Schaffhauser Nachrichten, Region
von Robin Blanck
Schnell und bequem oder schweisstreibend und langsam? Markus Baumer, Präsident der Pontoniere Schaffhausen, muss nicht lang überlegen. Er zieht den Stachelweidling dem Motorboot vor. Und damit ist er in Schaffhausen nicht allein, denn das Stacheln gehört seit Langem zum Kanon der typischen Schaffhauser Freizeitbeschäftigungen.
Technisch tönt es simpel: Der Weidlingsfahrer steht an der hinteren landseitigen Bordwand in Fahrtrichtung, der vordere Fuss zielt nach vorn, der hintere steht quer zur Fahrtrichtung. Der Fahrer drückt den Stachel mit beiden Händen in den Grund und bewegt den Weidling damit gegen die Strömung rheinaufwärts. Im besten Fall, so wie jetzt bei Markus Baumer, sieht das Ganze leicht aus. Baumer verlagert das Gewicht auf den Vorderfuss, hebt den Stachel hoch, bis der Arm ausgestreckt ist, der Eisenfuss des Stachels kommt im kiesigen Grund auf. Baumer drückt und verlagert das Gewicht auf den hinteren Fuss. Der Weidling gleitet rheinaufwärts. So einfach geht das, wenn man schon seit 26 Jahren stachelt und seit früher Kindheit mit dem «Geschirr», Stachel und Ruder, vertraut ist. Fehlt dieser Vorsprung, ist es etwas komplizierter.
**Vorsicht mit dem Drehpunkt**
«Man muss sich damit abfinden», sagt Markus Baumer und holt Luft, «dass das Schiff immer das Gegenteil von dem tut, was man hinten mit dem Stachel macht.» Das heisst: Drückt man mit dem Stachel den Weidling hinten vom Ufer weg («breit stossen»), dreht der Spitz gegen das Ufer. Zieht man das Heck mit dem Stachel Richtung Land («unterstechen»), bewegt sich der Bug Richtung Flussmitte. Dieses Verhalten ist nur ein scheinbares Paradox beim Weidlingsfahren. Daneben gibt es echte Paradoxe, etwa dass Menschen in Zeiten von Internet, bemannter Raumfahrt und rund hundert Jahre nach Erfindung des Aussenbordmotors noch immer ein Wassergefährt, dessen Form im Wesentlichen seit mehreren Hundert Jahren unverändert ist, mit Muskelkraft bewegen. Freiwillig. «Man erlebt den Rhein nur so richtig, wenn man von Hand unterwegs ist», sagt Baumer zwischen den einzelnen Stössen. Tatsächlich gibt es mehr Venedig bei uns als sonst wo. Der Ausflug mit dem Weidling hat seinen festen Platz im gesellschaftlichen Leben, der Weidling ist so etwas wie die Segelyacht der Schaffhauser, nur einfach in rustikaler, naturnaher Ausführung und weit weg von Protzigkeit. Die Warteliste für einen der begehrten Weidlingspfosten zählt inzwischen rund 600 Personen, nur gerade drei Wechsel pro Jahr gibt es. Man rechne. Nichts illustriert die Beliebtheit des Weidlingsfahrens besser als das.
**Nicht schlappmachen**
Und nichts illustriert den Umstand, dass Stacheln anstrengend ist, besser als die Schweisstropfen, die jetzt von Baumers Stirn fallen. «Das Schwierigste ist, mit möglichst wenig Kraft in einer Linie rheinaufwärtszukommen», sagt er, der seit 26 Jahren bei den Pontonieren ist, und fügt nach einem Atemzug an: «Und man sollte nicht nach 200 Metern schlappmachen.» Baumer macht nicht schlapp und stachelt schon mal bis nach Stein am Rhein. Baumer: Der Name passt zum Träger, der gegen 1,90 gross und die Art Freund ist, die man braucht, wenn bei einer Reifenpanne der Wagenheber streikt. Jahrelanges Training bei den Pontonieren und im Kanu-Club haben ihm die Postur eines Schwingers verliehen. Nicht jeder Stachler sieht so aus, aber etwas Kondition muss schon sein: Ein Weidling wiegt – Tannenholz hin oder her – gut und gern gegen 300 Kilo. Dazu kommt die Zuladung – all jene Familienangehörigen, Freunde und Bekannten, die gern eine ruhige Fahrt auf dem Rhein geniessen. Und das alles muss dann gegen die Rheinströmung flussaufwärts gedrückt werden. Bevor es so weit ist, muss der Neuling aber erst das Geradeausfahren beherrschen, dann kommen Kurven mit Unterstechen und Breitgeben hinzu. Beim Stacheln kommt es auch auf das Gleichgewicht an: Für das Unterstechen muss man sich etwas über die Bordwand hinauslehnen, was den kiellosen Weidling sofort in eine leichte Schräglage bringt. Stachler müssen das ausbalancieren können, sonst muss der Anfänger mit einer Abkühlung rechnen – er wäre nicht der Erste, dem es so ergeht, und schon gar nicht der Erste, der sich in Schaffhausen zu weit hinausgelehnt hat. «Möglichst wenig korrigieren», rät Baumer und tunkt den Griff des Stachels kurz ins Wasser, und das ist jetzt nur ein kleineres Paradox: Die Hand am Griff rutscht weniger, wenn dieser von Zeit zu Zeit nass gemacht wird. Aber aufgepasst, es gibt noch mehr zu beachten, denn Stacheln ist auch der Mittelweg zwischen Nähe und Distanz: Gerät man mit dem Weidling zu weit vom Ufer weg, ist der Flussgrund mit dem Stachel nicht mehr zu erreichen. Kommt man dem Land oder den an den im Rhein an Pfosten hängenden Booten zu nah, droht ein Zusammenstoss. Das überrascht die Fahrgäste mit einem heftigen Ruck und beschert dem Stachler einen mühsamen Neustart. Die Grundregel: die Extreme meiden, nicht zu hoch hinauswollen, in Ufernähe und im Gleichgewicht bleiben. Klar, das passt den Schaffhausern schon.
