Herr der Geschichten

Schaffhauser AZ
Marlon Rusch

*Felix Graf ist kaum zu bremsen. Gesprächspartner überrollt er mal wie ein Güterzug mit der Fülle seiner Gedanken und schlägt dann urplötzlich thematische Haken wie ein junger Hase. Sich von ihm berieseln zu lassen, ist wie eine Massage fürs Gehirn.
Der Menschenfreund hat einen Tisch im Rothen Ochsen reserviert, wo einst sein Urgrossonkel gewirtet hatte und auch auf den Wandmalereien verewigt wurde. Die Episode wird in seinem neuen Buch beschrieben, das Anlass ist für dieses Treffen in Stein am Rhein. Graf bestellt Kaffee und legt los, ohne Punkt und Komma. Fragen hätte das Interview nicht gebraucht.*

*Felix Graf, in Ihrem neuen Buch springen Sie von Exponaten, die Sie im Landesmuseum kuratieren, in die Kulturgeschichte, weiter in die eigene Familiengeschichte und wieder zurück. Ihre Ausführungen sind mal sehr persönlich, dann wieder völlig abstrakt. Im Klappentext schreiben Sie von einer Spurensuche. Was für Spuren suchen Sie?*
Felix Graf Meine eigenen. Spuren, die in die Geschichte und in die Vorgeschichte zurückreichen.

*Zu welchem Zweck?*
All meine Schilderungen und Reflexionen umkreisen im Grunde genommen die Sinnfrage. Aber ich schreibe auch einfach sehr gern. Der rote Faden ist mein Alltag, es ist aber ein stark gedankliches Tagebuch. Letztlich dient die ganze Schreiberei im Gebrauchstagebuch und im literarischen Tagebuch der Selbstvergewisserung.

*Am 29. Januar 2017 schrieben Sie: «So richtig fündig werde ich eigentlich erst, seit ich nicht mehr suche.»*
Das ist wohl eine Alterserscheinung.

*Was finden Sie jetzt, da Sie nicht mehr suchen?
Geschichten. Während des sogenannten Studiums an der Uni recherchiert man nach den Regeln der Kunst. Man schreibt Seminararbeiten, sitzt in den Bibliotheken, führt Gespräche, muss unglaubliche Mengen an Quellen durchforsten und findet meist nichts. Das kann wahnsinnig frustrierend sein. Meine Erfahrung sagt: Was ich gar nicht gesucht habe, ist viel interessanter. Sei es in der Zentralbibliothek oder im Gespräch. Es ist wie beim Kleiderkaufen: Man braucht eine Hose, findet aber einen super Tschopen. Ich erlebe das so im wissenschaftlichen Arbeiten im Museum: Die guten Objekte für die Sammlung, die finde ich nicht, wenn ich sie gezielt suche. Sondern wenn ich per Zufall darüber stolpere. Die guten Ideen für Ausstellungen habe ich ganz sicher nicht im Büro, sondern beim Spazieren. Und die Zusammenhänge sehe ich in der Sauna.

*Am besten würde man sich gar nicht mehr ins Büro schleppen?*
Am besten hält man sich möglichst weit davon entfernt.

*Sie sprechen von Alterserscheinung. Man könnte es wohl auch reiche Erfahrung nennen. Dennoch ist Ihr drittes Tagebuch das letzte seiner Art.*
Ja, diese Form von Schreiben, literarisches Tagebuch, berufsbegleitend, sehr persönlich, eigene Emotionen, Überlegungen, Familiengeschichte, Ortsgeschichte… Das ist jetzt abgeschlossen.

*Endet das literarische Tagebuch, weil Ihre Arbeit im Landesmuseum endet?*
Ja, und nach fast 30 Jahren im Landesmuseum ist das Büchlein auch eine Art Abschiedsgeschenk an meine vielen Kolleginnen und Kollegen.

*Warum gehen Sie in Pension? Sie sind erst 62.*
Ich habe es einfach gesehen. Ich könnte mir vorstellen, dass ich ein halbes Jahr nach Portugal gehe und dort ein portugiesische Tagebuch schreibe. Eine Einführung in die portugiesische Literatur. Oder dasselbe mit der griechischen Welt. Die interessiert mich auch besonders. Sprache, Kultur, Kunstgeschichte, Kulturgeschichte. Auch spannend wären Erzählungen mit Stein am Rhein im Zentrum. Und ich will mich auf die Inhalte konzentrieren. Noch den einen oder andern Forschungsbeitrag schreiben. Und den Menschen etwas zeigen, was niemand mehr weiss.

*Ist das der eigentliche Zweck Ihres Schaffens?*
Die Schrift als Brücke über den Fluss des Vergessens. Natürlich ist das Vergessen für mich ein Thema und das Schreiben ist ein Mittel gegen das Vergessen. Ich will noch ein paar Dinge festhalten, damit sie nicht verschwinden. Dinge, die so nur ich sagen kann.

