegenüber.

**Atomkraftwerke änderten Vieles**
Bis Ende der Siebzigerjahre mit dem geplanten Atomkraftwerk Kaiseraugst und etwas später mit dem sogenannten Waldsterben der Kampf um den Umweltschutz in der Schweiz ganz neue, zum Teil fast gehässige Dimensionen annahm, gaben Umweltfragen relativ wenig zu reden. Sowohl die Abstimmungen über das Umweltschutzgesetz (1971) als auch das Wasserwirtschaftsgesetz (1975), das Einschränkungen in der Nutzung der Wasserkraft mit sich brachte, waren wenig umstritten und fanden grosse Mehrheiten. Auch in Schaffhausen gaben die Parteien mit wenig oder gar keinen Gegenstimmen Ja-Parolen heraus.
Die grosse Wende kam erst mit Kaiseraugst. Der letztlich erfolgreiche Kampf gegen das geplante Atomkraftwerk liess jene Konstellationen entstehen, welche heute die Umweltfragen prägen: Links-Grün gegen die bürgerlichen Parteien, um es einmal plakativ auszudrücken.
Immer wieder hatte das Volk durch Initiativen Gelegenheit, sich zur Frage «Atomkraft Ja oder Nein» zu äussern – und sagte, ausser beim Moratorium von 1990 immer Ja dazu. Die erste Initiative von 1979 stand noch ganz im Banne von Kaiseraugst. In Schaffhausen focht ein grosses Komitee für das Volksbegehren. Dabei liefen die Fronten immer noch quer durch die Parteien. Neben den alten Kämpen des Rheinaubundes wie etwa Fridolin Forster oder Gerold Meier trat auch Buchhändler Peter Meili, der für die FDP politisierte, für die Initiative ein. Mit Klaus und Erna Weckerle engagierten sich auch zwei CVPIer, obwohl ihre Partei für ein Nein votierte. Nein sagte, im Gegensatz zur schweizerischen Partei, die immer mehr ins grüne Lager abdriftete, auch der Schaffhauser Landesring. Auffallend die grosse Zahl von Pfarrern im Komitee. Auf der Liste fehlten aber auch Namen, die man aus heutiger Sicht dort erwartet hätte: Kurt Bächtold, der im Herbst des gleichen Jahres als Ständerat zurücktrat, ist genauso wenig zu finden wie die SP-Ständerätin Esther Bührer, die eher überraschend den bisherigen FDP-Sitz eroberte. Die Jungliberalen, die später mit dem Umweltforum zu den heutigen Ökoliberalen fusionierten, waren für die Initiative. Die SP ebenfalls. Die EVP, in der etliche der erwähnten Pfarrherren politisierten, gab die Stimme frei.
Schon fünf Jahre später kam es zur nächsten Ausmarchung, als mit der Atom- und der Energie-Initiative gleich zwei Volksbegehren anstanden. Die Umweltdiskussion hatte durch das Waldsterben an Schärfe zugenommenn. In Schaffhausen sorgten zudem das Projekt für eine Glasfabrik im Herblingertal und Nagrapläne für Bohrungen für ein Endlager in Siblingen für Aufregung. Auf beide Themen wird weiter unten noch eingegangen. Die EVP ging einen Schritt weiter als 1979 und war für beide Initiativen. Die SP ebenfalls. Der LdU hingegen empfahl wie die bürgerlichen Parteien ein doppeltes Nein. Bei diesen gab es allerdings auch Stimmen, die für ein Ja eintraten. So wollten etwa 11 SVPler ein Ja zur Atom- und 9 zur Energie-Initiative, unterlagen jedoch gegen 32 beziehungsweise 33 Nein. Erneut formierte sich aber wieder ein Komitee für die beiden Begehren, dem etliche Bürgerliche angehörten. So etwa der alte Kämpfer Konrad Graf, der sich an einer Pressekonferenz des Komitees dagegen wehrte, dass die Befürworter in die linke Ecke abgedrängt würden. Wieder waren 17 von 38 evangelisch-reformierten Pfarrern im Kanton Mitglied im Komitee. Die FDP widmete sogar ihre Reiattagung dem Thema Energie, an der Kurt Gehring vehement, aber vergeblich für ein doppeltes Ja warb. Gehring trat rund zehn Jahre später aus der Partei aus, enttäuscht darüber, dass es den einstigen grünen Flügel kaum mehr gab. Die drei bürgerlichen Parteien FDP, SVP und CVP waren für ein doppeltes Nein. Das links-grüne Spektrum samt Jungliberalen für ein doppeltes Ja.
Bei der nächsten Abstimmung von 1990 änderte sich an den Fronten wenig. CVP und Landesring waren allerdings nur gegen die Ausstiegs-Initiative, gaben aber für ein zehnjähriges Moratorium die Ja-Parole heraus. EVP, Jungliberale, SP und das 1987 gegründete Grüne Bündnis waren für ein doppeltes Ja. In der SVP stimmte immerhin ein Drittel der Delegierten für die Moratoriums-Initiative.

**Esther Bührer und Kurt Schüle gemeinsam**
Ebenfalls um eine Umweltfrage ging es 1992, als das Volk über eine Gewässerschutz-Initiative und einen Gegenvorschlag abstimmen konnte. Es ging um das sogenannte Restwasser, also jene Menge Wasser, die unterhalb einer Staumauer noch in einem Flussbett fliessen muss. Hier kam es zu einer gemeinsamen Aktion von alt Ständerätin Esther Bührer und Kurt Schüle, der 1991 der SP den Ständeratssitz abgenommen hatte. Die beiden schrieben allen Stimmbürgern einen Brief, in dem sie gemeinsam für die Initiative warben – Schüle gegen seine Partei, die nur für den moderateren Gegenvorschlag war. Schüle war eine Art letzter Vertreter des einstigen grünen Flügels der FDP und hatte in der Nationalratskommission den Gegenvorschlag mit formuliert, um zu retten, was zu retten war. Vergebens hatte er allerdings am Schaffhauser FDP-Parteitag für ein doppeltes Ja geworben. Im Übrigen folgten die Parolen dem inzwischen üblichen Schema von rechts und links-grün, wobei die Bürgerlichen für den Gegenvorschlag immerhin die Ja-Parole ausgaben. Dieser wurde denn in der Volksabstimmung auch deutlich angenommen, im Gegensatz zur Initiative.

**Glasfabrik und NAGRA**
Wie bereits erwähnt, stand der Umweltschutz nicht nur auf eidgenössischer Ebene zur Diskussion (wo neben Atom-Initiativen natürlich auch andere Abstimmungen zum Thema erfolgten, die hier aus Platzgründen weggelassen wurden). In Schaffhausen erregten in den frühen Achtzigerjahren vor allem Pläne für eine Glasfabrik und Nagra-Sondierbohrungen in Siblingen die Gemüter. Nicht zuletzt an diesen beiden Fragen kristallisierten sich im Kanton die heute bekannten Fronten heraus. Die SP, deren Vertreter gegen die Glasfabrik waren, nahm dabei Abschied vom Argument «zusätzliche Arbeitsplätze», das ihre Haltung noch in den Rheinau-Abstimmungen wesentlich mitbestimmt hatten. Die Diskussion um das Waldsterben, die eben entbrannt war, tat das Ihre dazu. Die Bürgerlichen hingegen anerkannten zwar die Probleme, die der Schadstoffausstoss der Glasi bringen würde, stuften aber das Arbeitsplatzargument höher ein, zumal sie ohnehin den Eindruck hatten, eine allgemeine Industriefeindlichkeit greife Platz. Die Haltungen gegenüber den Rheinaudiskussionen hatten sich also fast völlig gekehrt.
Der Streit um Sondierbohrungen der Nagra in Siblingen schliesslich gleicht den heutigen Diskussionen um die EndlagerplänefürAtommüll in Benken und allenfalls im Südranden fast aufs Haar. Auch die politischen Fronten verliefen ähnlich. Schon damals standen SPPolitiker aus dem Klettgau bei den Gegnern in der vordersten Reihe.

