Robert Amsler – Weltbürger und Schaffhauser

Schaffhauser Nachrichten
Marcel Wenger, alt Stadtpräsident

Als Sohn des Diplomaten Reinhard Amsler und dessen Frau Ruth Bélart, welche ursprünglich aus einer im südfranzösischen Nîmes beheimateten Familie stammte, kam er 1925 in Buenos Aires zur Welt. Die Stationen seiner frühen Kindheit spiegelten den beruflichen Werdegang des Vaters: In Argentinien war er als Geschäftsträger bei der schweizerischen Gesandtschaft tätig, übernahm er danach die Südamerika-Vertretung der Schweizer Weltmarke Bally. Damit näherte er sich den unternehmerischen Wurzeln seiner Familie in Schaffhausen wieder an.

Es ging von Buenos Aires zunächst nach Hamburg, wo die junge Familie 1929 von der «Great Depression» so stark getroffen wurde, dass sie sich entschied, nach Schaffhausen überzusiedeln: Reinhard Amsler übernahm in der Familienfirma – der Alfred J. Amsler & Co. Werkzeugprüfmaschinen – eine leitende Funktion. Robert Amsler sprach damals Hochdeutsch und war schweizerisch-argentinischer Doppelbürger. Er hörte im internationalen Ambiente, wie seine Eltern französisch, englisch, spanisch oder italienisch sprachen. Diese familiäre Begabung für Fremdsprachen spiegelte sich auch in der Berufswahl seiner Schwester Martina wider, die später nach England auswanderte und als Dolmetscherin mitunter auch für die Queen tätig war. Für das Schaffhauserdeutsch begeisterte Robert Amsler sich ebenso, und die Vaterstadt, wohin ihn die Weltwirtschaftskrise verschlagen hatte, bekam er als sein eigentliches Zuhause gern. Ganz so einfach wird es ihm das neue Umfeld wohl nicht gemacht haben. Die Mutter war als Tochter von Hans Bélart, dem Chef der Anatolischen Eisenbahn, in Konstantinopel – dem heutigen Istanbul – aufgewachsen; der Vater ein «Weitgereister», die Familie mehrsprachig: Paradiesvögel im «kleinen Paradies»? Natürlich nicht. Robert Amsler legte eine schulische Musterkarriere hin und gewann Freunde, die ihn 1943 an der «Kanti» zum Präsidenten der Scaphusia erkoren. Ob er dafür häufig «in die Kanne» musste, gar den «Bischof» oder den «grossen Ozean» hinunterzuschlucken hatte? Das erschlösse sich, wenn schon, sicher nicht dem Schreibenden, der ein rundes Vierteljahrhundert später ausgerechnet Präsident der abstinenten «Munötler» war. Aber die Kameradschaft und das Latein, welches auch Robert Amsler lernte, brachten es wohl mit sich, dass er nie am Ende des Letzteren anlangte: Er entwickelte sich zu einem mehrdimensional denkenden und genau abwägenden Menschen, der lauten Tönen kritisch, wenn nicht ablehnend gegenüberstand. Der Zeitgeist und die Ereignisse der Vorkriegs- und Kriegsjahre legten eine solche Entwicklung gewiss nicht nahe, wohl aber die kulturell und international gut vernetzte Familie.

