Festlicher Höhepunkt des Zunftjubiläums

Schaffhauser Nachrichten
Zeno Geisseler

Eigentlich war es schon am letzten Freitag so weit. Am 1. Juli 2011 war offiziell der runde Geburtstag der Schaffhauser Gesellschaften und Zünfte. Denn genau vor 600 Jahren, am 1. Juli 1411, hatten die Schaffhauser Handwerker das Recht erhalten, sich zu Zünften zusammenzuschliessen. Dies war die Grundlage für eine rund 400 Jahre dauernde Blütezeit, deren Spuren auch heute noch deutlich sichtbar sind. Die offizielle Feier verlegten die heutigen Zunftmeister aus praktischen Gründen aber auf den Samstag. So versammelten sich um 15 Uhr mehrere Hundert Gesellschafter, Zünfter, Gäste und Zugewandte in der Kirche St. Johann in Schaffhausen zum öffentlichen Festakt, zu dem auch die Bevölkerung eingeladen war.

**Erbe heute noch sichtbar**
Umrahmt von festlichen Klängen des Schaffhauser Barockensembles liess die Gemeinschaft die Geschichte Revue passieren. «Wir wollen heute die Zeit der Zunftherrschaft in Erinnerung rufen», sagte Bernhard Seiler, Obmann der Stiftung der Schaffhauser Gesellschaften und Zünfte. Er erinnerte die Festgemeinde daran, wie sehr Schaffhausen von dieser Epoche auch heute noch geprägt sei, denke man etwa an den Munot oder an den Beitritt des damaligen Stadtstaates zur Eidgenossenschaft. Die Zunftverfassung selbst war den Schaffhauser Handwerkern noch von ihrem österreichischen Landesherrn gewährt worden. Regierungsratspräsident Reto Dubach überbrachte die Gratulationen der Regierung. «Ohne den von den Gesellschaften und Zünften aufgebauten Stadtstaat würde es den Kanton Schaffhausen nicht geben», sagte Dubach, selbst langjähriges Mitglied der Weberzunft. Die Leitprinzipien von damals, Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, seien auch heute noch hochaktuell. Stadtpräsident Thomas Feurer gratulierte den Vereinigungen namens der Stadtregierung. Er sei stolz darauf, dass man in Schaffhausen dem kulturellen Erbe der Zunftzeit auch heute noch auf Schritt und Tritt begegne, etwa den schönen und kostbaren Zunfthäusern oder dem Munot. Nicht zuletzt dank den Gesellschaften und Zünften sei Schaffhausen keiner dieser geschichts- und gesichtslosen Orte, von denen es viele gebe. Es folgte ein Intermezzo des Barockensembles. Die Musiker hatten für den Anlass bemerkenswerte Stücke aus der Blütezeit der Zünfte ausgewählt, zwei Konzerte von Antonio Vivaldi sowie Stücke von Diego Ortiz, Guillaume Dufay und Johannes Martini. In seiner Festansprache ergründete Staatsarchivar Roland E. Hofer schliesslich ausführlich das historische Umfeld der Ereignisse von 1411 und deren Folgen (siehe Kasten). Danach konnte sich die Festgemeinde am Apérobuffet laben. Die Getränke waren von Stadt und Kanton offeriert worden.


**Staatsarchivar Roland E. Hofer: «1411 war eine gute Investition»**

Wie muss man sich aus heutiger Sicht die Umstände vorstellen, die zur Zunftverfassung von 1411 führten? Dieser Frage ging Staatsarchivar Roland E. Hofer in seiner Festrede nach.
«Schaffhausen», sagte Hofer einleitend, «war damals an die Habsburger verpfändet und damit eine österreichische Landstadt mit einem Habsburger Herzog.» Zwischen Basel und Konstanz sei Schaffhausen die wichtigste und bedeutendste Stadt gewesen, nicht zuletzt als Handelsplatz. Schon im 14. Jahrhundert wurde die Selbstbestimmung auf- und ausgebaut, wobei es zwischen Handwerkern und Adel immer wieder zu Auseinandersetzungen kam. Mit der Zunftverfassung zog Herzog Friedrich der IV. einen Schlussstrich und gewährte den Schaffhausern umfassende Selbstbestimmungsrechte. Die Bürger durften fortan nicht nur Zünfte bilden, sondern auch alle Schlüsselämter wie Bürgermeister, Räte oder Richter besetzen. Wer Mitglied einer Zunft war, war gleichzeitig Bürger, ungeachtet der Höhe seines Vermögens, und durfte also politisch mitbestimmen.

**3000 Gulden für die Urkunde**
Doch warum gewährte der Habsburger Herzog den Schaffhausern überhaupt diese Rechte? Laut Hofer gibt es mehrere Erklärungsansätze. Im Dokument selbst steht, die Verfassung sei der Dank für treue Dienste der Stadt Schaffhausen für das Haus Österreich. Noch andere Gründe seien zu vermuten. So die Absicht, die Stadt enger an Habsburg zu binden. Man könne den Schritt auch als Wirtschaftsförderung verstehen: eine Stadt, die dank besserer Rahmenbedingungen floriert, könne ihrem Landesherrn höhere Kredite gewähren. Geld, sagte Hofer weiter, spielte auch in einem anderen Sinn eine Rolle. Denn die Stadt musste ihrem Herzog, den seine Feinde «den mit der leeren Tasche» nannten, für die Zunftverfassung 3000 Gulden bezahlen. Schon 1415 konnte sich die Stadt auch aus der Pfandschaft loskaufen und damit die Reichsfreiheit wiedererlangen. Nun waren die Grundlagen gegeben, um in Freiheit, Selbstverwaltung und Eigenverantwortung einen souveränen Stadtstaat aufzubauen. Die 3000 Gulden für die Verfassung, sagte Hofer abschliessend, hätten sich gelohnt: ohne Zunftverfassung wäre Schaffhausen wohl eine österreichische Stadt geblieben, was der Geschichte eine ganz andere Wendung gegeben hätte. (zge)



Zunftobmann Bernhard Seiler (rechts) mit Festredner Roland E. Hofer nach dem Festakt am Apéro vor der Kirche St. Johann in Schaffhausen.
Bild Selwyn Hoffmann