**Spezialfall Schaffhauser Grüne**
Den besonderen Konstellationen nach dem Rheinaukampf ist es wohl unter anderem zuzuschreiben, dass sich das Parteienspektrum im Kanton Schaffhausen etwas anders entwickelte als anderswo. Weil grüne Forderungen bis weit ins bürgerliche Lager hinein Widerhall fanden, entstand erst 1987 mit dem Grünen Bündnis eine grüne Partei. Anderswo waren diese längst etabliert und feierten 1987 – nur ein Jahr nach Tschernobyl – Triumphe bei den Nationalratswahlen. 2004 ging das GrüBü mangels Erfolg dann fast sang- und klanglos wieder ein. Dazu trug sicher auch die ökoliberale Bewegung bei, die aus den Jungliberalen herauswuchs – eine Art früher Vorläufer der Grünliberalen, die in der übrigen Schweiz erst in den letzten drei Jahren grosse Erfolge feierten. Dass die Jungliberalen viel grüner waren als anderswo, dürfte auch eine Folge des Kampfes der vielen grünen FDPIer von Kurt Bächtold bis Kurt Schüle gewesen sein, der seine Wahl zum Nationalrat 1979 nicht zuletzt seinem Umweltengagement zu verdanken hatte.



Der Kampf um den Rheinfall im Zusammenhang mit dem Bau des Kraftwerks Rheinau wurde heftig auch in der Zeitung ausgetragen.



Der Freisinnige Kurt Bächtold, später Ständerat, schrieb Anfang 1951 einen flammenden Artikel gegen das geplante Kraftwerk.



Im Frühjahr 1969 protestierten mehrere Tausend Personen bei Hemishofen – unter anderem auch Weidlingsfahrer – gegen das geplante Regulierwehr im Rhein.
Bild: B. + E. Bührer



Heute wird eher gegen Atomabfälle als gegen Stauwerke demonstriert. In Schaffhausen begann diese Bewegung, als 1988 in Siblingen Probebohrungen gemacht wurden.
Bild: B. + E. Bührer

#Notizen zu Namen

28. März 2013 | Damit Schuldenfalle nicht zuschnappt

Schaffhauser Nachrichten
Hans-Caspar Ryser

Bereits seit dem 13. März ist die Internetseite www.achtungschuldenfalle.ch der 5./6. Primarklasse Oberhallau im Netz aufgeschaltet. Sie ist das Ergebnis des aus einer Projektwoche im vergangenen Sommer hervorgegangenen und während sieben Monaten weiterverfolgten Projekts zur Schaffung einer eigenen Internetseite zu einem von der Schulklasse erarbeiteten und bestimmten Thema.
Mit der Internetseite beteiligt sich die Klasse am schweizerischen Wettbewerb «Junior Web Award» und hofft auf eine gute Rangierung mit Auszeichnung.

**Schuldenthema gewählt**
Wie Projektleiter und Lehrer Tim Schriber den SN gegenüber erklärte, habe seine Klasse, bevor sie überhaupt mit dem Erstellen einer Internetseite beginnen konnte, das zu behandelnde Thema festgelegt. Und obwohl das Thema Schulden bei seinen Schülern glücklicherweise noch nicht sonderlich aktuell sei, habe die Klasse beschlossen, diese Thematik in den Mittelpunkt des Internetprojekts zu stellen. Dieser Entscheid habe ihm eindrücklich aufgezeigt, dass das Schuldenmachen angesichts des immer grösser werdenden Angebots an Konsumgütern bereits bei Schülern ein Thema sei.

**In Projektgruppen gearbeitet**
Zur professionellen Projektabwicklung seien fünf Gruppen gebildet worden. Die erste Gruppe recherchierte die bestehenden Hilfe- und Präventionsangebote hinsichtlich des Schuldenmachens. Eine weitere Gruppe interviewte Mitschüler sowie weitere Personen aus ihrem Beziehungskreis zur Schuldenthematik, inklusive der wichtigsten Schuldenfallen. Während zwei weitere Gruppen das Maskottchen «Super Pic» in Anlehnung ans Sparschwein, inklusive Fragen zum richtigen Sparen, aufbereiteten sowie die Promotion für die Internetseite planten, machte sich die grösste Gruppe daran, die Grundlagen zur Schaffung einer Internetseite zu erarbeiten. «Das war ein Chrampf, aber uncool», schwärmte Benjamin Nützi. Zur möglichst professionellen Vertonung der Interviews habe er sogar von zu Hause ein richtiges Mischpult mitsamt den Mikrofonen mitgebracht. Die entstandene übersichtliche Internetseite gliedert sich in die Bereiche «Wir über uns, Spartipps, Links und Maskottchenfrage». Unter den Spartipps zur Vermeidung von Schulden wird empfohlen, über ein Prepaid-Abo die Handyausgaben in den Griff zu bekommen, beim Kauf von «hippen» Kleidern verschiedene Angebote zu vergleichen und Secondhandshops zu berücksichtigen, Schülerrabatte auch im Ausgang zu nutzen oder im Dorf etwas zu unternehmen. Das Maskottchen vermittelt Aufschluss, wo und wie Schüler Geld verdienen können.

**Und so geht es weiter**
Gemäss Lehrer Schriber läuft noch bis zum 3. April für die aufgeschaltete Internetseite die Publikumsbewertung, gefolgt von der Jurybewertung. Und nun hofft die Klasse aus Oberhallau, dass sie kommenden Mai im Rahmen des «Junior Web Award» nach Zürich zur Preisverleihung reisen kann.

#Allgemeines

27. März 2013 | 7 Rundgänge durch die Geschichte

Schaffhauser Nachrichten
Erwin Künzi

Das Haus an der Frauengasse 9 in der Schaffhauser Altstadt unterscheidet sich nicht gross von den anderen Häusern in dieser Gasse. Nichts, ausser dem Namen der Gasse, deutet darauf hin, dass sich dort im 15. und im 16. Jahrhundert das städtische Bordell befand. Besitzerin des Freudenhauses war die Stadt Schaffhausen, die es jeweils an einen Frauenwirt oder eine Frauenwirtin verpachtete. 1452 war die Frauenwirtin eine gewisse Els von Mellingen, die der Stadt jährlich eine Pacht von 24 Pfund bezahlte. 1480 wurde für den Frauenwirt eine besondere Ordnung erlassen, die vor allem dem Schutz der Prostituierten diente. So musste er ihnen Essen, bestehend aus Suppe, Fleisch und Gemüse, zu einem festgelegten Preis abgeben, den Wein musste er den Frauen und ihren Freiern zum Selbstkostenpreis zur Verfügung stellen. Besonders eifrige Bordellgänger waren Priester und Mönche, was lange Zeit geduldet wurde. Erst im 16. Jahrhundert, mit der Reformation, erhielt der Weibel der Stadt den Auftrag, geistlichen Bordellbesuchern, wenn er sie erwischte, die Kleider zu konfiszieren.

**Lücke schliessen**
Diese und ähnliche erstaunliche Fakten, die auch den meisten Einheimischen unbekannt sein dürften, finden sich im Führer «Historische Stadtrundgänge Schaffhausen», den der Historische Verein des Kantons Schaffhausen soeben veröffentlicht hat. Auf 124 Seiten werden Stadtrundgänge zu 7 verschiedenen Themenbereichen angeboten (siehe auch Kasten auf dieser Seite). Auf einem Stadtplan sind die diversen Stationen der Rundgänge verzeichnet, die mit zahlreichen Fotografien illustriert sind. Als Einstieg dient eine kurze Geschichte der Stadt Schaffhausen. «Mit diesem Führer möchte der Historische Verein eine Lücke schliessen und einen Beitrag zum Stadtmarketing leisten», erklärte Britta Leise, Präsidentin des Historischen Vereins, gestern bei der Präsentation des Führers im Haus der Wirtschaft in Schaffhausen. Der Führer dient auch als Band 86 der «Schaffhauser Beiträge zur Geschichte», die vom Historischen Verein jährlich publiziert werden.
Dank Sponsoren konnte auch eine englische Version des Führers («Schaffhausen Seven Walks Through History») produziert werden. Diese wird im Sommer an einer speziellen Veranstaltung für Englischsprachige, sogenannte Expats, die in und um Schaffhausen arbeiten, vorgestellt werden. Beide Versionen sind für jeweils 9.90 Fr. im Buchhandel sowie bei Schaffhauserland Tourismus erhältlich. Übrigens: Am Haus Frauengasse 9 kommt man beim Rundgang «Henker, Hexen, Huren» vorbei.

