Mit Ethikunterricht gegen Abzockertum

Schaffhauser Nachrichten, Region
Erwin Künzi

Im September 2008 musste in New York die Investmentbank Lehman Brothers Konkurs anmelden, womit die globale Finanzkrise eingeläutet wurde und die Diskussion um abzockende Banker weltweit begann; in Schaffhausen nahm zur gleichen Zeit an der Kantonsschule eine von der Schulleitung eingesetzte Arbeitsgruppe, die sich aus aktiven und ehemaligen Schülerinnen und Schülern sowie aus Lehrkräften zusammensetzte, ihre Arbeit auf. Sie hatte den Auftrag abzuklären, wie die Bereiche Ethik und Politische Bildung besser im Unterricht verankert werden könnten. Die beiden Ereignisse in New York und Schaffhausen hatten insofern einen Zusammenhang, als das eine das andere bedingte. Bereits im Jahr zuvor, 2007, hatte Thomas Cerny, damals noch Kantonsschüler, sich in einem Artikel im «Kanti-Bulletin» Gedanken darüber gemacht, dass an der Kantonsschule nicht nur Fachwissen unterrichtet werden sollte, sondern auch der verantwortungsvolle Umgang damit im späteren Leben. In einem Grundsatzpapier, das er später für die AG schrieb und das den SN vorliegt, formulierte er folgende Fragen: «Doch genügen ausgezeichnete berufliche Fähigkeiten, um für gesellschaftsrelevante Entscheidungen gewappnet zu sein? Was sind die Voraussetzungen für einen vernünftigen Entscheid? … Was aber macht jenes Ganze aus? Welche Dinge muss man mit einbeziehen? Hat der Kantonsschulabsolvent – zumindest ansatzweise – Antworten auf diese Fragen? Oder, grundlegender noch, ist er sich beim Verlassen der Kantonsschule dieser Fragen überhaupt bewusst?»
Dass solche Fragen auch andere Schülerinnen und Schüler beschäftigten, zeigte das Echo auf den Artikel im Jahr 2007. Es entstand eine Gruppe, die sich des Themas annahm (siehe auch Artikel auf dieser Seite), aktiv wurde und schliesslich, wie gesagt, im Herbst 2008 offiziell installiert wurde. «Seither erfolgt an der Kantonsschule eine ständige Auseinandersetzung mit der Frage, wie und in welchem zeitlichen Rahmen man den Schüler vermehrt dazu anregen kann, seine Handlungsfreiheit in den Bereichen des Zusammenlebens als Mensch (Ethik) und des Zusammenlebens als Bürger (Politische Bildung) zu begreifen und zu ergreifen», heisst es dazu in dem Papier. Die AG kam zum Schluss, dass der Ausgangspunkt zu einer Beschäftigung mit diesen Fragen die Persönlichkeit jedes Einzelnen sei: «Denn nur die eigene, selbst reflektierte Persönlichkeit kann das integrative Element sein, welches die einzelnen fachlichen Fähigkeiten zu einer ganzheitlichen Sicht verknüpft. Für die Erarbeitung dieser Sicht in der Auseinandersetzung mit sich selbst sollte mehr Zeit eingeräumt werden.» Wie diese Auseinandersetzung konkret erfolgen soll und wie zudem neben der Vermittlung von Fachwissen auch ethische Fragen in den Unterricht integriert werden sollen, das soll mit Hilfe von Versuchen herausgefunden werden. «Meistens gibt es nicht von vornherein die ideale Musterlösung; man soll ausprobieren dürfen, um sich von einer Sache überzeugen zu können. Gleichzeitig will der Versuch durchdacht, gut geplant und – wenn möglich – zuerst in kleinerem Rahmen durchgeführt werden. …. Vor diesem Hintergrund nun kommt der Kantonsschule Schaffhausen eine Pionierrolle zu, denn sie kann genau dieses überlegte Ausprobieren leisten und dadurch möglicherweise als Wegbereiterin für eine erfolgreiche Weiterentwicklung dienen.» Im Idealfall, so heisst es in dem Grundlagenpapier, können die Diskussionen im Klassenverband dazu führen, dass gemeinsame Wertegrundlagen entwickelt werden. «Und das ist etwas, was wir gerade heute in den Zeiten der sogenannten Wertekrise brauchen – neben richtig verstandener Freiheit und der dazugehörenden Verantwortung als Voraussetzungen für eine funktionierende freiheitliche Gesellschaft» ist dazu abschliessend in dem Papier zu lesen. Im Gespräch mit den SN machte Thomas Cerny, der heute 21 Jahre alt ist und nach einem Jahr Studium der Politikwissenschaft in England zurzeit in Zürich Medizin studiert, weitere Ausführungen zum Thema. «Mit der Bildung soll man auch vermittelt bekommen, dass man sich mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten in einem gesellschaftlichen Kontext bewegt, der gegeben ist durch das Spannungsfeld zwischen individuellem Leben und der komplex verknüpften Gemeinschaft. Geschieht dies nicht, passiert das, was wir heute mit der sogenannten Abzockerei erleben.» Der Gang an die Öffentlichkeit sei durch die aktuelle Diskussion zu den Wahlpflichtfächern bedingt. «Wir wollten einen Pflock einschlagen mit dem Ziel, dass Ethik und Politische Bildung, die nicht mit der Staatskunde verwechselt werden dürfen, im Unterricht mehr Gewicht erhalten und Versuche in diese Richtung stattfinden können.» Einen ersten Erfolg kann die AG bereits verbuchen: Ab 2011/12 wird die Ethik aufgewertet (siehe Artikel auf dieser Seite).


