Schaffhauser Nachrichten, Front, Region
Michael Brunner, Erwin Künzi, Mark Gasser
Bei der langen Suche nach einem Standort für ein Endlager für radioaktive Abfälle ging gestern eine weitere Etappe zu Ende. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hatte Ende 2008 sechs Regionen bezeichnet, die für ein Endlager für schwach- bis mittelradioaktive und/oder hoch radioaktive Abfälle aus geologischer und sicherheitstechnischer Sicht in Frage kommen. Nun urteilten Experten, ob die Einschätzungen der Nagra richtig sind. Konkret erstellte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) ein Gutachten und zog dazu unter anderem die Kommission für nukleare Entsorgung und das Bundesamt für Landestopografie (Swisstopo) bei. Diese Benotung ist wichtig, weil die Nagra in der Kritik stand, nicht immer sauber vorzugehen. Entsprechend erleichtert dürfte sie sein, dass das Zeugnis gut ausfiel. Das ENSI bescheinigt der Nagra «eine fachlich fundierte, umfassende und nachvollziehbare Analyse der geologischen Grundlagen».
Für die betroffenen Regionen bedeutet das, dass sie im Rennen um ein Endlager bleiben. Konkret kommen damit für ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle weiterhin das Weinland, das Gebiet Nördlich der Lägeren (ZH/AG) und der Bözberg (AG) in Frage. Möglichkeiten für ein Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle sehen die Experten ebenfalls in diesen drei Gebieten, plus in den Regionen Südranden (SH), Jurasüdfuss (SO/AG) und Wellenberg (NW/OW).
**Wellenberg doch vom Tisch?**
Trotz diesem Nicht-Entscheid sind die Ergebnisse der Experten interessant. Vor allem den Wellenberg schätzen sie kritischer ein als die Nagra. Noch vor einigen Jahren hatte die Nagra hier ein Lager konkret geplant — und wurde durch eine Volksabstimmung gestoppt. Die nun andere Einschätzung habe aber nichts mit dem Volksentscheid zu tun, versichern die Experten. Vielmehr habe die Nagra früher ein Endlager in einem Berg gesucht, um die Abfälle waagrecht zuführen zu können. Heute wolle sie die Abfälle im Boden versenken. Damit deutet vieles daraufhin, dass der Wellenberg, zur Freude der Anwohner, bald aus dem Rennen fallen wird. Auch den Jurasüdfuss beurteilen die Experten eher kritisch. Allgemein waren sie in der Bewertung der Standorte leicht kritischer als die Nagra. Einzig die Erosion im Südranden schätzen sie günstiger ein. Das Gutachten des ENSI wird nun der Kommission für nukleare Sicherheit zur Stellungnahme vorgelegt. Danach folgt eine Art Vernehmlassung, in die auch die Nachbarstaaten einbezogen werden. Voraussichtlich 2011 entscheidet der Bundesrat, welche Optionen weiterverfolgt werden.
**Kommentar**
von Erwin Künzi
**Widerstand gegen Endlagerpläne ist weiterhin nötig**
Was gestern Nachmittag in Bern bekannt gegeben wurde, konnte nicht wirklich überraschen: Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) hat alle sechs Standorte abgesegnet, die die Nagra für den Bau von Atommüll-Endlagern vorgeschlagen hat. Jetzt wird die Kommission für nukleare Sicherheit (KNS) das Gutachten der ENSI prüfen und dazu in zwei Monaten Stellung beziehen. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die KNS zum gleichen Resultat wie die Vorinstanzen kommen wird. Anschliessend erstellt das Bundesamt für Energie einen Bericht, der zur Vernehmlassung unter anderem auch an die Kantone geht.
Dann schlägt die Stunde der Schaffhauser Regierung: Sie muss mit ihren, vom Bund unabhängigen, Experten prüfen, ob die Resultate der Nagra nachvollziehbar sind und was es mit den Vorbehalten in Sachen Bautechnik auf sich hat, die die Kommission für nukleare Entsorgung geäussert hat. Sie muss bereits dann und nicht erst in der zweiten Etappe der Standort-suche die sozioökonomischen und raumplanerischen Vorbehalte einbringen, die gegen die Standorte Zürcher Weinland und Südranden sprechen. Ganz allgemein ist sie dazu aufgefordert, gemäss der am 19. Mai 2008 vom Kantonsrat überwiesenen Motion Widerstand zu leisten gegen Atommüll-Endlager auf Kantonsgebiet sowie auf dem Gebiet im Abstand von 30 Kilometern zur Kantonsgrenze. Denn Widerstand ist nötig, das hat der kürzliche Versuchsballon des ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Günther Oettinger, gezeigt: Der wollte offenbar Benken gleich mitnutzen, nicht zuletzt deshalb, weil der Widerstand in der Schweiz gering sei.
