Schaffhauser Nachrichten
Alfred Wüger
stein am rhein Als Ueli Böhni 50 wurde, machte er die Segelprüfung und ist seither in der Freizeit oft auf dem See anzutreffen, wenn die Winde günstig sind. «Herr Böhni, ist der Wind günstig für Sie, jetzt in die Politik einzusteigen, und wenn ja, warum? Was ist Ihr Motiv?» Politik sei etwas, was ihn, der einer alten Steiner Familie entstammt und im Städtchen aufgewachsen ist, schon immer interessiert habe. «Ich habe mich ja neben meinem Beruf als Arzt immer für anderes engagiert. Ich war Schulpräsident und habe bis heute massgebende Projekte damals in die Wege geleitet, die erste Schulleitung im Kanton zum Beispiel, Einführung der integrativen Schule, und das machte ich sehr gern.»
Dann aber gab es einen beruflichen Wandel, «nach ein paar Jahren Einzelkämpfertum als Haus- und Spezialarzt in Stein am Rhein» verspürte Ueli Böhni den Wunsch, mit Kollegen eine Gemeinschaftspraxis aufzubauen, eine Aufgabe, die seine Kräfte band, sodass er als Schulpräsident zurücktrat. Nun sei es ihm von der Belastung her wieder möglich, sich zu engagieren, und: «Jetzt, wo Franz Hostettmann als Stadtpräsident zurückgetreten ist, habe ich das Gefühl, der Zeitpunkt sei da, wo es den Wandel braucht, und es reizt mich, mitzuarbeiten.» Ob er auch kandidiert hätte, wenn Franz Hostettmann noch im Amt wäre? Das ist offen, meint Ueli Böhni und sagt: «Man könnte den Eindruck haben, alles, was die Leute unzufrieden machte, liege am früheren Stadtpräsidenten, und das ist sicher falsch. Immerhin haben der gesamte Stadtrat und auch der Einwohnerrat vieles widerspruchslos mitgetragen. Ich denke an das Parkhaus: einstimmige Zustimmung im Einwohnerrat, wuchtige Ablehnung durch das Volk, und darum glaube ich, es braucht mehr als nur den Wechsel vom Stadtpräsidenten zur Stadtpräsidentin.» Die Philosophie der Verwaltungsreform und des Leitbildes, das könne eine Stadtpräsidentin nicht alleine durchziehen. «Da braucht es eine andere Kultur. Und ich weiss, wenn sich etwas mal eingeschliffen hat, ist es schwierig, mit den gleichen Personen einen Wandel herbeizuführen.»
**Klare Planung, klare Strukturen**
Nun hat aber Ueli Böhni bei der Stadtpräsidentenwahl Johannes Wyss und nicht Claudia Eimer, die jetzige Stadtpräsidentin, unterstützt. «Keine Ressentiments?» – «Nein. Das sind normale Vorgänge, dass es mehrere Kandidaten gibt. Man unterstützt jemanden, und nach der Wahl ist der Entscheid gefällt. Auch habe ich Claudia Eimer nicht als unfähig betrachtet. Jetzt geht es darum, mit ihr zusammen den Wandel auf den Weg zu bringen.» Ueli Böhni ist ein Sach- und Realpolitiker, Mitglied der Grünliberalen Partei der Schweiz und der Ökoliberalen Bewegung Schaffhausen (ÖBS). «Meine grösste Erkenntnis aus der Finanzkrise ist, dass eine vollkommen freie Marktwirtschaft der Gier des Menschen Tür und Tor öffnet. Das hat mich erschüttert.» Wichtig ist ihm daher, die Zukunft von Stein am Rhein nicht dem Zufall zu überlassen. Mittels eines Leitbildprozesses gelte es kurz-, mittel- und langfristige Ziele zu definieren, und mittels der Verwaltungsreform seien die Zuständigkeiten im Stadtrat zu klären und zu definieren. Wir stellen eine konkrete Frage: «Spielzeugmuseum ja oder nein?» – «Das finde ich eine schwierige Frage. Es kommt auf die Bedingungen an. Die Frage ist, wie sieht das Kultur- und speziell das Museumskonzept aus, und hat dieses Museum darin einen Platz?» Wirtschaftswachstum, Bevölkerungswachstum, sagt Ueli Böhni, seien kaum strategische Ziele für Stein am Rhein, und, sagt er: «Tourismusprojekte sollen das lokale Gewerbe fördern und wirtschaftlich wie ökologisch sinnvoll sein.» Was die ärztliche Versorgung des Städtchens betrifft, wünscht sich Ueli Böhni die Schaffung einer Infrastruktur, die es jungen Ärztinnen und Ärzten ermöglicht, sich unkompliziert und flexibel in eine Gemeinschaftspraxis einzubringen. Es sei schwierig, hier an der Peripherie Ärzte zu finden: «Aus Zürcher Sicht hört hinter Winterthur die Welt auf.» Wir haben das Gespräch am frühen Morgen geführt, Ueli Böhni ist Frühaufsteher und liebt die ausführliche Zeitungslektüre zu dieser Tageszeit. Er liest auch gerne Bücher über die Geschichte Europas und der Schweiz der letzten 250 Jahre – «eine Zeit des Umbruchs und des Wandels» –, und er pflegt eine grosse Sammlung «Grafik der Region», die sein Vater begonnen hat und die er wesentlich erweitern konnte. «Und sonst in der Freizeit, ausser Segeln?» – «Ich habe», sagt Ueli Böhni, «beim ‹No e Wili› mitgespielt, singe ab und zu in einem Chor mit, fahre gerne mal mit dem Rad.» Seine liebste Freizeitbeschäftigung aber ist das Organisieren von Weiterbildungskursen für Ärzte und das Unterrichten. Durch die Engagements in der Berufspolitik hat er reichhaltige Erfahrung in Organisationsentwicklung und politischen Prozessen gesammelt.