Schaffhauser Nachrichten
Sophie Boldog
**Strengere Maturprüfungen: Christian Amsler ist skeptisch**
(Frontseite)
Schweizer Hochschulen klagen über schlechte Deutsch- und Mathekenntnisse. Anfang dieser Woche hat Bildungsminister Johann Schneider-Ammann strengere Maturitätsprüfungen gefordert, bei denen das Kompensieren von schlechten Noten in Mathematik und der Erstsprache erschwert werden soll. Der Schaffhauser Erziehungsdirektor Christian Amsler steht dieser Verschärfung kritisch gegenüber: «Die alleinige Fokussierung auf diese zwei Fächer finde ich nicht die richtige Richtung», sagt er. Vielmehr sollten die angehenden Studierenden individuell und besser auf das Hochschulstudium vorbereitet und darin unterstützt werden. Dazu habe die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) bereits verschiedene Projekte am Laufen. Studienabbrüche und -wechsel sollen so eingedämmt werden.
(sbo)
**Interview**
*Erziehungsdirektor Christian Amsler über die Verschärfung der Maturität*
*Was denken Sie über die Verschärfung der Matura in den Kernfächern Mathematik und der Erstsprache?*
Zuerst muss ich sagen, dass ich es begrüsse, dass der nationale Bildungsminister mitdiskutiert. Die Grundaussage ist sicherlich diskussionswürdig und auch prüfenswert. Im Detail habe ich da aber schon gewisse Vorbehalte.
*In welcher Hinsicht?*
Die Matura hat eine relativ breite Allgemeinbildung abzudecken. Die Studierfähigkeit in verschiedensten Disziplinen ist also ein klares Ziel. Dass man sich nur auf zwei Teildisziplinen fokussiert und ausschliesslich dort einen Schwerpunkt setzt, empfinde ich daher nur bedingt geschickt. Mit der Aussage allein kann ich daher nicht viel anfangen.
*Die zwei Hauptfächer sollen nicht mehr mit guten Noten in Musik oder Sport kompensiert werden dürfen. Finden Sie das einen fairen Ansatz?*
Der Kritikpunkt von Johann Schneider-Ammann ist ja, dass Maturanden zu leicht kompensieren können. Ich finde es wichtig, dass man den herangehenden Studenten zeigt, dass sie in jedes Fach investieren müssen. Und dabei nicht in einem Bereich nachlassen, nur weil diese schlechte Note sowieso kompensiert werden kann. Das Gymnasium hat klar den Anspruch auf eine breite humanistische Bildung, die alle Disziplinen umfasst. Diese Breite empfinde ich als sehr wichtig, sie sollte auch nicht ohne Grund aufgegeben werden. Wir brauchen keine Einzelroboter nur in einem Bereich, plakativ gesagt. Der Ansatz von Bundesrat Schneider-Ammann ist schon richtig, aber ich möchte dagegen ankämpfen, dass man zu stark allein auf zwei Bereiche fokussiert.
*Wieso?*
Es ist sofort eine Wertung da. Man sagt ganz eingeschränkt, dass die zwei Fächer Deutsch und Mathematik die wichtigsten sind. Beides sind Kernfächer, ja, aber es muss auch für Schüler gewährleistet sein, eine Universität besuchen zu dürfen, die in anderen Bereichen stark sind. Nur weil jemand beispielsweise in Mathematik schwach ist, wäre es unfair, diesen Schüler vom Studium auszuschliessen. Die alleinige Fokussierung auf diese zwei Fächer finde ich daher nicht die richtige Richtung.
*Was wäre dann die richtige Richtung?*
Dass Schüler, die in bestimmten Bereichen Mühe haben, speziell gefördert werden. Da gibt es verschiedene Ansatzpunkte, beispielsweise den klassischen Nachhilfeunterricht. Die jungen Leute müssen aber wie gesagt auch selber investieren. In der schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) laufen zudem auch Teilprojekte unter dem Namen «Gymnasiale Maturität: Langfristige Sicherung des prüfungsfreien Hochschulzugangs», mit denen wir den richtigen Weg anpeilen.
*Welche Ziele haben diese Teilprojekte?*
Durch Studien und Laufbahnberatung, durch Verbesserung der Kommunikation zwischen der Gymnasial- und der Hochschulwelt und durch definierte basale fachliche Studienkompetenzen sollen die häufigen Studienabbrüche und -wechsel eingedämmt werden. Wenn man nämlich die jungen Schulabgänger während des Gymnasiums besser vorbereiten und unterstützen würde, wäre es eher gewährleistet, dass die Maturanden für den gewählten Studiengang auch wirklich geeignet und bei ihrer Studienwahl sicherer sind.
