«Nüüchilch» und seine Latschariplätze

Schaffhauser Nachrichten
Rolf Hauser

Schmalzfrisur, blauer Anzug und gelbe Krawatte – so erschien Beat De Ventura am Sonntag unter dem Gewölbe beim Gemeindehaus Neunkirch. Rund 60 Interessierte waren gekommen, um den Geschichten des Neunkircher Mundartdichters Otto Uehlinger aus den 30er- und 40er-Jahren zu lauschen. Mit seinen bekannten schauspielerischen Qualitäten verstand es Dorflehrer De Ventura perfekt, das farbenblinde Original Uehlinger zu imitieren.
«D Muetersprooch ischt de eltscht Haametschii, wo mir händ», so begann er seine sprachliche Mundartreise. «Bevor da d Mäntsche händ chöne läse und schriibe, hät am iri Sprooch gsaat, wo si dihaam sind: Du bischt vo Hallau, du vo Ramse, du vo Traadinge und du vo Nüchilch. Ich maanti, me sött i däm Haametschii wider ewängeli meh Soorg ha.» Die Geschichten handelten von Begebenheiten, die Otto Uehlinger zum Teil selber erlebt hatte, oder von Erzählungen, die ihm zugetragen worden waren.

**Von Herolden und Raufbolden**
Im Unterhof interpretierte De Ventura mit der Glocke in der Hand den Ausrufer. Die Ausrufer gingen durch das Dorf und läuteten, bis die Fenster aufgingen, um anschliessend die Angebote der einheimischen Händler oder amtliche Mitteilungen und Veranstaltungen zu verlesen. Sie waren die eigentlichen Herolde der damaligen Zeit.
Am Seltenbach erzählte er eine Geschichte, die davon handelte, dass die jungen Burschen sich öfter zankten und einander bis nach Siblingen trieben. Sie klauten einander die Schulranzen, und die Väter mussten sie wieder auslösen. Der Seltenbach trennte jeweils die Streithähne.
Dass in den Zwanzigerjahren das Turnen aus Deutschland zu uns kam, erfuhr man auf dem Fussballplatz. Es wurde aber nicht nur geturnt – nein, auch die Begeisterung fürs «Tschutten» war gross unter den Burschen. Immer am Sonntag nach der Kinderlehre habe man sich getroffen und «tschuttet.»

**«Gfätterli-Schüeler» vor dem Tor**
Jedes Dorf hatte zur damaligen Zeit schon seinen «Latschariplatz». Da würden die grossen Buben und die jungen Burschen den «Lööli» machen, «grossi Müüler ha» und sich «dihaam» fühlen, erklärte De Ventura. Als einziges Dorf hatte Neunkirch zwei Latschariplätze, getrennt nach Alter. Den einen vor dem Tor und den anderen vor dem Gemeindehaus: im Städtli die Grossen, vor dem Tor «d Gfätterli-Schüeler».
In einer Gasse erzählte De Ventura die Geschichte eines schwerhörigen Mannes, der mit einer Geiss gegen den Hasenberg unterwegs war, und seiner Begegnung mit einem aus Osterfingen kommenden Mann. Durch die Schwerhörigkeit entstand ein lustiger Dialog. Weitere lustige Geschichten aus dem Alltag entlockten den Zuhörern immer wieder spontane Lacher.
Der Oberhof bildete den Abschluss des gelungenen und gut besuchten Anlasses des Vereins Forum Städtli Neunkirch. Beat De Ventura prüfte die Teilnehmer mit einem Fragebogen, der mit Mundartwörtern beschrieben war und deren Bedeutung richtig zugeordnet werden musste. Danach genossen Teilnehmer noch einen Apéro.



Im blauen Anzug mit gelber Krawatte imitierte Beat De Ventura den Neunkircher Mundartdichter Otto Uehlinger.
Bild Rolf Hauser