Schaffhauser Nachrichten
(mrh)
Bei der Vorstellung des Referenten durfte Kreisarchivar Wolfgang Kramer auch den Präsidenten des Hegau-Geschichtsvereins, Wilderich Graf von und zu Bodmann, Nachfahre eines des bedeutendsten Adelsgeschlechter des Hegaus, begrüssen. Eine grosse Zuhörerschaft hatte sich in der Stadthalle in Singen zusammengefunden, um einen Einblick in die für den Hegau äusserst spannende, aber auch komplexe Geschichtsepoche des 15. Jahrhunderts zu erhalten.
Mit dem Ende der Staufer verschwand 1268 auch das Herzogtum Schwaben. Damit setzte eine Zersplitterung ein. Adelige, Grafen und Ritter, aber auch Städte und Klöster, versuchten ihr Territorium zu stärken und zu erweitern. Verschiedene Pestwellen führten zu einer Agrarkrise. Eine sinkende Nachfrage löste einen Preisverfall aus, welcher der Landflucht Vorschub leistete. Die zunehmend gefährdeten Herrschaftsrechte über Leute und Dörfer bedrohten die Lebensgrundlagen des Adels, die von Abgaben ihrer Untertanen lebten. Dem Fürstabt von St. Gallen versagte die Stadt die Huldigung, und die Appenzeller verweigerten ihm gar die Steuern. Die den Aufständen folgenden kriegerischen Auseinandersetzungen endeten 1403 mit dem Sieg der Appenzeller über das durch Truppen aus Konstanz verstärkte Heer des Abts bei Vögelinsegg. Herzog Friedrich IV. von Österreich, dem eigentlichen Schirmherrn der bedrohten Adeligen, gelang es nicht, die wachsenden Unruhen einzudämmen.
**Bündnis der Hegauritter**
In dieser Situation schlossen 1406 Grafen, Herren und Ritter im Hegau, an der oberen Donau und im Allgäu ein Bündnis, um die bestehende Rechtsordnung zu bewahren. Patron dieser Vereinigung von Adeligen unterschiedlichen Ranges war der heilige Georg. Trotz unterschiedlicher lokaler Bezeichnungen sprach man von der Ritterschaft St. Georgenschild. Den Rittern wurde klar, dass nur mit Unterstützung ihr Anliegen zu realisieren war. 1407 konnte die Stadt Kon- stanz für ein Bündnis gewonnen werden. Der Erfolg blieb nicht aus: 1408 erlitten die Appenzeller bei Bregenz die entscheidende Niederlage. Nun interessierte sich auch Friedrich IV. für eine Verbindung mit der Ritterschaft. 1408 kam ein Bündnis mit dem damals noch österreichischen Schaffhausen zustande. Im Jahre 1411 wurde der Luxemburger Sigmund zum deutschen König gewählt. Seit 1407 mit dem Dogen von Venedig verbündet, hoffte Friedrich vergeblich, mit der Unterstützung der Venezianer in einem Krieg Sigmund besiegen und die Königswürde doch noch erringen zu können. Mit seiner Bündnispolitik versuchte er potenzielle Gegner zu neutralisieren. Doch ein grosser Teil des schwäbischen Adels ergriff Partei für König Sigmund. Führende Köpfe der Ritterschaft wurden zu Beratern und Dienstleuten Sigmunds. Wie Peter Scheck weiter ausführte, gehörte die Überwindung des Schismas der Kirche zu den Zielen Sigmunds; seit 1409 konkurrierten sich drei Päpste. Es gelang Sigmund auf den Rat der Hegauritter, Papst Johannes XXIII. für die Einberufung eines Konzils nach Konstanz zu gewinnen. Nachdem jedoch die Chancen des Johannes sanken, entschloss sich dieser 1415 mit Hilfe Friedrichs IV. zur Flucht nach Schaffhausen. König Sigmund verhängte deshalb die Reichsacht über den Herzog und forderte die Eidgenossen zur Eroberung des Aargaus auf. Die Reichritterschaft wurde beauftragt, die österreichischen Städte, darunter das sich sofort ergebende Schaffhausen, zu erobern.
**Wirtschaftliche Blüte**
Um sich gegen Friedrich abzusichern, schlossen sich sieben Städte (zu ihnen gehörte Schaffhausen) zum Bodenseebund zusammen. Die Städte entschlossen sich zu einer weitern Zusammenarbeit mit der Ritterschaft. Mit einer gemeinsamen Übereinkunft gelang es, der Teuerung entgegenzuwirken. Während rund zweier Jahrzehnte dominierte die Ritterschaft das Geschehen um den See und ermöglichte eine Zeit der wirtschaftlichen Blüte. Dem König schwebte vor, die Städte und die Ritterschaft in Schwaben zu einem grossen Landfriedensbündnis vereinen zu können. Mit dem Tode König Sigmunds 1437 und der neuerlichen Erlangung des Throns durch die Habsburger änderte sich die politische Konstellation grundlegend. Österreich versuchte vor allem, seinen früheren Besitz wieder zurückzuerlangen. Der Adel, seit dem Tode Sigmunds seines Rückhalts beraubt, entfremdete sich den Städten und geriet in das Schlepptau fürstlicher Politik. Was Sigmund mühevoll aufzubauen versuchte, brach innert kurzer Zeit auseinander. Die Ritterschaft existierte zwar noch längere Zeit, doch hatten die Adeligen keinen politischen Einfluss mehr.