Schweizer Familie, 3-2013
Jost Auf der Maur
Über die nebelverhangenen Gerstenfelder streichen Krähen und suchen im winterlichen Weiss nach verlorenen Körnern. Topfeben sind die Böden hier beidseits des Rheins auf Höhe von Weite SG und Ruggell (FL), fruchtbar und schwarz ist die Erde. Doch viel finden die Vögel nicht, die grosse Ernte der Sommergerste ist längst eingebracht und ins nahe Rebstein SG transportiert worden zur Alten Landstrasse. Da wird seit über 120 Jahren aus Gerste Bier gebraut: Sonnenbräu. Eduard Graf war der Erste. Im Wirtshaus zur Sonne zauberte der stämmige Landwirt und Politiker sein eigenes Bier. Ein nahrhaftes Dunkles. Als er sah, wie erfreulich das Resultat ausgefallen war, liess er im «Rheintaler Boten» am 30. Mai 1891 ein Inserat einrücken und verkündete frohgemut: «Von heute an Bier-Ausschank.»
Claudia Graf dreht sich um auf ihrem Stuhl und zeigt auf das Bild ihres Ururgrossvaters, der mit der Würde seiner Zeit ins moderne Büro der Sonnenbräu-Chefin blickt. «Er war Schützenhauptmann in der Armee und hatte die Brau-Anlage seinem Dienstkameraden Oberst Rohrer abkaufen können», erzählt Claudia Graf. Sie kennt die Geschichte der Sonnenbräu – es ist ihre Familiengeschichte. «Rohrer hatte in Buchs selber eine Brauerei und wollte vergrössern.»
Allein im St. Galler Rheintal habe es damals 34 Brauereien gegeben. Wo sind sie geblieben? Ausgetrunken, verschwunden, vergessen, auch das Rohrer-Bier aus Buchs SG. «Wir sind noch da», sagt Claudia Graf. Da ist kein Triumph in ihrer Stimme, sie weiss um die hohen Wogen, durch die auch ihr Unternehmen hat segeln müssen. Nach dem Ersten Weltkrieg etwa hatten die Banken die Kredite gestrichen. Sonnenbräu stand vor dem Untergang, zumal der Gründer 1918 verstorben war – die beiden Söhne blieben ohne Reserven zurück. Doch da war noch deren Mutter Annette Graf, gescheit und streng. Sie wusste in ihrer Verwandtschaft Geld frei zu machen; von da an mussten die Söhne ihr jeden Abend den Geschäftsgang rapportieren. Annette hatte den Betrieb gerettet. In Rebstein ging die Sonne wieder auf.
**Über drei Millionen Liter**
«Heute geht es uns gut», sagt Claudia Graf. «Den Grundstein zum Erfolg haben meine Vorfahren gelegt, sie hatten ein Gespür für Bier, ein sicheres Auge für die Qualität. Das hat den Ruf früh gefestigt. Das sprach sich herum, das ist geblieben.»
27 Jahre alt ist Claudia Graf. Fünfzig Namen stehen auf der Lohnliste von Sonnenbräu. Die Produktion ist bei 3200000 Litern angelangt. Die kleine Sonnenbräu hat sich als Spezialitätenbrauerei auf dem umkämpften Markt etabliert. Im November 2012 hat Claudia Graf zwei Millionen Franken für den modernsten Füll-Automaten der Schweiz, eine Flaschenwaschanlage und die automatische Reinigungsmaschine investiert, unter Fachleuten als CIP (Cleaning in Place) bekannt. Ein kerngesundes Unternehmen also. Der Ururgrossvater wäre stolz.
Von den drei «Brauerei-Töchtern», wie die Leute Claudia Graf und ihre Schwestern in Rebstein während der Schulzeit genannt haben, schien jedoch keine dem gängigen Bild einer Braumeisterin zu entsprechen. Zumal sie keine Kerle sind mit baumdicken Oberarmen, rot glänzenden Gesichtern und Lederschurz. Claudia Graf hat eine Lehre als Bankkauffrau hinter sich. Ihre beiden Schwestern sind Pflegefachfrauen. Wer sollte die Brauerei übernehmen? Die Eltern haben nie irgendeine Anspielung gemacht, ob denn nicht die eine, ja, vielleicht ein Interesse an der Brauerei haben könnte. Keine Anspielung, kein Druck, aber auch keine voreilige Nachfolgeregelung.
«Als Kind habe ich mehr gespürt denn gewusst, dass die Brauerei etwas Grosses ist und Bedeutung hat.» Claudia Graf ist vom Stuhl aufgestanden, geht nun voran und führt treppauf in den Brauereiturm, wo im Silo das Gerstenmalz auf seinen Einsatz wartet. Hier wird es entstaubt, gereinigt, geschrotet, dann fällt das Malz in die Tiefe, in die Sudpfanne, und freut sich auf das Bad in 9400 Litern reinem Wasser. Claudia Graf tätschelt die massiv gebaute Schrotmaschine, «von Bühler, Uzwil», sagt sie. «Jahrgang 1938, läuft immer noch klaglos.» Mit 16, erzählt sie, habe sie gemerkt, wie ein Wunsch in ihr Form gewann: «Ich wollte nicht einfach eine Ausbildung machen, um dann zu heiraten und daheimzubleiben.» Sie wirft ihr blondes langes Haar über die Schulter – ihre Augen haben dieselbe Stellung, den gleichen Verlauf der Brauen wie die ihres Ururgrossvaters. «Ich wollte etwas unternehmen, bewegen, etwas unter die Leute bringen.» Und just vor ihrer Nase: die Brauerei, ein Familienbesitz. Allein, sie getraute sich vorerst nicht, den Eltern von ihrem Traum zu erzählen. Zumal es ja fast ganz an Vorbildern fehlt – Margherita Fuchs von Mannstein bei der Brauerei Forst in Meran ist in Europa eine der Ausnahmen.