**Historischer Stadtführer**
Die 7 Rundgänge
Seelenheil und Gottesfurcht *Kurt Bänteli*
Wasserkraft und Pioniergeist *Hans Ulrich Wipf*
Henker, Hexen, Huren *Britta Leise*
Macht und Politik, Erker und Fassaden *Roland E. Hofer*
Salz, Wein und Getreide *Markus Furrer*
Die wehrhafte Stadt *Peter Scheck*
Ohne Wasser kein Leben *Maya Orbann*



Die Autorinnen und Autoren der «Historischen Stadtrundgänge Schaffhausen»: Kurt Bänteli, Hans Ulrich Wipf, Markus Furrer,
Peter Scheck, Roland E. Hofer, Britta Leise und Maya Orbann (von links).
Bild Selwyn Hoffmann

#Allgemeines

26. März 2013 | Hier braucht es viele fleissige Hände

Schaffhauser Nachrichten
Margrith Pfister-Kübler

Mammern «Dies ist eine Arbeit, für die man viele Hände braucht», sagt Revierförster Meinrad Hugentobler und zeigt in die Steilhänge hinein, wo die Mitglieder des Lions Clubs Insel Werd und deren Familienangehörige sich behände bewegen. Sie hacken Stauden um, holzen ab, damit das Wurzelwerk kräftiger wird und so der Hang durch die vermehrte Wurzelbildung gesichert wird. Revierförster Hugentobler kommt mit der Motorsäge zu Hilfe, wo nötig, und sorgt für den sachgerechten Ablauf. Die Clubmitglieder ziehen das Geäst den Hang hinunter, säubern so, dass Licht und Wärme wieder auf den Boden kommen. «Das ist an diesem Burghügel besonders wichtig. Es ist ein Trockenstandort, wo wärmeliebende Pflanzen und Reptilien leben, die besondere Aufmerksamkeit fordern», betont der Revierförster und lenkt den Blick auf mächtige Eichen. «Auch diese Eichen kommen wieder besser zur Geltung, und die Ruine Neuburg ist jetzt gut zu sehen, wenn all das Gesträuch rundherum weg ist.» Das Abholzen stärke die Wurzeln und sei ein gutes System gegen Erosion, ergänzt Hugentobler.

**Auch die Chefärztin holzt mit**
Die Arbeit in den steilen Hängen macht allen sichtlich Spass. Hugentobler beurteilt das praktische Können der Lions-Club-Werd-Leute als einzigartig, im Handumdrehen entholzen sie im mehrstündigen Einsatz die steilen Hänge. Hansjörg Brem, Chef Amt für Archäologie Thurgau: «Wir vom Kanton und die Gemeinde Mammern sind zuständig für die Erhaltung der Burg und den Burghügel. Nicht Bargeld ist das Problem, sondern helfende Hände zu finden, die anpacken können.» Selbst Chefärztin Annemarie Fleisch Marx von der Klinik Schloss Mammern und ihr Mann Architekt Achim Marx holzen, als sei dies ihr Job. Alle Beteiligten erweisen sich als universell einsetzbar. Zur Belohnung für den ehrenamtlichen Einsatz gibt es Würste vom Lagerfeuer und Tranksame für alle Aktiven.



Grosser Arbeitseinsatz zur Hangsicherung: Mitglieder des Lions Clubs Insel Werd im steil abfallenden Gelände unterhalb der Ruine Neuburg.
Bild Margrith Pfister-Kübler

#Allgemeines

21. März 2013 | Die Suche nach der richtigen Quote

Schaffhauser Nachrichten
Erwin Künzi

Die Maturitätsquote im Kanton Schaffhausen beträgt, schaut man nur die Kantonsschule an, 16,2 Prozent. Das liegt unter dem schweizerischen Durchschnitt der gymnasialen Maturitätsquote von 20 Prozent. Heisst das, dass die Schaffhauser Jugendlichen dümmer sind als ihre Altersgenossen in der übrigen Schweiz? Oder ist der Zugang zur Kantonsschule schwieriger als in anderen Kantonen? Was braucht es, damit diese Quote steigt? Soll sie überhaupt steigen? Mit diesen und weiteren Fragen befasste sich Stefan Wolter in seinem Referat «Hat der Kanton Schaffhausen die richtige Maturitätsquote?», das er am Dienstagabend in der Kantonsschule auf Einladung des Kantivereins hielt. Wolter ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung und damit oberster Schweizer Bildungsforscher, zudem aber auch noch Professor am Volkswirtschaftlichen Institut der Universität Bern sowie Leiter der Forschungsstelle für Bildungsökonomie, ebenfalls an der Universität Bern.

**Der kulturelle «Röstigraben»**
Gleich zu Beginn machte Wolter klar, dass er die im Referatstitel gestellte Frage nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten könne. Warum das so ist, führte er im Folgenden aus. Er präsentierte die Resultate verschiedener Forschungen und Umfragen zum Thema Maturitätsquote. So zeigte sich etwa, dass sich diese in der Schweiz in den letzten Jahren verdoppelt hat, nicht zuletzt darum, weil die Mädchen aufgeholt haben. Das Verhältnis unter den Kantonen hingegen blieb gleich: Die mit den hohen Quoten haben diese weiterhin, die mit den niedrigen auch. Was sind die Gründe für die Unterschiede, warum kommt Genf auf 30 und Schaffhausen nur auf 16,2 Prozent? «Hier wirken die Kultur- und Sprachunterschiede als zentrifugale Kräfte, wir haben einen ‹Röstigraben›», meinte Wolter. Für Kantone mit hoher Maturitätsquote, vor allem auch für den Kanton Genf, schälte Wolter unter anderem diese Merkmale heraus: Es besuchen mehr Jugendliche das Gymnasium, die von der Leistung her nicht dorthin gehören; da es keine Aufnahmeprüfung gibt (ihre Abschaffung wird im Kanton Zürich aktuell rege diskutiert), können sozioökonomische Faktoren eine wichtigere Rolle bei der Aufnahme ins Gymnasium spielen (mit anderen Worten: Kinder reicher Eltern haben, unbesehen von ihren Leistungen, bessere Chancen, ins Gymnasium zu kommen); in Genf schliessen über 50 Prozent, die das Gymnasium beginnen, dieses nicht ab; in der Westschweiz sind die Maturanden ein bis zwei Jahre älter als in der Deutschschweiz. Wolter präsentierte weitere interessante Vergleiche und Zahlen, auch mit anderen Ländern, zum Verhältnis Maturanden-Akademiker sowie Gymnasium–Berufsbildung. Und wie beantwortete er die Frage, die am Anfang seines Referats stand? «Es gibt nicht nur eine richtige Quote», meinte er. Die Bildungspolitik müsse sich aber zwei Fragen stellen. Erstens: Will man eine Schrotflintenpolitik wie in Genf mit seiner hohen Quote, aber einer geringeren Treffsicherheit, oder die Hochpräzisionsgewehrpolitik wie in Schaffhausen, mit einer niedrigeren Quote, aber höherer Treffsicherheit? Zweitens: Was geschieht mit dem Hochschulsystem mit seinem freien Zugang und niedrigen Studiengebühren, wenn alle Kantone ihre Maturitätsquote erhöhen wollen? «Gewisse Kantone missbrauchen das System, indem sie zu viele Maturanden produzieren und so das bisherige Hochschulsystem gefährden», erklärte Wolter. Seinem differenzierten Referat folgte eine angeregte Diskussion, die bei einem Apéro ihre Fortsetzung fand.