*Dinge aus Ihrem Leben.*
Ich habe schon als Bub in Stein am Rhein Führungen gemacht. Habe Touristen mit nach Hause genommen und ihnen alles gezeigt. Die Eltern haben jeweils nur gesagt, die Schlafzimmer seien tabu. So hat es angefangen. Der Vater war Ständerat und Stadtpräsident, hat selbst auch Führungen gemacht. Das habe ich wohl von ihm. Die 50er-, 60er-Jahre in Stein am Rhein, das Quartier mit diesen ehemaligen Privatiers-Villen, die Chrischona-Kapelle nebendran, das Arbeiterquartier: Diese Leute gibt es nicht mehr, diese Gärten gibt es nicht mehr, das ist bereits eine versunkene Welt. Bevor man es merkt, ist die Welt, in der man aufgewachsen ist, verschwunden, und man fragt sich, ob das alles überhaupt je stattgefunden hat. Es war eine so reiche Welt an dieser Wagenhauserstrasse und oben in dieser Bergtrotte, auch sinnlich, mit dem Weinbau, den Reben. Ein paar Tausend Liter gärender Wein im Keller, Stampfen vor und nach der Schule und nachts, Berufsfischerei auf dem Rhein mit den Onkeln, ein offenes Haus, wo es permanent Besuch gab. Manche Leute kamen einfach mittag essen und sind wieder gegangen, kamen einen Schnaps trinken und sind wieder gegangen. Viele Politiker waren da, es war wahnsinnig farbig. Was sie geredet haben, war interessant. In dieser Welt bin ich aufgewachsen. Mittlerweile bin ich der einzige, der sich daran erinnern und das auch schildern kann.

*War das der Grund, kürzlich wieder nach Stein am Rhein zu ziehen? Dass Sie noch näher dran sind?*
Das wäre der einzige Grund gewesen, es nicht zu tun. Ich hatte Angst, dass ich nicht mehr darüber schreiben kann, wenn ich die Distanz nicht mehr habe. Dass die Quelle versiegt. Das Gegenteil ist passiert! Es gab einen neuen Schub, hat angefangen zu sprudeln. Familiengeschichte. Es sind einige richtige Steiner Kapitel entstanden.

*Es ist immer der Blick zurück. Sie sagen, Stein am Rhein sei prädestiniert für den Blick zurück. Ist das auch eine Flucht vor dem, was sich ändert?*
Mein Fokus liegt, altershalber, auf dem, was sich nicht verändert. Dinge, die immer gleich sind, finde ich viel wertvoller als Dinge, die sich schnell wandeln. Ich glaube an den Sinn der fast schon rituellen Wiederholung. In einem Restaurant, wo ich schon als Kind gegessen habe, beispielsweise im Schiff in Mammern, bestelle ich wie seit jeher Güggeli und vorher gebackene Chretzer. Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Kontinuität.

*Sie schrieben am 5. Juni 2016 über den Abstimmungssonntag: «Grundloses Einkommen und Freibier für alle von links, plakative Hetze und digitaler Klamauk von rechts: Ich halte die Entbürgerlichung unserer Welt für ein grosses Übel.» Das ist mehr als Sentimentalität. Das ist Kritik an der Gegenwart.*
Ja natürlich, eine massive Kritik! Ich bin der Meinung, dass alles aus dem Ruder läuft. All diese Fehlentwicklungen, die meistens in Amerika beginnen und bei uns blind adaptiert werden, diese unsinnige Ökonomisierung von allem und jedem, da hat ja ein regelrechter zerebraler Mutationsprozess eingesetzt. Ich sehe keinerlei Anzeichen, dass irgendwie Vernunft oder Bereitschaft zu Sachpolitik und Zusammensitzen einsetzt.

*Kann man dem entgegenwirken, indem man sich auf bessere Zeiten besinnt?*
Ich glaube nicht. Das läuft einfach. Was ich tue, ist erzählen. Und was ich erzähle, ist das Gegenteil von dem, was heute läuft. Die Haltung, das Weltbild. Diese Texte, so verschiedene Themen sie behandeln, sind eingebunden in einem erzählerischen Ganzen. Man kann sie als Plädoyer für den Humanismus lesen. Für ein tiefes Wohlwollen dem Menschen gegenüber. Anders als das negative Menschenbild, das mit der amerikanischen Betriebswirtschaft über die HSG in der Schweiz eingesickert ist. Das Gegenüber ist ein Feind, der dich über den Tisch ziehen will. Es ist das Gegenteil von dem, was an der humanistischen Abteilung der Kantonsschule vermittelt worden ist. Lug und Trug beginnen sich gegenüber Treu und Glauben durchzusetzen. Ich kann mir da nur an den Kopf fassen. Die Antwort auf Ihre Frage ist eigentlich dieses Büchlein. Ich glaube, mir ist die schriftliche Synthese gelungen von dem, was ich gemacht habe im Leben, was mich interessiert und wofür ich einstehe.



Fotos: Peter Pfister



Hier ein Schwatz, da ein Schwatz. Hier vor dem Rothen Ochsen mit der ehemaligen Stadtpräsidentin Claudia Eimer.