**Freie Wirtschaft als Berufung**
Um auch an unternehmerische Traditionen anknüpfen zu können, richtete Robert Amsler sein Jus-Studium auf wirtschaftsrechtliche Themen aus. Doch statt wie andere von Schaffhausen nach Zürich und wieder zurück zu pendeln, wählte er auf Wunsch seiner Eltern für das Grundstudium und die französische Sprache die Uni Genf. Nach einem Abstecher an die Université Libre in Brüssel – sie war eine der ersten Möglichkeiten nach dem Krieg für Auslandssemester in Europa – schloss er sein Studium mit einer Doktorarbeit in Bern ab. «Die Sicherheitshinterlegung im schweizerischen Recht» behandelte einen wichtigen privatrechtlichen Aspekt des wachsenden Kreditbedarfes der Nachkriegswirtschaft. Kein Geringerer als Professor Theo Guhl, ein Doyen des Schweizerischen Privatrechts, war sein Doktorvater. Weil es weder bei Banken noch anderen Hinterlegungsstellen Formularverträge gab, finden sich am Schluss der Arbeit Vertragsbeispiele zur Verbesserung der Rechtssicherheit: Gute Rechtswissenschaft lieferte für Robert Amsler nicht primär das Arsenal für Prozesse, sondern vielmehr zu deren Vermeidung. Eine Haltung, die ihn auch nach dem Erwerb des Schaffhauser Anwaltspatentes 1952 nicht in eine eigene Kanzlei führte, sondern als kaufmännischen Leiter zur Alfred J. Amsler & Co. Deren Werkstoffprüfmaschinen waren Spitzenprodukte, und die Firma garantierte innert 48 Stunden weltweit Service- und Montagedienstleistungen: Internationalität lange vor der Globalisierung. Die Erschliessung des südamerikanischen Marktes mit Peru, Brasilien, Bolivien und Chile führte den Jungunternehmer zu den noch bestehenden Kontakten seines Vaters Reinhard und zu aufstrebenden Firmen und Investoren in diesen Ländern. Damals lernte Robert Amsler seine spätere Frau Lucy kennen, die Tochter eines hohen peruanischen Marineoffiziers. Die Heirat im Februar 1957, mitten im peruanischen Sommer, und der Wechsel nach Schaffhausen sorgten fortan dafür, dass Robert und Lucy Amsler ihre Ehejubiläen jeweils im tiefsten Schaffhauser Winter feierten, wenn sie nicht ins Andenland reisten. Zum Glück für beide kam dies nach seinem Übertritt in den (Un-)Ruhestand recht häufig vor, und beide freuten sich jeweils besonders auf Familie und Freunde in Peru. Der Strukturwandel in der Schweizer Metall- und Maschinenindustrie begann für die Alfred J. Amsler & Co. bereits gegen Ende der 1960er-Jahre. Grossunternehmen diversifizierten sich zunehmend zu stark vermischten Konzernen. +GF+ übernahm die Firma zu einem Zeitpunkt, wo der Schaffhauser Teil der Familie zwar gerne autonom geblieben wäre, die zürcherischen Miteigentümer sich aber für einen Verkauf aussprachen. Robert Amsler musste als Vorsitzender der Geschäftsleitung diesen Mehrheitsbeschluss gegen seinen Willen umsetzen, was für ihn nach eigenem Bekunden, aber auch aus Gesprächen mit Familienangehörigen nicht einfach war. Auch seine Mandate im Verwaltungsrat von Georg Fischer und das Präsidium des Verbandes Schweizerischer Maschinenindustrieller VSM konnten den Verlust an Nähe zum operativen Geschäft nicht kompensieren. Als Wirtschaftsjurist wurde er in den Verwaltungsrat der Zürcher Privatbank Von der Mühll und Weyeneth gewählt, und er begann, sich auf das Anlage- und Börsengeschäft zu spezialisieren. Sprach- und Rechnungslegungskenntnisse sind dafür auch heute noch wichtig. Damals gab es indessen weder elektronische noch durch Plattformen standardisierte Unter- stützung. Alles musste aus Presse-, Börsen- und Unternehmensberichten zusammengestellt und fortlaufend kommentiert werden. Ein Blick in die monatlichen Börsenbriefe, die Robert Amsler auch noch für die spätere Käuferin des Instituts Von der Mühll, die Slavenburg’s Bank, verfasste, macht dies überdeutlich. Es galt, eine Fülle von Einzelinformationen in ein Gesamtbild zu fassen. Robert Amsler tat dies mit Verve und der ihm eigenen, differenzierten Art. Er konzentrierte sich dabei nicht nur auf die Schweiz und die damals führenden Wirtschaftsnationen, sondern widmete auch den zukünftigen Schwellenländern und Rohstoffregionen seine Aufmerksamkeit. Er kannte sich in den 70er-Jahren bei australischen Minengesellschaften besser aus als mancher Fachjournalist. China, Russland und Südamerika waren für ihn schon früh Anlagethemen, immer gepaart mit einem scharfen Blick auf die staatlichen Rahmenbedingungen.

