Schaffhauser Nachrichten, Schaffhausen / Neuhausen
Martin Schweizer
Die über Schaffhausen hinaus bekannte und beliebte Wirtsstube war seit bald fünfzehn Jahren nur noch am Samstagvormittag, ab halb zehn bis zwölf Uhr, geöffnet. Ein Stammgast, meist Albert Ineichen, holte jeweils den Wein aus dem Keller, Fräulein Zimmermann machte den Service – bis, ja, bis am vergangenen Samstag, als den Gästen ohne Vorwarnung mitgeteilt wurde, dass die Wirtschaft fortan definitiv geschlossen bleiben würde.
**Alles hat ein Ende**
Es musste eines Tages so kommen, Margrit Zimmermann, die sich bis heute gern altmodisch mit «Fräulein» anreden lässt, hat Beschwerden; sie ist nicht mehr so gelenkig und so flott auf den Beinen wie einst im Mai, was in ihrem Alter nicht wirklich verwundern kann. Trotzdem zeigten sich die meisten Gäste, die treuen und die sporadisch auftauchenden, überrascht und konsterniert, dass nun alles ein Ende haben soll.
Eine «Hiobsbotschaft» seis gewesen, sagte ein Gast und sprach aus, was wohl viele Besucher des schlichten und irgendwie zeitlos wirkenden Lokals dachten. Man gewöhnt sich eben an regelmässige Zusammenkünfte mit vertrauten Gesichtern, an gesellige Stammtische, die manchmal den Charakter von Ritualen bekommen. Das Bedauern über die Schliessung der «Tanne» war deshalb gross, wie auch Fotograf Rolf Wessendorf am Samstag beim letzten Glas feststellen konnte.
**Kein Rummel um Person**
Er hat die «Tanne» und ihre Gäste über Jahre hinweg begleitet und porträtiert. Ein langjähriger Gast und Freund der Gastgeberin war auch Ernst Rahm-Kunz, der gestern am Telefon von allzu grosser Publizität abriet, Margrit Zimmermann schätze den Rummel um ihre Person nicht. Tatsächlich ist die bald 93-jährige Wirtin bekannt als eine bescheidene, zurückhaltende und zugleich liebenswürdige Person, die nie im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen wollte. Andererseits ist die von der Familie Zimmermann seit 1912 geführte «Tanne» in Schaffhausen mittlerweile eine Institution, die man nicht übersehen kann – und nicht ignorieren darf, zumal die Stadt Schaffhausen eine Option auf die altehrwürdige Liegenschaft hat.
**Kleine Leibrente**
Laut einem bereits 1998 abgeschlossenen Vertrag wird die Stadt Besitzerin der «Tanne», sobald Margrit Zimmermann, die keine erbberechtigte Nachkommen hat, das Haus verlässt – eine grosszügige Geste. Die Stadt hat sich im Gegenzug verpflichtet, Fräulein Zimmermann eine kleine Leibrente auszurichten. Eine weitere Klausel besagt, dass die Einwohnergemeinde das «historische Cachet» des Hauses auch nach der Schliessung des Restaurants erhalten muss.
**Nicht ins Altersheim**
Wie das geschehen soll, ist offen – und muss im Moment auch nicht entschieden werden. Denn Gewährsleute wollen wissen, dass Fräulein Zimmermann noch keineswegs beabsichtigt, ins Altersheim zu ziehen. Vorläufig wohnt sie weiterhin an der Tanne, und das, so ist zu hoffen, noch lange über ihren jetzt erlangten und wohlverdienten Ruhestand hinaus.

Nicht nur die Stammgäste waren treu, auch sie hielt ihren Gästen über Jahre und Jahrzehnte die Treue: Fräulein Zimmermann, die bescheidene und liebenswürdige Wirtin der «Tanne», die am Samstag das letzte Glas ausschenkte.
Archivbild Bruno Bührer