Schaffhauser Bock
Jurga Ruesch
Der Australier Neville Tranter verbreitete mit «Schicklgruber alias Hitler» mit teils makabren Dialogen und ausdrucksstarkem Spiel Gänsehaut und brachte die erstarrten Gemüter der Zuschauer dann doch immer wieder zum Lachen. Worüber wurde gelacht? Der Galgenhumor gepaart mit starker schauspielerischer Leistung über die geschichtlichen Ereignisse, die alles andere als erfreulich waren, gewannen am Ende an aussagestarken Botschaften, in dem jeder einzelne Charakter mit den eigenen Ängsten im Angesicht des nahenden Todes konfrontiert wurde. Neville Tranter gründete das Stuffed Puppet Theatre 1976 in Australien. Nachdem er 1978 am Festival of Fools in Amsterdam aufgetreten war, übersiedelte er in die Niederlande, wo er seither sein Puppentheater für Erwachsene weiterentwickelt hat. Mittels teilweise lebensgrosser, sprechender Puppen konfrontiert er sein Publikum mit dessen ureigenen Ängsten und Träumen, Bedürfnissen und Wünschen auf eigenartig grausame und erbarmungslose, zugleich aber auch poetische Weise. Tatort: Berlin, der 20. April 1945. Man ist bemüht, im dunklen und dreckigen Bunker den 56. Geburtstag von Adolf Hitler mit viel Speis und Trank zu feiern. Die Telefonverbindungen fallen aus. Draussen tobt der Krieg. Schüsse im Hintergrund. Hitler geht früh zu Bett und ärgert sich, dass auf der Geburtstagtorte nur eine Kerze brennt. Das Ende naht und diese Tatsache, dass die Zeit der Nazis vorbei ist, ist allen Beteiligten bewusst. Das Zyankali steht schon bereit.
**Der Tod unterbricht die Dialoge**
Genau das ist der Moment, als Neville Tranter mit seinen Puppen die Atmos-phäre zu hinterfragen beginnt. Ein unerträgliches Schweigen auf der Bühne, eine Kerze wird angezündet, Drapierungen werden von den Puppen entfernt. «It’s just not fair», protestiert die Puppe, die Rolle von Adolf Hitler zu übernehmen. Lieber möchte sie die Rolle des Joseph Goebbels oder Eva Braun spielen. «Ich bin ein Profi», sagt sie schlussendlich und bekommt den Adolf-Hitler-Schnauz. Neville Tranter schlüpft in die Rolle von Hitlers Adjutanten Heinz Linge. Der Showmaster in Gelb, der Tod, unterbricht mit seinen Auftritten immer wieder die Dialoge in dem er «it’s magic time!» ruft. Der Tod versucht einen Vogel aus dem Hut zu zaubern und am Ende zieht er einen Pleitegeier heraus. Joseph Goebbels und Eva Braun unterhalten sich über Trivialitäten, der kleine Helmut Goebbels kommentiert das Lied «Der Mond ist aufgegangen» und schenkt seinem Vater keine Aufmerksamkeit. Eva Braun wünscht sich Kinder. Sie hat ein Hochzeitskleid an. Hermann Göring singt vor Freude, weil er die Gunst des Führers wiedererlangt hat.
**Kein Mitleid mit den Charakteren**
Hitler begegnet dem Tod. Der kleine Helmut träumt, er sei gestorben und erwacht voller Angst. Joseph Goebbels versucht den Führer zu überzeugen, dass er noch einmal zum Volk spricht. Aber Hitler schweigt. Eva Braun hat ihr Ziel erreicht. Sie ist Frau Hitler. Heinz Linge erhält den Auftrag, die sechs Kinder von Goebbels zu töten. Eva Braun und Joseph Goebbels sterben. Hitler und der Tod unterhalten sich. «Gott ist tot» sagt der Tod und lässt Parallelen zu Nietzsches berühmtem Zitat erahnen. Adolf Hitler will nicht sterben, worauf der Tod sagt: «I know the feeling.» Das Lachen bleibt buchstäblich im Hals stecken. Die gespielten Szenen sind beängstigend real. Das Innere der Rollen wird mit sämtlichen Abscheulichkeiten nach aussen gekehrt. Man empfindet kein Mitleid mit den Charakteren und wenn man lacht, dann nur, um das eigene Gleichgewicht wieder ins Lot zu bringen. Die Bilder haben sich auf die Netzhaut gebrannt und genau dies macht dieses Schauspiel so unvergesslich. Der Tod und die Gier nach Leben, begleitet von der Hoffnungslosigkeit, Absurdität mit Galgenhumor gepaart bleiben den Zuschauern noch lange präsent.

Neville Tranter spielt die Figuren Hermann Göring und Adolf Hitler.