#Allgemeines

19. März 2013 | Die Kanti muss mit rückläufigen Schülerzahlen rechnen

Schaffhauser Nachrichten
Bodo Lamparsky

Alles spricht vom Run aufs Gymnasium. Doch im Kanton Schaffhausen melden sich immer weniger 15-Jährige dafür an. Wollten 2011 noch 303 Jugendliche an die Kantonsschule, sind es dieses Jahr nur noch 229 (SN vom Samstag). Ist die Matur also gar nicht mehr so gefragt? Kanti-Rektor Urs Saxer verneint. «Es geht nach wie vor der leistungsstärkste Drittel der Sekundarschüler an die Gymi-Aufnahmeprüfung.» Den Rückgang der Zahlen führt er auf die demografische Entwicklung zurück. Im Klartext: 2013 gibt es einfach weniger 15-Jährige als früher.
Bilden die Anmeldungen fürs Gymi effektiv die Schaffhauser Altersstruktur ab, muss sich die Kantonsschule auf eine längere Durststrecke einstellen: Nochmals richtig eingebrochen sind die Geburtenzahlen im Kanton mit dem Jahrgang 2001 – um sich danach nur ganz langsam zu erholen. Der Schülerschwund werde sich «sicher verschärfen», sagt denn auch Erziehungsdirektor Christian Amsler (FDP). Erst in den jetzigen Kindergärten ziehe der Bestand wieder an. Von einem «massiven Rückgang» sei auch die Berufsbildung betroffen. Lehrstellen blieben erstmals unbesetzt. Amsler: «Das macht vor allem dem Handwerk Sorgen.»

**Lehrbeauftragte als Puffer**
Für Kanti-Rektor Urs Saxer präsentiert sich die Lage gleichwohl «noch nicht dramatisch». Von vier Jahrgängen werde jetzt einer ersetzt. Und dieser zähle voraussichtlich ein Viertel weniger Schüler. Unter dem Strich verliere die Schule somit höchstens einen Sechzehntel ihres Bestands. Und bleibt es in der Maturitätsschule bei sieben – mutmasslich etwas kleineren – Einstiegsklassen, ändert sich für die Beschäftigung des Lehrkörpers gar nichts.
Sollte jedoch eine Klasse gestrichen werden, würden das die Lehrbeauftragten zu spüren bekommen: Jeweils nur befristet angestellt, müssten sie «die Pufferfunktion übernehmen», wie Urs Saxer sagt. Es wären dann 36 Wochenlektionen weniger zu verteilen. Folglich würden die Pensen sinken, wobei 24 Wochenlektionen einer 100-Prozent-Anstellung entsprechen. Probleme bei der Rekrutierung von Lehrkräften erwartet der Kanti-Rektor deshalb aber nicht. Schwierig zu finden seien heute einzig Physik- und Mathematiklehrer. An ihnen herrsche landesweit ein Mangel.
Die rückläufigen Schülerzahlen einfach durch eine höhere Erfolgsquote an den Prüfungen auszugleichen, scheint an der Kantonsschule kein Thema zu sein. Obwohl die Lehrkräfte dies über Prüfungsstoff und Notenschlüssel theoretisch in der Hand hätten. Zwischen 40 und 60 Prozent der Angemeldeten bestehen in Schaffhausen jeweils die Aufnahmeprüfung. Und eine Anweisung der Politik, die – eher tiefe – Maturitätsquote von 16,2 Prozent zu erhöhen, habe er keine, sagt Urs Saxer. Auch wenn Erziehungsdirektor Christian Amsler die Quote persönlich gerne «etwas höher» sähe.

#Allgemeines

19. März 2013 | Der Klimawandel bringt neue Rebsorten

Schaffhauser Nachrichten
Anne Gross

*Abschlussarbeiten 2013 – Teil III:*
**Victoria Graf untersuchte den Einfluss des Klimawandels auf die Schaffhauser Rebberge**

Für einen Laien mag der Titel «Die Auswirkungen des Klimawandels auf den Rebbau im Kanton Schaffhausen» der Maturarbeit der 19-jährigen Maturandin Victoria Graf befremdend tönen. Was hat denn der Klimawandel mit dem Anbau von Reben zu tun? Sehr viel, sagt Graf. Es gebe sowohl positive wie auch negative Folgen für den Rebbau in der Region. Zum einen habe das wärmere Klima der letzten Jahre Einfluss auf die Auswahl der Rebsorten. Die Rebbauern sagen, dass sie durch die Klimaerwärmung immer mediterranere Sorten pflanzen könnten und die Auswahl generell vielseitiger geworden sei. Zum anderen aber wirke sich die Klimaveränderung negativ auf den Gesundheitszustand der Reben aus. In den letzten zehn Jahren seien die Erkrankungen erheblich gestiegen. Ungeziefer, das aufgrund der wärmeren Bedingungen auch bei uns Lebensraum bekomme, mache sich in den Rebbergen breit. Auch die immer extremer werdenden Schwankungen des Wetters seien ein grosses Problem. Starke Niederschläge wie Hagel oder lange Trockenphasen hätten Einfluss auf das Gedeihen der Reben.
Doch wie kommt eine junge Frau, die selbst gar keinen Wein trinkt, auf dieses Thema? Der Vater der Maturandin ist Rebbauer in Stein am Rhein. Für Victoria, die im Betrieb ihres Vaters seit frühster Kindheit mithilft, war schon lange klar, dass sie sich im Rahmen ihrer Maturarbeit intensiv mit dem Rebbau im Kanton Schaffhausen beschäftigen möchte. Als im Geografieunterricht die Klimaerwärmung besprochen wurde, war Victoria «gefesselt» von diesem Thema: Sie wollte daher die Klimaerwärmung mit dem Rebbau in Verbindung bringen. Mithilfe eines Fragebogens, den sie an dreissig Rebbauern der Region verschickte, und mit drei Interviews trug Graf die wichtigsten Informationen zusammen. Das Ergebnis ihrer Überlegungen und Recherchen ist ein siebzig Seiten starkes Werk. Graf hofft, mit ihrer Arbeit der Problematik Klimawandel mit der Verbindung zum Rebbau wieder einen neuen Anstoss gegeben zu haben. Ein regionales Thema, wie der Rebbau gepaart mit der globalen Thematik Klimawandel , könnte für neuen Diskussionsstoff sorgen. Denn sobald die Menschen direkt von diesen Problemen, die der Klimawandel mit sich bringt, betroffen sind, beginnen sie darüber nachzudenken.

Alter 19 Wohnort Stein am Rhein Nach der Matur Militärdienst Titel der Maturarbeit Die Auswirkungen des Klimawandels auf den Rebbau im Kanton Schaffhausen Fachbereich Geografie

#Allgemeines

16. März 2013 | «Ich halte das für reine Polemik»

Schaffhauser Nachrichten
Erwin Künzi

**Interview mit Urs Saxer, Rektor der Kantonsschule Schaffhausen, zur Maturitätsquote im Kanton Schaffhausen**

*Urs Saxer, die Wirtschaft auch im Kanton Schaffhausen beklagt einen Mangel an Fachkräften, an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Im Gegensatz dazu beginnen viele Jugendliche, die die Kantonsschule absolviert haben, ein Studium, das diesen Bedürfnissen der Wirtschaft nicht entgegenkommt. Läuft da etwas schief?*
Aus Sicht der Jugendlichen läuft es gar nicht so schief: Um die Jugendlichen wird heute vermehrt geworben; es findet ein Wettbewerb um die klugen Köpfe statt. Und da müssen sich alle Nachfrager vermehrt anstrengen.

*Warum ist das so?*
Das hat vor allem demografische Gründe. Schauen wir uns ein paar Zahlen an: 2009 hatten wir im Kanton Schaffhausen in der 2. Klasse von Sekundar- und Realschule 816 Jugendliche, 2013 sind es noch 692. Das ist ein Rückgang von gegen 20 Prozent, und diesen spüren alle grösseren Bildungsinstitutionen, in der Berufsbildung wie bei den allgemein bildenden Schulen.

*Wie macht er sich bei der Kantonsschule bemerkbar?*
Nehmen Sie die Anmeldungen für unsere Aufnahmeprüfung, die Anfang April stattfindet: Waren es 2011 noch 303 Jugendliche, die in die Kantonsschule wollten, sank diese Zahl 2012 auf 268, aktuell sind es 229. Um auf Ihre erste Frage zurückzukommen: Für die 15-Jährigen läuft es gut, denn sie werden umworben. Schief läuft es aber für die Unternehmen, weil sie teilweise Mühe haben, Lehrlinge zu finden, und für mich als Rektor der Kantonsschule, weil ich wegen sinkender Schülerzahlen weniger Lehrkräfte beschäftigen kann.

