Schaffhauser Nachrichten, Region
Mark Liebenberg
Steve Jobs präsentiert auf dem Video aus dem Jahr 2007 gerade sein erstes iPhone. Gespannt folgen die vier Teams im Raum dem Auftritt und machen sich Notizen. Zur Gestik, zur Sprache, zum Aufbau der Rede und welche Botschaften platziert werden. Jobs erzählt seine Geschichte in einer einfachen Sprache, die ein 9-jähriges Kind versteht und ebenso die Grossmutter. Wie eine Show kommt das daher, die Kursteilnehmer lachen amüsiert, als der Apple-Guru auf humorvolle Art die Funktionen dieses neuartigen Geräts erklärt – nicht wenige haben heute, fünf Jahre später, selber ein solches Phone im Hosensack.
Die Kursdozenten Thomas Berchtold und Ruedi Boxler sind Kommunikationsprofis. Sie bringen an jenem vierten Kurstag der Wirtschaftswoche den Kantons- und Handelsschülern im Klarissensaal des Klostergutes Paradies in Schlatt bei, von welcher Bedeutung gute Kommunikationsstrategien beim Führen eines Unternehmens sind. Die Mehrheit der 18 Kursteilnehmer ist von der Kantonsschule.
**Wissen und Erlebnisse vermitteln**
Wie jedes Jahr während der Wirtschaftswoche, sollen Jugendliche hautnah erleben, was es heisst, ein Unternehmen zu führen. Angeleitet von erfahrenen Führungskräften aus der Privatwirtschaft managen die Jugendlichen in fünf Tagen ihr virtuelles Unternehmen. Sie wählen einen Namen für die Firma, verteilen die Funktionen, legen fest, was diese Firma wie tun will und legen los. Alle Firmen vertreiben dabei das gleiche Produkt. Ein computerbasiertes Planspiel simuliert dabei den Markt und das wirtschaftliche Umfeld der Unternehmung. Die Studenten lernen, Strategien zu entwickeln, sich mit den Aktivitäten der Konkurrenz und der Marktentwicklung auseinanderzusetzen, sich klug zu organisieren und Marketingkonzepte umzusetzen. Jeder Kurstag ist dabei ein Geschäftsjahr. Über Nacht kann sich die Lage drastisch verändern, und es müssen neue Strategien her. Am Freitag, dem letzten Kurstag, stellen die Teams ihr Unternehmen im Plenum vor und berichten, warum welche Entwicklung eingetreten ist. Das Ziel ist, über das eigene Handeln vorhandenes Wirtschaftswissen zu verinnerlichen und darüber hinaus das Interesse und die Freude an wirtschaftlichen Themen zu wecken. Bei den Teilnehmern des Kurses im Klarissensaal ist dieser Erfolg weitgehend eingetreten (siehe unten). Auch sie werden vielleicht eines Tages Führungsverantwortung übernehmen. Als «Projekt- und Erlebniswoche» beschreibt die Ernst-Schmidheiny-Stiftung, die das Konzept entwickelte, den Kurs. Er wird gemeinsam mit den kantonalen Industrie- und Handelskammern und mit der Unterstützung zahlreicher grosser und kleiner Schweizer Unternehmungen ermöglicht.
**Was Kantonsschüler denken Keine Angst vor der Krise, aber lieber einen krisensicheren Beruf wählen**
**Moritz Stocker, Schaffhausen**: «Ich habe gelernt, als virtueller CFO für ein Unternehmen Verantwortung zu tragen und die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen abzuschätzen. Natürlich entwickelt man mit der Zeit einen gewissen Ehrgeiz, besser zu werden, auch wenn es sich ja nur um ein Planspiel handelt. Ich überlege mir, nach der Matur Mathematik zu stu-dieren. Aber wenn es nur halb so viel Spass macht, ein echtes Unternehmen zu führen, wie hier, dann würde mich das schon reizen. Nur fehlt in der Realität natürlich jedes Sicherheitsnetz. Ich bin vielleicht blauäugig, aber ich glaube, die jetzige Wirtschaftskrise ist überschätzt. Europa geht vielleicht ein bisschen kaputt, aber wir als Schweiz werden auch diese Krise überleben.»
**Marija Vasic, Neuhausen am Rheinfall**: «Ganz neu für mich und spannend ist, die unternehmensinternen Abläufe und die Organisationsstrukturen kennenzulernen. Ich gebe es zu: Ich habe es mir einfacher vorgestellt, so ein Unternehmen zu führen. Als CEO unseres virtuellen Unternehmens merke ich, dass man mega viel Verantwortung trägt und ständig den Überblick behalten muss, zum Beispiel über den Börsenkurs. Koordination ist auch sehr wichtig – es ist alles sehr realistisch aufgebaut. Und Menschen ent-lassen ist definitiv keine einfache Entscheidung; nicht einmal wenn es nur eine Übung ist! Vor der momentanen Krise habe ich eigentlich keine Angst, aber nach der Kanti will ich Jura studieren, das ist ein krisensicherer Job.»
**Valentin Fischer, Hemmental**: «Zwar haben wir in der Kanti ja Recht und Wirtschaft, aber man gewinnt dort mehr so den Blick von aussen auf die Vorgänge in einem Unternehmen. Der grosse Pluspunkt hier im Kurs ist, dass man selber in der Haut eines Firmenkaders steckt und zum Teil schwierige Entscheidungen treffen und die Fol-gen verantworten muss. Ich werde anschliessend an die Matur hoffentlich in St. Gallen Recht und Wirtschaft studieren. Mein Fernziel ist es, Wirtschaftsanwalt zu werden. Die aktuelle Krise ist meines Erachtens keine Krise des Systems. Unser Wohlstand ist nicht bedroht. Es haben einige Menschen in den Banken falsche Entscheide getroffen, so what? Es sind Probleme, die man lösen kann.»
**Lisa-Marie Hüttenberger, Stein am Rhein**: «Mich fasziniert vor allem der Bereich Marketing und Kommunikation. Gestern haben wir die Vier-P-Lehre behandelt (Produkt, Promotion, Placement, Preis), das war neu für mich. Den Kurs habe ich in Graubünden vor zwei Jahren schon einmal gemacht, jetzt lerne ich aber viel mehr. So ein Tag geht schneller vorbei als an der Kanti, weil es so interessant ist. Die Dozenten sind sehr gut. Nach der Matur werde ich nicht Wirtschaft studieren, mich reizt eher etwas im Bereich Personalmanagement. Daher will ich Kommunikationswissenschaften studieren und danach vielleicht einen MBA machen. Die Weltwirtschaft macht mir schon Sorgen. Wenn man sieht, wie Spanien und Italien kämpfen.»
(lbb)