Schaffhauser Nachrichten
Erwin Künzi
**Interview mit Urs Saxer, Rektor der Kantonsschule Schaffhausen, zur Maturitätsquote im Kanton Schaffhausen**
*Urs Saxer, die Wirtschaft auch im Kanton Schaffhausen beklagt einen Mangel an Fachkräften, an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Im Gegensatz dazu beginnen viele Jugendliche, die die Kantonsschule absolviert haben, ein Studium, das diesen Bedürfnissen der Wirtschaft nicht entgegenkommt. Läuft da etwas schief?*
Aus Sicht der Jugendlichen läuft es gar nicht so schief: Um die Jugendlichen wird heute vermehrt geworben; es findet ein Wettbewerb um die klugen Köpfe statt. Und da müssen sich alle Nachfrager vermehrt anstrengen.
*Warum ist das so?*
Das hat vor allem demografische Gründe. Schauen wir uns ein paar Zahlen an: 2009 hatten wir im Kanton Schaffhausen in der 2. Klasse von Sekundar- und Realschule 816 Jugendliche, 2013 sind es noch 692. Das ist ein Rückgang von gegen 20 Prozent, und diesen spüren alle grösseren Bildungsinstitutionen, in der Berufsbildung wie bei den allgemein bildenden Schulen.
*Wie macht er sich bei der Kantonsschule bemerkbar?*
Nehmen Sie die Anmeldungen für unsere Aufnahmeprüfung, die Anfang April stattfindet: Waren es 2011 noch 303 Jugendliche, die in die Kantonsschule wollten, sank diese Zahl 2012 auf 268, aktuell sind es 229. Um auf Ihre erste Frage zurückzukommen: Für die 15-Jährigen läuft es gut, denn sie werden umworben. Schief läuft es aber für die Unternehmen, weil sie teilweise Mühe haben, Lehrlinge zu finden, und für mich als Rektor der Kantonsschule, weil ich wegen sinkender Schülerzahlen weniger Lehrkräfte beschäftigen kann.
*Es gibt also weniger Maturanden und damit weniger Studierende. Wählen diese wenigstens Studienrichtungen, die von der Wirtschaft gefragt sind, oder gibt es zu viele, die nachher Mühe haben, eine Arbeitsstelle zu finden?*
Da muss man sich fragen: Welche Leute braucht die Gesellschaft? Braucht sie vor allem Ingenieure oder nicht auch kritische Geisteswissenschaftler? Im Übrigen halte ich das Gerede von der Akademikerarbeitslosigkeit für reine Polemik; die Jobaussichten sind gut. Es geht doch darum, was ein Jugendlicher will, was sein berufliches Ziel ist im Leben. Viele verzichten zum Beispiel für einen interessanten Job auf das grosse Geld. Jeder muss selber entscheiden, was ihn glücklich macht.
*Und welche Rolle spielt dabei die Kantonsschule?*
Bei der Ausbildung der Jugendlichen haben wir zwei Ziele: Wir wollen sie studierfähig machen und ihnen die vertiefte Gesellschaftsreife vermitteln.
*«Vertiefte Gesellschaftsreife»: Was heisst das genau?*
Wir wollen sie auf anspruchsvolle Aufgaben in der Gesellschaft vorbereiten. Wir vermitteln auch Inhalte, die nicht primär für ein Ingenieurstudium nötig sind, die aber dem Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft dienen.
*Und wie finden Sie heraus, ob Sie diese Ziele erreicht haben, und wie es bei Ihren ehemaligen Maturanden nach der Kantonsschule weitergegangen ist?*
Wir sind sehr daran interessiert, was unsere Schüler nach der Matura machen. Deshalb führen wir unter der Leitung von Professor Stefan Wolter eine wissenschaftliche Ehemaligenbefragung durch, die schon vor der Matura beginnt, ein Jahr nach der Matura wiederholt und bis sieben Jahre nach der Matura durchgeführt wird. Wir sind mit den Maturanden des Jahrgangs 2011 gestartet, und wir streben eine Rücklaufquote von 100 Prozent an. Uns interessieren auch diejenigen, die kein Studium begonnen haben; das sind immerhin zwischen 30 und 40 Prozent. Was machen die? In welchen Bereichen sind sie tätig? Sind sie mit ihrer Stellung in der Gesellschaft zufrieden?
