Schaffhauser Nachrichten
Erwin Künzi
Die Maturitätsquote im Kanton Schaffhausen beträgt, schaut man nur die Kantonsschule an, 16,2 Prozent. Das liegt unter dem schweizerischen Durchschnitt der gymnasialen Maturitätsquote von 20 Prozent. Heisst das, dass die Schaffhauser Jugendlichen dümmer sind als ihre Altersgenossen in der übrigen Schweiz? Oder ist der Zugang zur Kantonsschule schwieriger als in anderen Kantonen? Was braucht es, damit diese Quote steigt? Soll sie überhaupt steigen? Mit diesen und weiteren Fragen befasste sich Stefan Wolter in seinem Referat «Hat der Kanton Schaffhausen die richtige Maturitätsquote?», das er am Dienstagabend in der Kantonsschule auf Einladung des Kantivereins hielt. Wolter ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung und damit oberster Schweizer Bildungsforscher, zudem aber auch noch Professor am Volkswirtschaftlichen Institut der Universität Bern sowie Leiter der Forschungsstelle für Bildungsökonomie, ebenfalls an der Universität Bern.
**Der kulturelle «Röstigraben»**
Gleich zu Beginn machte Wolter klar, dass er die im Referatstitel gestellte Frage nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten könne. Warum das so ist, führte er im Folgenden aus. Er präsentierte die Resultate verschiedener Forschungen und Umfragen zum Thema Maturitätsquote. So zeigte sich etwa, dass sich diese in der Schweiz in den letzten Jahren verdoppelt hat, nicht zuletzt darum, weil die Mädchen aufgeholt haben. Das Verhältnis unter den Kantonen hingegen blieb gleich: Die mit den hohen Quoten haben diese weiterhin, die mit den niedrigen auch. Was sind die Gründe für die Unterschiede, warum kommt Genf auf 30 und Schaffhausen nur auf 16,2 Prozent? «Hier wirken die Kultur- und Sprachunterschiede als zentrifugale Kräfte, wir haben einen ‹Röstigraben›», meinte Wolter. Für Kantone mit hoher Maturitätsquote, vor allem auch für den Kanton Genf, schälte Wolter unter anderem diese Merkmale heraus: Es besuchen mehr Jugendliche das Gymnasium, die von der Leistung her nicht dorthin gehören; da es keine Aufnahmeprüfung gibt (ihre Abschaffung wird im Kanton Zürich aktuell rege diskutiert), können sozioökonomische Faktoren eine wichtigere Rolle bei der Aufnahme ins Gymnasium spielen (mit anderen Worten: Kinder reicher Eltern haben, unbesehen von ihren Leistungen, bessere Chancen, ins Gymnasium zu kommen); in Genf schliessen über 50 Prozent, die das Gymnasium beginnen, dieses nicht ab; in der Westschweiz sind die Maturanden ein bis zwei Jahre älter als in der Deutschschweiz. Wolter präsentierte weitere interessante Vergleiche und Zahlen, auch mit anderen Ländern, zum Verhältnis Maturanden-Akademiker sowie Gymnasium–Berufsbildung. Und wie beantwortete er die Frage, die am Anfang seines Referats stand? «Es gibt nicht nur eine richtige Quote», meinte er. Die Bildungspolitik müsse sich aber zwei Fragen stellen. Erstens: Will man eine Schrotflintenpolitik wie in Genf mit seiner hohen Quote, aber einer geringeren Treffsicherheit, oder die Hochpräzisionsgewehrpolitik wie in Schaffhausen, mit einer niedrigeren Quote, aber höherer Treffsicherheit? Zweitens: Was geschieht mit dem Hochschulsystem mit seinem freien Zugang und niedrigen Studiengebühren, wenn alle Kantone ihre Maturitätsquote erhöhen wollen? «Gewisse Kantone missbrauchen das System, indem sie zu viele Maturanden produzieren und so das bisherige Hochschulsystem gefährden», erklärte Wolter. Seinem differenzierten Referat folgte eine angeregte Diskussion, die bei einem Apéro ihre Fortsetzung fand.