Kompromissloser Kampf um den Rhein

Schaffhauser Nachrichten
Martin Schweizer

Alles begann in einem kleinen Kreis verschworener Rebellen. Sie seien gegen «die Machtpolitik des mit den Regierungen verfilzten Elektrokapitals angetreten» und dabei als «Fanatiker und Sentimentale diskriminiert» worden, schrieb Jahre später Erwin Akeret, Nationalrat und Mitbegründer des Rheinaukomitees.
So ähnlich erinnern sich auch die wenigen direkt involvierten Zeitzeugen, die man heute noch befragen kann. Gerold Meier, Hans Minder, Walter Büsch. Sie verherrlichen nichts, sind aber überzeugt, dass ihr Kampf in den Fünfziger- und Sechzigerjahren nicht vergeblich war und der Rheinaubund noch immer seine Berechtigung hat. Starke und politisch unkorrekte Worte fielen damals, nicht von Linken oder Alternativen, wie man sich denken könnte, sondern von bürgerlichen, liberalen Politikern der ehemaligen BGB und der Freisinnigen. Auch dabei: Stadtpräsident Koni Graf, Forstmeister Arthur Uehlinger, Chefarzt Armin Billeter. Es waren keine Grünen oder Umweltaktivisten im heutigen Sinn, vielmehr leidenschaftliche und heimatverbundene Naturschützer. Als im Rheinfallbecken im Januar 1951 die erste Markierung angebracht und damit sichtbar wurde, was der Bau eines Kraftwerkes in Rheinau für den Rheinfall bedeuten könnte, griff auch Kurt Bächtold zu einem beherzten Aufruf zur Feder: Der Bau eines Kraftwerkes beim Benediktinerkloster Rheinau sei «die grösste Kulturschande, die bei uns seit langer Zeit begangen wurde», schrieb der später für die FDP in den Ständerat gewählte junge Redaktor am 22. Januar 1951 in den «Schaffhauser Nachrichten». Die Profile der Bauherrschaft zeigten, dass der Rheinfall zwei Meter Fallhöhe verlieren würde. Das Rhein-fallbecken mit seinen «herrlich bewegten Wasser- und Widerwasserströmen wird sich in einen ruhenden Teich verwandeln», befürchteten Bächtold und seine Mitstreiter. Und der Kampf begann – mit einer gross angelegten Unterschriftensammlung und einer Petition an den bis zuletzt unnachgiebigen Bundesrat. Mit machtvol- len und dennoch friedlich verlau- fenen Volkskundgebungen, an denen jeweils 10 000 und 15 000 Bürger teilnahmen. Zwei auf eidgenössischer Ebene von den Gegnern des Kraftwerkes lancierte Volksinitiativen folgten 1954 und 1956 und wurden im Kanton Schaffhausen angenommen, in der übrigen Schweiz aber deutlich abgelehnt. Schon damals operierten die Befürworter mit Stromengpässen. Auch der fast gleichzeitig geführte Kampf um das Kraftwerk Spöl im Nationalpark war vom «Hunger nach elektrischer Energie» geprägt. Der massive Widerstand gegen das Kraftwerk Rheinau galt trotz der Abstimmungsniederlagen als Signal und in der Schweiz als eigentliche Wende im Natur- und Umweltschutz. Schon wenige Jahre nach der Gründung des Rheinaubundes wurde in der Bundesverfassung ein griffiger Natur- und Heimatschutzartikel verankert. Denkwürdig bleibt der Einsatz gegen die Hochrheinschifffahrt und gegen das geplante Regulierwehr bei Hemishofen. Wie bei Rheinau, als es primär um die Schonung von «Naturschönheiten» ging, protestierten im März 1969 Tausende Demonstranten bei strömendem Regen gegen die NOK-Pläne und für die Erhaltung der «schönsten Stromlandschaft des Hochrheins». Der jetzt jubilierende Rheinaubund lebt bis heute von seiner heroischen und bewegten Geschichte. Die streitbare Bewegung mit ihren in die Jahre gekommenen oder verstorbenen Idealisten hat sich inzwischen allerdings zu einer sachlich orientierten Umweltorganisation geläutert. Konfrontation war gestern, auch aus Sicht der nachfolgenden Generation zwar durchaus notwendig, nur so kamen damals Debatten in Gang. Doch die heute aktiven Mitglieder befinden sich Jahrzehnte danach in einer ganz anderen Situation, bevorzugen konstruktive Gespräche, fachliche Begleitung in Arbeitsgruppen. Im Zentrum ihre Tätigkeit steht indes nach wie vor das Engagement für Gewässer, für Bäche, Flüsse, Moore. Für Renaturierungen oder Projekte wie VivaRiva; Lehrer können im Rahmen ihres Unterrichts für einen Erlebnistag in der Natur ein Team von Experten beim Rheinaubund buchen. Im Vordergrund steht die Faszination für den Lebensraum Wasser. Wasser: Das Thema ist unerschöpflich, der Rheinaubund wird es auch an seinen kommenden Jubiläumsveranstaltungen aufgreifen. Gestartet wird am 7. Mai – am Rheinfall, wo sonst.


