Schaffhauser Nachrichten, Regionale Wirtschaft
Philipp Lenherr
Die beiden prominenten Referenten Oswald Grübel und Rudolf Strahm sorgten am vergangenen Dienstagabend an der diesjährigen Auflage der Commercia-Wirtschaftsdebatte im Schaffhauser Haberhaus für einen besonders grossen Andrang. Die jüngsten Entwicklungen im Steuerstreit mit Deutschland verliehen dem Anlass zusätzliche Brisanz, sodass die geladenen Gäste den Aussagen der beiden profunden Kenner der Materie umso interessierter folgten.
Der Vollblutbanker Grübel, der der Branche seit seiner Ausbildung zum Bankkaufmann Anfang der 1960er-Jahre bis zum Schluss seines Berufslebens im vergangenen Herbst treu geblieben ist, und der ehemalige SP-Nationalrat und Preisüberwacher Rudolf Strahm betrachten das Thema zwar von unterschiedlichen Standpunkten aus – die Diskussion an der Wirtschaftsdebatte der Schaffhauser Verbindung der Kaufleute (siehe Kasten) ist aber sachlich verlaufen. In einzelnen Punkten waren sich die beiden Referenten sogar einig. «Mit der Zukunft ist es so eine Sache», sagte Grübel einleitend zur Fragestellung der Debatte, «Hat der Finanzplatz Schweiz noch Zukunft?». Klar geäussert hat er sich aber daraufhin zu einzelnen Aspekten des Themas. Zu reden gaben natürlich die Haftbefehle, die die Schweizer Bundesanwaltschaft gegen deutsche Steuerfahnder wegen des Ankaufs von Daten-CD erlassen hat. «Wenn die Haftbefehle rechtens sind, sehe ich nichts Falsches daran», so Grübel. «Wir haben zwei Rechtssysteme, die sich widersprechen. Beide haben recht», so Strahm dazu. «Das hat schon vor über zehn Jahren angefangen», sagte Grübel über die schleichende Erosion des Bankgeheimnisses in der Schweiz. Unsere Gesellschaft sei dabei, sich zu einer transparenten Gesellschaft zu entwickeln, stellte er nüchtern fest, und «Transparenz ist der Feind des Geheimnisses. In einer Facebook-Gesellschaft kann es keine Geheimnisse mehr geben.» Er ist überzeugt, dass viele ausländische Bankkunden ohne Bankgeheimnis ihr Geld nicht mehr in die Schweiz bringen werden beziehungsweise dass vorhandene Vermögen abgezogen werden. Die Weissgeldstrategie, von Grübel als «Unwort des Jahres» bezeichnet, sei gar nicht umsetzbar, da es weltweit so viele unterschiedliche Steuergesetze gebe, dass es unmöglich sei, den Überblick zu behalten. Wenn schon, sollte eine solche Strategie aber für alle Länder gelten, und nicht nur für Deutschland und die USA. Mit Blick auf den Steuerstreit mit Deutschland bezeichnete er es als klaren Fehler, dass die Schweiz bilaterale Verhandlungen mit einzelnen Ländern führe, anstatt mit der EU nach einer Lösung zu suchen, die für alle EU-Länder gilt. In diesem Punkt stimmte Strahm ihm zu.
**Immer nur auf Druck reagiert**
In zahlreichen anderen Punkten waren sich der ehemalige Banker und der frühere SP-Politiker nicht einig. Strahm kritisierte beispielsweise, dass die Schweiz punkto Bankgeheimnis seit Jahrzehnten immer nur auf Druck des Auslands, aber nie aus eigenem Antrieb aktiv wurde. Auch betonte er, dass die Bedeutung der Schweizer Banken, die rund sechs bis sieben Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, eher überschätzt werde. Gar nicht einig waren sich die beiden Referenten bezüglich der Kursuntergrenze des Schweizer Frankens zum Euro. Grübel bezeichnete diesen Vorgang als «unerhört» und wies darauf hin, dass durch die Abschwächung des Frankens auch «das Volksvermögen reduziert wurde», und das einzig und allein, um exportorientierten Betrieben unter die Arme zu greifen, die es versäumt hätten, sich gegen Währungsschwanken abzusichern. SP-Mann Strahm wiederum nahm die Exportindustrie in Schutz und bezeichnete die Intervention der Nationalbank als erfolgreiche Stabilisierung der Situation. Die Frage nach der Zukunft des Finanzplatzes Schweiz konnte an der Veranstaltung nicht eindeutig beantwortet werden. Strahm jedenfalls geht davon aus, dass die EU sich durchsetzen wird. «Moralisch sind wir bei der Beihilfe zur Prellung eines anderen Staates nicht im Recht», betonte er. Auch Grübel mochte in dieser Frage keinen Optimismus versprühen. Für ihn ist aber klar, dass ein Bedeutungsverlust des Schweizer Finanzplatzes Folgen für die ganze Wirtschaft hätte. Der Finanzplatz Schweiz habe dem Land seit Jahrzehnten tiefere Zinsen als in den Nachbarländern beschert. Mit diesem Vorteil könnte es bald vorbei sein.
**Commercia Schaffhausen Verbindung der Kaufleute**
Commercio et Amicitiae «Dem Handel und der Freundschaft», so lautet die Devise der 1918 gegründeten Verbindung für angehende Kaufleute. Die Verbindung zählt über 100 Mitglieder im Altherrenverband und vereinigt Absolventen der Handelsschule des Kaufmännischen Vereins sowie anderer kaufmännischer Lehranstalten. Stammlokal der Commercianer ist das Restaurant Adler in Schaffhausen. Ziele Die Commercia Schaffhausen bezweckt die fachliche und allgemeine Aus- und Weiterbildung, die Schulung rhetorischer Fertigkeit und guter Umgangsformen sowie die Förderung einer besonderen Freundschaft unter den Mitgliedern. Weiter wird die Vermittlung kameradschaftlicher Kontakte zu Angehörigen anderer Verbindungen, insbesondere im Schosse des Bremgartenkartells, gefördert.