Zum Tod des Althistorikers Peter Frei

Neue Zürcher Zeitung; Ausgaben-Nr. 191; Seite 14; Zürich und Region
Thomas Ribi (rib)

Was kann man über vergangene Epochen wirklich wissen? Peter Frei hätte die Frage zurückhaltend beantwortet. Als Althistoriker, der seine Informationen aus einem Trümmerfeld oft zufällig überlieferter Zeugnisse gewinnen musste, mahnte er stets zu Skepsis. Zugleich aber beharrte er darauf, dass eine sorgfältige Lektüre und Interpretation der Quellen zu konkreten, gesicherten Ergebnissen führen kann. Und er zeigte seinen Studierenden an der Universität Zürich in Vorlesungen und Seminarübungen immer wieder exemplarisch, in welchem Spannungsfeld die Geschichtswissenschaft steht: auch unscheinbare Quellen wie Grabinschriften, Lagerlisten oder Verwaltungstexte in sorgfältiger Lektüre zum Reden zu bringen – ohne mehr in sie hineinzuinterpretieren, als sie hergeben können.

**Klassische Antike und Orient**
Peter Frei, der am 7. August gestorben ist, suchte den Zugang zur alten Welt vor allem über deren schriftliche Hinterlassenschaft. Mit dem Studium der Klassischen Philologie, der Indogermanistik und der Alten Geschichte hatte der 1925 Geborene dafür eine solide Basis gelegt. Schon früh richtete er den Blick über die «klassische Antike», über Griechenland und Rom hinaus. Die Kulturen des alten Orients, die Völker des Alten Testaments, die Grossreiche der Hethiter, Perser und Assyrer und die Völker Kleinasiens waren es, die er in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellte.
Voraussetzung dafür war vor allem die umfassende Kenntnis der Sprachen des antiken östlichen Mittelmeerraums. Das Hethitische, das Akkadische, das Aramäische, das Hebräische und die kleinasiatischen Idiome: Peter Frei verband die Kenntnis der Sprachen und ihrer linguistischen Grundlagen mit einem klaren Blick für historische Zusammenhänge, was ihn unter Fachkollegen zu einem Ratgeber machte, dessen Urteil man vertraute. In interdisziplinären Lehrveranstaltungen mit Vertretern der alttestamentlichen Wissenschaft, der Orientalistik oder der Byzantinistik galt seine Aufmerksamkeit besonders den Wechselwirkungen zwischen den Grossreichen und den Randkulturen der alten Welt. In einer kürzlich erschienenen Monografie zur Geschichte des antiken Kleinasien hat Peter Frei die Summe seiner Beschäftigung mit dem Hethiterreich, mit den Lykiern, Phrygiern, Lydern und anderen Völkern zwischen Mesopotamien und der Ägäis so knapp wie eindringlich zusammengefasst.

**Lehren und Erfahren**
Generationen von Historikern hat Peter Frei an der Universität Zürich von 1968 bis 1993 mit den Grundlagen der Alten Geschichte vertraut gemacht. In langjähriger Feldforschung widmete er sich daneben der Edition antiker und byzantinischer Inschriften aus West-Kleinasien – ein Unternehmen, an dem er mit seiner Frau bis zu seinem Tod arbeitete. Neben der wissenschaftlichen Tätigkeit setzte sich Frei zudem in universitären Gremien und als Erziehungsrat für die Universität ein. Schliesslich führte er auf Studienreisen regelmässig Studentengruppen in den Vorderen Orient, vor allem in die Türkei. Vieles von dem, was in Seminaren und Kolloquien anhand von Texten behandelt worden war, bekam da in der Landschaft ein konkretes Gesicht. Wer je mit Peter Frei gereist ist, hat auch das gelernt: dass sich manches nicht lehren, sondern nur erfahren lässt.