«Sie sollen ihre Wurzeln kennenlernen»

Schaffhauser Nachrichten, Stein / Diessenhofen
Edith Fritschi

Stein am Rhein Ist er es, oder ist es sein Zwilling? Gegen die Birchmeiers im Doppel hat man keine Chance – das räumt auch Hansueli Birchmeier ein. Der Berufsschullehrer am BBZ, der mit seiner Familie seit über 20 Jahren in Stein am Rhein heimisch ist, unterrichtet Allgemeinbildung und ist Berufsverantwortlicher für die Pharmaassistenten. Auch sein Zwillingsbruder Christian unterrichtet am BBZ, allerdings ist er zuständig für die Gastroberufe. Ein Glück, dass nur Hansueli im Komitee für junge Auslandschweizer ist. Sonst wäre das Gespräch verwirrlich geworden. «Ja, auch unsere Schüler können uns nicht oder kaum auseinanderhalten, allenfalls an der Kleidung», sagt Birchmeier.
Er gehört zum Steiner Stadtbild wie Christian, ist in diversen Vereinen aktiv, doch nun geht es weniger ums «No e Wili», den SAC oder andere Vereine, sondern um die Kinder aus der sogenannten «fünften Schweiz», die dank Birchmeiers Engagement Ferien in der Heimat verbringen können, die sie oft nur aus dem TV oder vom Hörensagen her kennen.

**Ehrenamtliche Arbeit**
«Wieder einmal werden diesen Sommer rund 320 Auslandschweizer Kinder aus der ganzen Welt hier Urlaub machen», freut sich Birchmeier. Er ist Präsident, Kassier und Protokollführer des Schaffhauser Komitees in Personalunion. Eigentlich ist er das Komitee. Und zum Job gekommen ist er wie die Jungfrau zum Kinde: «Ich habe den Posten von Raymond Caluori, dem früheren Direktor der Gewerbeschule (heute BBZ), übernommen», sagt er. Selbstverständlich arbeitet er ehrenamtlich. Es macht ihm Spass, die Mittel zu sammeln, damit junge Leute mit Schweizerpass aus dem Ausland für ein paar Wochen in die Schwei reisen können: «Sie sollen ihre Wurzeln kennenlernen.» Es seien überdies lauter Jugendliche, die finanziell nicht auf Rosen gebettet seien und sich einen Aufenthalt kaum leisten könnten, meint er. Das Komitee möchte vor allem Kindern aus sozial schwächeren Familien ihr Ursprungsland näherzubringen. Sie sol-len Essen, Mentalität, Traditionen, das Staatsgebilde und die Landschaft hier kennenlernen», sagt Birchmeier. Ein wenig Kummer bereitet ihm, dass die Spendefreudigkeit der Leute und Organisationen abgenommen hat und es in den letzten Jahren schwieriger war, Gelder aufzutreiben. Bis vor etwa 20 Jahren wurden die Jugendlichen noch in Gastfamilien untergebracht. Doch davon sei man abgekommen. «Es ist nicht mehr ganz zeitgemäss, die Leute fühlen sich wohler in Gruppen», sagt Birchmeier. Er selbst ist nicht in der Organisation aktiv, sondern sorgt dafür, dass die Spenden fliessen. Das Geld wird weitergeleitet nach Bern, wo die von der Zewo anerkannte Stiftung für junge Auslandschweizer ihr Sekretariat hat. Von dort aus werden die Lager organisiert. «Wir haben auch immer weniger Schenkungen und Legate als früher», bedauert der Schaffhauser Präsident. Der administrative Aufwand zum Beispiel in Schaffhausen ist null, da Birchmeier gratis arbeitet. Er hat auch die letzte Sitzung des Stiftungsrates organisiert, und die fand, wen wundert’s, in Stein am Rhein statt. Dort wurde er zum Vizepräsidenten der Stiftung (Dachorganisation) gewählt.