**Südranden rückt weiter in den Fokus**
von Mark Gasser
*Zustimmung auf der ganzen Linie – jedenfalls fast. In den Beurteilungen vorgeschlagener Standorte für ein Endlager durch Fachgremien fallen kleinere Unterschiede zur Nagra-Bewertung auf. Der Südranden als Standort wird als einziger positiver bewertet.*
Vorweg: Die Bewertung der Standortgebiete sowohl für hoch radioaktive (HAA) wie auch für schwach- und mittelaktive atomare Abfälle (SMA) brachte keine Überraschungen zutage. Wie bereits in dieser Ausgabe berichtet (Frontseite), stellte das Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) der Nagra bei ihrer Standortauswahl aus dem Jahr 2008 ein gutes Zeugnis aus. «Die Zuteilung ist aus unserer Sicht vernünftig», formulierte Hans Wanner, Leiter Entsorgung des ENSI, an der gestrigen Medienkonferenz im Bundeshaus. Alle von der Nagra Ende 2008 vorgeschlagenen möglichen Standortregionen werden vom ENSI, aber auch von swisstopo (Bundesamt für Landestopografie) und von der Kommission nukleare Entsorgung (KNE) als «geeignet» zur weiteren Prüfung empfohlen.
Mit einem Wort: Die Nagra hat sich im Ton nicht vergriffen. Denn der Ton ist (wortwörtlich) weiterhin Trumpf: das ENSI betrachtet die verschiedenen bereits von der Nagra vorgeschlagenen Tonschichten, welche sowohl für die Lagerung von HAA als auch SMA weiterhin verfolgt werden sollen, als legitime Wirtsgesteine. Das ENSI bewertet allerdings die möglichen Einflüsse des Nuklearabfalls auf die Gesteinsschichten teilweise vorsichtiger als die Nagra. So wird im Vergleich zu anderen Wirtsgesteinen wie Kristallin das Verhalten der Tongesteine in Bezug auf Temperatur, Gasdrücke durch Metallkorrosion sowie die Bildung einer Auflockerung im Bereich der Lager (lagerbedingte Einflüsse) nur als «bedingt günstig» beurteilt. Konkret: Andere Wirtsgesteine eigneten sich in dieser Hinsicht besser. «Die Nachteile können durch technische Massnahmen beherrscht werden», so das ENSI. Ein Vorentscheid könnte in Bezug auf die Region Wellenberg mit dem Gutachten gefallen sein: Das ENSI und vor allem die KNE stellen der Region Wellenberg im Gegensatz zur Nagra in Bezug auf die Explorierbarkeit, Prognostizierbarkeit, felsmechanische Eigenschaften und die untertägige Erschliessung (Bautechnik) nur eine «bedingt günstige» Bewertung aus. Ähnlich sieht es auch beim Jurasüdfuss aus. Hans Wanners Prognose: «Der Jurasüdfuss und der Wellenberg haben geringere Chancen als andere Gebiete, in die engere Auswahl zu kommen.» Dafür erhielt der Südranden als Standortregion für ein Endlager schwach- und mittelradioaktiver Abfälle bei der gesamten Kriteriengruppe «Eigenschaften des Wirtsgesteins beziehungsweise des einschlusswirksamen Gebirgsbereichs» bessere Noten als von der Nagra: Der Aspekt «Erosion» wurde sogar besser bewertet als von der Nagra. Weil ausserdem die Mächtigkeit des Wirtsgesteins im Westen abnehme, seien die Lagerkammern bevorzugt im mittleren und östlichen Teil (also Richtung Neuhausen) zu platzieren.
**Bautechnische Vorbehalte**
Was die Bautechnik anbelangt, wird die Nagra über die Bücher gehen müssen: ENSI und KNE weisen auf «offene Fragen vor allem bei der Bautechnik hin, die in den nächsten Etappen beantwortet werden müssen». Insbesondere hat das ENSI Vorbehalte bei den bisher vorgesehenen Stützmitteln für die unterirdischen Lagerstätten angemeldet – diese seien bislang nur bis zu einer Tiefe von 650 Metern erbracht. «Die von der Nagra bezeichnete maximale Tiefenlage von 900 Metern unter Terrain in Tongesteinen für HAA-Lager beurteilt das ENSI in Bezug auf die bautechnischen Anforderungen als optimistisch.» Tiefergehende Anlagen müssten voraussichtlich mit zusätzlichen Stützmitteln versehen sein, deren Langzeitverhalten (Sicherheit) noch vertieft zu untersuchen sei.
