Schaffhauser AZ
Peter Pfister
Seit einem guten Jahr können Ton-Nostalgiker im Internet das «Museum of Endangered Sounds» besuchen. Die Töne von Schreibmaschine und Telefonwählscheibe, das Rattern des Filmprojektors, ja sogar der erste Nokia-Klingelton sind alle verstummt und können dort online abgerufen werden. Die technische Entwicklung scheint immer schneller voranzuschreiten,
dabei bleiben manche Qualitäten der alten Technologien auf der Strecke. Diese Tatsache provoziert Gegenbewegungen. Eine davon ist die Wiedergeburt der tot geglaubten Vinylplatte. Eine andere bilden Kinofreaks, die auf die alte Projektionstechnik schwören, welche durch die laufende Digitalisierung der hiesigen Kinosäle immer mehr verdrängt wird.
Einer dieser Filmliebhaber ist der Schaffhauser Lars Wicki. Wicki ist nicht etwa ein alter Kinooperateur wie Alfredo in Giuseppe Tornatores berühmtem Film «Nuovo Cinema Paradiso», sondern ein 18-jähriger Kantonsschüler, der durchaus mit der neuen digitalen Technik umzugehen weiss, arbeitet er doch immer wieder im Kino Kiwi als Filmoperateur.
**Kino im Keller**
Zu Hause hat er mit Hilfe des Partners seiner Mutter in den letzten zwei Jahren einen Kellerraum zu einem kleinen Kinosaal mit einer drei Meter breiten und ein Meter vierzig hohen Leinwand und zwei bequemen Sofas umgestaltet. Prunkstück ist ein voll funktionstüchtiger italienischer 35-Millimeter-Kinoprojektor der Marke Cinemeccanica aus dem Jahr 1996.
Wieso steht ein 18-jähriger auf eine Technik aus dem letzten Jahrhundert? «Ich bin ganz einfach fasziniert davon, liebe es, den Filmstreifen beim Einspannen zu spüren, und das Rattern des Projektors ist Musik in meinen Ohren», erklärt Wicki. Bei der neuen digitalen Technik falle das alles weg. Das Bild sei glasklar, es fehlten das leichte Flimmern und die durchs wiederholte Abspielen entstandenen Abnützungsspuren. «Das entbehrt einfach jeglicher Magie, das ist für mich kein Kino mehr», sagt er mit Überzeugung in der Stimme.
Wie denn diese Passion fürs Kino begonnen habe, wollen wir vom jungen Mann wissen. «Meine Grossmutter besass sehr viele Super-8-Filme», erinnert er sich. «Das interessierte mich, ich kaufte mir bald auf Ebay einen alten Projektor und begann, selber Filme zu projizieren. Im Kino konzentrierte ich mich weniger darauf, was sich vorne auf der Leinwand abspielte, sondern wandte immer wieder fasziniert den Blick nach hinten zum magischen Lichtstrahl, der all die Illusionen nach vorne auf die Leinwand warf.» In der sechsten Klasse liess ihn ein Operateur im Kinepolis erstmals einen Blick in die Projektionskabine werfen. «Ich fühlte mich wie im Himmel», strahlt Lars Wicki. Erst drei Jahre später durfte er wieder in die Kabine und zum ersten Mal Filmmaterial in die Hand nehmen. «Ich glaube, da war es endgültig um mich geschehen», sagt Wicki. Sein bald darauf in der Sekundarschule zum Thema gehaltener Vortrag habe auf jeden Fall nicht mehr enden wollen, ein deutliches Zeichen von Angefressensein.
**Kinooperateur im Kiwi**
Sein Wunsch, im Kinepolis als Operateur arbeiten zu dürfen, sei ihm damals mit dem Hinweis auf sein jugendliches Alter verwehrt worden. Bald darauf durfte Lars Wicki sich aber als Praktikant im Kino Kiwi nützlich machen und hat dabei vieles gelernt, was er seit dem Erreichen des 18. Altersjahrs nun als Operateur im selben Kino gebrauchen kann. Wicki half vor kurzem auch mit bei der Umrüstung des Kinos Kiwi auf das digitale Zeitalter. Besonders freut es ihn, dass in beiden Kinosälen ein herkömmlicher Filmprojektor stehen geblieben ist. Die grosse alte 35-Millimeter-Projektionsmaschine, welche heute das Entrée des Kinos ziert, ist übrigens die erste, welche Lars Wicki besass. Es ist ebenfalls eine italienische Maschine der Marke Cinemeccanica, allerdings aus den 40er Jahren. «Alleine der Reader für die Tonspur hätte mich mehr gekostet als die Maschine, die ich heute installiert habe», meint Wicki.
Um eine neuere Maschine zu finden, habe er im Internet auf dem Filmvorführerforum eine Suchanzeige aufgegeben. «Nach vier Monaten meldete sich ein Kinooperateur aus Deutschland, wo ein Kino digitalisiert wurde. Wir wurden bald handelseinig», erzählt Wicki. Mit einem Spezialtransport kam die 182 Kilogramm schwere Maschine einige Wochen später heil in Schaffhausen an. Ganz unversehrt war sie allerdings nicht: «Beim Ausbau im Kino herrschte scheinbar ein Chaos, und alles musste husch-husch gehen. Statt sämtliche Kabel ordentlich zu lösen, wurden viele einfach durchgeschnitten», seufzt Lars Wicki. So stand er etwas ratlos vor einem riesigen Kabelsalat und hatte keine Ahnung, was wohin gehörte. «Das Einzige, was funktionierte, war der FI-Schutzschalter. Mit anderen Worten: Es hat mir immer wieder die Sicherungen rausgehauen.» Zum Glück half ihm ein befreundeter Elektroingenieur, ebenfalls ein Kinofreak, die Kabel wieder richtig anzuschliessen. Dabei lernte Wicki wieder eine Menge hinzu. Heute gebe es nur noch gelegentlich kleinere Probleme mit dem Projektor.
**James Bond und Heidemarie**
Der Filmfreak freut sich darauf, bald vermehrt Freunde und Bekannte in seinem ausgebauten Heimkino willkommen zu heissen. Allerdings sei sein Repertoire noch etwas dürftig. Lars Wicki nennt nämlich erst zwei Langspielfilme sein eigen: eine Kopie des James Bond-Streifens «Der Spion, der mich liebte», und die Johanna-Spyri-Verfilmung «Heidemarie» mit Gustav Knuth in einer Hauptrolle. Er sei noch auf der Suche nach weiteren Unterhaltungsfilmen, sagt der frischgebackene Kinobesitzer. Im Internet würden 35-Millimeter-Kinofilme heute je nach Qualität zu Preisen zwischen 130 bis 300 Euro angeboten.
Obwohl sich seine Leidenschaft am Kino und an der Projektionstechnik entzündet hatte, drehte Lars Wicki auch selber schon früh einige kleinere Filme, allerdings mit einer Digitalkamera. Und er plant nach Abschluss der Kantonsschule den Film auch zum Thema seines Studiums zu machen, sei es an der Zürcher Hochschule für Künste oder in München, wo er vor einigen Wochen mit der Kantonsschule im Fach Kommunikation und Medien einen interessanten Einblick in die Bavaria-Filmstudios gewinnen durfte.

Jetzt heisst es: Film ab! Lars Wicki beim Scharfstellen in der Projektionskabine.
Foto: Peter Pfister

Das Heimkino im Keller ist bequem und zweckmässig eingerichtet.
Foto: Peter Pfister