Schaffhauser Nachrichten, Hintergrund
Katja Fischer de Santi
Darf eine Frau Bier trinken? Diese Frage hat eine junge Dame derart umgetrieben, dass sie sich an den Stilexperten einer grossen Zeitung wandte. Dieser holte weit aus, schwadronierte von subjektiver und objektiver Richtigkeit, um dann zum Schluss zu kommen: «Bier ist männlich, weil kraftvoll und herb. Wenn eine junge Frau ein Bier bestellt, signalisiert sie Selbstbewusstsein.»
Wir schreiben also das Jahr 2012. Frauen arbeiten als Kranführerinnen, leiten Banken und regieren Länder, und da soll allein das Bestellen eines Getränks weibliches Selbstbewusstsein demonstrieren? Die Frauenwelt müsste empört aufschreien. Tut sie aber nicht.
**Kein Fett, kein Zucker**
Denn die Bier trinkende Frau, sie ist 2012 noch immer eine Exotin. Das ist nicht nur ein Klischee, das belegen die Zahlen. Gut 435 Millionen Liter Bier wurden letztes Jahr in der Schweiz ausgeschenkt. Das macht pro Einwohner 57 Liter Bier. Doch nur gerade 14 Prozent dieser Menge wurden von Frauen getrunken. Denn 75 Prozent der Frauen geben an, selten oder nie Bier zu trinken. Das ist schade, denn Bier hätte durchaus das Zeug zum Frauengetränk. Es ist ein reines Naturprodukt, es enthält keine Zusatzstoffe, kein Fett und keinen Zucker und nur wenig Alkohol. Und es gibt tausend Sorten, es würde frau also nie langweilig werden. Aber eben – frau probiert es meist gar nicht mit dem Bier.
**Nicht besonders sexy**
Warum? Weil der Gerstensaft ein schlechtes Image hat. Und wer ist daran schuld? Der Mann, klar. Den Bier trinkenden Mann, den finden wir Frauen nicht so sexy. Vor allem dann, wenn er immer und überall «ä Stange» bestellt. Und an sein Bier nur zwei Ansprüche stellt: «Hauptsache kühl» und «Hauptsache, es gibt noch mehr». Das Mehr führt dann kurzfristig zum Bieratem, mittelfristig zum Bierrülpser und längerfristig zum Bierbauch. Alles keine schönen Assoziationen. Festzelte mit biergeschwängerter Luft sowie Bierdosen umklammernde Halbwüchsige verbessern das Image des Gerstensafts aus weiblicher Sicht nicht gerade.
**Bier trinkende Männer am Grill**
Und dann wäre da noch die Werbung. Zwar beteuern die Brauereien gerne, dass sie die weibliche Zielgruppe erschliessen wollen. Aber in den Fernsehspots stehen dann doch wieder nur Männer (mit Bier) um einen Grill, prosten sich Männer (mit Bier) zu, liegen sich Männer jubelnd (mit Bier) in den Armen. Frauen sind in der Bierwerbung nur dazu da, das Bier auszuschenken oder mit wehenden, blonden Haaren den Weizen dafür zu ernten.
**Die letzte Männerdomäne**
Auch Biersommelière Gaby Gerber muss zugeben, dass in der Bierwerbung viel zu wenig Frauen vorkommen. Die 39-Jährige ist seit 15 Jahren für Feldschlösschen tätig. Sie hat in dieser Zeit gelernt, sich in der Männerdomäne durchzusetzen. Sprüche muss sie sich aber noch heute manchmal anhören. Denn Frauen und Bier, da hört an manchen Stammtischen der Gleichberechtigungsgedanke auf. Frauen sollen Cüpli nippen und das Biertrinken gefälligst den Männern überlassen.
**«Bei uns Jungs ist das anders»**
All diesen Männern hat Ingo G. (23) aus der Seele gesprochen, als er in einem Leserbrief an die «Süddeutsche Zeitung» schrieb: «Frauen sollten kein Bier trinken, tun sie es doch, werden sie albern, dann träge und sind dann zu nichts mehr zu gebrauchen. Bei uns Jungs ist das anders. Wir verstehen es, haben wir erst einige Biere getrunken, den Abend mit tief greifenden Gesprächen ausklingen zu lassen.» Nur gut, Ingo, dass Du nicht weisst, dass es Frauen waren, welche die ersten Biere brauten.
