Schaffhauser Nachrichten
Daniel Jung
Ein grosses Stelldichein von Menschen aus der Region Schaffhausen, das war das 38. Bleigiessen der «Schaffhauser Nachrichten». Gestern Abend wurden im Schaffhauser Stadttheater wiederum sechs Prominente eingeladen, einen humorvollen Blick auf die Herausforderungen im Jahr 2016 zu werfen.
Traditionell wird das Blei beim Neujahrsanlass auf einer alten Einzelbuchstaben-Bleigussmaschine aus dem Buchdruck erhitzt. Die Gäste lassen eine Suppenkelle davon in einen Kübel kalten Wassers fallen. Dann zischt es laut, und es entsteht eine unregelmässige, oft bizarre Figur, die es zu interpretieren gilt. Die Gäste stellten sich in kurzen Videobeiträgen selber vor und sprachen über ihre Vorsätze für das neue Jahr. Durch den Abend führte SN-Redaktor Zeno Geisseler.
**Die gestiefelte Springmaus**
Als Erster an der Reihe war gestern FDP-Grossstadtrat Martin Egger, der bereits heute Abend zum Grossstadtratspräsidenten gewählt werden dürfte. Egger goss eine Form, in welcher er «eine Springmaus, die gerade am Trinken ist» erkannte. Das Orakel – eine Stimme, die vom Bühnenhintergrund zum Publikum spricht – forderte Egger auf, die Siebenmeilenstiefel anzuziehen. «Sei offen für alles, was dir begegnet», sagte das Orakel zum Politiker. Ob es sich damit auf mögliche Regierungsratsambitionen des FDP-Politikers bezog, blieb offen. Egger hatte zuvor auf eine entsprechende Frage gesagt, man solle niemals nie sagen.
Katharina Epprecht, Direktorin des Museums zu Allerheiligen, sprach schon vor ihrem Bleiguss von der Brückenfunktion, welche das Museum in Schaffhausen zwischen Altstadt und Rheinufer sowie zwischen Bevölkerung und Kunst innehabe. Passenderweise goss sie dann eine «Zweibogenbrücke, der noch ein Pfeiler fehlt». Das Orakel prophezeite Epprecht, dass ihr Leben im neuen Jahr in Bewegung kommen werde. «Bewegung ist gut», befand Epprecht. Als Moderator Geisseler ihren Wechsel vom Museum Rietberg in Zürich nach Schaffhausen mit einem Transfer vom GC-Fussballclub zum FC Schaffhausen verglich, protestierte Epprecht deutlich: «Das ist ein riesiges Missverständnis – das Museum zu Allerheiligen ist ein hervorragendes Museum.»
Das Blei von Peter Uehlinger, Präsident des Munotvereins, erstarrte in der Form eines Tanzschuhs. Dabei wurde auf der Bühne gescherzt, Uehlinger habe «einen Schuh herausgezogen». Das Orakel erkannte im Schuh jedoch nichts Negatives, machte Ueh- linger aber Mut für neue Wege: «Du musst mehr riskieren, wenn du nicht auf der Stelle treten willst», fand die Stimme aus dem Hintergrund.
**Bunte Papageien in der Bank**
Kantonalbank-Chef Martin Vogel sah in seinem Bleiguss einen Papagei. Bunte Vögel seien in der Bank gar nicht unerwünscht, sagte er. «Es ist wichtig, dass die Mitarbeiter eine eigene Meinung haben.» Das Orakel behauptete, der Papagei mache Vogel aufmerksam auf «Betrügereien im neuen Jahr». Es ergänzte: «Bleib wachsam, dann wird es ein gutes 2016.»
Yiting Cao, Captain des Volleyballteams VC Kanti, sah in ihrer Form zunächst einen Helikopter, entschied sich aber schliesslich für zwei Ski- fahrer. In Schanghai aufgewachsen, kam die Profisportlerin nach einem Aufenthalt in den USA nach Schaffhausen. «2016 wird ein Jahr voller unerwarteter Möglichkeiten», verkündete das Orakel.
Philipp Müller, abtretender Parteipräsident der FDP Schweiz, goss ein besonders bizarres Gebilde. Er erkannte darin «ein Huhn im Gehege, nachdem der Fuchs da gewesen ist». Als Parteipräsident sei man zwar kein armes Huhn, so Müller, eine Zielscheibe für Angriffe stelle man jedoch oft dar. «Du gewinnst eine neue Gelassenheit», verkündete das Orakel, «tu dir etwas Gutes.»
**Silvester-Bleigiessen Ein alter Brauch**
Orakel-BrauchtumBleigiessen wird heute vorwiegend in wenig ernster Weise rund um Silvester praktiziert. Es war aber schon bei den alten Römern verbreitet, die als erste Kultur in grösserem Massstab Blei verwendeten.
*Ablauf*
Beim SN-Bleigiessen werden Bleistücke in einer historischen Bleisatzmaschine erhitzt, bis sie gerade eben geschmolzen sind. Das flüssige Metall wird sodann mit einer Suppenkelle in einen bereitgestellten Kübel mit kaltem Wasser gegossen, wo es sofort zu bizarren Formen erstarrt. Anhand dieser Figuren können die Teilnehmer dann ihre Zukunft erahnen.
Legende

Peter Uehlinger, Präsident des Munotvereins, erkannte in seiner Form einen Tanzschuh. «Schuhe kann man immer brauchen», sagte er pragmatisch.