**Reaktionen**
**«Nur eine einseitige Betrachtung»**
Wenig überrascht zeigte sich Gabriela Buff, Präsidentin von «Klar! Schaffhausen»: «Die ENSI hat die Studie der Nagra einer einseiti-gen Betrachtung un-terzogen: Im Zentrum standen nur die bautechnischen Machbarkeiten.» Nicht berücksichtigt worden seien die sozioökonomischen Faktoren. Ebenso ausgeklammert wurden gemäss Buff weitere Fragen, etwa die Rückholbarkeit der Abfälle. Die geologischen Kriterien würden von den Standorten Benken und Südranden sehr gut erfüllt: «Aber das kann nicht der einzige Aspekt sein.» In der nächsten Zeit wird der Verein versuchen, die Bevölkerung zu sensibilisieren: «Die Leute müssen merken: Das geht uns alle an.» (rob)
«Wir sind sehr enttäuscht»
«Wir sind sehr enttäuscht», sagt Jean-Jacques Fasnacht, Co-Präsident von «klar! Schweiz». «Das ENSI nimmt den Willen der Bevölkerung nicht ernst.» Alle Bedenken bezüglich Sicherheit würden nicht in Erwägung gezogen. «Wir werden weiterhin gegen ein Endlager in der Region kämpfen.» Neben dem politischen Widerstand werde die Opposition auch noch resoluter auftreten. «Alle Regionen agieren vernetzt, es darf kein Schwarzer-Peter-Spiel stattfinden.» Denn ein Endlager in einem bevölkerten Gebiet zu bauen, sei eine Todsünde. «Denn wir tragen die Verantwortung für die Generationen, die nach uns kommen. Unsere Kinder haben ein Recht auf eine intakte Umwelt.» (jhu)
«Akzeptanz hängt vom Einbezug ab»
«Ich habe nicht damit gerechnet», sagt der Waldshuter Landrat Tilman Bollacher, «dass in diesem frühen Stadium bereits ein Standortgebiet ausscheidet.» Die Akzeptanz für das weitere Auswahlverfahren und für einen möglichen Endlagerstandort in Grenznähe hänge für die Landkreise und die deutschen Gemeinden entscheidend davon ab, ob betroffene deutsche Gemeinden in das Verfahren mit einbezogen werden. «Oberstes Ziel bei der weiteren Endlagersuche muss vor allen anderen Aspekten der Schutz der Menschen und der Umwelt sein, denn ein Endlager mit seinen möglichen Folgen wird unsere nachfolgenden Generationen bis in unvorstellbare Zeiträume beschäftigen.» (jhu)
«Die Situation hat sich verschlechtert»
Auch Neuhausen am Rheinfall wäre von einem Lager auf dem Südranden betroffen, Gemeindepräsident Stephan Rawyler war über die gestrige Beurteilung durch das ENSI gar nicht erfreut: «Die Situation für Schaffhausen hat sich klar verschlechtert: Wir sind jetzt mit zwei weiteren Standorten in der Kategorie, die als ‹sehr geeignet› bezeichnet wird, während andere nur noch als ‹geeignet› aufgeführt werden.» Deshalb befürchtet Rawyler eine verstärkte Fokussierung auf den Südranden und Benken. «Ich hoffe, dass sich die Bevölkerung der Problematik bewusst wird und auch die Regierung sich laut und deutlich vernehmen lässt. Die Region darf nicht zum atomaren Abfallkübel werden!» (rob)
«Wir wehren uns nach wie vor»
Das Resultat der ENSI-Abklärungen hat Regierungsrätin Ursula Hafner-Wipf, die das Dossier Endlager betreut, nicht überrascht. «Es wurde bestätigt, was auch unsere kantonalen Fachleute erwartet haben.» In der zweiten Hälfte 2010 wird der Kanton zum Bericht des Bundes Stellung beziehen können, wobei die Haltung der Regierung klar ist: «Wir wehren uns nach wie vor gegen diese Standorte, denn wir sind ja von Gesetzes wegen dazu verpflichtet.» Im April werden die Resultate der sozioökonomischen Studie vorliegen, die die Regierung in Auftrag gegeben hat. «Der Kantonsrat erhält dazu noch vor den Sommerferien eine Vorlage», so Hafner-Wipf. (ek)
**Aufwertung Region Südranden wird als einziges Standortgebiet leicht besser benotet von der ENSI**
Überraschenderweise hat der Südranden als Endlagerstandort für schwach- und mittelaktive Abfälle (SMA) eine vermeintliche «Aufwertung» durch das ENSI erfahren – wenn auch nur in einem Beurteilungskriterium. Hinsichtlich der «Erosion» betrachtet das ENSI nämlich die verfestigten Schotterresten auf Höhe des Südrandens und des Klettgaus ebenso wie die über 1 Million Jahre alte und durch Gletscher kaum veränderte Talform des Klettgau als «Zeichen für eine sehr geringe Erosion». Besser als in der sogenannten Vorfaltenzone (Nördlich Lägeren, Bözberg) oder im Jurasüdfuss bewertet die ENSI die bautechnische Eignung beim Südranden: Durch eine günstige Schichtung erreiche der Opalinuston hier bessere Festigkeit und Verformungseigenschaften. Dadurch sollen auch die untertägige Erschliessung und die Wasserhaltung relativ einfach sein.
