Die Scaphusia und Stein am Rhein

Steiner Anzeiger, Historisches
Christian Birchmeier

An der Kantonschule in der Munotstadt gab es einst drei Schaffhauser Verbindungen: Die Scaphusia (blaue Mützen), die abstinente Verbindung Munot (rote Mützen) und der Kantonsschulturnverein KTV (schwarze Mützen). Davon existiert heute nur noch die 1858 gegründete Scaphusia. Daneben sind in Schaffhausen noch die Technikerverbindung Fortuna (grüne Mützen) und die KV-Verbindung Commercia (violette Mützen) bekannt. Es gibt heute wohl nur noch wenige Institutionen, in denen über die Schulzeit hinausreichende Kontakte und Freundschaften derart intensiv gepflegt werden, wie dies in den Verbindungen der Fall ist.

**Kaum verändert**
Wohl ist jede Generation durch den Zeitgeist geprägt. Vieles hat sich geändert, musste sich verändern. Doch die Traditionen, die alten Bräuche und Rituale, der Stammtischbetrieb, der Comment, das Liedergut, die Sprache – alles Attribute, die auf alten studentischen Traditionen gründen – haben sich kaum verändert und werden auch in Zukunft durch die jungen Aktiven gepflegt und dadurch die überlieferten Werte hochgehalten.

**Bereichernd und wertvoll**
Als äusseres Merkmal ihrer Verbundenheit tragen sie ihre bunten Mützen und das Band, ob als junger Aktiver oder als weisshaariger Alter Herr. Als «Fuxe» eingetreten (man erhält dabei seinen Cerevis oder Vulgo/Übernamen), nach zwei Semestern zum Burschen erkoren und nach Beendigung der Schule in den Altherrenverband aufgenommen, bleibt man Zeit seines Lebens untereinander «in Verbindung».
Das Jahresprogramm der Aktivitas ist im Sommersemester geprägt durch Weidlingsfahrten auf dem Rhein, Bummel durch die Schaffhauser Landschaft, den Besuch des Munotballs und das Treffen mit anderen Verbindungen aus dem Raume Ostschweiz. Im Wintersemester überwiegen hauptsächlich Vortrags- und Diskussionsabende über vornehmlich aktuelle, zeitgenössische Themen, an denen der Kontakt und das Zusammensein mit Alten Herren, oft Träger wichtiger Funktionen und Positionen in Industrie, Wirtschaft, Medizin, Politik, Wissenschaft, Kunst usw., so bereichernd, interessant und wertvoll sind. Das Halten von eigenen Vorträgen schult das Auftreten, die Sprache, erweitert den geistigen Horizont und zwingt die Teilnehmer zu begründeten Ansichten und Argumentationen zu einem Thema. Aber auch gesellschaftliche Anlässe wie Bälle, Kommerse, Stammtischbesuche, Stiftungsfeste oder die jährlich stattfindenden Generationentreffen bereichern das Programm.

**Mächtiger Frühschoppen**
Für die pensionierten Alten Herren findet alle 14 Tage eine gemeinsame Wanderung durch die Schaffhauser Landschaft statt, was der seelischen, körperlichen und geistigen Rüstigkeit förderlich ist. Bekanntester Anlass dürfte der jeweils kurz vor Weihnachten stattfindende Weihnachtskommers der Verbindung Scaphusia sein.
Schon seit jeher hat die Scaphusia an ihren grossen Jubiläen wie dem 50., 75., 100., 125. und 150. Stiftungsfest, zuletzt im Jahre 2008, meist als viertägige Feierlichkeiten durchgeführt, bei denen traditionsbedingt schon immer ein Steiner Tag durchgeführt wurde. Mit dem eigens dafür organisierten Schiff (meistens die «Schaffhausen») kamen die Aktiven und Alten Herren, meistens 200 bis 300 an der Zahl –, von Schaffhausen den Rhein aufwärts zu einem mächtigen Frühschoppen auf den Rathausplatz in Stein am Rhein.

**Goldener Becher kredenzt**
Nach dem Empfang durch die Steiner Stadtmusik bewirteten die Steiner Pontoniere den gewaltigen Frühschoppen, an dem es sich der jeweilige Stadtpräsident (oft selber Farben tragend) nicht nehmen liess, die Corona persönlich zu begrüssen und den Ehrengästen den Goldenen Becher zu kredenzen. Zu Fuss oder mit Kutschen ging es dann hoch hinauf zur Burg Hohenklingen, wo jeweils das Mittagessen eingenommen wurde, ehe es am Abend wiederum mit dem Schiff zurück nach Schaffhausen ging.
Anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums liess es sich die Scaphusia nicht nehmen, der Stadt Stein am Rhein mittels eines schönen (zeitlich vorgeschobenen) Geschenkes ihre stete Verbundenheit und Dankbarkeit für die herzliche Aufnahme auszudrücken. Sie schenkte der Stadt anlässlich der Renovation der Burg Hohenklingen eine Wetterfahne, die seither auf der Spitze des Turmdachs angebracht ist.