**Mehr Anmeldungen als Plätze**
Ausser einem Besuch in den jeweiligen Ferienkolonien hat Birchmeier aber nur wenig mit den Aufenthalten zu tun. «Mitmachen kann ich nicht, weil das Ganze während meiner Arbeitszeit stattfindet.» Doch er bekommt viele begeisterte Rückmeldungen in Form von Briefen oder Mails. «Wir haben Leute, die waren selbst als Kinder da, und die schicken nun die Enkel», freut er sich. «Das Bedürfnis ist jedenfalls vorhanden, und manche würden gar jedes Jahr wiederkommen.» Doch es gibt mehr Anmeldungen als freie Plätze. Es sieht so aus, als wolle Birchmeier den Job als Präsident des Schaffhauser Komitees weiterhin machen. Dies, obwohl der Vater von vier Kindern viele andere Hobbys hat. Seit einem halben Jahr etwa lernt er Alphorn spielen – zusammen mit seinem Sohn; er jobbt am Wochenende manchmal und sehr gern als Hüttenwart in der SAC Randenhütte im Naturschutzgebiet, und er hat sehr viel Freude am Umgang mit jungen Menschen. Wohl auch deshalb setzt er sich für die die Ferien von Auslandschweizer Kindern ein.


**Lange Tradition: Ferien für die Jugendlichen aus der «fünften Schweiz»**

Die Stiftung für junge Auslandschweizer hat eine fast 100-jährige Tradition. Gegründet wurde sie 1917 unter dem Titel Schweizerhilfe, und sie holte damals Auslandschweizer Kinder aus den Krisengebieten in die Schweiz. Bald darauf tat sie sich mit der ebenfalls neu gegründeten Pro Juventute zusammen. In der Krise der 30er-Jahre und im Umfeld des Zweiten Weltkriegs wurde die Stiftung immer wichtiger für Auslandschweizer Familien in Not. In den 50er-Jahren waren zwar Nothilfeleistungen nicht mehr so nötig wie während des Krieges, dafür sollen junge Auslandschweizer ihre Wurzeln kennenlernen können. Während die Schweizerhilfe die Mittel auftrieb, organisierte die Pro Juventute die Aufenthalte. In den 70er-Jahren nahm die Zahl der Teilnehmer stetig ab, zudem waren immer weniger Familien bereit, Ferienkinder aufzunehmen. Auch die Bedürfnisse änderten sich, weshalb man nun eher Ferienlager organisierte, als die Kinder in Familien zu platzieren. Im Oktober 1997 beschloss man, den Namen Schweizerhilfe gegen Stiftung für junge Auslandschweizer auszutauschen. Per 1. Oktober löste sich die Stiftung aus der Partnerschaft mit der Pro Juventute, die durch die Diskussion um die Kinder der Landstrasse in Misskredit geraten war. Man organisierte mit einer Mitarbeiterin eigene Sommerlager. Aber auch das Fundraising zählte zu den Stiftungsaufgaben. Auf die Dauer zeigte es sich, dass Organisation und Qualitätssicherung der Lager zu aufwendig waren; man machte sich auf die Suche nach neuen Partnern und fand diese unter dem Dach der Auslandschweizer Organisation.
Seit 1996 kauft die Stiftung für junge Auslandschweizer Infrastruktur und personelle Leistungen beim Auslandschweizer Sekretariat ein. Auch die Ferienorganisation läuft unter diesem Dach. So finden jährlich acht bis neun Sommerlager statt, wobei die Stiftung bedürftige Familien mit Zuschüssen an Reise und Lagerkosten ganz oder teilweise unterstützt. Die Mittel – vor allem Spenden – werden von 22 Kantonalkomitees aufgetrieben, die jährliche Sammlungen durchführen. So können jährlich rund 400 Kinder aus fünf Kontinenten an Ferienlagern teilnehmen. Die meisten kommen aus europäischen Ländern. Die Stiftung führt Sommer- und Winterlager durch. Für 2010 sind diese im Bündnerland, im Kanton Waadt, in den Flumserbergen und in Obwalden geplant. Dazu eine Reise kreuz und quer durch die Schweiz. Es muss jeweils ein Elternteil der Angemeldeten das Schweizer Bürgerrecht besitzen. Die Geschäftsstelle in Bern wird mit 170 Stellenprozenten geführt und ist in das Auslandschweizer Sekretariat integriert. (efr.)

Stiftung für junge Auslandschweizer Sektion Schaffhausen : PK 82-2145-1.


Blick in den letzten Jahresbericht: Hansueli Birchmeier, Präsident des Schaffhauser Komitees Stiftung für junge Auslandschweizer, sammelt Geld, damit auch künftig Ferienlager für junge Gäste aus aller Welt stattfinden können.