Das lang gestreckte Standortgebiet Südranden sei tektonisch wenig beansprucht, werde aber im Osten (wie das Weinland) von einer «regionalen Störungszone» begrenzt, ansonsten lägen keine Anzeichen einer erhöhten tektonischen Zergliederung vor. Da im 24 km2 grossen Standortgebiet Südranden mehr als der benötigte Platzbedarf des Wirtgesteins Opalinuston zur Verfügung stehe, sei eine optimale Anordnung der Lagerkavernen möglich, um einzelnen (störenden) geologisch-tektonischen Strukturen im Untergrund «auszuweichen». Die Langzeitstabilität über 100 000 Jahre wird von der ENSI als günstig beurteilt. Dieser Zeitraum gilt als Richtwert für die SMA. (M. G.)
**Zürcher Weinland Gute Tiefenlage und geringe Verformung des Wirtsgesteins überzeugen das ENSI**
Der Kreis der Kandidaten für einen Endlagerstandort wurde gestern zwar offiziell nicht kleiner, doch das Zürcher Weinland gehört weiterhin zu den Kandidaten sowohl für SMA als auch für HAA.
Im Zürcher Weinland liegen mit dem Opalinuston und der Tongesteinsabfolge Brauner Dogger gleich zwei mögliche Wirtsgesteine vor, was eine flexible und optimierte Standortwahl ermöglicht. Beide Wirtsgesteine werden vom ENSI als sehr günstig bewertet, «weil beide selbstabdichtend und praktisch wasserundurchlässig sind». Zugegebenermassen sei aber der Braune Dogger noch weniger gut untersucht worden. Dennoch: Die Experten gehen von einer hohen Zuverlässigkeit der geologischen Aussagen aus, zumindest was die auf 100 000 Jahre ausgerichtete Langzeitstabilität für ein SMA angeht. Unter dem Strich schneidet das Weinland aber als SMA-Standort leicht weniger gut ab als der Südranden – die Aspekte Charakterisierbarkeit der Gesteine und die untertägige Erschliessung sind im Zürcher Weinland offenbar weniger vorteilhaft, doch immer noch «günstig». Platz für den Bau eines Lagers für HAA oder SMA oder sogar für ein Kombilager, so die Experten, sei im Gebiet (49 km2) genug vorhanden. Sowohl die Tiefenlage als auch die geringe Verformung des Wirtsgesteins und die geringe horizontale Zergliederung sprächen dafür. Beim Kriterium «Nutzungskonflikte» bewertet das ENSI den Indikator «Mineralquellen und Thermen» indes nur als bedingt günstig bis günstig. (M. G.)
**So geht es weiter Die nächsten Schritte**
Anhörungen
Nach der bevorstehenden Stellungnahme der Kommission für nukleare Sicherheit (KNS) wird ein Ergebnisbericht des Bundesamts für Energie (BFE) in eine dreimonatige Anhörung bei Kantonen, Nachbarstaaten, Parteien und Organisationen geschickt.
Eingrenzung
Der Bundesrat trifft voraussichtlich Mitte 2011 eine Auswahl weniger Standortgebiete (mindestens zwei Standorte pro Abfallkategorie). Etappe 2 des Sachplans Geologische Tiefenlager (2011–2014/15) beinhaltet eine tiefergehende sicherheitstechnische Überprüfung ebenso wie die «regionale Partizipation» und sozioökonomisch-ökologische Wirkungsstudien zu den Standorten.