*Es gibt also weniger Maturanden und damit weniger Studierende. Wählen diese wenigstens Studienrichtungen, die von der Wirtschaft gefragt sind, oder gibt es zu viele, die nachher Mühe haben, eine Arbeitsstelle zu finden?*
Da muss man sich fragen: Welche Leute braucht die Gesellschaft? Braucht sie vor allem Ingenieure oder nicht auch kritische Geisteswissenschaftler? Im Übrigen halte ich das Gerede von der Akademikerarbeitslosigkeit für reine Polemik; die Jobaussichten sind gut. Es geht doch darum, was ein Jugendlicher will, was sein berufliches Ziel ist im Leben. Viele verzichten zum Beispiel für einen interessanten Job auf das grosse Geld. Jeder muss selber entscheiden, was ihn glücklich macht.

*Und welche Rolle spielt dabei die Kantonsschule?*
Bei der Ausbildung der Jugendlichen haben wir zwei Ziele: Wir wollen sie studierfähig machen und ihnen die vertiefte Gesellschaftsreife vermitteln.

*«Vertiefte Gesellschaftsreife»: Was heisst das genau?*
Wir wollen sie auf anspruchsvolle Aufgaben in der Gesellschaft vorbereiten. Wir vermitteln auch Inhalte, die nicht primär für ein Ingenieurstudium nötig sind, die aber dem Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft dienen.

*Und wie finden Sie heraus, ob Sie diese Ziele erreicht haben, und wie es bei Ihren ehemaligen Maturanden nach der Kantonsschule weitergegangen ist?*
Wir sind sehr daran interessiert, was unsere Schüler nach der Matura machen. Deshalb führen wir unter der Leitung von Professor Stefan Wolter eine wissenschaftliche Ehemaligenbefragung durch, die schon vor der Matura beginnt, ein Jahr nach der Matura wiederholt und bis sieben Jahre nach der Matura durchgeführt wird. Wir sind mit den Maturanden des Jahrgangs 2011 gestartet, und wir streben eine Rücklaufquote von 100 Prozent an. Uns interessieren auch diejenigen, die kein Studium begonnen haben; das sind immerhin zwischen 30 und 40 Prozent. Was machen die? In welchen Bereichen sind sie tätig? Sind sie mit ihrer Stellung in der Gesellschaft zufrieden?

*Ich komme auf die zwei Ziele zurück, die Sie für die Kantonsschule formuliert haben. Das ist gut und recht, aber die Wünsche der Wirtschaft können Sie ja auch nicht ignorieren.*
Uns ist nicht gleichgültig, was die Wirtschaft sagt, wenn sie mehr Ingenieure und Naturwissenschaftler fordert. Darum haben wir diverse Massnahmen ergriffen. So haben wir den Laborunterricht ausgebaut, auch wenn dieser durch das Sparprogramm ESH3 teilweise wieder reduziert wurde. Wir haben zusammen mit dem Wibilea, dem Ausbildungszentrum für Berufe der Elektro- und Maschinenindustrie sowie des Formenbaus, eine Technikwoche sowie Automations-Workshops durchgeführt. Unsere Schüler können in Schaffhauser Betrieben Orientierungspraktika absolvieren, in denen sie Naturwissenschaftler bei der Arbeit erleben. Und jeder Schüler, der sich – und das gilt jetzt für alle Gebiete – auszeichnet, wird unter dem Motto «Leistung wird belohnt» in der Schule gefeiert.

*Regierungsrat Christian Amsler, seit Anfang Jahr Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz Deutschschweiz, möchte die naturwissenschaftlichen Studienrichtungen aber noch ganz anders fördern: Er hat angeregt, einen Numerus clausus für Geisteswissenschaften einzuführen. Was halten Sie davon?*
Ich habe diesen Denkanstoss gerne aufgenommen, habe aber eine klare Meinung: Ich bin grundsätzlich gegen einen Numerus clausus für Studienrichtungen, denn der Studierende, und nicht das System, sollte über die Studienrichtung entscheiden. Was man aber tun kann, ist, Anreize setzen und die Rahmenbedingungen verbessern. Aber jeder sollte weiterhin die Möglichkeit haben, zum Beispiel Theologie zu studieren, wenn er das möchte.

*Wohin geht denn über die letzten Jahre gesehen der Trend bei der Studienwahl?*
Die Diskussionen über die fehlenden Ingenieure und Naturwissenschaftler haben durchaus Auswirkungen auf die Maturanden gehabt. Dazu wieder einige Zahlen: 2010 gaben 15 Prozent an, ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium beginnen zu wollen; 2011 waren es 21 Prozent und im letzten Jahr 23 Prozent.

*Am Dienstag, 19. März, spricht Stefan Wolter auf Einladung des Kantivereins über «Hat der Kanton Schaffhausen die richtige Maturitätsquote?» (siehe Kasten). Warum gerade dieses Thema?*
2012 hatten wir eine gymnasiale Maturitätsquote von 16,2 Prozent, bei einem schweizerischen Durchschnitt von 20 Prozent. Nimmt man die Berufsmaturität dazu, beträgt die Quote 35,2 Prozent (Schweiz: 33 Prozent). Für mich ist das, auch durch die Rückmeldungen, die ich habe, eine angemessene Quote. Ist es aber auch die richtige? Diese Frage müssen zum einen die beantworten, die nach dem Studium eine Existenz aufbauen wollen, zum anderen die Gesellschaft, die sich auch fragen muss, wie viel Geld sie in welche Studienrichtungen investieren will. Entscheidend sind aber für mich die Direktbetroffenen: Wurden sie von der Kantonsschule gut ausgebildet oder nicht? Die oben erwähnte Befragung dient nicht zuletzt dazu herauszufinden, welche Anpassungen es noch braucht.

*Was erwarten Sie vom Vortrag von Stefan Wolter?*
Ich möchte anhand von konkreten Beispielen wissen, wie andere Kantone und Länder mit diesen Fragen umgehen. Auch möchte ich Antworten auf die Frage, ob wir zu viele Akademiker ausbilden und wie das in Ländern wie Italien und Kanada, die voll auf die Akademisierung gesetzt haben, aussieht. Und natürlich Antworten auf die Frage, die über allem steht: Sind wir in der Schweiz bei der Ausbildung unserer Jugend auf dem richtigen Weg?

*Thema* **Hat der Kanton Schaffhausen die richtige Maturitätsquote?**
*Referent* Stefan Wolter ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, Professor am Volkswirtschaftlichen Institut der Universität Bern, Leiter der Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern und unter anderem Präsident der Expertengruppe Berufsbildung der OECD in Paris.
*Termin* Dienstag, 19. März, 19.30 Uhr
*Ort* Kantonsschule Schaffhausen.
Im Anschluss an den Vortrag wird ein Apéro offeriert.

#Allgemeines

9. März 2013 | Jetzt kann das Dosenbier vom Band rollen

Schaffhauser Nachrichten, Regionale Wirtschaft
Rolf Fehlmann

Bei der Brauerei Falken steht seit Ende November 2012 die erste und einzige Abfüllanlage für Dosenbier in der Schweiz, die unabhängigen Brauereien für deren Abfüllungen zur Verfügung steht. Damit ist Falken in der Lage, eine Nachfrage abzudecken, die jährlich zweistellige Zuwachsraten verzeichnet. Bisher mussten nämlich unabhängige Schweizer Brauereien mangels Abfüllmöglichkeiten in der Schweiz ihre Biere im nahen Ausland in Dosen abfüllen lassen. Dies, weil alle anderen Abfüllanlagen für Dosenbier in der Schweiz von globalen Konzernen für deren eigenen Bedarf betrieben werden. Diese Abfüllumsätze in die Schweiz zurückzuholen ist ein erklärtes Ziel der Schaffhauser Brauerei.

