Schaffhauser Nachrichten, Region
Wolfgang Schreiber
Zum Festakt «200 Jahre Gemeinnützige Gesellschaft Schaffhausen (GGS)» gestern Abend im Park Casino Schaffhausen ging Annemarie Huber-Hotz, Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, in ihrer Festansprache speziell auf den Wert der privaten gemeinnützigen Tätigkeit ein. «In Ihrem Einsatz für das gemeinnützige und freiwillige Engagement liegt auch eine mögliche Gegenstrategie zum kalten und eigennützigen Profitdenken in der Wirtschaft, dessen Exzesse wir in der jüngsten Zeit miterleben mussten», sagte Annemarie Huber-Hotz, die von 2000 bis 2007 als erste Bundeskanzlerin amtete. Sie wies darauf hin, «dass der Ausdruck ‹Profit› mehr bedeuten kann als nur Geld», und erwähnte den Philosophen Otfried Höffe, der schrieb: «In der Tat ist der pekuniäre Profit nur eine der vielen Währungen, in denen die Menschen das messen, worauf es ihnen letztlich ankommt. Nur oberflächliche Menschen geben sich mit Äusserlichem zufrieden … Wer mehr will, nämlich ein halbwegs gelungenes Leben, sucht Anerkennung – sowohl durch die Familie, Freunde und Mitbürger als auch durch sich selbst.» Die Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft bestätigte: «Gemeinnütziges Engagement und Freiwilligenarbeit bringen einen persönlichen Profit, sie bringen Menschen zusammen, die dieselben Werte teilen, und: Die Zeit, die wir aus freien Stücken für die Familie, für Freunde und für die Gesellschaft einsetzen, ist sinnvoll verbrachte Zeit. Den Profit, den wir daraus ziehen, erhalten wir in der Währung Glück und Befriedigung.»
Die 200-jährige Geschichte der Gemeinnützigen Gesellschaft Schaffhausen kann in der Tat als eine Geschichte von Win-win-Situationen gelesen werden. Das ging auch aus den Begrüssungsworten des Präsidenten der Schaffhauser Gemeinnützigen Gesellschaft, Christoph Waldvogel, hervor. Regierungspräsident Erhard Meister lobte die vielen erfolgreichen Projekte der Gemeinnützigen Gesellschaft und unterstrich, dass gemeinnütziges Tätigsein, dass freiwillige Arbeit für die Gemeinschaft noch immer ein wichtiger Motor unserer Gesellschaft sei, dass sie quasi die Seele der Schweiz ausmache, und dies trotz ausgebautem Sozialstaat. Er zollte dem freiwilligen Engagement der vielen Mitglieder der Gemeinnützigen Gesellschaft, von der er sagte, «sie ist von Männern gegründet, aber heute von Frauen getragen», seine Anerkennung und sprach den Dank der Regierung aus. Die 200-jährige Geschichte der Gesellschaft wurde vom Historiker Adrian Knöpfli kurz vorgestellt. Von den aktuellen Aktivitäten, den Ferienlagern und vom Pradotel Churwalden berichtete Michael Schmid in einer Diashow, Willi Wasser zeigte Ausschnitte aus seinem Film über die Idem. Das 13-köpfige Vokalensemble der Kantonsschule Schaffhausen mit Alexander Wanner am Klavier, geleitet von Beatrice Zeindler, gab der 200-Jahr-Feier den gesanglich-künstlerischen Rahmen.
**Gemeinnützige Gesellschaft**
«Dass es sie nach 200 Jahren noch gibt, ist eine Erfolgsgeschichte»
Die Gemeinnützige Gesellschaft Schaffhausen (GGS) feiert 2010 ihr 200-jähriges Bestehen. Der Wirtschaftshistoriker Adrian Knoepfli hat die Geschichte der GGS unter dem Titel «Von ‹wohlthätigen Menschenfreunden› gegründet» (*) nachgezeichnet.
*Wer waren diese Gründer, diese «wohlthätigen Menschenfreunde»?*
Adrian Knoepfli: Diesen Titel habe ich in einem Aufruf gefunden, den 1810 die beiden Schaffhauser Johann Jacob Altorfer und Johann Jacob Stokar veröffentlicht haben. Sie wandten sich an «wohlthätige Menschen» mit der Bitte, Geld zu spenden, damit zwei blinde Knaben aus Schaffhausen zwecks Bildung nach Zürich in eine Blindenanstalt geschickt werden konnten. «Wohlthätige Menschen» waren es denn auch, die die GGS gegründet haben. Sie erkannten, dass die Situation vieler Menschen, bedingt auch durch die Kriegswirren dieser Zeit, schlecht war und dass etwas unternommen werden musste, um ihnen zu helfen. Es war eine Initiative von oben für die Armen unten. Diese Hilfe war aber nicht ganz uneigennützig, denn sie sollte auch den Aufstand der Armen verhindern.
*Dann rekrutierte sich die GGS also eher aus den Gutbetuchten?*
Knoepfli: In der GGS war seit der Gründung immer die Oberschicht vertreten, etwa durch Fabrikanten, Pfarrer und Lehrer. Es gehörte zum guten Ton, dort dabei zu sein.
*Bereits im 19. Jahrhundert begann die GGS mit der Organisation von Ferienlagern für Kinder, was sie heute noch tut. Wie hat sich diese Aktivität im Lauf der Zeit gewandelt?*
Knoepfli: Die Ferienlager bilden die kontinuierlichste Tätigkeit der GGS, ihre Durchführung war jeweils mit viel Herzblut verbunden, wie man den Berichten dazu entnehmen kann. An den Lagern nahmen Unterschichtkinder teil, die auch gesundheitlich davon profitieren sollten. Die Idee zu solchen Lagern ging von einem Pfarrer Bion in Zürich aus, der die ersten durchführte. Diese wurden an vielen Orten und bald auch in Schaffhausen nachgeahmt. Als die Schaffhauser Initianten Geld für ein Ferienheim suchten, wandten sie sich an die GGS. Diese nahm sich der Sache an und betrieb seit 1895 das Ferienheim in Büttenhardt. Später erwarb die GGS für die Lager ein Hotel in Heiden, 1974 erfolgte der Wechsel nach Churwalden. Nachdem die städtischen Stimmbürger dem dortigen Jugendzentrum einen Beitrag verweigert hatten, realisierte es die GGS selber und wandelte das Zentrum später ins Pradotel um. Dieses ist heute das wichtigste Asset der GGS.
*Waren diese Ferienlager der GGS nie gefährdet?*
Knoepfli: In einem gewissen Grade schon, denn nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Feriengewohnheiten, und es war oft schwierig, Leiter zu finden. Doch die GGS meisterte alle Probleme, und die Lager gibt es heute noch.
*Gilt das auch für die anderen Aktivitäten der GGS?*
Knoepfli: Nein, vieles verschwand, da zunehmend der Sozialstaat Aufga- ben übernahm, um die sich früher die GGS gekümmert hatte. Dass es die GGS nach 200 Jahren aber immer noch gibt, ist zweifellos eine Erfolgsgeschichte.
Interview Erwin Künzi
(*) Adrian Knoepfli: Von «wohlthätigen Menschenfreunden» gegründet. 200 Jahre Gemeinnützige Gesellschaft Schaffhausen, 1810–2010. Schaffhausen 2010.