Die Welt ist das Haus, in dem wir wohnen

Schaffhauser Bock
Jurga Ruesch

Professor Dr. Jürg Fröhlich ist in Schaffhausen kein Unbekannter. 1946 in Schaffhausen geboren, absolvierte er hier die Schulen bis zur Matura und studierte in Zürich, Genf und Harvard Mathematik und Physik.
Wie hat sich nun das physikalische Weltbild seit den Zeiten Galileis und Newtons verändert, und was für Antworten gibt die heutige Physik auf die Frage nach der Wirklichkeit der Welt? Es würde den Rahmen sprengen, sämtliche Thesen und dazugehörige Erklärungen niederzuschreiben. Hier jedoch ein paar Bruchstücke, die dem Referat frei entnommen wurden.
Die Quantenmechanik hat den Abschied vom naiven Realismus des alten Weltbilds bedeutet. Jedoch was unter der Quantenmechanik genau zu verstehen ist, wissen selbst viele promovierte Physiker nicht. Jürg Fröhlich hält es für einen der intellektuellen Skandale unserer Zeit, dass die meisten Physiker noch immer grosse Mühe haben, klar und allgemein zu erklären, was die Quantenmechanik über den Ausgang von Experimenten an der Natur vorhersagt. Die Quantenmechanik spricht von Wahrscheinlichkeiten. Die mathematische Beschreibung der Wirklichkeit und unsere tägliche, unwissenschaftliche Wahrnehmung derselben klaffen immer mehr auseinander. Heute herrscht ein ganz anderes Weltbild, als es die griechischen und abendländischen Physiker zwischen 500 v. Chr. und 1600 n. Chr. hatten. Sie glaubten, im Buch der Natur den Willen Gottes lesen zu können. «Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass früher eine andere Mathematik oder andere Naturgesetze galten. In diesem Sinne sind Mathematik und die Naturgesetze ausserhalb der Zeit und objektiv. Gleiches kann man von Religionen keinesfalls behaupten, und das müsste einen grossen Ansporn für die religiöse Toleranz darstellen. Die Mathematik hingegen ist nicht tolerant.» Wir nahmen auch Abschied vom deterministischen Weltbild der frühen Neuzeit zwischen 1600 und 1900, von Galilei, Kepler und Newton, die glaubten, aus einer vollständigen Kenntnis der Gegenwart mittels unverrückbarer Naturgesetze alles Geschehen berechnen zu können, Vergangenheit wie Zukunft. «Es gibt keine universelle, für alle Beobachter gleichermassen zutreffende Begriffe von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und von der zeitlichen Ordnung beliebiger Ereignisse. Diese Begriffe sind relativ und als Raum-Zeit-Punkte definiert, daher vom Raum-Zeit-Punkt abhängig, in dem sich der Betrachter gerade befindet. Das Leben eines Beobachters wird in der Raum-Zeit als eine sogenannt zeitartige Trajektorie dargestellt, einer Art Fahrplan, in dem Daten über verschiedenen Ereignisse eingetragen werden können. Der Fahrplan wird zweckmässigerweise durch die Zeit parametrisiert, die der Betrachter auf seiner Uhr abliest. Diese Zeit wird ‹Eigenzeit› genannt. Eine universelle, allen Beobachtern gemeinsame Zeit gibt es nicht!»
Die Entdeckungen im 20. Jahrhundert des naiven Determinismus und der Realismus der klassischen Naturbeschreibung Newtons, Eulers und ihrer Nachfolger wurden aus dem modernen physikalischen Weltbild entfernt. Dieses wird zunehmend zu einer mathematischen Konstruktion, die wir erdenken und mit der wir rechnen, aber nicht mehr plastisch vorstellen können. Zugleich hat die theoretisch-physikalische Grundlagenforschung die Basis gelegt für viele wesentliche Erfindungen wie Halbleitertechnologie, die unter anderem in jedem Mobiltelefon, Flachbildschirm oder Computer steckt.
Ein intensiver Dialog zwischen Geistes- und Naturwissenschaftler wäre laut Jürg Fröhlich begrüssenswert. Und dennoch könne die Existenz Gottes weder bewiesen noch widerlegt werden.
Organisiert wurde der Anlass vom Orden der Schweizerischen Odd Fellows, Rheinfall-Loge Nr. 9, im Rahmen des Zyklus «Geistiges Leben in der Loge». Dieser verfolgt das Ziel, Beiträge von Mitgliedern und externen Referenten zu Weltbildern oder Weltanschauungen zu präsentieren. Während seiner Ansprache betonte Obermeister Friedrich A. Rufer, dass der Vortrag von Jürg Fröhlich der Höhepunkt des Zyklus sei. Fröhlich spendet sein Referentenhonorar dem gemeinnützigen Verein Schönhalde.



Professor Jürg Fröhlich bei seinem Referat an der Kantonsschule