**Steiner Kartelltag**
Als Folge des 100-Jahr-Jubiläums der Scaphusia 1958 finden sich seit 1959 jeden Spätherbst Freunde der vier befreundeten Mittelschul- Kartellverbindungen Thurgovia (Frauenfeld), Vitodurania (Winterthur), Rhetorika (St. Gallen) und Scaphusia zum Alt-Herren-Kartelltreffen der Region Untersee und Rhein.
Dabei trifft man sich meistens in Stein am Rhein im «Rothen Ochsen» zu einem Schoppen, gefolgt von einem eineinhalbstündigen kulturhistorischen Teil (meist Besichtigung kulturhistorischer Art) und dem gemeinsamen Nachtessen und gemütlichen Beisammensein wiederum im «Rothen Ochsen».

**Steiner Stamm**
Seit 1983/84 findet Mitte Februar, April, Juni, August und November ebenfalls im «Rothen Ochsen» zu Stein am Rhein der sogenannte Steiner Stamm statt. Er hat sich aus den Zusammentreffen des für den beim 125-Jahr- Jubiläum durchgeführten «Steiner Tag» verantwortlichen Subkomitees unter der Leitung von Franz Lorenzetti v/o Blasius entwickelt. Je nach Anzahl Teilnehmer und Stimmung steigt neben den interessanten Gesprächen gelegentlich eine humorvolle Produktion (meist aus der Feder von Dr. Schudel v/o Mufti) und werden Lieder nach bester scaphusianischer Tradition, begleitet am Piano von AH Mufti, gesungen.
Ein Chronist aus den Reihen der Scaphusia hat einmal vermerkt: Ist die Bude (das Studentenlokal) im «Falken» zu Schaffhausen das Herz der Verbindung, so ist Stein am Rhein deren Seele!

**Viele Steiner Kantonsschüler in der Scaphusia**
Schon seit dem Gründungsjahr 1858 fanden immer wieder Steiner Kantischüler den Weg in die Scaphusia. Noch heute leben viele ehemalige Kantonsschüler als «Alte Herren» der Scaphusia in der Region und in Stein am Rhein selber.
Eine illustre Schar origineller Vulgos (Cerevis oder Übernamen) hat sich da angehäuft, so zum Beispiel: Chretzer, Schärbe, Chäch, Topos, Modest, Luuser, Batze, Sog, Mentor, Sonus, Safran, Zäckli, Lumen, Verus, Becher, Blasius, Keiler, Domingo, Balz, Lento und andere mehr.

**Die Ärztedynastie Böhni**
In der Scaphusia gibt es einige Familien, deren Väter und Söhne über Generationen der Scaphusia beigetreten sind. Die längste direkte Linie treffen wir in der Ärztefamilie Böhni von Stein am Rhein mit fünf Vertretern an:
Ernst Böhni
(v/o Amor, Elias), Eintritt 1872
Walter Böhni
(v/o Gwaag), Eintritt 1911
Hanspeter Böhni
(v/o Schlingel), Eintritt 1945
Ueli Böhni
(v/o Süüle), Eintritt 1977 (zurzeit Altherren-Präsident)
Stephan Böhni
(v/o Limes), Eintritt 2011 (stud. oec)
In dieser Liste der Familientradition folgt die Familie Wanner (aus dem Klettgau stammend) mit 4 Generationen sowie weitere Familie mit drei Generationen.
Bis zum heutigen Tag haben der Studentenverbindung Scaphusia rund 1100 Mitglieder angehört. Zurzeit sind rund ein halbes Dutzend Kantonsschüler in der Aktivitas.



Scaphusia-Gruppenbild vor dem Steiner Rathaus anlässlich des 50. Stiftungsfestes im Sommer 1908.
Bild zvg



Farben und Zirkel der fünf Schaffhauser Verbindungen.
Bild zvg



Vertreter der Scaphusia mit der neuen Wetterfahne, einem zeitlich vorgezogenen Geschenk anlässlich der 150-Jahr-Feier 2008.
Archivbild Sr.



Die neue Wetterfahne wird auf dem Turmspitz montiert (16. Juni 2006).
Archivbild Sr.



Dampfschiff «Schaffhausen» mit Schlagseite: Ankunft in Stein am Rhein anlässlich der 100-Jahr-Feier am 24. August 1958.
Bild zvg



Frühschoppen am «Steiner Tag» auf dem Rathausplatz anlässlich der 125-Jahr-Feier am 28. August 1983.
Bild zvg