Kantonsschüler brauchen über zwei Stunden am Tag für ihren Schulweg

Schaffhauser Nachrichten
von Jasmine Beetschen
Stolze 61 Minuten brauchen Schüler aus Kleinandelfingen für den Weg zur Zürcher Kantonsschule Rychenberg. Das sind über 16 Tage im Jahr, die ein Kleinandelfinger allein für den Schulweg im Zug und im Bus verbringt. Feuerthaler haben es da leichter. Sie sind auf ihrem Weg zur Kantonsschule Schaffhausen gerade einmal vier Minuten unterwegs – also rund einen Tag im Jahr. Für Diessenhofer und Hemishofer stellt sich die Frage, welche Kantonsschule näher liegt: Schaffhausen oder Frauenfeld? Nicht selten führt der Weg denn auch in den Nachbarkanton, da die Verbindungen schlichtweg besser sind. Dank einem Abkommen zwischen den Kantonen Schaffhausen, Thurgau und Zürich ist die freie Schulwahl auch kein Problem. So können Buchberger oder Rüdlinger nach Winterthur und müssen nicht durch den halben Kanton reisen, um zur Kantonsschule zu gelangen. «Die Schüler können für sich entscheiden, welcher Weg für sie am besten ist», erklärt dazu Peter Salathé von der Stipendiendienststelle Schaffhausen. Überlegungen wie diese und wie Kantischüler die Zeit während ihrer Fahrt zur Schule überbrücken, zeigt unser grosser Überblick. Dafür haben wir die Anzahl Kantonsschüler pro Gemeinde und die jeweilige Streckenzeit bis zur meistbesuchten Kantonsschule berechnet. Nicht nur mit einem Schulweg von 47 Minuten gehört Hemishofen an die Spitze der Statistik; auch mit stolzen 19 Kantonsschülern, auf 1000 Einwohner berechnet, weist die Gemeinde Höchstwerte auf.


**Viele Kantonsschüler aus Hemishofen, wenige aus Buch**
*Ein Überblick zeigt, wie viele Kantonsschüler eine Gemeinde hat und welche Strecken diese täglich auf sich nehmen.*

Viele kennen den Moment, wenn am Morgen die Busse voll mit Kantonsschülern sind und nicht selten grosses Gedränge herrscht. Da stellt sich oft die Frage: Woher kommen eigentlich all diese Schüler? In unserem grossen Überblick zeigen wir, wie viele Kantonsschüler aus jeder Gemeinde im Einzugsgebiet der SN kommen. Da wir nur die Zahlen aus diesem Jahr betrachten, können keine langjährigen Vergleiche oder definitive Aussagen zu den Zahlen gemacht werden, sondern nur ein Eindruck vom Moment verschafft werden.
Im Schuljahr 2013/14 sind Hemishofen mit 19 und Flurlingen mit 18 Kantonsschülern pro 1000 Einwohner die Spitzenreiter in puncto gemeindeeigene Kantonsschüler. Hans Wegmann, Schulleiter der Sekundarschule Kreis Uhwiesen, erklärt, dass viele Kinder aufgrund des weiten Schulweges nach Winterthur im Anschluss an die Primarschule zuerst die Schule in Uhwiesen besuchen, um anschliessend in die Kantonsschule Schaffhausen einzutreten – daher die hohe Anzahl Kantonsschüler aus dieser Gemeinde. «Es besteht allgemein ein hohes Interesse an gymnasialer Ausbildung, was die rege Nutzung der Vorbereitungskurse für die Aufnahmeprüfungen zeigt», sagt Wegmann. Dies bestätigt auch Roland Dorer, Schulleiter der Sekundarschule Diessenhofen. Aus Diessenhofen selbst kommen nur drei Kantonsschüler auf 1000 Einwohner, so gehört Diessenhofen zusammen mit Eschenz und Buch zu den Gemeinden mit den wenigsten Kantonsschülern. «Vor allem am Anfang nutzen viele Schüler die Kurse, doch mit der Zeit werden es schnell weniger», erklärt Dorer. Diessenhofen sei sowieso ein spezieller Fall. Da die Kantonsschulen Frauenfeld und Schaffhausen unterschiedliche Aufnahmeprüfungen haben, muss für zwei Prüfungen eine Vorbereitung möglich sein. Ein Unterschied besteht zum Beispiel auch darin, dass Schaffhausen eine Französischlektion mehr hat als Schulen im Thurgau. Dorer fragt sich aber, weshalb nach Bestehen einer der beiden Aufnahmeprüfungen nicht auch der prüfungsfreie Übertritt in die andere Kantonsschule möglich ist. «Die Wahl der Kantonsschule liegt in erster Linie beim Schüler», erklärt Peter Salathé von der Stipendiendienststelle Schaffhausen. Zwischen den Kantonen Schaffhausen, Thurgau und Zürich besteht ein Abkommen, sodass Schüler auch ausserkantonale Schulen besuchen können, ohne die Kosten dafür übernehmen zu müssen. Der Hauptgrund für diese Abkommen sind die teilweise sehr grossen Distanzen zwischen einigen Gemeinden und der jeweiligen Kantonsschule. So sind beispielsweise Schüler aus Feuerthalen schneller in Schaffhausen als in Winterthur. Genauso können Rüdlinger und Buchberger nach Winterthur an die Kanti, da die Verbindungen einfach kürzer sind. Für Schüler aus Kleinandelfingen, Unterstammheim oder Hemishofen sind die zurückzulegenden Strecken trotzdem beträchtlich: Nicht selten dauert ihre Fahrt rund eine Stunde.






