Schaffhauser Nachrichten
Martin Edlin
Die Zahlen sind erschreckend: In der Schweiz konsumieren rund eine Million Menschen Alkohol in einem Umfang, der gesundheitliche und soziale Schäden verursacht. Rund 300 000 davon sind als «alkoholkrank» zu bezeichnen (Männer und Frauen im Verhältnis von 60 zu 40 Prozent), doch die wenigsten davon stehen deswegen in ärztlicher Behandlung. Scham und Schuldgefühle halten sie davon ab, Hilfe zu suchen. Und wenn, dann weiss man im Schaffhauser Psychiatriezentrum: Sie gehören, zusammen mit den an Depressionen, Schizophrenie und Demenzerkrankten, zu den vier grossen Patientengruppen, die hier Aufnahme finden.
Von Alkoholproblemen in ihrem Familien- oder Freundeskreis sind viele betroffen, und das mag auch der Grund gewesen sein, dass am Dienstagabend Dr. med. Dieter Böhm, seit 1991 in Diensten der Spitäler Schaffhausen und heute Leitender Arzt am Psychiatriezentrum, vor einem voll besetzten Vortragssaal in der Breitenau stand, um über Alkoholabhängigkeit zu sprechen. Er tat dies, ohne den Moralfinger zu erheben, und zeigte nüchtern die medizinischen Fakten und die Möglichkeiten der Behandlung auf. Nicht zuletzt waren es die Tipps zum Erkennen der Krankheit, die dem Referat den praktischen Nutzen gaben. Da genügen Fragen wie «Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass Sie Ihren Alkoholkonsum verringern sollten?», «Hat Sie schon jemand durch Kritisieren Ihres Alkoholkonsums geärgert?», «Hatten Sie schon einmal wegen Ihres Alkoholkonsums ein schlechtes Gewissen oder sich schuldig gefühlt?», und «Haben Sie bereits einmal morgens als Erstes Alkohol getrunken, um wieder fit zu werden?» Ein einziges Ja ist ein Alarmzeichen, die gefährliche Reise durch die vier Stadien einer Alkoholintoxikation mit den Folgen von Leberzirrhose, Schädigungen des Nervensystems und andere Krankheiten, von Stürzen und Abbau der Schutzreflexe nicht anzutreten. Viel Aufmerksamkeit fand das Referat von Dieter Böhm bezüglich stationärer oder ambulanter Therapie. Davon, dass deren Ziel einzig die Abstinenz sein kann, ist die medizinische Wissenschaft abgekommen: Auch die Verminderung der Konsummenge («kontrolliertes Trinken») ist ein gangbarer, aber ungleich schwierigerer Weg. Und dass ein «Trockengelegter» bei einem einzigen Schlückchen Alkohol unausweichlich rückfällig wird – Rückfälligkeit, die immer möglich ist, hängt von anderen Faktoren ab –, gehört ebenso zum überholten Bild des Kampfs gegen den Alkoholismus.
Es ist – so das Fazit von Dieter Böhm – nie zu früh, wohl aber manchmal zu spät, nach Hilfe Ausschau zu halten. Medizinisch geboten wird sie bei uns von den Hausärzten, Psychiatern und Psychotherapeuten, in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, im Kantonsspital, beim Verein für Jugendfragen, Prävention und Suchthilfe, in der Forelklinik in Ellikon oder im Spital Wattwil, wo Alkoholkurztherapien in der Psychosomatischen Abteilung angeboten werden.