Die faszinierende Welt der Chemie

Schaffhauser Nachrichten
Erwin Künzi

Am frühen Morgen des 1. November 1986 heulten im Grossraum Basel die Alarmsirenen: In einer Lagerhalle des Chemiekonzerns Sandoz in Schweizerhalle war ein Brand ausgebrochen, der dadurch verursachte dichte Rauch veranlasste die Behörden, eine mehrstündige Ausgangssperre zu erlassen. Die Feuerwehr bekämpfte den Brand, das Löschwasser floss anschliessend in den nahe gelegenen Rhein und löste dort ein Fischsterben aus. Seither war immer wieder vom «Chemieunfall» in Schweizerhalle die Rede. Warum eigentlich, fragt sich nicht nur der Chemiker Daniel Leu: «Wenn ein Flugzeug abstürzt, spricht man doch auch nicht von einem Physikunfall.»

Beitrag zur Welterkenntnis
Ereignisse wie in Schweizerhalle haben der Chemie zu einem schlechten Image verholfen, ein Image, das sie nicht verdient, denn an den Unfällen war nicht sie, sondern menschliches Versagen schuld. Sie spielt ganz im Gegenteil in verschiedenen Lebensbereichen eine wichtige Rolle, denken wir nur etwa an die Rolle der Chemie bei der Entwicklung von neuen Medikamenten. Für Daniel Leu, der die Konsultationsfirma Leu&Partner betreibt und im kantonalen Umweltschutzamt für den Bereich «Radioaktive Abfälle» verantwortlich ist, ist Chemie noch viel mehr: «Sie hat einen philosophischen Beitrag zur Welterkenntnis geleistet.» Dank dem Periodensystem der chemischen Elemente konnte die Natur in ihre Einzelteile zerlegt werden. Neue Kombinationen wurden möglich, Materialien konnten analysiert und zum Beispiel Lebensmittel und Gewässer auf Bestandteile kontrolliert werden, die dort nicht hineingehören.

Wichtiger Teil der Wirtschaft
Leu ist nicht der Einzige, der sich am schlechten Image der Chemie stört. Da die UNO das Jahr 2011 zum Internationalen Jahr der Chemie ausgerufen hat und sich die Verleihung des Nobelpreises für Chemie an Marie Curie, die die Elemente Radium und Polonium entdeckt hat, dieses Jahr zum hundertsten Male jährt, regte Kurt Seiler, Kantonschemiker und Präsident der Naturforschenden Gesellschaft Schaffhausen, an, in Schaffhausen einen Tag der Chemie zu organisieren. Diese Anregung fiel auf fruchtbaren Boden, und so wird heute in der Kantonsschule der Schaffhauser Tag der Chemie durchgeführt, der von Daniel Leu organisiert und von diversen hier ansässigen Chemiefirmen aktiv unterstützt wird. Letztere bilden einen bedeutenden Teil der Schaffhauser Wirtschaft: So ist etwa die Cilag AG mit ihren rund 1000 Arbeitsplätzen der grösste private Arbeitgeber in der Region Schaffhausen. Diese Firmen haben zudem ein vitales Interesse daran, dass sich der Ruf der Chemie bessert. Zurzeit entscheiden sich zu wenige Jugendliche für ein naturwissenschaftliches Studium im Allgemeinen und ein Chemiestudium im Speziellen und fehlen deshalb den Firmen als Arbeitskräfte. Daher richtet sich der Tag der Chemie zwar an die gesamte Öffentlichkeit, möchte aber besonders bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die faszinierende Welt der Chemie wecken. Das soll mit einem breit gefächerten Programm geschehen (siehe Spalte auf dieser Seite); in diesem wird auch versucht, auf kritische Fragen zur Chemie einzugehen und sie zu beantworten.


**Interviews von Erwin Künzi**

**«Antworten liefert oft nur die Chemie»**
*Was fasziniert Sie an der Chemie?*
Kurt Seiler: In der Forschung hat mich die Entwicklung von konkreten Produkten fasziniert. Wie ein Architekt konnte ich neue Moleküle kreieren, herstellen und anschliessend in Sensoren austesten. Es war der praktische Nutzen, der mich anspornte. Dass einige dieser Produkte den Weg auf den Markt gefunden haben, bedeutete zusätzliche Motivation. Heute hilft mir die Chemie, Vorgänge in der Umwelt zu verstehen: Weshalb findet man Antiklopfmittel im Wasser? Wie bildet sich Feinstaub in der Luft? Welche Substanzen sind gefährlich? Antworten sind oftmals nur dank der Chemie zu finden.

*Warum sollen junge Leute Chemie studieren?*
Seiler: Die spannendsten und wichtigsten Prozesse laufen auf der chemischen Ebene ab. Chemisches Verständnis wird uns helfen, die anstehenden Herausforderungen zu meistern.

**«Spass am logischen Denken»**
*Was fasziniert Sie persönlich an der Chemie?*
Simone Hörtner: Ganz besonders gefällt mir an der Chemie die Mischung aus Handwerk und Kopfarbeit, denn beide Komponenten sind entscheidend für erfolgreiches Arbeiten. Weiter begeistert es mich, dass durch chemisches Verständnis und geeignete Analysemethoden die molekulare Struktur eines Stoffes «ersichtlich» wird.
*Warum sollen junge Leute Chemie studieren?*
Hörtner: Ich kann ein Chemiestudium beziehungsweise eine Lehre als Chemielaborant oder Chemielaborantin allen jungen Leuten empfehlen, die gerne Probleme lösen, sich für Naturwissenschaften und Technik interessieren, gerne exakt arbeiten sowie Spass an logischem Denken haben.

