Kurt Bächtold zum Neunzigsten – Ein aussergewöhnlicher Zeitzeuge wird 90

Schaffhauser Bock
René Steiner

Der Wohnsitz der Familie liegt seit Jahrzehnten am Schaffhauser Vögelingässchen direkt über dem naturnah belassenen Rhein. Ein Privileg. Aber eine Vorzugslage, die erarbeitet ist. Kurt Bächtold war der Erste, der gegen die Hochrheinschifffahrt wirksam die Sturmglocken läutete. Und er wirkte in den vorderen Reihen mit, als es darum ging, die Rheinlandschaft beim Schaarenwald gegen den dort geplanten Nationalstrassenbau zu schützen.

Der 1918 in Merishausen geborene Lehrerssohn war Journalist, wurde Politikerund bleibt bedeutendster Lokalhistoriker und Schriftsteller. In mehr als einer dieser Sparten wurde er durch den Historiker Dr. Karl Schib, seinen Kantonsschullehrer, geprägt. Von diesem bekam er auch die Anregung zu seiner Doktorarbeit der Philosophie: «Verwaltung des Stadtstaates Schaffhausen zwischen Reformation und Revolution». Damit war ein publizistischer Schwerpunkt gesetzt. Bächtold ergänzte die vermehrt stadtorientierten Lokalhistoriker Karl Schib und Carl August Bächtold mit Arbeiten zur Geschichte der Schaffhauser Landschaft. Unter den über 1200 Titeln seiner Bibliographie fallen über ein halbes Dutzend Gemeindegeschichten besonders ins Gewicht. Neben verschiedenen Chroniken oder Vereinsgeschichten fallen in seinen Werken Arbeiten über Carl August Bächtold und insbesondere auch seine Jugendnachbarin Ruth Blum in Wilchingen auf. Der dortige Gemeindehausplatz mit dem Dreigestirn Hallauer-Blum-Bächtold muss publizistisch besonders anregend gewirkt haben. Der Osterfinger Kurt Bächtold bekam 1989 von der Gemeinde Wilchingen das Ehrenbürgerrecht verliehen.

Das eindrückliche gedruckte Werk, das den Tag überdauert, soll und darf aber das «Tagesgeschäft», nicht vergessen lassen. Statt einem Eintritt in die Basler Chemie dauerte ein als Volontariat geplanter Kurzaufenthalt bei den «Schaffhauser Nachrichten» mehr als zwei Jahrzehnte: K.B. war ab 1947 zunächst Lokal-, dann Inland- und schliesslich bis 1968 Auslandsredaktor an der Vordergasse. Nachher betreute er anderthalb Jahrzehnte die Stadtbibliothek, ergänzte sie mit der Freihandbibliothek in der Agnesenschütte und.bearbeitete die Johannes- und Georg von Müller-Nachlässe.

Es mag noch in der Lokalredaktion gewesen sein, als K.B. den Widerstand gegen das neu geplante Kraftwerk Rheinau in den grösseren Zusammenhang mit der Hochrheinschifffahrt stellte. Er forderte damals schlicht den Rücktritt des gesamten Schaffhauser Regierungsrates, welcher im Gegensatz zur bürgerlichen Jugendbewegung die Hochrheinschifffahrt als Wirtschaftsmotor befürwortete: Krach mit der freisinnigen Stadtpartei und Rücktritt aus dem städtischen Parlament! Doch die Generation um Bächtold hatte die Umwelt- und Naturschutzbewegung in den Fünfzigerjahren richtig vorausgesehen. Als 1961 für einen heftig umstrittenen Wahlgang ein Ständeratskandidat benötigt wurde, nominierte der Schaffhauser Freisinn den damaligen Auslandsredaktor des Intelligenzblattes. K.B. gewann und packte am 6. März 1961erstmals seine Berner Koffer. Knapp drei Jahre darauf folgte bei der Bauernpartei der Steiner Stadtpräsident Konrad Graf erstmals dem Hochrhein-Schifffahrer Ernst Lieb in den Ständerat. Während 16 gemeinsamen Jahren wirkte das schon fast legendäre Natur- und Umwelt-Duo Bächtold-Graf im «Stöckli» als weitgehend ungeteilte Schaffhauser Standesstimme. Ein Parlamentskollege wies bei ihrem Rücktritt darauf hin, dass er sich nur an eine unterschiedliche Stellungnahme in einer grundsätzlichen Frage erinnern könne: Bei der sogenannten «Burgdorfer-Initiative» auf 12 autofreie Sonntage sagte der radikalere Graf «Ja», während der liberaler gesinnte Bächtold sie ablehnte.

Kurt Bächtold wirkte während seiner Berner Zeit ausserdem etliche Jahre im Strassburger Europarat und einige Jahre in der Interparlamentarischen Union mit. Für das Jahr 1974 wählte ihn der Ständerat mit glänzender Stimmenzahl zum fünften Schaffhauser Ratspräsidenten seit der Bildung des Bundesstaates im Jahre 1848. Als die beiden ehemaligen Kantonsschulkollegen im Jahre 1978 gemeinsam zurücktraten, würdigte der Regierungsrat ihr weitgehend gemeinsames Wirken mit einer besonderen Geste: Die beiden «Standesvertreter wurden durch den Regierungspräsidenten mit einer Trachtengruppe in Bern abgeholt.

Persönlich bin ich dem Jubilar erstmals vor 45 Jahren begegnet: Er war damals engagierter, landschaftsorientierter Gegner, ich Befürworter der Eingemeindung von Herblingen. 1978 habe ich ihn eingeladen, als Autor am damals neugegründeten «Schaffhauser Magazin» mitzuwirken. Er musste contre coeur absagen. Sein Stammverleger, der Verlag der «Schaffhauser Nachrichten», drohte mit einer Sperrung: Schaffhauser «Hallstein-Doktrin» haben wir das unliberale Gebaren schon damals genannt. Fünf Jahre später sagte er uns für das Heft mit dem Titelthema über seine Heimatgemeinde Wilchingen zu. Ich erinnere mich noch exakt an seine Stellungnahme: «Wenn das die Leitung der ‘Schaffhauser Nachrichten’ und der ‘Meierei’ nicht begreift, dass ich als Wilchinger hier mitarbeiten muss, kennen sich diese Leute in der Psyche der Schaffhauser nicht aus.» Seit da hat Kurt Bächtold im «Magazin» unter meiner Verantwortung fast 250 Beiträge geschrieben. Bei den «Schaffhauser Nachrichten» blieb er gesperrt… Der Vorgang ist symptomatisch, aber von grundsätzlicher Bedeutung. Unsere direkte Demokratie hat eine weitgehend exakte Gewaltenteilung Volk-Exekutive- Legislative und richterliche Kompetenz. Aber die informativen Kräfte, die Medien, werden zunehmend verfilzt.

Gottfried Keller, Politiker als Erster Staatsschreiber des Kantons Zürich und weitbekannter Schriftsteller, feierte einen hohen runden Geburtstag auf dem Bürgenstock. Er trug sich unter falschem Namen in die dortige Hotelliste ein. Er wurde entdeckt, Und beim Frühstück durch die Stadtmusik überrascht… Jetzt ist es auf dem Bürgenstock unwirtlich. Kurt Bächtold, der vor zwei Jahren den Tod seiner Frau, Rös Bachtold-Egloff, zu beklagen hatte, verreist für die Tage vor und nach dem 13. November mit seinen vier Kindern nach Paris, einem seiner Studienorte. Unsere besten Geburtstagswünsche begleiten ihn.