**Brauende Frauen**
In den Brauhäusern des frühen Mittelalters sah man fast nur Frauen. Ein Braukessel gehörte damals in die Mitgift fast jeder Tochter, und es war Sitte, dass die Hausfrau, die Bier gebraut hatte, ihre Geschlechtsgenossinnen zu einem «Bierkränzchen» einlud. Nicht selten standen Frauen auch städtischen Brauereien vor. 1439 gab es in Oxford mehr Frauen als Männer im Braugewerbe. Dann entdeckten die Männer das Bier für sich und vertrieben die Frauen aus den Brauereien. Denn ob Frauen Alkohol trinken durften, war gesellschaftlich nicht immer gleich legitim. Dennoch haben sich die Frauen wahrscheinlich zu keinem Zeitpunkt der Geschichte den Biergenuss vorenthalten lassen. Nur damit Du das auch weisst, lieber Ingo G.
**Zu bitter? Stimmt nicht**
Dass das Bier weiblich ist, beweist auch die Tatsache, dass im Hopfen östrogenähnliche Stoffe enthalten sind. Diese ähneln den weiblichen Sexualhormonen und bewirken bei Bier liebenden Männern das Wachsen von Brüsten. Fragt man Frauen, warum sie kein Bier trinken, dann sagen sie: «Es ist mir zu bitter.» Und das stimmt. Gut gehopftes Bier schmeckt bitter. Falsch hingegen ist, dass Frauen geschlechtsbedingt keine Bitterstoffe mögen. «Dann müssten sie auch dem Campari, dem Aperol und dem Kaffee abschwören», sagt Biersommelière Gaby Gerber. Sie hat schon Hunderte Bierverkostungen durchgeführt und ist überzeugt: «Frauen mögen Bier nicht, weil sie nicht damit sozialisiert werden.» Auch den meisten jungen Männern munde der erste Schluck Bier nicht sonderlich. Aber sie trinken weiter, weil sich das für einen Mann gehört. Alle Kinder, egal, welchen Geschlechts, lehnten bittere Lebensmittel ab. Erst im Laufe des Erwachsenenlebens gewöhnt sich der Mensch an die Bitterstoffe – und wird süchtig danach. Denn es sind die Bitterstoffe, die in Verbindung mit Alkohol einen beruhigenden und leicht euphorisierenden Effekt auslösen.
**Eine zweite Chance**
«Es wäre an der Zeit», findet Gaby Gerber, «dass die Frauen dem Bier eine zweite Chance geben.» Denn es hat sich viel getan in der Welt, die Hopfen und Malz zusammenhält. In jedem Restaurant würden heute verschiedene Biersorten angeboten, kleine und grosse Brauereien kreierten laufend neue würzige oder auch mal honigmilde Biersorten, die auch dem feinsten Frauengaumen schmeichelten. Im Jahr 2012 ist ein Bier schon lange nicht mehr einfach nur herb. Und männlich, lieber Stilexperte, lieber Ingo G., war Bier noch nie.