**Ethik und Politische Bildung**
Was bisher an der Kantonsschule geschah und noch geschehen wird

Seit Herbst 2008 existiert an der Kantonsschule Schaffhausen eine Arbeitsgruppe, welche im Auftrag der Schulleitung die Frage prüft, wie die Bereiche der Ethik und der Politischen Bildung im bestehenden Fächerkanon stärker und gezielter gefördert werden können. Die gleichnamige Arbeitsgruppe «Ethik und Politische Bildung» geht auf eine Initiative von aktiven und ehemaligen Schülerinnen und Schülern zurück, die aus alltäglichen Beobachtungen innerhalb und ausserhalb des Schulbetriebs den Bedarf für ein eigenständiges Fach Ethik und Politische Bildung feststellten.
Sie wandten sich hierauf an Lehrpersonen, von denen sie annehmen konnten, dass sie ein solches Projekt unterstützen würden, und stellten dieses an einer Lehrerkonferenz vor. Daraufhin erhielt die Gruppe aus Lehrern und Schülern den Auftrag, Perspektiven und Möglichkeiten zu erarbeiten und der Lehrerschaft sowie der Schulleitung in geeigneter Form zu präsentieren. Inzwischen ist einiges geschehen: In einer ersten Phase ging es darum, Informationen und Erfahrungen zu sammeln und auszuwerten. Hierzu besuchte die AG die Kantonsschule Solothurn, wo Ethik als eigenständiges und verbindliches (promotionsrelevantes) Fach unterrichtet wird; man lud Referenten zum Thema an die Kantonsschule ein, führte unter allen fortgeschrittenen Kantonsschulklassen eine Umfrage durch und verfolgte die Entwicklung im gesamten deutschsprachigen Raum aufmerksam. Die Resultate, Diskussionen und Auswertungen führten zur Überzeugung, dass ein eigenständiges Fach in den Bereichen Ethik und Politische Bildung nötig ist, und mündeten unter anderem in einen 60-seitigen Bericht. Aktuell wird die Teildisziplin Ethik innerhalb des Fachs Deutsch – ausgehend von der Literatur – in drei Klassen erprobt. Im Sommer werden erste Resultate vorliegen, welche die nächsten Schritte bestimmen. Einer dieser Schritte steht von Seiten der Schulleitung bereits heute fest: Ab dem Schuljahr 2011/12 müssen sich die Schülerinnen und Schüler der 4. Klassen für ein interdisziplinäres Angebot als kantonales Wahlfach entscheiden. Während eines Jahres wird in drei Lektionen pro Woche ein Thema, das zwei verschiedene Fächer betrifft, interdisziplinär behandelt. Wie Prorektor Pasquale Comi erklärte, macht eine Einführung, die die beiden Fachlehrer im Teamteaching unterrichten, den Auftakt. Dann wird auf die beiden Fächer aufgesplittet, und zum Schluss werden die gewonnenen Erkenntnisse zusammengeführt und die Resultate präsentiert. Angeboten werden sollen rund zehn Fächerkombinationen zu verschiedenen Themen. «Da soll auch die Ethik ihren Platz haben, zum Beispiel in Kombination mit Naturwissenschaften», erläuterte Comi. Zurzeit wird das Angebot erarbeitet, das bis zum Herbst stehen soll. Die Ausschreibung erfolgt im Winter 2010/11, und die Schülerinnen und Schüler können sich bis zum Februar 2011 anmelden. Kursbeginn ist dann im Sommer 2011. Damit ist allerdings die Grundforderung der AG erst teilweise erfüllt. (Thomas Cerny/ek)


**Stichwort Ethik**

Fragestellung
Die philosophische Disziplin Ethik sucht nach Antworten auf die Frage, wie in bestimmten Situationen gehandelt werden soll – also: «Wie soll ich mich in dieser Situation verhalten?» Die einfachste und klassische Formulierung einer solchen Frage stammt von Immanuel Kant: «Was soll ich tun?» Ihre Ergebnisse bestehen in anwendbaren ethischen (beziehungsweise moralischen) Normen, die beinhalten, dass unter bestimmten Bedingungen bestimmte Handlungen geboten, verboten oder erlaubt sind. Insofern als in der Ethik nach allgemeingültigen Antworten auf die Frage nach dem richtigen Handeln gesucht wird, stellt sich die Frage nach der Möglichkeit allgemeingültiger ethischer Normen und deren Begründung. Diese Diskussion über die Grundlagen der Ethik, ihre Kriterien und Methoden, ist ein wichtiger Teil der philosophischen Disziplin Ethik.

Ziele
Die Ethik ist von ihrer Zielsetzung her eine praktische Wissenschaft. Es geht ihr nicht um ein Wissen um seiner selbst willen, sondern um eine verantwortbare Praxis. Sie soll dem Menschen (in einer immer unüberschaubarer werdenden Welt) Hilfen für seine moralischen Entscheidungen liefern. Dabei kann die Ethik allerdings nur allgemeine Prinzipien guten Handelns oder ethischen Urteilens überhaupt begründen. Die Anwendung dieser Prinzipien auf den einzelnen Fall ist im Allgemeinen nicht durch sie leistbar, sondern Aufgabe der praktischen Urteilskraft und des geschulten Gewissens. Dabei spielt für die richtige moralische Entscheidung neben der Kenntnis allgemeiner Prinzipien die Schulung der Urteilskraft in praktischer Erfahrung eine wichtige Rolle. (Quelle: Wikipedia)