«E guete Wurscht bruucht e kan Sämpff»

Schaffhauser Nachrichten
Mark Schiesser

Wenn sich Geschichte und Gegenwart, Staaner Mundart und romanische Sprache begegnen, dann ist das Interesse gross. Vor allem, wenn es sich um einen begnadeten Erzähler wie Felix Graf handelt. Wie schon zwei Jahre zuvor, als der gebürtige Steiner mit Schaffhauser Wohnsitz sein erstes Buch «Land der Dinge» aus der Taufe hob, war der Windler-Saal auch am Mittwochabend wieder sehr gut besetzt. Die Lesung mit Buchtaufe im Rahmen des Winterprogramms der Volkshochschule schien wie ein grosses Familientreffen zu sein.

Graf habe schon immer gute Geschichten erzählt, erinnerte sich der Präsident der Volkshochschule, René Meile. In seiner Jugendzeit sei er deshalb oft später nach Hause gekommen. Gespannt waren viele Steiner wie auch Auswärtige, ob sie sich in einem der Texte wiederfinden würden. Denn der Historiker und Kurator am Landesmuseum gab mit seinem neuen historischen Tagebuch namens «Fluss und Zeit» weitere Erlebnisse, Anekdoten und Gedanken von Schauplätzen zwischen Rheinfall und Konstanzer Münster zum Besten. So auch aus der spezifischen Gegenwelt, die nur im Zeitfenster der Staaner Fasnacht sichtbar wird, oder aus einer Begegnung mit dem alten Bären-Metzger Windler und dessen eigenwilligem Grundsatz, dass eine gute Wurst keinen Senf brauche. Die Verlagerung eines grimmschen Märchens nach Stein am Rhein – «Vum Fischer und de Fischeri» in gutem altem Staaner Dialekt – fand genauso Anklang wie die Liebe des Autors zur portugiesischen Sprache, die sich in Form von Gedichten in dem Büchlein wiederfindet. Am Apéro mit Chäs-Chüechli und einheimischem Rebensaft wurde besonders darauf angestossen, dass Felix Graf auch weiterhin schreibend viele neue Wege anlegt.



Der gebürtige Steiner Autor Felix Graf beim Signieren seines zweiten literarischen Tagebuchs im Windler-Saal.
Bild Mark Schiesser

Mittwoch, 19. November 2014
Schaffhauser Nachrichten
Interview Edith Fritschi

**«Alles ist in Bewegung»**

Nachgefragt Felix Graf

Aus seinem neuen literarischen Tagebuch liest Felix Graf heute Abend im Windler-Saal auf Einladung der Steiner Volkshochschule. Graf, gebürtiger Steiner, ist beruflich als Sammlungs- und Ausstellungskurator am Schweizerischen Nationalmuseum tätig.

*Herr Graf, es ist nun das zweite literarische Tagebuch, das Sie nach «Land der Dinge» vorlegen. Was dürfen die Leser diesmal erwarten?*
Kein ausschliesslich persönliches Büchlein mit intimen Einträgen und Bekenntnissen, sondern eine Mischung aus Crónicas – Kurzgeschichten, kulturgeschichtlichen Streiflichtern, Erinnerungen, Arbeitsnotizen, Gedanken und Gedichten.

*Wo ist das Buch «Fluss und Zeit» geografisch und zeitlich angesiedelt?*
Ausgangspunkt meiner Reise durch Raum und Zeit ist das Stein am Rhein der 1950er- und 1960er-Jahre: die beiden Elternhäuser, Vor der Brugg, die Altstadt, die Reben, der Rhein, der nahe Untersee. Ich erzähle Begebenheiten, an die sich meine Schulkollegen und die älteren Steiner erinnern können. Dazu ein Märchen im Staaner Dialekt.

*Also eine Mischung aus Geschichte und Gegenwart, Mundart und Hochsprache?*
Ja, und ich schreibe auch portugiesische Texte, aus purer Freude an dieser wunderbaren und inspirierenden Sprache.

*Und Sie schlagen mitunter gar ganz weite Bögen zwischen der Landschaft am Rhein und dem Tejo …*
Ja, das sagt vielleicht auch der Titel schon ein wenig. «Fluss und Zeit» enthält auch das griechische «panta rhei» und meint, dass alles in Bewegung ist. Auch der Fluss der Gedanken.

*Sie mäandern gewaltig, was auch die Lektüre spannend und weitläufig macht. Und Sie schreiben auch Gedichte auf Portugiesisch. Eines davon ist im Buch zu finden. Woher kommt Ihre grosse Vorliebe für diese Sprache?*
Das hat verschiedene Ursachen. Zum einen habe ich schon lange familiären Kontakt zur Familie Silva Costa in Stein am Rhein. Zum anderen habe ich den Narren gefressen an diesem weiten Sprachraum. Er erstreckt sich über vier Kontinente, vom Süden Europas über Afrika und Brasilien bis nach Asien. Nach wie vor ist portugiesisch eine der sechs grossen Weltsprachen.

*Sie haben einst Latein studiert und sind aufs Portugiesische gekommen?*
Man kann sagen, dass es so etwas wie die Nutzanwendung der Lateinkenntnisse ist. Portugiesisch ist die dem Latein am nächsten verwandte, gesprochene Sprache. Und das Portugiesische ist ein Fenster zur Welt. Man kann damit an Orte auf vier Kontinenten reisen, ohne sich mittels einer Drittsprache verständigen zu müssen.

*An wen richtet sich «Fluss und Zeit»?*
In erster Linie an Leute, die zwischen Schaffhausen und Konstanz wohnen, an beiden Ufern von Rhein und Untersee. Ich verstehe meine literarischen Aktivitäten als regionale Kleinkunst. Dann erzähle ich Geschichten, die ich bei den Ausstellungsvorbereitungen am Schweizerischen Nationalmuseum erlebe, weshalb Berufskollegen und Museumsbesucher ebenfalls zum Zielpublikum gehören. Schliesslich auch die portugiesischsprachige Gemeinde in der Schweiz. Das weiss ich seit meiner letzten Veröffentlichung, als ich Reaktionen aus dieser Ecke bekommen habe, auch von Leuten, die Portugiesisch unterrichten. Auch auf «Fluss und Zeit» habe ich bereits schöne Feedbacks erhalten.