**Politik als Beruf?**
Es war nicht einfach, Robert Amsler für den ersten Wahlgang nach Annahme der Halbämter-Initiative als Stadtratskandidaten zu gewinnen. Die Stadtfreisinnigen, deren Präsident ich sein durfte, hatten mit Felix Schwank schon einen ausgewiesenen und starken Stadtpräsidenten. Würden sich dieses «animal politique» und der «uomo universale» verstehen? Und mehr noch: Würde sich für den Stadtpräsidenten, der seine Anliegen häufig mit einer Koalition aus Bürgerlichen und SP durchgebracht hatte, auch mehr Sukkurs aus bürgerlichen Reihen generieren lassen? Rückblickend ist man versucht zu sagen: Alles blieb anders. In der Stadt konnte man als Liberaler nur durch Einbezug aller relevanten Kräfte regieren. Dazu gehörten eben auch die Sozialdemokraten. Für den Wirtschaftsfreisinnigen Robert Amsler war es darum ein mutiger Schritt hin zum Staat, wenngleich auch «nur» im Halbamt. Er wusste, worauf er sich einlassen würde: 1956 bis 1968 gehörte er dem Grossen Stadtrat zu Zeiten Walther Bringolfs an. 1977 zog er erneut ins Parlament, besorgt wegen der Finanzlage und des Vormarschs des Landesrings. Er hätte diese Mandate lieber bei der FDP gesehen und konnte mit seinen guten Wahlresultaten das Schlimmste verhindern helfen. Mit einer glanzvollen Wahl 1980 in den Stadtrat und der schrittweisen Gesundung «seiner» ihm anvertrauten Stadtfinanzen in den Folgejahren war Robert Amsler jedoch intensiv beschäftigt. «Man hätte sich vom Mann im Finanzreferat vermehrt ein deutliches Wort auch über sein eigenes Metier hinaus erwünscht», analysierte Jörg Riser 1991 in den SN. Wohl wahr: Aber der operative Druck mit den veränderten Pensen im Stadtrat machte selbst privatwirtschaftlich Erfahrenen zu schaffen. Und da waren ja auch noch die VR-Mandate bei Bircher, Slavenburg’s, Hidrostal, Colores und der Spar- & Leihkasse Schaffhausen, welche als Privatbank den Kostensprung hin zum modernen Anlageinstitut aus eigener Kraft nicht glaubte schaffen zu können. Deren Übernahme durch die Bankverein-Tochter «Schweizerische Depositen- und Kreditbank» in Basel wurde in Schaffhausen nicht überall gut aufgenommen. Dabei darf man sich getrost fragen, ob nicht gerade daraus auch ein Erfolgsfaktor für die letzte verbliebene und private Stadtschaffhauser Gewerbebank resultierte. Wie auch immer: Robert Amsler betrachtete sein Halbamt insbesondere in den Jahren nach 1985, wo zu den Finanzen auch noch Polizei und Feuerwehr kamen, nicht immer «als ein Zuckerschlecken». Mit Themen wie der unglücklichen Verlegung des Wochenmarktes, den üblichen Dauerbrennern bei der Ortspolizei und der oftmals aus luftiger Höhe operierenden Feuerwehr tat er sich schwer: Schwindelerregende Zahlen konnten ihn nicht aus dem Gleichgewicht bringen, wohl aber eine Leiter, die mehr als drei Sprossen hatte … Robert Amsler nahm es mit der ihm eigenen gelassen-humorvollen Art. Der Schreibende durfte während seiner ersten zwei Jahre als Baureferent mit Robert Amsler noch im Stadtrat zusammenarbeiten. Seine Unterstützung hat in der heraufziehenden Strukturkrise Ende der 80er-Jahre dafür gesorgt, dass nicht auch noch die Investitionen der Stadt einbrachen. Und dass die forcierte Fusion des städtischen mit dem kantonalen Polizeikorps zuoberst auf seiner Prioritätenliste gestanden habe, ist Geschichtsklitterung: Hermann Keller brauchte «manpower», und Max Hess wollte endlich mehr Zusammenarbeit. Schade nur, dass es lange brauchte, beide Ziele zu harmonisieren.

**Interkulturelle Akzente**
Im November dieses Jahres wäre Robert Amsler 87 geworden. In den rund drei Generationen veränderte sich vieles dramatisch. Sein Umgang mit dem Wandel war, darauf nicht mit Ablehnung, sondern mit Gestaltung zu reagieren. Ein liberaler und überaus kulturbewusster Ansatz, dem viel Augenmass für die Bedeutung des Einzelnen in der Gesellschaft zugrunde liegt. Natürlich gibt es die Lauten, die Populisten, die «Reisser» und «Leader». Hätten wir nur sie, wäre es in Wirtschaft und Politik definitiv nicht mehr auszuhalten. Robert Amsler war der Antityp aller Gerissenen und Superhelden. Er setzte mehr auf Historie, Analytik, Debatte und Pragmatismus. Wichtig waren für ihn auch sein Engagement bei Rotary und dessen Gemeinschaftsprojekten, aber auch das Kultur- und Musikleben in unserer Stadt, etwa für die Ausstellung «Peru durch die Jahrtausende», die 1984 nach Schaffhausen kam, oder die permanente Archäologische Sammlung Ebnöther im Museum zu Allerheiligen. Deshalb waren Gespräche mit ihm immer eine grosse Bereicherung, auch wenn er zusehends mit enormen gesundheitlichen Herausforderungen zu kämpfen hatte. Nun bleibt die Erinnerung an einen der wenigen echten Grandseigneurs der Schaffhauser Politik und Wirtschaft.



Robert Amsler (1925–2012) Anfang der Neunzigerjahre.
Bild B.+ E. Bührer