**Erhebungen: Wie die
Zahlen zu verstehen sind
*
Die aufgeführte Streckenzeit zeigt
den Weg zur Kantonsschule mit
den meisten Schülern aus der jeweiligen Gemeinde. Gehen beispielsweise aus Buchberg vier
Schüler nach Schaffhausen und
sieben nach Bülach, wird der Weg
nach Bülach berechnet. Als Abfahrtsorte wurden jeweils der
Bahnhof oder die Haltestellen
Dorf, Gemeindehaus, Post oder
Zentrum ausgewählt.

Als allgemeine Ankunftszeit wurde
7.30 Uhr gesetzt, da in den meisten Schulen um etwa 8 Uhr die
erste Lektion beginnt. Es wurden
also nur Verbindungen berücksichtigt, die eine Ankunft am
Zielort vor diesem Zeitpunkt gewährleisten. Bei den Zürcher
Kantonsschulen Im Lee und Rychenberg wurden die Strecken
von der Gemeinde bis direkt zur
Schule, bei den anderen drei bis
zum entsprechenden Bahnhof berechnet. (jbe)


**Verbindungen haben sich in
diesem Jahr stark verbessert**
*Die Trasadingerin Michelle Hauser mag ihren Wohnort trotz des weiten Schulwegs.*
«Einmal fiel beim Aussteigen in Trasadingen eine Frau auf das Gleis und war zwischen Zug und Bahnsteig eingeklemmt – der Zugführer hat es aber gesehen, und wir konnten sie zusammen wieder herausziehen.» Auch wurde einmal kurz nach dem Bahnhof die Notbremse gezogen, worauf der Zug wieder zurückfuhr. Das sind nur zwei Beispiele von Situationen, die Michelle Hauser bisher auf ihrem Weg zur Kantonsschule Schaffhausen erlebt hat.
Vor dem neuen Fahrplan fuhren die Züge nur im Stundentakt. Auch war die Zugfahrt stets sehr mühsam, da die DB nicht immer zuverlässig war. Doch seit diesem Jahr haben sich Hausers Verbindungen stark verbessert. «Zu den Stosszeiten fahren die Züge sogar im Viertelstundentakt», freut sie sich. Für ihren Schulweg braucht die 18-Jährige insgesamt etwa 25 Minuten pro Weg.
Gegen die Langeweile während der Fahrt hört Hauser gerne Musik oder liest ein Buch. Meist seien noch Freunde mit im Zug, so könne sie sich unterhalten, oder sie lerne noch für eine anstehende Prüfung. Manchmal stellt sie sich vor, wie es wäre, einen kürzeren Schulweg zu haben. Sie wäre nach der Schule viel schneller zu Hause und könnte sogar über Mittag nach Hause. «Und ich könnte länger schlafen – das wäre schon toll», findet Hauser. Trotzdem mag sie den Ort, an dem sie wohnt, im Grunde sehr gern.

