Schaffhauser Nachrichten
Von Urs Saxer
«Munotvater» – an diese traditionelle Bezeichnung als Präsident des Munotvereins musste ich mich schon etwas gewöhnen, auch wenn ich mich objektiv nicht mehr zu den Jüngsten zähle und — insbesondere in dieser Funktion — auch nicht mehr zäh- len muss. Johann Jakob Beck, der Grün- der und erste Präsident des Munotvereins hat vor 175 Jahren den Munot vor dem Schicksal als Steinbruch bewahrt und damit durchaus väterlich gewirkt. Als 16. Munotvater habe ich es einiges leichter als er: Niemand kommt heute ernsthaft auf die Idee, den Munot abzureissen. Im Gegenteil: über 4400 Personen unterstützen als Mitglieder des Munotvereins den Erhalt des Munots als historisches Bauwerk und die Organisation von Veranstaltungen auf dem Munot.
**Hoffnungslos veraltete Bräuche?**
Eine weitere Tradition des Munotvereins besteht darin, seine Mitglieder nach 25 Jahren Mitgliedschaft als «Veteran» und nach 50 Jahren Mitgliedschaft als «Ehrenveteran» zu ehren. Man kann sich fragen, ob solche Bräuche nicht hoffnungslos veraltet sind. Wie auch die Munot-Quadrille, der Gesellschaftstanz aus dem 17. Jahrhundert, der seit mehr als 130 Jahren an den Munotbällen zelebriert wird. Offenbar üben aber solche langen Traditionen gerade in der heutigen, modernen, schnelllebigen Zeit eine Faszination aus. Man hält für einen Moment inne und wird dadurch zum Nachdenken angeregt. Letztlich entscheidet immer die Gesellschaft über die Weiterführung von Traditionen. Und hier stellen wir fest, dass unsere Quadrillekurse nach wie vor sehr gefragt sind — ein faszinierendes Phänomen. Während vor 100 Jahren auf der Munotzinne noch literarische Abende, Lesezirkel, Veteranenfeiern und Maskenbälle durchgeführt wurden, waren es in den letzten Jahrzehnten Disco-Abende, Salsa-Tanzkurse und Kino-Open-Air-Abende die das traditionelle Jahresprogramm ergänzten. Und heute? Nach den fantastischen Rückmeldungen des ersten Rundbühnenkonzerts im Juni 2013 mit Phil Dankner, Ritschi und Steff la Cheffe inmitten der Munotzinne finden Anfang September zwei weitere Munot Summer Nights statt. Mit solchen neuen Angeboten hat der Munotverein im Laufe der letzten Jahre auch jüngere Personen angesprochen, sodass der Munotverein mitgliedermässig nicht vom Aussterben bedroht ist, ganz im Gegenteil: In den letzten 20 Jahren verzeichnete der Verein einen Mitgliederzuwachs von 20 Prozent.
**Westlicher Wehrgang**
Neben den Veranstaltungen des Munotvereins ist der Erhalt des Munots als historisches Bauwerk die zweite Hauptaufgabe, welche in den Statuten festgehalten ist. Hier stellen sich einige aktuelle Fragen. Beispielsweise muss die westliche Flankenmauer saniert werden. Aber wie genau? Und mit welchem Material? Während die Stadt Schaffhausen als Eigentümerin des Munots dafür zuständig ist, stellt sich der Munotverein die Frage, ob und wie der 1871 abgebrannte Wehrgang wieder aufgebaut werden könnte. Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung zur Projektidee der Rekonstruktion des westlichen Wehrgangs sind durchaus positiv. Auf die Frage des Wie werden natür- lich kontroverse Antworten zu erwarten sein. Wir sind überzeugt, dass sich auch in dieser Frage Tradition und Moderne verbinden lassen.
**Ein Ort für Tradition und Moderne**
Das Besondere ist und bleibt aber wohl der einzigartige Standort des Munots, über der Altstadt und dem Rhein residierend und von weit her sichtbar in seiner speziellen Architektur. Dazu umranken ihn zahlreiche Geschichten, vom Hirschgraben über die un-terirdischen Gänge bis ganz nach oben in die Wohnung des Munotwächters, der immer noch jeden Abend um 9 Uhr das «Munotglöggli» von Hand läutet. Die Geschichten, die sich rund um das prominente Wahrzeichen weben, interessieren nach wie vor Jung und Alt. Dies erleben wir mit den Jüngsten am Munot-Kinderfest, mit der mittleren Generation bei den «jungen» Angeboten und mit der älteren Generation an den Munotbällen. Ich bin überzeugt, dass der Munot auch nach 175 Jahren immer wieder neue Gäste anziehen wird, sei es an einem Munotball, am Kinderfest, an einem Kino-Open-Air Abend oder an einer Munot Summer Night. Weil auf dem Munot beides stattfindet: Traditionelles und Modernes. Und das ist wohl das Spezielle am Munotverein: Er muss keinen Spagat zwischen Tradition und Moderne machen. Der Munot bietet genug Platz und Zeit für Traditionen, die man aktiv pflegen und zelebrieren kann, wie auch für moderne Anlässe und innovative Projekte, mit denen man experimentieren kann.