Ellikern bleibt die Zukunft noch zu vage

Schaffhauser Nachrichten, Weinland
(M.G.)

Am 8. Oktober beginnen die Bauarbeiten für die zweite Etappe im Rahmen der Renaturierungen am Rhein und der Aufwertung der Auenlandschaft um die Thurauen. Dabei sind bauliche Eingriffe im Elliker Feld und in der Schöni geplant. Besonders nah geht diese zweite Etappe der Bevölkerung von Ellikon am Rhein, noch bevor der erste Bagger aufgefahren ist. Spätestens die unangekündigte Rodung einiger Pappeln auf dem Schönidamm im Elliker Feld unterhalb des Dorfes machte für viele nach der Mückenplage vom Sommer das Mass voll: Viele der 100 Elliker Einwohner wollten ihrem Frust Luft machen. Unter anderem in Form eines Briefes an Bundesrätin Leuthard (Uvek), den Kanton und die Axpo. Und jüngst kamen rund 40 Elliker zum eilig einberufenen Informationsanlass, an dem Walter Meier, Delegierter des Regierungsrates, ein gestörtes Vertrauensverhältnis zwischen der Elliker Bevölkerung und den Projektverantwortlichen registrierte. Zum Bröckeln dieses Verhältnisses hatten verschiedene Punkte geführt:

**1. Die Mückenplage**
Bereits im April 2010 war der betroffenen Bevölkerung versprochen worden, die Mückenanzahl zu überwachen. Es war offenkundig, dass ein (notwendiger) Eingriff verpasst wurde, nachdem im Juni 2012 der Rheinpegel auf 800 m³/s angestiegen war und ideale Bedingungen für die Mückenlarven schuf: Die Plage nahm im Juni/Juli 2012 Ausmasse an, die ans Hochwasser von 1999 erinnerten. Dr. Peter Lüthy, Fachmann für Stechmücken, führte die Plage auf den alten Thurlauf im Hinterland sowie den erhöhten Grundwasserpegel zurück und rechnete vor, dass die Plage den Gaststätten im Dorf Einbussen von rund 10 000 Franken bescherten. Inklusive der rund 180 Liter des Gegenmittels «Bacillus thuringiensis» zur Bekämpfung der Larven, des Arbeitsaufwandes und der Nachkontrolle würde der Krieg gegen die Insekten jeweils 15 000 Franken pro Jahr kosten. Lüthys Fazit: Ein Einsatz im alten Thurlauf und südlich davon lohnt sich und werde bereits fürs nächste Jahr geprüft. Nur: «Es ist ein Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung. Da muss ich grünes Licht aus Bern haben.» Dieses wollen die Projektverantwortlichen bis im November einholen, nachdem sie im vergangenen Jahr die Situation falsch eingeschätzt hätten. «Ich entschuldige mich persönlich dafür, dass wir das verpassten», so Meier.

**2. Die ominösen «Tümpel»**
Bis 2027 soll das heutige Ackerland im Elliker Feld von Brachflächen, Magerwiesen, Hecken, Obstbäumen und Schilfflächen geprägt sein. Offen ist indes das Resultat im Detail. Doch die latente Angst, dass die Ungenauigkeit bei der langfristigen Planung zu bösen Überraschungen führen könnte, war in Ellikon spürbar. Sowohl Elliker Landwirte als auch die übrigen Anwesenden ärgerte vor allem ein einstiger Landschaftsplan der Vertreterin von der kantonalen Fachstelle Natur, Corina Schiess. Sie versicherte zwar, dass die dort eingezeichneten Tümpel mitten in wertvollem Kulturland oberhalb des Schönigrabens im Elliker Feld nicht mehr aktuell seien. «Räumlich sind die Strukturen erst teilweise festgelegt», erklärte Schiess. Auch die neuen Pläne zeigten erst die Situation für die nächsten fünf Jahre. Darüber, wo bis 2027 weitere Bäume, Brachen, Niederbüsche und Hecken entstehen sollten, «sollen die Bewirtschafter auch mitreden», so Schiess. Bezüglich befürchteter Tümpel gab sie zu Protokoll, dass «eventuell kleinflächige bauliche Massnahmen» geplant seien, aber keine weiteren Gewässer mit schwankendem Pegel, die das Mückenrisiko erhöhten. Auf einen Vorschlag von Schiess, jährlich mit der Bevölkerung die weiteren Massnahmen bei einem Rundgang zu begutachten, erntete sie Lacher: Die Offenheit der zukünftigen Entwicklung der Elliker Schutzzone wurde der Baudirektion als Vagheit ausgelegt.