**Zusätzliche Überprüfung**
«Seit der Inbetriebnahme am 26. November haben wir die Abfüllstrasse schrittweise hochgefahren», berichtet Philipp Moersen, seit Dezember 2012 neuer Verwaltungsratspräsident der Brauerei. «Wir haben die Mitarbeitenden geschult, die Abläufe feinjustiert und die Anlageteile abgenommen.» Ausserdem wurde die Anlage unter dem Aspekt der Lebensmittelsicherheit zusätzlich überprüft – als Bierherstellerin ist die Brauerei nämlich freiwillig nach dem «International Food Standard» (IFS) zertifiziert. «Unabhängige Auditoren überprüfen einmal im Jahr, ob Qualität, Abläufe und Logistik die Anforderungen erfüllen», sagt Moersen. Zusätzlich zu diesem regulären Audit musste die Brauerei ein IFS-Zwischenaudit bestehen, weil die Dosenabfüllstrasse die bestehenden Anlagen erweitert.

**Für den Ansturm gerüstet**
Nach Testabfüllungen in Blankodosen (die im Getränkemarkt übrigens ein Verkaufsrenner waren) und ersten Abfüllungen im Auftrag anderer Brauereien sei die Einschwingphase jetzt so weit fortgeschritten, «dass wir gut gerüstet sind, um saisonal höhere Abfüllkapazitäten zu bewältigen», sagt Moersen. Weil in der warmen Jahreszeit mehr Bier getrunken wird, erwartet er die grössten Abfüllvolumina in diesem Jahr für die Monate März bis September: «Für diese Periode sind wir bereits besser ausgelastet als budgetiert», sagt er. Weil die Abfüllstrasse für Dosenbier die Kapazität der gesamten Produktionsanlage erweitere, werde auch die logistische Herausforderung «sehr gross», sagt Moersen. «Zusätzlich zur bisherigen Menge an Flaschen füllen wir zwischen Mai und August rund 70 Prozent unserer Jahresmenge an Dosen ab und brauen daneben unser Biersortiment – alles zur gleichen Zeit.»
Inbetriebnahme


**Dosenkompetenzzentrum**
**Alternative zum Ausland**
*Inbetriebnahme* Die Brauerei Falken hat Ende November 2012 ihre neue Abfüllanlage für Dosenbier in Betrieb genommen. Dieses sogenannte Dosenkompetenzzentrum ist die einzige Anlage in der Schweiz, die es unabhängigen Brauereien ermöglicht, ihr Bier im Inland in Dosen abfüllen zu lassen. Die Abfüllstrasse befüllt 15 000 Dosen pro Stunde und kann neben den populären 50-cl- und 33-cl-Dosen auch 25-cl-«Slim Cans» verarbeiten. Für das laufende Jahr hat Falken bereits vertragliche Zusagen für das Abfüllen von mindestens zehn Millionen Dosen.
*Innovationssonderpreis* Ende Februar 2013 erhielt die Brauerei Falken «für ihren Mut und ihren Innovationsgeist» (Laudatio) den IVS-Innovationssonderpreis der Schaffhauser Platzbanken.

#Allgemeines

5. März 2013 | Bubentraum und Weltrekord

Schaffhauser Nachrichten
(chm)

Pure Leidenschaft erfüllt den Raum, wenn Carlo Schmid von seiner Weltumrundung als 22-jähriger Pilot unter der Flagge von Unicef erzählt. Anlässlich eines Stammes der Studentenverbindungen Commercia Schaffhausen und der Scaphusia Schaffhausen am Freitagabend wurde der junge Weltrekordhalter in die Studentenstube im Restaurant Falken eingeladen.
Mit 11 Jahren flog er das erste Mal in einem Segelflugzeug, mit 15 Jahren hat Schmid das Segelflugzeugbrevet gemacht. Zu dieser Zeit wurde auch die Idee geboren, als jüngster Pilot alleine in einem Flugzeug die Welt zu umrunden und so nebenbei auch sogleich einen Eintrag ins «Guinnessbuch der Rekorde» zu erreichen. «Wir haben uns sieben Jahre vorbereitet und viele Neins akzeptieren müssen», erinnert sich Schmid, «es wurde sogar eigens ein Song kreiert, ‹Zäme um d Welt›, welcher von Fabian Frauenfelder produziert wurde.» Trotz aller Widrigkeiten hob die Cesna sodann im vergangenen Jahr für eine 80 Tage lange Reise vom Militärflugplatz Dübendorf ab. Speziell dabei die Flugzeugkennung mit HB-RTW, angelehnt an das Projekt Round the World.

**Ein kritischer Moment**
Jedoch sollte die über 40 000 Kilometer lange Reise noch einige Herausforderungen bereithalten. In Riad waren es ein Sandsturm und Temperaturen bis 47 Grad und in Indien die Bürokratie, welche Schmid zu schaffen machte. Doch auch ein Absturz der Bordelektronik stellte ihn auf eine harte Probe. Bis das System nach 20 Minuten wieder hinaufgefahren war, musste er mit analogen Instrumenten versuchen, auf Kurs zu bleiben: «Das war ein kritischer Moment.» Ein spezielles Erlebnis war ebenso die Flugstrecke von Nagpur nach Kalkutta. Obschon der indische Wetterbericht strahlendes Wetter vorausgesagt hatte, flog Carlo Schmid vor Kalkutta in ein monsunartiges Unwetter: «Da wurde mir als Pilot aufgrund der Turbulenzen das erste Mal schlecht.» Aber auch von schönen Momenten – wie im russischen Anachir – konnte Schmid erzählen. Weil die Überfluggenehmigung auf sich warten liess, hatte er Zeit, mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt zu kommen, arbeitete sogar einen Tag für Igor und half ihm, Alteisen vom Hafen in die Lagerhalle zu transportieren.

**Begleitet vom PC-7-Team**
Noch kurz vor dem Ziel in New York drohte das Projekt jedoch zu scheitern. Bei der vom Bazl vorgeschriebenen Kontrolle nach jeweils 50 Betriebsstunden wurden Abnützungen an Teilen der Turbine festgestellt. Die Prognose: Reparaturzeit sechs bis sieben Monate. Doch die Mechaniker liessen sich von Schmids Herzblut für das Projekt anstecken. Dank Ersatzteilen aus einer anderen Turbine und der Flexibilität aller involvierten Personen konnte Carlo Schmid als jüngster Weltumrunder nach 80 Tagen wieder in heimatliche Lüfte einfliegen. Begleitet vom PC-7-Team der Schweizer Luftwaffe landete der Weltrekordhalter sodann wieder sicher in Dübendorf. «Es ist recht beeindruckend, dass eine solche Tour alleine bewältigt wurde», sagte der Berufspilot Fabian Fusina, der so die Leistung des jungen Fliegers anerkannte.



Pilot Carlo Schmid (rechts) bei seinem Referat vor den Studentenverbindungen Commercia und Scaphusia.
Bild Christoph Merli