**Eine kluge Abmachung**
Kurz vor Abschluss der Berufsmatura weihte Claudia Graf ihre Mutter dann doch in ihren Berufswunsch ein. So gross die Freude der Eltern, so schnell ging es nun voran: Praktika in der Sonnenbräu, dann ein Jahr lang bei vier ähnlich grossen Schweizer Brauereien. «Dort habe ich von den Mitarbeitenden viel gelernt. Ich war ja eine von ihnen. Wichtig war mir auch, was sie über die Vorgesetzten sagten.» Danach die Ausbildung zur Braumeisterin bei der Münchner Handwerkskammer. Und ein weiteres Jahr für den Abschluss in Getränkebetriebswirtschaft. Im April 2012 übergab Claudia Grafs Vater ihr offiziell den Betrieb.
Vom Brauereiturm herabgestiegen, steht die Leiterin der Sonnenbräu inzwischen im Sudhaus, wo die Sudpfannen sich gemütlich wölben, kupfern schimmern. Ein sinnlicher Ort, dabei blitzblank wie alles hier. Zwei Stunden badet das Gerstenmalz im stufenweise wärmer werdenden Wasser. So gehts in den Läuterbottich. Die Flüssigkeit klärt sich, kommt zurück in die Pfanne, um bei 98 Grad gekocht zu werden. Dann erst darf der brave Hopfen auch mit ins Bad. «Die Sudpfannen sind innen mit Edelstahl ausgekleidet», erklärt die Chefin. «Aber weil es die Tradition verlangt, sind sie aussen aus Kupfer. Gehört zur Imagepflege.»
Als Claudia Graf am ersten Tag ins Büro kam, um ihre Arbeit als Geschäftsleiterin aufzunehmen, liess ihr Vater sie eine Abmachung unterschreiben. Darin heisst es, sie könne nach einem fahr ihre Aufgabe zurückgeben, ohne dass sie eine Erklärung abzugeben brauche. «Zuerst bin ich darüber erschrocken», sagt Claudia Graf: «Traute er mir die Fähigkeiten nun doch nicht ganz zu? Aber dann habe ich gemerkt, welche Grosszügigkeit darin steckt, wie befreiend das wirkte, wie klug diese Geste an mich ist.» Keine Minute habe sie den grossen Schritt seither bereut. Claudia Graf ist in die Fussstapfen ihrer Ururgrossmutter Annette getreten, hat das Unternehmen zwar nicht vor dem Ruin retten müssen, aber sie hat für die Familie die Frage der Nachfolge beantwortet. Und damit auch die Ungewissheit von den Mitarbeitenden genommen.
Nach dem Kochen wird die Flüssigkeit, jetzt heisst sie Würze, in den «Whirlpool» eingespült, damit die trägeren Stoffe wie geronnene Eiweisse, Hopfenreste und Gerstenkornspelzen sich in der Mitte zu einem handballgrossen «Trubkegel» sammeln. Die klaren 9400 Liter Würze aber ziehen darauf weiter in den Schonkocher, verlieren da unedle Geschmacksstoffe, und schliesslich gehts nach rund sieben Stunden ab durch den Kühler in die grossen Tanks im Gärkeller: sieben Tage Tanz mit der befreundeten Hefe. Alkohol entsteht, Kohlensäure. Bier. Das darf dann endlich schlafen gehen, ganze zehn Wochen, bei null Grad. Danach ist es bereit für den grossen Durst.
Claudia Graf ist Präsidentin des Gewerbevereins Rebstein und Mitglied der Freisinnigen Partei, ganz in der Tradition der Familie. Sie hat während ihrer fahre im Ausland gemerkt, dass Rebstein ihre Heimat ist, sie kocht gern mit Freunden, mag Pasta, liebt Schokolade, liest gern – Liebesromane von Nora Roberts – eine ganz normale junge Frau mit einer grossen Leidenschaft: die Brauerei.
Sie sagt: «Mein Grossvater genoss grossen Respekt bei den Mitarbeitenden,
ebenso mein Vater. Und ich, ich habe auch keine Probleme. Ob alle hinter mir stehen, weist sich vielleicht erst in schwierigeren Zeiten.» Der Unterschied zu ihrem Vater sei wohl der: «Ich bin strenger.» Ende des Jahres habe sie erstmals Qualifikationsgespräche durchgeführt. «Ich glaube, dass Menschen klar formulierte Aufgaben möchten.» Die ihre hat ihr das Leben aufgeschrieben.

Das Erbe des Ururgrossvaters: Claudia Graf und Sonnenbräu-Gründer Eduard Graf.
Foto Philipp Rohner