*Ich komme auf die zwei Ziele zurück, die Sie für die Kantonsschule formuliert haben. Das ist gut und recht, aber die Wünsche der Wirtschaft können Sie ja auch nicht ignorieren.*
Uns ist nicht gleichgültig, was die Wirtschaft sagt, wenn sie mehr Ingenieure und Naturwissenschaftler fordert. Darum haben wir diverse Massnahmen ergriffen. So haben wir den Laborunterricht ausgebaut, auch wenn dieser durch das Sparprogramm ESH3 teilweise wieder reduziert wurde. Wir haben zusammen mit dem Wibilea, dem Ausbildungszentrum für Berufe der Elektro- und Maschinenindustrie sowie des Formenbaus, eine Technikwoche sowie Automations-Workshops durchgeführt. Unsere Schüler können in Schaffhauser Betrieben Orientierungspraktika absolvieren, in denen sie Naturwissenschaftler bei der Arbeit erleben. Und jeder Schüler, der sich – und das gilt jetzt für alle Gebiete – auszeichnet, wird unter dem Motto «Leistung wird belohnt» in der Schule gefeiert.
*Regierungsrat Christian Amsler, seit Anfang Jahr Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz Deutschschweiz, möchte die naturwissenschaftlichen Studienrichtungen aber noch ganz anders fördern: Er hat angeregt, einen Numerus clausus für Geisteswissenschaften einzuführen. Was halten Sie davon?*
Ich habe diesen Denkanstoss gerne aufgenommen, habe aber eine klare Meinung: Ich bin grundsätzlich gegen einen Numerus clausus für Studienrichtungen, denn der Studierende, und nicht das System, sollte über die Studienrichtung entscheiden. Was man aber tun kann, ist, Anreize setzen und die Rahmenbedingungen verbessern. Aber jeder sollte weiterhin die Möglichkeit haben, zum Beispiel Theologie zu studieren, wenn er das möchte.
*Wohin geht denn über die letzten Jahre gesehen der Trend bei der Studienwahl?*
Die Diskussionen über die fehlenden Ingenieure und Naturwissenschaftler haben durchaus Auswirkungen auf die Maturanden gehabt. Dazu wieder einige Zahlen: 2010 gaben 15 Prozent an, ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium beginnen zu wollen; 2011 waren es 21 Prozent und im letzten Jahr 23 Prozent.
*Am Dienstag, 19. März, spricht Stefan Wolter auf Einladung des Kantivereins über «Hat der Kanton Schaffhausen die richtige Maturitätsquote?» (siehe Kasten). Warum gerade dieses Thema?*
2012 hatten wir eine gymnasiale Maturitätsquote von 16,2 Prozent, bei einem schweizerischen Durchschnitt von 20 Prozent. Nimmt man die Berufsmaturität dazu, beträgt die Quote 35,2 Prozent (Schweiz: 33 Prozent). Für mich ist das, auch durch die Rückmeldungen, die ich habe, eine angemessene Quote. Ist es aber auch die richtige? Diese Frage müssen zum einen die beantworten, die nach dem Studium eine Existenz aufbauen wollen, zum anderen die Gesellschaft, die sich auch fragen muss, wie viel Geld sie in welche Studienrichtungen investieren will. Entscheidend sind aber für mich die Direktbetroffenen: Wurden sie von der Kantonsschule gut ausgebildet oder nicht? Die oben erwähnte Befragung dient nicht zuletzt dazu herauszufinden, welche Anpassungen es noch braucht.
*Was erwarten Sie vom Vortrag von Stefan Wolter?*
Ich möchte anhand von konkreten Beispielen wissen, wie andere Kantone und Länder mit diesen Fragen umgehen. Auch möchte ich Antworten auf die Frage, ob wir zu viele Akademiker ausbilden und wie das in Ländern wie Italien und Kanada, die voll auf die Akademisierung gesetzt haben, aussieht. Und natürlich Antworten auf die Frage, die über allem steht: Sind wir in der Schweiz bei der Ausbildung unserer Jugend auf dem richtigen Weg?
*Thema* **Hat der Kanton Schaffhausen die richtige Maturitätsquote?**
*Referent* Stefan Wolter ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, Professor am Volkswirtschaftlichen Institut der Universität Bern, Leiter der Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern und unter anderem Präsident der Expertengruppe Berufsbildung der OECD in Paris.
*Termin* Dienstag, 19. März, 19.30 Uhr
*Ort* Kantonsschule Schaffhausen.
Im Anschluss an den Vortrag wird ein Apéro offeriert.