**Brauerei Falken «Wir nehmen die Frau als Konsumentin ernst»**
Auf die Frage, warum die Frauen in der Schweiz so wenig Bier konsumieren, wüsste Markus Höfler, Geschäftsführer der Brauerei Falken, schon lange gerne eine abschliessende Antwort. «Frauen trinken in der Schweiz leider wirklich viel zu wenig Bier. Ich glaube, es liegt daran, dass das Biertrinken oft – und ich meine das nicht despektierlich – ein Arbeiterimage hat», so Höfler. In der Schweiz müsse ein Umdenken stattfinden, damit das Biertrinken auch für die Frau salonfähig werde – wie das beispielsweise in Deutschland oder England schon heute der Fall sei. «Die ganze Bierbranche nimmt die Frau als Konsumentin sehr ernst. Zusammen mit der IG Klein- und Mittelbrauerei arbeiten wir daran, das Image der Bier trinkenden Frau aufzuwerten.» Es daure aber wohl noch etwa eine Drittelgeneration, bis die Bier trinkende Frau ihren negativen Beigeschmack verloren habe und von beiden Geschlechtern vorbehaltlos akzeptiert werde. Dank der aktuellen Hitzewelle liefe der Biergesamtausstoss sehr gut, «auch wenn für Falken die optimale Temperatur zwischen 24 und 25 Grad Celsius liegt». Bei den momentanen Temperaturen griffen Frau wie Mann nämlich eher zu Wasser denn zu Alkohol. (aka)
**Veraltete Gleichung: Bier sei ein Proletariergesöff, Wein ein Edelgetränk, denken noch immer viele.**
Warum besingt man nur den Wein und nicht auch das Bier? So sinniert im anonymen Gedicht «Ein Fremder sitzt auf einem Fass» ein Hofbräuhausbesucher. Und er fragt irritiert: «Kann’s denn möglich sein / Gibt’s keine Dichter hier?» Worauf ihm ein Stammgast übers Maul fährt: «Gnua, s’ fehlt uns net / An Dichtern und Gesang / Wer aber was vom Bier versteht / Der trinkt’s und singt net lang.»
Da ist schon viel drin in dieser Hofbräuhaus-Poesie. Viel von der Rivalität und der Dualität zwischen dem Wein und dem Bier. Jener ist der geadelte Nektar der Noblen und Gesitteten, dieses das in rauen Mengen geschluckte Billigopium des niederen Volks, das Proletengesöff. Runter und fertig. Und dann noch eins. Nun, so dramatisch ist’s natürlich nicht. Nicht mehr. Aber die Vorstellung einer Hierarchie der vergorenen Säfte geistert noch durch manchen Kopf. Es ist bezeichnend, dass an Vernissagen, Apéros und Ehrungen die Buffets voller Wein-, Orangensaft- und Mineralwassergläser sind. Wer aber lieber ein Bier hat, muss sich darum bemühen. Und sich dafür rechtfertigen.
**Entweder-oder?**
Selbst in der Kunst gibt es hierarchische Abstufungen. Im Sinfonieorchester gelten die Bläser als dumpfe Biertrinker – was allerdings pragmatische Gründe hat, wie schon mal kolportiert wird: Der vom vielen Blasen dehydrierte Hornisten- und Posaunistenkörper verlangt nach Flüssigkeit. Bier tut dem Körper gut, lernen wir. Ach, warum denn immer dieses verflixte Rating-Denken? Warum überhaupt dieses Entweder-oder? Schon die alte Faustregel «Wein auf Bier, das rat ich dir; Bier auf Wein, das lasse sein» lässt ja ahnen, dass sich beides nicht grundsätzlich ausschliesst.
**Kulturelle Errungenschaften**
Fakt ist: Beides, Wein und Bier, sind jahrtausendealte Kulturgüter. Wein sei ein zum Kulturprodukt veredeltes Naturprodukt, Bier eine Kulturleistung des Menschen, unterscheiden Spitzfindige. Für beide Getränke und Genussmittel gibt es den richtigen, den perfekten Moment. Ein Glas Bordeaux nach einer anstrengenden Bergtour? Undenkbar. Und es komme keiner mit der Bemerkung: Genau darum unternähmen wahre Weinliebhaber keine anstrengenden Bergtouren.
**Ärzte empfehlen Bier**
Es gibt also Gelegenheiten genug, für beide. Und Argumente desgleichen. Dass Bier guttue, liessen die Schweizer Bierbrauer schon mal verlauten, hätten sie immer gewusst, doch hätten sie diese Botschaft vielleicht nicht so geschickt zu verbreiten gewusst wie die Weinproduzenten. Dass es im Übrigen auf die Menge ankommt, ist ihnen natürlich bewusst. Aber man darf staunen: In manchen Empfehlungen ist von einem Liter täglich die Rede. (bha)