Manchmal ist ein Schritt über die Schwelle notwendig

Schaffhauser Nachrichten, Kolumne
Felix Schwank

Unserer Zeit wird nachgesagt, sie sei nicht geschichtsbewusst. Die Tageszeitung scheint das zu widerlegen. Mit einem Jubiläumsbericht pro Woche darf man rechnen. Die Jubiläumsreden sind geblieben, stehen aber oft im Schatten der kulturellen Beigaben. Ihnen gilt die Freude jener, die das Unternehmen weitertragen. Das Traditionelle wird noch gestreift. Der Stadtpräsident sagt es mit Bezug auf die 300 jährige Steigschule zum Beispiel so: «Ich habe dieses Schulhaus in guter Erinnerung, trotzdem ist der Unterricht im Steigschulhaus nicht immer angenehm gewesen. Wenn wir nicht gemacht haben, was der Lehrer wollte, sind die Strafen klar gewesen.» Ich weiss es von ihm, dass Willy Pfunder, der zu Thomas Feurers Zeit dort Lehrer war, «Kopfnüsse» verteilte. Nein, Körperstrafen, das habe es bei ihm nicht gegeben. Dies sagte der Lehrer in einem Kreis, in welchem ein ganz früher Pfunder-Schüler dabei war. Ein Lächeln umspielte dessen Mund, dann redete er seinen ehemaligen Lehrer mit dem Cerevis an, den man Willy Pfunder bei der Scaphusia zugeteilt hatte: «Weisst du nicht mehr, Uhu, wie du die Sünder im Turnen zu den Ringen befohlen hast, wo die Seile herunterhingen. Übers Knie hast du sie genommen und die Seile doppelt. Uhu gab es zögernd zu, aber mit dem Beifügen, es sei die Ausnahme gewesen. Die Strafen seien klar gewesen, hat Thomas Feurer gesagt. Hat er «Kopfnüsse» kassiert, weil er, wie er sagt, manchmal bei den Abweichlern war?
Willy Pfunder war als Lehrer das, was wir heute als gute, alte Schule bezeichnen würden. Bei einem meiner Besuche kam er auf die Rechtschreibung zu sprechen. Ich habe mir dazu ein paar Notizen gemacht und finde in meinem Tagebuch unterm 9. März 1986 Folgendes: «Ich (W. Pf) habe festgestellt, dass es ca. 300 Rechtschreibfehler gibt, die immer wieder vorkommen. Gegen diese Fehler habe ich einen Schlachtplan gemacht. Ich habe Diktatserien geschaffen, in denen die 300 Wörter nach und nach vorkommen. Verpackt in eine kleine Geschichte. Die Sache durfte nie langweilig werden. Die hartnäckigsten Fehler habe ich durch Wiederholung der Wörter ausgemerzt. In der 5. Klasse konnte bei mir praktisch jeder fehlerfrei schreiben.»
Der Unterricht im Steigschulhaus sei nicht immer angenehm gewesen, erinnert sich der Stadtpräsident. Das Exakte, das in den Sätzen Pfunders zum Ausdruck kommt, hat das Mühsame zum Begleiter. Das muss so sein und wird so bleiben, auch wenn wir dem Spielerischen, das zu Kreativem führt, seinen Platz einräumen. Folgt die Steigschule, ja unsere Schule, dieser Tradition – und sie wird vom Lehrer sichergestellt -, bleibt vom Jubiläum das Wesentliche.
