Grenze als Gleichgewicht des Schreckens – Vortrag von Christian Birchmeier: Die Schweiz an der Waffenstillstandslinie in Korea

Schaffhauser Bock, Nr. 9, 2013
und
Boote vom Untersee und Rhein
Peter Spirig

Christian Birchmeier fungierte in Korea als Verbindungsoffizier und baute das Korea-Archiv in Bern auf. In seinem Vortrag in der Volkshochschule Stein am Rhein blendete er zu Beginn zurück ins Jahr 1953, als die ersten Schweizer Soldaten nach Seoul flogen. Direktflüge gab es nicht. Die Reise führte via Frankfurt, New York, Los Angeles, Hawai und Tokyo auf die ostasiatische Halbinsel. Die Verbindung mit der Schweiz bestand zu Beginn
aus Morsezeichen. Nach einem dreijährigen Krieg, der das Leben von 4 Millionen Menschen forderte, standen sich an der Waffenstillstandslinie Nordkorea und China sowie Südkorea und die UNO mit Soldaten aus 16 Staaten gegenüber.
Waffenstillstand kontrollieren
Vier neutrale Staaten, darunter auch die Schweiz, bildeten die «Neutral Nations Supervisory Commission». Diese hatte die Aufgabe, die Einhaltung des Waffenstillstandsabkommens zu kontrollieren. Kein einfaches Unterfangen, da es immer wieder zu Schiessereien kam. «Wir waren viel in Nordkorea, hatten aber nie Kontakt zur Bevölkerung», sagte Birchmeier. Die Kriegsparteien trafen sich zuerst zu regelmässigen Gesprächen. Doch seit einiger Zeit sind diese blockiert. Der Einsatz forderte die Schweiz auch in Sachen Uniform: Diese wurde der hohen Luftfeuchtigkeit nicht gerecht, weshalb in den 60er-Jahren «Kaki-Uniformen» angeschafft wurden.

Beim Blick auf das heutige Nordkorea war zu hören, dass die Ausrüstung der Soldaten alt, aber in grossen Massen
vorhanden sei. Was nervös mache sei die Spitzentechnologie bei Raketen.
Im vergangenen Jahr kam es zum Besuch des Korea-Archivs in Bern durch Nord- und Südkorea. Da ihre Besuche getrennt werden mussten, kam die Delegation vom Norden am Morgen, die vom Süden am Nachmittag. «Vielleicht erinnert man sich eines Tages, dass ein Volk, das gleich denkt, fühlt, schreibt und redet, einmal getrennt war», hofft Birchmeier. Doch die verwandtschaftlichen Verbindungen sterben mehr und mehr aus. Zudem gebe
es Millionen Menschen, die mit dem Unterschied von bitterarm und reich nicht zurechtkommen. Die Waffenstillstandslinie dürfte ein Gleichgewicht des Schreckens bleiben.

Kein Wachstum wegen Hunger
Christian Birchmeier freute sich über den Besuch von Walter Leu aus Unterstammheim. Dieser ist Sekretär der parlamentarischen Gruppe Schweiz-Korea und erwähnte, Projekte der Agentur für internationale Zusammenarbeit des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten in Nordkorea zu begleiten. Es handle sich um Ernährungsprojekte, die vor zwei Jahren auf Grund einer Motion von Nationalrat Gerhard Pfister eingestellt wurden. Dies mit dem Argument, es gehe nicht, dass man ein solch bösartiges Regime unterstütze. Getroffen werde jedoch das nur Volk. Dies wurde Aussenminister Didier Burkhalter mitgeteilt, doch geändert habe sich nichts. Letztmals habe eine Delegation ein Waisenhaus besucht: «Ich war erst erstaunt, dass man Vier- bis Fünfjährigen Chemie- und Englischunterricht erteilt», sagt Walter Leu. Doch es habe sich herausgestellt, dass es sich nicht um Kinder, sondern um 14- bis 15-jährige Jugendliche handelte. Weil sie in den ersten Lebensjahren dermassen
Hunger leiden mussten, wachsen sie nicht mehr. Auch die Begleiter der Delegation, die von der Regierung gestellt wurden, seien erschüttert gewesen.