Freiburger trauern ihrer Brauerei nach

Schaffhauser Nachrichten, Wirtschaft
Denise Lachat

Françoise Cotting reicht ein Sandwich über den Tresen und einen Apfelsaft. Bier trinkt die Angestellte der Snackbar Passagio im Freiburger Bahnhof selber zwar keines, doch für Cardinal ginge sie sofort auf die Strasse. Schon 1996 war sie dabei, als 10 000 Menschen gegen die von Feldschlösschen geplante Schliessung der Traditionsbrauerei demonstrierten. Warum? «Weil ich durch und durch Freiburgerin bin und Cardinal nun einmal ein Teil von Freiburg ist.» Alex Portmann, Buschauffeur bei den Freiburger Verkehrsbetrieben, bekräftigt das. Cardinal gehöre zu Freiburg wie die Kappelerbrücke zu Luzern. Dass Feldschlösschen die Brauerei schliessen wolle, sei schlicht zum Weinen. Falls das Bier nicht mehr in Freiburg gebraut werde, droht er mit Boykott. «Wo soll es herkommen, aus Rheinfelden? Das können Sie vergessen, dann wechsle ich die Marke sofort.»
Zu Hilfe kommt den Cardinal-Mitarbeitern auch das soziale Netzwerk Facebook: Bis gestern Donnerstag hatten sich über 16 000 Personen der Gruppe «Rettet Cardinal» angeschlossen. Mails werden an den Carlsberg-Konzern geschickt, und ein Mitglied empfiehlt einen nationalen Cardinal-Tag. «Warm ums Herz» werde ihm dabei, sagt Ren Fragnière, der Personalvertreter von Cardinal.

**Genossenschaft als Lösung?**
Im Vergleich zum Elan in der Bevölkerung fallen die Reaktionen der Behörden eher lau aus. Die Kantonsregierung klopfte in einer Medienmitteilung am Dienstag zwar auf den Tisch und schrieb, sie sei zum Handeln entschlossen, in der «Libert» aber sagt der kantonale Volkswirtschaftsdirektor Beat Vonlanthen (CVP) nur, eine Volksbewegung für Cardinal könne zeigen, dass die Bevölkerung wirklich betroffen sei. Doch ob die Botschaft in Kopenhagen – dem Standort der Carlsberg-Gruppe, zu der Feldschlösschen gehört – ankomme, sei nicht sicher. Als «eher illusorisch» bezeichnet Vonlanthen zudem die Idee von Emmanuel Kilchenmann, Präsident der jungen CVP. Kilchenmann denkt an die Gründung einer Genossenschaft, die Feldschlösschen nicht nur die Brauerei, sondern auch die Marke Cardinal abkauft. Eine Genossenschaft? «Warum nicht», sagt Alex Portmann, der Buschauffeur. Doch er versteht die Zurückhaltung der Behörden angesichts der Aussage von Feldschlösschen, die Brauerei in Freiburg sei bloss zu 40 Prozent ausgelastet. Dass sich der Erfolg von 1996 nicht wiederholen lasse, befürchtet auch Françoise Cotting. Damals seien rund 220 Angestellte betroffen gewesen, heute nur noch 75. «Um die Schliessung ein zweites Mal abzuwenden, bräuchte es wohl mindestens 20 000 Demonstranten in der Stadt.» Mit von der Partie wäre der Verkäufer am Bahnhofskiosk. «Selbstverständlich demonstriere ich für Cardinal, das habe ich schon 1996 gemacht.» Hinter dem «Passage du Cardinal» liegt das Brauerei-Areal ruhig in der Mittagssonne. Zu Gesicht bekommen die Besucher einzig zwei Männer eines Sicherheitsdienstes. Feldschlösschen hat sie engagiert, wie lange sie bleiben, wissen sie noch nicht. Zugang zu den Produktionsanlagen habe die Öffentlichkeit ohnehin nicht, erklärt Markus Werner, Leiter Kommunikation der Feldschlösschen AG. Aus Gründen der Sicherheit und der Hygiene, sagt er und ergänzt: «Die Angestellten sollen ungestört arbeiten können.» Wo sie das in Zukunft tun, ist offen. 18 der 75 Mitarbeiter sollen frühzeitig pensioniert werden, 57 erhielten ein Stellenangebot. Rund 90 Prozent hätten das Angebot zum Gespräch angenommen, teilt Feldschlösschen mit, dessen Betriebsspitze sich gestern in Bern mit Vertretern der Gewerkschaft Unia und der Cardinal-Betriebskommission traf, um Vorschläge zu diskutieren. Am Grundsatzentscheid, so teilte Feldschlösschen weiter mit, werde aber nicht gerüttelt.