#Allgemeines

4. März 2013 | Musikspektakel an der Kantonsschule

Schaffhauser Nachrichten
Julian Schärer

Für das Bandkonzert, das an der Kantonsschule schon zu einer gewissen Tradition geworden ist, hat sich Leiterin Christiane Mathé einmal mehr einiges einfallen lassen. Das diesjährige Programm umfasste Interpretationen von insgesamt 16 Songs, die von fünf Bands aller Altersstufen während der letzten Monate fleissig eingeübt wurden. Jazz, Rock, Pop, neuere Lieder oder grosse Hits der Musikgeschichte.
Eingeläutet wurde der Abend in der Aula durch «Hard Day’s Night» von den Beatles, vorgetragen von der jüngsten Band. Dem sechsköpfigen Ensemble war zu Beginn die Nervosität noch sichtlich anzumerken, doch bereits mit dem darauf folgenden «All I Have to Do Is Dream» der Everly Brothers hatte sich die Aufregung gelegt – den Newcomern gelang eine spürbare Steigerung. Nachdem auch «Hit the Road Jack» mit einem Applaus belohnt worden war, stand der Auftritt der zweiten Band an. Diese brachte mit den 2011 erschienen «We Are Young» von Fun und «Long Way» von 77 Bombay Street neue, moderne Elemente ein. Insbesondere der Einsatz einer Trompete verlieh den Interpretationen zusätzlichen Pepp. Gleich im Anschluss war die Bühne frei für das grösste Ensemble des Abends – zu acht wurde gleich mit einem absoluten Evergreen losgelegt, «Hotel California» der Eagles. In Anbetracht des jugendlichen Bandalters war das Zusammenspiel erstaunlich ausgefeilt. Das Kunststück, ein ansonsten schon derart ermüdend oft gehörtes Lied nochmals in jeder Hinsicht bühnentauglich zu machen, gelang vorzüglich. Hervorzuheben sind auch die gesanglichen Leistungen der beiden Vocals Cindy Manser und Jan Scheuermeier, die beim umgehend folgenden «I’ve Got You Under My Skin» von Cole Porter sogar noch einen drauflegten und eine starke Performance zeigten. Stings «Englishman in New York» wurde dann erst recht zur Kür für die nunmehr als Solistin agierende Cindy – ihre bereits so ausgereift anmutende und facettenreiche Stimme sorgte für einen ersten Höhepunkt des Abends. Mit der vierten Band kam danach ein Instrumental-Quartett zum Einsatz, das mit Stücken von Wes Montgomery, Earle Hagen und Lee Ritenour richtiggehend ein Jazzfeeling aufkommen liess: Nichts Überhastetes, kein Vocal oder Head-Gitarrist, der das Rampenlicht auf sich zu ziehen versucht hätte. Im Gegenteil, man hätte sich zuweilen gewünscht, dass der eine oder andere noch etwas mutiger, energischer aufgetreten wäre. Fulminant war dann der Einstieg der letzten Band: Lukas Heieck am Keyboard und Bassist Linus Zimmermann deuteten sogleich an, wie viel Talent in diesem Ensemble steckt. Gitarrist Jonas Brugger überzeugte mit filigranen, technisch sauberen Soli – was von den Anwesenden spontan mit einem Applaus belohnt wurde. Derweil harmonierten Roger Thöni am Sax und Samuel Grand an der Trompete klanglich hervorragend, dank Drummer Enso Aellig zusätzlich mit fetten Beats garniert. Komplettiert wurde das Septett durch Solist Amon Rether, der vor dem abschliessenden «I Got You» von James Brown lässig-locker ein wenig mit dem Publikum plauderte und dann eine fantastische Show abzog. Seine Darbietung war indes schon beinahe tourneewürdig und setzte als Highlight des Abends einen würdigen Schlusspunkt.



Das jüngste Ensemble mit (v.l.) Janosch Bohner, Noah Näf, Nina Della Pietra, Alex Plüss, Lisa Näf und (nicht im Bild) Dominic Nakamura.
Bild Bruno Bührer

#Notizen zu Namen

26. Februar 2013 | Grenze als Gleichgewicht des Schreckens – Vortrag von Christian Birchmeier: Die Schweiz an der Waffenstillstandslinie in Korea

Schaffhauser Bock, Nr. 9, 2013
und
Boote vom Untersee und Rhein
Peter Spirig

Christian Birchmeier fungierte in Korea als Verbindungsoffizier und baute das Korea-Archiv in Bern auf. In seinem Vortrag in der Volkshochschule Stein am Rhein blendete er zu Beginn zurück ins Jahr 1953, als die ersten Schweizer Soldaten nach Seoul flogen. Direktflüge gab es nicht. Die Reise führte via Frankfurt, New York, Los Angeles, Hawai und Tokyo auf die ostasiatische Halbinsel. Die Verbindung mit der Schweiz bestand zu Beginn
aus Morsezeichen. Nach einem dreijährigen Krieg, der das Leben von 4 Millionen Menschen forderte, standen sich an der Waffenstillstandslinie Nordkorea und China sowie Südkorea und die UNO mit Soldaten aus 16 Staaten gegenüber.
Waffenstillstand kontrollieren
Vier neutrale Staaten, darunter auch die Schweiz, bildeten die «Neutral Nations Supervisory Commission». Diese hatte die Aufgabe, die Einhaltung des Waffenstillstandsabkommens zu kontrollieren. Kein einfaches Unterfangen, da es immer wieder zu Schiessereien kam. «Wir waren viel in Nordkorea, hatten aber nie Kontakt zur Bevölkerung», sagte Birchmeier. Die Kriegsparteien trafen sich zuerst zu regelmässigen Gesprächen. Doch seit einiger Zeit sind diese blockiert. Der Einsatz forderte die Schweiz auch in Sachen Uniform: Diese wurde der hohen Luftfeuchtigkeit nicht gerecht, weshalb in den 60er-Jahren «Kaki-Uniformen» angeschafft wurden.

Beim Blick auf das heutige Nordkorea war zu hören, dass die Ausrüstung der Soldaten alt, aber in grossen Massen
vorhanden sei. Was nervös mache sei die Spitzentechnologie bei Raketen.
Im vergangenen Jahr kam es zum Besuch des Korea-Archivs in Bern durch Nord- und Südkorea. Da ihre Besuche getrennt werden mussten, kam die Delegation vom Norden am Morgen, die vom Süden am Nachmittag. «Vielleicht erinnert man sich eines Tages, dass ein Volk, das gleich denkt, fühlt, schreibt und redet, einmal getrennt war», hofft Birchmeier. Doch die verwandtschaftlichen Verbindungen sterben mehr und mehr aus. Zudem gebe
es Millionen Menschen, die mit dem Unterschied von bitterarm und reich nicht zurechtkommen. Die Waffenstillstandslinie dürfte ein Gleichgewicht des Schreckens bleiben.

Kein Wachstum wegen Hunger
Christian Birchmeier freute sich über den Besuch von Walter Leu aus Unterstammheim. Dieser ist Sekretär der parlamentarischen Gruppe Schweiz-Korea und erwähnte, Projekte der Agentur für internationale Zusammenarbeit des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten in Nordkorea zu begleiten. Es handle sich um Ernährungsprojekte, die vor zwei Jahren auf Grund einer Motion von Nationalrat Gerhard Pfister eingestellt wurden. Dies mit dem Argument, es gehe nicht, dass man ein solch bösartiges Regime unterstütze. Getroffen werde jedoch das nur Volk. Dies wurde Aussenminister Didier Burkhalter mitgeteilt, doch geändert habe sich nichts. Letztmals habe eine Delegation ein Waisenhaus besucht: «Ich war erst erstaunt, dass man Vier- bis Fünfjährigen Chemie- und Englischunterricht erteilt», sagt Walter Leu. Doch es habe sich herausgestellt, dass es sich nicht um Kinder, sondern um 14- bis 15-jährige Jugendliche handelte. Weil sie in den ersten Lebensjahren dermassen
Hunger leiden mussten, wachsen sie nicht mehr. Auch die Begleiter der Delegation, die von der Regierung gestellt wurden, seien erschüttert gewesen.

#Notizen zu Namen

19. Februar 2013 | Diplomatie und Militär als eigene Welt

Es ist die letzte Grenze eines Kalten Krieges, ein 4 Kilometer breiter und 241 Kilometer langer Streifen, der die koreanische Halbinsel in der Mitte durchschneidet, ein hoch gesichertes Sperrgebiet, vermint, menschenleer, ein Naturparadies.
In diesem Niemandsland, einer sogenannten demilitarisierten Zone, waltet eine fünfköpfige Schweizer Delegation ihres Amtes. Als Militärbeobachter versuchen sie den Frieden zu sichern und die Region zu stabilisieren. Der Steiner Christian Birchmeier war in den 1980er-Jahren als Mitglied der Schweizer Militärdelegation vor Ort.

*Herr Birchmeier, Nordkorea hat seine Drohung wahr gemacht und eine Mini-Atombombe gezündet. Was kann die Schweizer Überwachungskommission für den Waffenstillstand in Korea dagegen tun?*
Die Schweizer Offiziere sind weder UNO-Blauhelme noch -Militärbeobachter (Blaumützen), denn die UNO-Flagge steht für die Allianz der 16 truppenstellenden Nationen, welche unter Führung der USA an der Seite Südkoreas
am Krieg teilgenommen hatten. Somit ist sie auf der koreanischen Halbinsel führende Partei. Das Mandat der NNSC (neutrale Überwachungskommission für den Waffenstillstand in Korea) basiert auf dem Waffenstillstandsabkommen der Kriegsparteien. Als Armeeangehörige ihres Landes haben die NNSC-Delegierten ihren militärisch-diplomatischen Auftrag transparent und unparteilich zu erfüllen.