*Fühlen sich Kantischüler in diesem Thema alleingelassen?*
Das höre ich immer wieder, und genau hier könnte man mehr tun. Denn es gibt viele junge Leute, die noch nicht genau wissen, was sie studieren wollen. Eine gute Unterstützung und Beratung der angehenden Studenten halte ich für wichtig und sinnvoll.
*Weshalb fordert Schneider-Ammann eine Verschärfung, wenn die EDK ja bereits Verbesserung in diesen Bereichen anstrebt?*
Vielleicht liegt es daran, dass im Ausland, vor allem in Asien, Ausnahmetalente im Wirtschafts- und Forschungsgebiet besonders gefördert werden. Wir müssen aber auch Sorge tragen, dass hier zum Beispiel Mathegenies nicht zu kurz kommen und die Schweiz in diesen Bereichen nicht zurückfällt.
*Schneider-Ammann will lieber weniger, dafür gute Maturanden. Wie stehen Sie dazu?*
Nicht zu viele finde ich schon auch richtig. Gute und ein hohes Niveau ebenfalls. In der Romandie ist die Maturitätsquote beispielsweise viel höher als bei uns in Schaffhausen. Dazu muss man aber auch sagen, dass dort das Maturitätsniveau tiefer ist.
*Wie sieht es hier in Schaffhausen aus?*
So, wie wir in Schaffhausen unterwegs sind, ist es sehr gut! Die Maturitätsquote liegt hier bei etwa 15 Prozent. Von der ETH und den Unis bekommen wir immer hervorragende Rückmeldungen, dass wir ein sehr hohes Niveau an unserer Kantonsschule haben. Aber auch schweizweit, mit dem Ausland verglichen, haben wir wirklich gut ausgebildete Maturanden, davon bin ich überzeugt. Von daher finde ich nicht, dass wir künstlich unsere Maturitätsquote runterschrauben müssen. Wir sind gut aufgestellt, dies gilt es zu bewahren!
**Strengere Matura**
Worum geht es
Hochschulen klagen
Zu viele Maturanden erreichen in der Erstsprache und in Mathematik kein angemessenes Hochschulniveau.
Das Departement
für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF)will die Maturitätsprüfungen schweizweit harmonisieren, und es soll schwieriger werden, ungenügende Mathe- und Deutschnoten mit guten Leistungen in anderen Fächern zu kompensieren.
Vorgehen
WBF und Erziehungsdirektorenkonferenz wollen die Forderungen zur Verschärfung der Maturität überprüfen.
30.04.2016
Schaffhauser Nachrichten
**Wider die Uni-Untauglichkeit**
Mark Liebenberg
Bei den Maturitätsprüfungen sollen Mathe und die Erstsprache stärker gewichtet werden als bis anhin. Diese Forderung erhob Bildungsminister Johann Schneider-Ammann. Das entspringt nicht einer magistralen Laune nach mehr Strenge, sondern einem echten Problem: Schweizer Hochschulrektoren klagen, dass viele Maturanden das mathematische und das sprachliche Rüstzeug für ein Hochschulstudium nicht mehr mitbrächten.
Universitäten und Bildungspolitiker begrüssen es, dass die Schrauben fester angezogen werden sollen. Muss nun also an der Maturprüfung strenger selektioniert werden? Man muss anders fragen: Ist es fair, junge Menschen mit der Illusion an die Uni zu entlassen, fit für ein Hochschulstudium zu sein, wenn sie bisher ungenügende Noten in Schlüsselfächern mit guten Leistungen in Sport oder Musik relativ einfach kompensieren konnten?
Nein, ist es nicht. Es ist deshalb erfreulich zu hören, wenn etwa an der Kantonsschule Schaffhausen die Hochschultauglichkeit der Kantonsschüler mit mehr Nachhilfeangeboten und verbesserter Studienwahlberatung gefördert wird. Denn auch darin dürfte Einigkeit bestehen: Niemand will Zulassungsprüfungen an den Hochschulen.
Natürlich kann man fragen, wozu ein Schüler, der Literatur und Theater studieren will, Differenzialrechnen beherrschen sollte. Doch was ist die Matur? Ein Reifezeugnis. Dazu gehört auch, Dinge zu meistern, die einen weniger interessieren – genügende Leistungen genügen. Mit dem dualen Bildungssystem gibt es zudem eine ganze Palette von Ausbildungswegen, die ebenfalls von einem Hochschul- oder Fachhochschulabschluss führen können.