**Anerkennung nicht unwichtig**
Wenn es trotzdem zu einem der erwähnten Unfälle kommt, ist der Reputationsschaden für den Stachler angerichtet, und Anerkennung spielt halt auch eine nicht zu unterschätzende Rolle: «Es ist ein schönes Gefühl, wenn man oben ankommt», sagt Baumer. Mit oben meint er den Schaaren, das meistbesuchte Ziel der Weidlingsfahrer. Mit «ein schönes Gefühl» meint er die Genugtuung, die die Stachler empfinden, wenn sie die Herausforderung gemeistert haben – und das vor dem mitgeführten und dem fremden Publikum. Angesichts dessen erstaunt es wenig, dass vor allem Männer am Stachel stehen und sich zuweilen Testosteron und jahrtausendealte Instinkte bemerkbar machen: Es geht zwar nicht ums Tempo, und drängelndes Aufschliessen zu einem vorausfahrenden Weidling ist verpönt. Aber wer will denn schon nicht eine gute Figur machen, wenn Damen zugegen sind, die nichts zu tun haben, als durch ihre Sonnenbrillen zu schauen? Für Fortgeschrittene nur so viel: Die ultimative Demütigung besteht darin, einen anderen Weidlingsfahrer bei hohem Wasserstand (je tiefer das Wasser, desto anstrengender das Stacheln!) aussen an den Weidlingspfosten zu überholen. Wichtig: Sehr ungünstig ist es allerdings, wenn einen nach dem frechen Überholmanöver die Kräfte verlassen und man dem Überholten wieder Platz zum Vorbeiziehen lassen muss. Also: klug abwägen, Grundregel beachten.
**Frauen am Stachel**
Es geht aber natürlich auch anders, etwa wenn die Damen das Stacheln übernehmen, was man vermehrt beobachten kann. Selbst wenn es noch keine weiblichen Mitglieder bei den Pontonieren Schaffhausen gibt, in anderen Sektionen sind die Frauen mit dabei, und Baumer findet das begrüssenswert. «Frauen haben weniger Kraft und müssen daher technisch versiert sein, um rheinaufwärtszukommen», sagt er anerkennend. Und wer als Mann mentale Stärke beweisen will, kann sich einmal von einer Frau aufwärtsstacheln lassen und sich den hämischen Blicken und freundlichen Zurufen (sehr beliebt: «Lueg emol, dä fuul Siech!» oder «Etz mue si au no stachle!») aussetzen. Ein Erfolg stellt sich erst nach vielen Wiederholungen ein, «üben, üben, üben», wie Markus Baumer jetzt, da er den Weidling in die Flussmitte gebracht hat, sagt. Dann zieht er das Ruder in den Riemen. «Schwieriger zu lernen als das Stacheln ist das Rudern», sagt er jetzt. Stacheln ist also nur der Anfang.
**Stacheln Schnupperkurs auf dem Rhein**
Die PontoniereDiessenhofen laden SN-Leserinnen und -Leser zu einem Schnupperkurs im Stacheln ein – und das trotz den Vorbereitungsarbeiten zu ihrem Rheinfest am 21./22. Juli.
Die Teilnehmer können das Training der Jungpontoniere verfolgen, bevor sie dann selber einige praktische Übungen (je nach Wasserstand) unter der Begleitung der Mitglieder der Pontoniere Diessenhofen ausführen dürfen. Bei einem anschliessenden kleinen Umtrunk kann man dann die ersten Erkenntnisse Revue passieren lassen.
Der Einblick in das Stacheln findet am Freitag, 13. Juli, von 19 bis 20.30 Uhr statt, dauert ca. 1½ Stunden und ist kostenlos. Die Teilnehmerzahl ist auf 20 Personen beschränkt. Vorgängige Anmeldung bis Freitag, 13. Juli, um 12 Uhr an verlag@shn.ch oder Telefon 052 633 33 19.
**Stacheln
Die fünf wichtigsten Tipps**
**Stellung** In Fahrtrichtung stehen und sich möglichst wenig verdrehen.
**Körpereinsatz** Nicht nur mit den Armen arbeiten, sondern beim Stacheln den ganzen Körper und die Beine einsetzen.
**Lenken** Vorausschauend fahren und Strömungen in die Routenwahl ein-planen. Möglichst wenig korrigieren.
**Stachel zurückholen** Beim Heben des Stachels das Blatt (leicht verbreiterter unterer Teil des Stachels) so in die Strömung bringen, dass der Stachel fast wie von selbst in die richtige Ausgangsposition für den nächsten Stoss kommt. Rhythmus Ein gleichmässiger
**Rhythmus** erleichtert das Verlagern des Gewichts vom vorderen auf den hinteren Fuss und wieder zurück. (rob)

Beim Stacheln muss man den ganzen Körper einsetzen, sonst macht man schnell schlapp: Markus Baumer, Präsident der Pontoniere Schaffhausen, zeigt das Stacheln mit einem Pontonierweidling aus Kunststoff und ohne Stachelbalken.
Bild Robin Blanck