*Und kein anderes Land der Welt ist so abgeschirmt wie Nordkorea …*
Schweden und die Schweiz sind noch vor Ort, weil sie nach wie vor ein Mandat haben. Ihre Pflicht und Aufgabe ist vor allem die Information, und seit 2005 gilt es neue Aufgaben wahrzunehmen, welche vor allem der Förderung von Transparenz und der Vertrauensbildung dienen sollen.

*Es sind jetzt schon fast 30 Jahre her, dass Sie selber in Nordkorea stationiert waren. Wie haben Sie das erlebt?*
Es wird zwar viel geschrieben über Korea. Was aber dort effektiv passiert an der Grenze vor dem Eisernen Vorhang, ist nicht zu vergleichen mit der damaligen Situation an der Staatsgrenze der DDR zur Bundesrepublik Deutschland. Wenn man sieht, was vor allem in Nordkorea effektiv passiert, so etwas kann man gar nicht in Worte fassen.

*Was war denn Ihre persönliche Motivation, diese Aufgabe anzunehmen?*
Ich war damals beruflich und familiär nicht gebunden und hatte gerade mein Studium abgeschlossen. Ich wurde angefragt, ob ich gehen möchte. Als Geograf war das für mich eine einmalige Gelegenheit, zwei Jahre im diplomatischen Dienst arbeiten zu dürfen. Wir hatten Einblick in Dinge, die man als Normalsterblicher gar nicht einsehen kann. Die Diplomatie und das Militär sind diesbezüglich eine Welt für sich.

*Würden Sie nochmals gehen, wenn Sie jetzt wieder angefragt würden?*
(Ohne zu zögern) Sofort, doch bin ich heute familiär und beruflich gebunden. Das Erlebnis Korea ist in jeder Beziehung etwas Einmaliges.

*Ihre Aufgabe bestand darin, als neutraler Beobachter vor Ort Dienst zu leisten?*
Ursprünglich zählten die Waffenstillstandsüberwachung der beiden Kriegsparteien China und Nordkorea sowie Südkorea, Amerika und die UNO als Kriegspartei zu unserer Aufgabe. Früher konnte man die Waffenein- und -ausfuhr an bestimmten Punkten kontrollieren, was heute nicht mehr möglich ist.

*Konnte man sich als Schweizer im Land überhaupt frei bewegen?*
Wir NNSC-Offiziere waren die Einzigen, die sich jederzeit, also Tag und Nacht, zu den Hauptquartieren in Nord- und Südkorea frei bewegen konnten. Wir waren willkommen, reisten herum und wurden eingeladen, was heute nicht mehr möglich ist. Dadurch haben wir auch viel mitbekommen. Es war aber nicht an uns zu entscheiden, was richtig oder falsch ist. Wir wurden gerufen, um zu vermitteln, wenn es beispielsweise Grenzzwischenfälle gab.

*Bestehen heute noch Verbindungen aus dieser Zeit?*
Ja, vor allem zu Freunden aus der Botschaft, zu Offizieren oder zu Südkoreanern.

*Auch persönliche Treffen?*
Weil die Delegation und ich selber dieses Jahr 60 Jahre alt werden, reise ich im Herbst noch einmal nach Korea. Ich war 1998 zum letzten Mal dort und habe es erlebt, wie wenn es gestern gewesen wäre. Das wird bestimmt eine emotionale Angelegenheit.

*Am Freitag halten Sie einen Vortrag über die Waffenstillstandskommission. Werden Sie auch über die heutige Lage in Nordkorea sprechen?*
Aufgrund mir vorliegender Informationen werde ich die heutige Situation in menschlicher, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht aufzeigen. Ich werde auch das Land vorstellen, damit die Zuhörer auch geografisch eine Ahnung davon bekommen, und erklären, wie es zum Krieg gekommen ist. Schliesslich ist es auch interessant zu wissen, was wir als neutrales Land dort verloren haben und was genau die Aufgaben der Militärdelegation sind.


**Zur Person**
Christian Birchmeier (60) schloss nach dem Schaffhauser Primarlehrerpatent seine Studien in Geografie, Geologie, Biologie, Schweizer Volkskunde und neuer Geschichte an der Uni Zürich als dipl. Geograf phil. II und später noch als dipl. Berufsschullehrer für Allgemeinbildung ab. Als Oberst war er bis zur Umteilung in den Armeestab zum militärhistorischen Dienst 1. Nachrichtenoffizier des Artillerieregiments 6 und Mitglied der Militärdelegation in Korea. Er ist verheiratet und wohnt mit seiner Familie in Stein am Rhein.


**Schweizer Delegation: Ausharren an der letzten Grenze des Kalten Krieges**
Seit 1953 leisten Schweizer Offiziere in der neutralen Militärdelegation der NNSC (Neutral Nations Supervisory Commission) an der Waffenstillstandslinie in Panmunjom (Korea) Militärdienst.
Am Morgen des 27. Juli 1953 wurde nach 573 Sitzungen der heute noch gültige Waffenstillstand zwischen den beiden Koreakriegsparteien am 38. Breitengrad in Panmunjom unterzeichnet. Damit endete der am 25. Juni 1950 durch den Angriff der kommunistischen Verbände Kim II Sungs aus Nordkorea über den 38. Breitengrad begonnene Koreakrieg gegen Südkorea. China unterstützte mit etlichen Divisionen der Volksarmee den nordkoreanischen Feldzug. Mithilfe der international zusammengesetzten UNO-Streitkräfte aus 16 Nationen unter dem Kommando des amerikanischen Generals Mac-Arthur war es gelungen, den nördlichen Aggressor wieder hinter den 38. Breitengrad zurückzuwerfen.
Die Bilanz des Krieges war erschreckend: die Nordkoreaner hatten rund 1 Million Tote und Verletzte zu beklagen, die Chinesen weitere 740 000. Die Südkoreaner zählten 833 000 Tote und Verletzte, die USA 130 000, die übrigen UNO-Nationen 15 000. Von den rund 30 Millionen Zivilisten auf der koreanischen Halbinsel waren fast 1 Million tot und gegen 1,5 Millionen verletzt. Das Land war total zerstört und in die Steinzeit zurückgebomt worden.
Das Waffenstillstandsabkommen führte zur Schaffung von zwei Kommissionen: die Militärische Waffenstillstandskommission, in der sich die verfeindeten Parteien bei Vertragsverletzung jeweils am grünen Tisch in Panmunjom zu direkten Gesprächen auf höchster militärischer Ebene einfanden, und die NNSC zur Überwachung des Waffenstillstands. Die ursprünglich aus vier Delegationen bestehende NNSC (Schweizer, Schweden, Polen und Tschechoslowaken) wurde im Zusammenhang mit dem Waffenstillstand als Waffenstillstands-Überwachungsorgan ins Leben gerufen. Bereits am 1. August 1953 trafen die ersten Schweizer Offiziere in Korea ein.
Zu Beginn der Mission bestand die Schweizer Delegation aus rund 100 Mitgliedern, und für die Neutrale Repatriierungskommission (NNRC Heimschaffungskommission für Kriegsgefangene) waren 50 Mann aus der Schweiz eingesetzt. Ihre Tätigkeit dauerte vom 10. September 1953 bis zu deren Auflösung am 21. Februar 1954. Die NNSC hingegen blieb. Ihr Bestand wurde bereits ab Mitte Juni 1956 auf 14 Mann – in den späteren Jahren dann immer weiter zurück bis auf den heutigen Bestand von 5 Offizieren (seitens der Schweiz) – reduziert. Aus militärpolitischen Gründen haben die Nordkoreaner in den 1990er-Jahren die Polen und Tschechen des Landes verwiesen, sodass heute nur noch die Delegationen aus der Schweiz und Schweden in Panmunjom anwesend sind.
(chb/Sr.)



Christian Birchmeier beobachtet im Sommer 1985 als Oberleutnant die Waffenstillstandszone in Panmunjom (Korea).
Bild zvg