**Früher 100 Meter Schulweg, heute eine Stunde unterwegs.**
*Ronja Rauter kommt aus Rüdlingen. Das Zug- und Busfahren gehört bereits zum Alltag dazu.* «Ich habe mich langsam an meinen weiten Schulweg gewöhnt, doch zu Beginn war es schon eine grosse Umstellung », erzählt Ronja Rauter. Vor dem Besuch der Kantonsschule in Schaffhausen betrug ihr Schulweg gerade einmal 100 Meter. Nun braucht sie von der Haustür bis zur Schule für Hin- und Rückweg zusammen beinahe zwei Stunden. Wenn sie ab der ersten Lektion Schule hat, also um 7.50 Uhr, muss sie um 6.45 Uhr von zu Hause los.
Aber was macht man während dieser langen Zeit? «Meistens erledige ich in Zug und Bus Leseaufträge für die Schule, lese die «20Minuten» oder döse vor mich hin», so Rauter. An Stromausfälle und Defekte an den Zügen habe sie sich bereits gewöhnt. Am Morgen habe sie noch Glück und finde rasch einen Sitzplatz. Gegen Abend sehe es aber je nach Uhrzeit meist anders aus, denn teilweise gebe es dann keine freien Sitzplätze mehr. Mühsam sei der weite Weg vor allem dann, wenn der Stundentakt des Zugs nicht zum Stundenplan passe. «So muss ich teilweise vor und nach der Schule eine Stunde warten – nicht selten wird das, wenn wir am Abend noch einen Anlass oder Ähnliches haben, sehr spät», erklärt die 19-Jährige. In der Regel fahre so spät dann kein Bus mehr und jemand müsse sie am Bahnhof abholen.

**Wenn andere erst aufstehen, ist sie bereits in Schaffhausen**
*Etwa eine Stunde braucht Miriam Fischer für ihren Weg zur Kantonsschule Schaffhausen.*
Die Fahrt nach Frauenfeld dauert von Hemishofen aus etwa gleich lang wie nach Schaffhausen. «Daher habe ich mich für die Kantonsschule in Schaffhausen entschieden, denn hier kannte ich bereits viele Leute», erklärt Miriam Fischer. Die Hemishoferin muss um 6.30 Uhr in Hemishofen aus dem Haus, damit sie um 7.40 Uhr in der Kanti Schaffhausen ankommt. Damit gehört ihr Schulweg zu einem der längsten.
Schwierig sei für sie vor allem das Unverständnis von einigen Leuten, die direkt in Schaffhausen wohnten und überhaupt nicht einschätzen könnten, was ein langer Schulweg bedeute. «Wenn diese erst aufstehen und frühstücken, bin ich meist schon fast in Schaffhausen», so Miriam Fischer. Auch sei man sehr auf die Zuverlässigkeit des öffentlichen Verkehrs angewiesen. Von Hemishofen wegzuziehen, würde ihr jedoch sehr schwerfallen, da sie ihre gesamte Kindheit in dem Dorf verbracht hat. Während der Fahrt hört die 18-Jährige am liebsten Musik, bespricht die Hausaufgaben oder unterhält sich mit Freunden.
Der Zug ist vor allem morgens voll besetzt. Dadurch ist es nicht immer leicht, einen Sitzplatz zu finden. «Wenn ich aber in Stein am Rhein schnell genug einsteige, finde ich eigentlich immer einen Sitzplatz», erklärt sie.