**3. Der fehlende Damm**
Ursprünglich sollte der abzubrechende hohe Damm am Rheinufer weiter zurückliegend in Form eines kleinen Walls ersetzt werden. Auf Intervention von Naturschutzverbänden wird aber auf die Option eines Walls gänzlich verzichtet. Die ökologische Begleitkommission hatte die «dammlose» Version abgesegnet. Nun wird die Axpo darangehen, im Rahmen der ihr übertragenen Aufwertungsmassnahmen den Damm entlang dem Rhein abzutragen. Für den kollektiven Aufschrei in Ellikon fand Walter Meier wenig Verständnis: Die offizielle Auflage sei 2005 regulär vonstattengegangen, und gemäss Projektfestsetzung durch den Regierungsrat (9. März 2005) «könnte auf den Ersatz des abgebrochenen Dammes … verzichtet werden, wenn mit allen Betroffenen eine Einigung erzielt werden kann». Dies sei der Fall gewesen bezüglich der Landbesitzer, die abtauschten, und der Pächter. «Es kam keine Reaktion aus Ellikon, mit dem Wunsch, der Damm sei zu streichen», so Meier.

**4. Parkflächen und Werkverkehr**
Eine besorgte Mutter wollte wissen, wie viele Lastwagen konkret täglich durch und um Ellikon in Richtung Marthalen und zurück fahren, auf dem Schulweg der Oberstufenkinder. Felix Hansmann, der über die Erdarbeiten der Axpo berichtete, erklärte: Die durchschnittlich 16 Lastwagen pro Tag sollen als Rundkurs die Schöni befahren und nicht durchs Dorf, sondern unterhalb Ellikons von Flaach her- und in Richtung Marthalen wegfahren. Laut Ralph Hächler von der WSB AG für Wasserbau könne bei ihm noch Humus bestellt werden – doch bei Aufschüttungen von mehr als 500 m² brauchten die Landwirte eine Baubewilligung. Auch die Einrichtung eines Buskurses wurde angeregt. Im Zusammenhang mit einem längst geforderten Anschluss Ellikons ans ÖV-Netz ist dieser Wunsch nicht neu. Die Gemeinderätin und Delegierte der Zürcher Planungsgruppe Weinland, Inge Stutz, liess durchblicken, dass der Kanton immerhin Hand geboten hat zur Prüfung eines Rundkurses Flaach–Ellikon–Alten–Marthalen–Flaach. Ein weiteres heisses Eisen sind in Ellikon die Wildparkierer. Trotz der Schaffung von gut 30 Schotterrasen-Plätzen ums Schulhäuschen sei das fürs Dorf nicht genug, so der Tenor. Punkto Parkplätzen meinte Stutz, die ZPW strebe an, temporäre Parkplätze bei der Elliker Brücke zu schaffen. Die Einwohnerin Susanne Friedrich fasste angesichts der Unwägbarkeiten und Verunsicherung in der Bevölkerung zusammen: Das 54-Millionen-Projekt überfordere Gemeinde, Kanton und Bund, und die Konsequenzen seien zu wenig abgeschätzt worden. «Es ist mindestens drei Schuhnummern zu gross.» In mehrfacher Hinsicht geriet die Diskussion zur Replik einer Veranstaltung vom 21. April 2010, bei der die Ängste der Bevölkerung zu Mückenplage, Verkehr und Landtausch zur Sprache kamen. Nur, jetzt war das Projekt in bedrohliche Nähe gerückt – und viele Unsicherheiten waren geblieben.