Wenn nun im Kanton Zürich in den nächsten Jahren 1000 Lehrer fehlen, wird es auch für Schaffhausen eng. Der unselige Streit über die geleiteten Schulen, der bei uns Zeichen der Sturheit trägt, ist zu beenden. Es gibt andere Mittel, um den Lehrern mehr Möglichkeiten zu geben, ihren Unterricht zu gestalten. Dazu gehört sicher, dass man die Computer zügelt, die zu viel Papier auf die Lehrerpulte herunterladen. Wo gut bezahlte Schulräte als Ephoren (Aufseher) mit den Problemen nicht mehr fertig werden, könnte ein Trouble-Shooter eingesetzt werden. Die geleitete Schule neigt nach Ansicht vieler zur Überverwaltung. Wer die Schule vom Spargebot ausnehmen will, tut ihr nichts Gutes. Es überrascht, wie harsch die Politik in Schaffhausen mit jungen Leuten umspringt, die sich an das Wort «sparen» wagen. Natürlich wird auch übers Ziel hinausgeschossen. Meine Freisinnigen täten gut daran, die Reihen zu schliessen. Wenn einer, der in der Partei weit oben steht, meint, die Türe bleibe offen, dann sage ich ihm als ehemaliger Parteipräsident: «Offene Türen erzeugen allenfalls Durchzug. Manchmal ist ein Schritt über die Schwelle nötig.» Wenn es beim Freisinn so lottert wie jetzt, sind die nächsten Wahlen verloren. Das sind harte Worte, ich weiss.
Und wenn ich es friedlich haben will, verziehe ich mich gerne ins Engadin. Hochzeitstag! Der 59.! Ob sich da ein Jubiläum anbahnt, liegt nicht in unserer Hand. Wir fuhren hin. Ein trüber Tag. Die Strasse aber jenseits des Flurlinger Tunnels trocken. Da braust von rechts einer daher. Einfahrt ja, aber da noch ein Zweiter, mit Vollgas. Leicht. auf die Bremse und dann die Frage, macht dieses diesige Wetter die Lenker verrückt? Die Quittung kommt auf der Zürcher-Oberland-Autobahn, auf jenem Stück, das die Geschwindigkeit bei höchstens 80 km/h haben will. Ein Schatten im Rückspiegel. Schon vorbei. Ein Sportwagen, ein zweiter, ein dritter, alle auch deutlich über 120 km/h. Kein Rennen, einfach so, weil Sonntag ist. Weil man damit rechnet, auch die Polizei habe Sonntag. Die Fahrt über den Julier war sonnig. Nach Bivio das grosse gelbe Blühen der Wiesen, das Mäandern der Bäche, die von den Hängen sprudeln. Im Engadin zog der Scheibenwischer knarrende Spuren. Werde ich zum ersten Mal bei Regen in Sils einfahren? Nein, der Himmel war uns gnädig, blaute auf, wir zogen gegen den See. Aber der Wind war stürmisch, so stürmisch, dass ich meinen kosmetischen Spruch vom Faltenglätter Malojawind unterdrückte. Dann der Abend. Es gebe für uns einen Apero. Es gab mehr. Es gab eine Überraschung: Unter der Tür stand unsere Tochter mit wunderbaren Rosen im Arm. Welch ein Segen doch Kinder sind. Und Kindeskinder. Am goldenen Hochzeitstag vor neun Jahren waren wir, mit Marianne, den Blumenweg von Baseglia nach Grevasalvas gegangen. Diesmal wagten wir es noch von Plaun da Lej aus, das halbwegs liegt. Langsam, mit vielen Halten folgten wir dem Strässchen. Die Sonne spielte mit dem Gelb der Trollblumen. Dazwischen Gruppen jener Veilchen mit dem langen Sporn, deren warmes Violett uns erfreute. Längerer Halt bei einem weiss herabschäumenden Bach und dann das Dörfchen. Grevasalvas, Heidifilm. Wir sassen in der Sonne, dachten daran, dass wir früher über die Sumpfwiesen mit dem Wollgras nach Blaunca gestiegen waren. Und dann, auf nassem, bachbettartigem Weg, hinunter nach Pila, wo jener Giovanoli haust der, wie man sagte, die besten Würste im Tal bereitete. Wir kamen ins Träumen, blickten hinunter auf den gleissenden See. Unser kleines Jubiläum war von tiefer Dankbarkeit erfüllt.