**«Das logischste aller Fächer»**
*Was fasziniert Sie an der Chemie?*
Thomas Stamm: Für mich war Chemie bestimmt das logischste aller Fächer. Diesen Eindruck einer logischen und zugleich schönen Naturwissenschaft verdanke ich nicht zuletzt einer engagierten Chemielehrerin (merci, Madame Curie!) und einem begabten Chemielehrer, die mir Erklärungen aufzeigten für Phänomene, die ich aus dem Alltag und meinem Chemiebaukasten kannte.
*Warum sollen junge Leute Chemie studieren?*
Stamm: Chemie ist für jene, die gerne einen Blick hinter die Kulissen werfen, die wie ich verstehen wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält, aber auch einfach staunen können über Natur- und Alltagsphänomene, eine spannende und höchst anregende Angelegenheit. Und wer einen Beitrag zur Lösung von vielen Gesellschaftsherausforderungen leisten möchte: Studiert Chemie!

**«Chemie ist extrem vielseitig»**
*Was fasziniert Sie an der Chemie?*
Adrian Thaler: Die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, die Nahrungsmittel, die wir essen, die Materialien, die uns umgeben, alles ist Chemie. Es ist die Stoffvielfalt, die mich fasziniert und die es dem Chemiker ermöglicht, bekannte Stoffe in neue umzuwandeln, die völlig andere Eigenschaften aufweisen und in der Landwirtschaft, Medizin, Industrie und in vielen anderen Bereichen angewandt werden können.
*Warum soll man Chemie studieren?*
Thaler: Die Tatsache, dass die Chemie bei praktisch allen grossen technologischen Herausforderungen eine zentrale Rolle spielt, sollte junge Leute motivieren, Chemie zu studieren und aktiv zur Lösung der anstehenden Probleme beizutragen. Chemie ist extrem vielseitig und bietet besonders in Verbindung mit anderen Wissenschaften ein unerschöpfliches Feld für entdeckungsfreudige junge Forscher.


**Schaffhauser Tag der Chemie**
Das Programm

Zeit und Ort
Der Schaffhauser Tag der Chemie findet heute von 10 bis 16 Uhr in der Kantonsschule Schaffhausen statt. Er steht der interessierten Öffentlichkeit offen. Angeboten werden Demonstrationen, Experimente und Ausstellungen. Es gibt betreute Mitmach-Experimente für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Vorträge und Filme. Vertreten sind neben der Kantonsschule verschiedene Chemiefirmen, das Interkantonale Labor Schaffhausen und die Naturforschende Gesellschaft.

Offizieller Teil
Dieser beginnt um 11 Uhr in der Aula des Altbaus mit Ansprachen von Regierungsrat Christian Amsler, Stadtpräsident Thomas Feurer und Marcus Cajakob von der Wirtschaftsförderung. Im Anschluss befragt Stefan Balduzzi Prof. Dr. Gerd Folkers zum Thema «Chemie – eine Wissenschaft ringt um ihr Image». «Chemische» Slam Poetry von Simon Chen, Musik und ein Apéro beschliessen diesen Teil.

Nobelpreisträger
Um 15 Uhr spricht in der Aula des Altbaus Nobelpreisträger Prof. Dr. Richard Ernst zum Thema «Mein Weg zur Chemie und darüber hinaus».

Kurzvorträge I
Im Raum 325 im Altbau finden folgende Kurzvorträge statt: 10 und 14 Uhr: Urs Weibel: Von der Sexparty bis zum Schafott, alles drin beim Ölkäfer. 10.30 und 13.30 Uhr: Ruth Böni: Spinat & Co. in der Turbo-Version – Chemiker als Gemüsetuner. 13 und 14.30 Uhr: Simone Hörtner: Kleider machen Leute – und verpackte Wirkstoffe bessere Medikamente.

Kurzvorträge II
Im Raum 326 des Altbaus finden folgende Kurzvorträge statt: 10 und 13 Uhr: Pirmin Ulmann: Die Sonne im Tank – Organische Solarzellen und Lithiumionen-Batterien. 10.30 und 13.30 Uhr: Erich Hammer: Der beste Chemiker ist die Natur.

Kurzvorträge III und Show
Im Raum 223 des Altbaus finden folgende Kurzvorträge statt: 10.30 Uhr: Jonas Bosshard: Die selbst reinigende Glasscheibe. 13.30 und 14.30 Uhr: Lisa Hartmeier: Röntgenkontrastmittel – wohin fliesst das? 10, 13 und 14 Uhr: Thomas Stamm: Die Show des Chemielehrers.

Demonstrationen
Trüb Emulsions Chemie: Imprägnierung von Papier. Heisssiegeln von Jogurthbechern. Entstehung einer Emulsion live. Kantonsschule: Stahlgiessen – Nuggets zum Mitnehmen, mit Rainer Steiger. Kantonales Labor: Lebensmittel und Aromen; GC-Sniffer: Sauber sniffen. Destillation von Aromen: Erst Dampf ablassen, dann Aroma fassen. Soxhlet-Extraktion: Willst du’s kompakt, nimm den Extrakt. Molekularküche: Die Küche als Chemielabor. Caramel: Zuckersüsse Chemie. «Kaviar»: Mal als fruchtige Delikatesse. Kochen mit flüssigem Stickstoff: Von Jogurth auf Glace in 8 Sekunden und Pralinen aus der Eiszeit.

Firmen
Folgende Firmen sind mit einem Stand vertreten: Merck & Cie, Cilag AG, Trüb Emulsions Chemie, BASF

Wettbewerb
Die Naturforschende Gesellschaft Schaffhausen führt einen Wettbewerb mit einer Preissumme von 5000 Franken durch.

Festwirtschaft
In der Mensa gibt es Grillspezialitäten, Würste, Salate, Snacks, alkoholfreie Getränke, Kaffee, Bier, Wein.