Ein berühmter Schaffhauser Medicus

Schaffhauser Nachrichten
von Ursina Storrer

In Noah Gordons Bestsellerroman «Der Medicus» und in der gleichnamigen Verfilmung des deutschen Regisseurs Philipp Stölzl, die derzeit auch im Kinepolis in Schaffhausen zu sehen ist, dreht sich alles um den fiktiven Charakter des Robert Cole. Er, der in Film und Buch seinem innersten Wunsch des «Heilbringens» nachgeht, ist der Lehrling, bald der Arzt, der Medicus. Schauplatz in Stölzls Romanverfilmung ist England im 11. Jahrhundert. Doch auch die Region Schaffhausen brachte bereits früh einen bedeutenden «Medicus» hervor: Rudolf Ulrich Krönlein war ein Pionier der Chirurgie.

**Stets als Primus**
Geboren wurde Rudolf Ulrich Krönlein 1847 im Haus zur «Weissen Rose» in Stein am Rhein. Hier verbrachte er im Kreise von fünf Geschwistern die Jugendjahre und besuchte Elementar- wie Realschule. Darauf trat er in die zweite Klasse der Kantonsschule Frauenfeld ein. Die strenge Zucht an dieser Schule schien ihm aber nicht zugesagt zu haben, denn bereits nach einem Jahr wechselte er an die Kantonsschule Schaffhausen, wo die Gymnasiasten grössere Freiheiten genossen. In allen Fächern hochbegabt, durchlief Krönlein die Schulklassen stets als Primus. So fand er neben seiner schulischen Laufbahn unter anderem Zeit für ein reiches gesellschaftliches Leben: In der Mittelschulverbindung Scaphusia tat er sich als dermassen starke Persönlichkeit hervor, dass ihn seine Farbenbrüder zum Präsidenten wählten.

**International bekannt**
Nach Abschluss seiner Gymnasialzeit immatrikulierte sich Krönlein 1866 in Zürich als Student der Medizin. Damit ebnete sich der wissbegierige junge Mann aus Stein am Rhein den Weg zu einer verheissungsvollen Karriere. Bereits ein Jahr nach Studiumbeginn übernahm er die Assistentenstelle in der Anatomie. Auch absolvierte er ein Semester an der Universität Bonn, wo er sich als Assistent des Professors und Chirurgen Dr. Edmund Rose einen Namen machte. Nach absolviertem Staatsexamen und noch mitten in der Doktorprüfung folgte Krönlein bei Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges seinem Lehrer Rose nach Berlin, um unter ihm Verwendung im Lazarettdienst zu finden. 1872, weitere zwei Jahre später, promovierte er mit seiner Arbeit «Über die offene Wundbehandlung». Diese erregte in Fachkreisen grosses Aufsehen und machte den Namen des jungen Schaffhausers international bekannt. Das gewonnene Auf- und Ansehen machten es ihm möglich, seine chirurgische Laufbahn unabhängig von Rose fortzusetzen. Bald hatte er eine Stelle im Königlichen Klinikum in Berlin. Die sonst vorgeschriebene ärztliche Prüfung wurde ihm aufgrund seiner wissenschaftlich erprobten Leistungen erlassen.

**Die «Seitenkrankheit»**
Als einer der Ersten hat Krönlein sodann die operative Behandlung der diffusen, eitrigen Bauchfellentzündung in Angriff genommen. Die bereits im Mittelalter gefürchtete «Seitenkrankheit» war auch zu Krönleins Zeit eine häufige Todesursache. Mithilfe der vom englischen Chirurgen Josef Lister 1867 eingeführten Desinfektion durch Karbolsäure gelang ihm der bahnbrechende Eingriff: In einem Schaffhauser Privathaus entfernte er einem siebzehnjährigen Patienten den entzündeten Wurmfortsatz (Appendix) am Blinddarm. Zwar verstarb der Patient einige Tage später an den Folgen seiner Bauchfellentzündung, der Eingriff selbst war aber gelungen und sollte bald vielen Menschen das Leben retten. Berichten zufolge fand bereits im 18. Jahrhundert eine Operation am Blinddarm im St. Georges Hospital in London statt, durchgesetzt hat sich der Eingriff jedoch erst nach den Versuchen Krönleins in Schaffhausen, Robert Lawson Taits in England sowie George Thomas Mortons 1887 in den Vereinigten Staaten von Amerika.

**Einfache Klarheit**
Bis zu seinem Tod 1910 war Rudolf Ulrich Krönlein Leiter der Chirurgischen Klinik in Zürich und trug mit seinem praktischen wie theoretischen Schaffen massgeblich zum Ausbau der Hirn-, Magen- und Nierenchirurgie bei. Dank seinem Erfahrungsschatz konnte er als klinischer Lehrer aus dem Vollen schöpfen. Seine Schüler fesselte er mit einer lebendigen Anschauung – einfache Klarheit durchzog Berichten zufolge seinen Unterricht. Mit ihm ging ein «hervorragender Lehrer und schöpferischer Förderer der chirurgischen Wissenschaft der Universität Zürich», heisst es auf der durch seine Schüler an seinem Geburtshaus in Stein am Rhein angebrachten Gedenktafel.