**Rheinaubund Schaffhausen ist nach wie vor Sitz und Herz der Bewegung**

*Liberale Politiker sprachen damals von «Kulturschande» und engagierten sich für die Rheinlandschaft*

Stefan Kunz ist Dozent an den Abteilungen für Landschaftsarchitektur und Raumplanung an der Hochschule für Technik Rapperswil und seit Ende 2009 als Nachfolger von Ruedi Schneider Geschäftsführer des Rheinaubundes.

*Aus einer Volksbewegung gegen den Bau des Kraftwerkes Rheinau und für den Schutz des Rheinfalls entstand im März 1960 der Rheinaubund, angeführt damals von Persönlichkeiten wie Walter Büsch, Arthur Uehlinger, Kurt Bächtold, Koni Graf, Gerold Meier, Hans Blum, den «Grünen» der ersten Stunde.*
Stefan Kunz: Es war zunächst weniger eine Umwelt- als eine Heimatschutzbewegung, die Männer kämpften für ihr «Heiligtum» Rheinfall, wie Gerold Meier noch heute sagt. Und sie feierten ihren Kampf mit der späteren Einführung des Heimat- und Naturschutzgesetzes als Erfolg. Faszinierend bleibt, dass es bürgerlich-liberale Kreise waren, die sich damals so vehement für den Naturschutz starkgemacht haben.

*Der Rheinaubund ist längst gesamtschweizerisch tätig. Wo und wie setzt die Organisation ihre Schwerpunkte? Welche Projekte hat sie, kurz gesagt, in den vergangenen Jahren erfolgreich begleitet, welche sind zurzeit aktuell?*
Der Gewässerschutz zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Rheinaubundes. Der Einsatz für Gewässer spiegelt sich auch in unserem Leitbild wider. Punktuell spannen wir auch mit anderen Verbänden zusammen. Im Prinzip sind wir aber regional verankert, in der Nordostschweiz. Wir begleiten beispielsweise die Thur-auensanierung oder arbeiten mit dem Schaffhauser Kraftwerk zusammen, das sich sehr um Renaturierungen und naturnahe Uferverbauungen bemüht. Wichtig für uns ist zurzeit auch die Frage des Restwassers bei Rheinau, laut Gewässerschutzgesetz müsste das Kraftwerk bis 2012 seine Restwasserstrecken ökologisch aufwerten. Von der Umsetzung dieser Forderung sind wir in der ganzen Schweiz aber noch weit entfernt.

*Der Rheinaubund bezeichnet sich als «Anwalt» der Gewässer, er sei national mit 20 weiteren Organisationen zur Verbandsbeschwerde legitimiert. Sind im Moment Beschwerden hängig? Und wer beim Rheinaubund bestimmt, wann ein Rechtsmittel ergriffen wird?*
Beschlüsse fällt der Vorstand aufgrund eines Katalogs von Kriterien. Zurzeit ist keine Beschwerde hängig.

*Liegt aber eine in der Luft?*
Bei der Restwasserfrage in Rheinau könnte es theoretisch in ein bis zwei Jahren so weit kommen.

*Von den Rebellen der Fünfzigerjahre sind aber doch eher brave Enkel übrig geblieben.*
Tatsächlich gewichten wir die reine Facharbeit etwas höher als früher. Wir machen zwar nicht einfach Kompromisse, sind manchmal durchaus auch bissig. Aber wir wissen aus Erfahrung, dass sich die auf Sachkenntnis beruhende Kooperation lohnt. Deshalb sind wir in vielen Arbeitsgruppen tätig. Erfreulich gut laufen auch unsere Wassererlebnistage VivaRiva; in acht Kantonen konnten wir letztes Jahr mit 1200 Lehrern und Schülern 50 Veranstaltungen durchführen.

*Im 20 Mitglieder umfassenden Vorstand des Rheinaubundes finden wir nur gerade einen Schaffhauser: Hans Minder als Revisor.*
Ein Zufall in der jetzigen Übergangsphase. Das wird sich sicher wieder ändern, denn der Sitz und das Herz des Rheinaubundes befinden sich nach wie vor in Schaffhausen.

Interview Martin Schweizer

Ende Januar 1952 zogen 10 000 Demonstranten nach Rheinau. Im August versammelten sich erneut 15 000 Bürger.
Bilder zvg