Geistesriese mit bacchantischen Zügen

Schaffhauser Nachrichten, Stein / Diessenhofen
Martin Schweizer

Unter seiner Federführung war die in Zürich redigierte und gedruckte «Tat» eine Zeitung mit Niveau, eine Qualitätszeitung, wie man heute sagt. Das der Migros und dem Landesring der Unabhängigen nahestehende Blatt erschien jeweils am Abend, und überliefert ist, dass der in mehrfacher Beziehung recht unkonventionelle Chefredaktor Erwin Jaeckle seine Leitartikel mitunter von Stein am Rhein aus direkt seiner Sekretärin ins Telefon diktierte.

**Erfolgloser Aufruf**
Die 1935 gegründete Zeitung und das während langer Zeit im ganzen deutschsprachigen Raum hochgeschätzte Feuilleton, die «Literarische Tat», gibt es längst nicht mehr; auch ein 1977 in letzter Minute von prominenten Persönlichkeiten wie Traugott Wahlen, Hans Peter Tschudi, Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, den Schriftstellern Alfred A. Häsler und Ernst Jünger lancierter Aufruf zur Rettung der «Literarischen Tat» fruchtete nichts. Nach einem episodischen und boulevardesken Auftritt des späteren Medienpioniers Roger Schawinski und einem Streik der Redaktoren wurde das Blatt 1978 eingestellt.

**Von der Bildfläche verschwunden**
Auch der Landesring der Unabhängigen verschwand von der Bildfläche und ist, wenn überhaupt, jüngeren Leuten kaum noch geläufig – die oft umstrittene, aber kämpferische Partei des legendären und streitbaren Migros-Genossenschaft-Gründers Gottlieb Duttweiler wurde in jenen Kantonen, wo die Bewegung denn aktiv war, sukzessive und Ende der neunziger Jahre auf nationaler Ebene ganz aufgelöst.

**Herausragende Persönlichkeit**
Erwin Jaeckle, geboren 1909 in Zürich, starb in hohem Alter, 88-jährig, am 2. Oktober 1997. Nun hätte er seinen 100. Geburtstag begehen können, doch der Anlass schien praktisch niemandem bedenkenwert. Sein ehedem klangvoller Namen scheint inzwischen in Vergessenheit geraten zu sein, und es ist wenig wahrscheinlich, dass er in der breiten Öffentlichkeit noch ein Begriff ist. Dabei gehörte Jaeckle während Jahrzehnten zu den herausragenden Persönlichkeiten der Deutschschweiz – politisch, literarisch. Jaeckle war ein leidenschaftlicher Dichter, Denker, ein Philosoph mit unerhört reichem Wissen, ein engagierter Politiker mit eidgenössischem Mandat und ein Zeitungsmann von grossem Charisma. Wer ihn kannte, achtete ihn, schaute, zumal als junger Schnösel, bewundernd an ihm hoch und beneidete ihn wohl auch um seine enorme Produktivität, seine Belesenheit und seine Schlagfertigkeit.

**Breites Spektrum**
In einer 60 Seiten umfassenden und kürzlich erschienenen Broschüre zum 100. Geburtstag führt der Historiker Pirmin Meier aufgrund auch von Gesprächen mit der in Zürich Witikon lebenden Witwe Annebeth Jaeckle-Treadwell nicht weniger als 100 Titel auf, philosophische, kultur- und religionsgeschichtliche Werke, aber auch Dutzende Gedichtbändchen – eine geradezu bombastische Fülle von Publikationen, die selbst für kulturbeflissene Büchernarren nur schwer überschaubar und verkraftbar ist; Pirmin Meier spricht von einer «Hyperaktivität» Jaeckles; auch treue Leser, meint er, hätten bei diesem «Überschwang den Anschluss oft nicht mehr gefunden».

**In dünner Luft**
Jaeckle, der «in der Blütezeit des Zürcher Feuilletons zusammen mit Werner Weber diesem die Richtung gezeigt hatte», bewegte sich nach Ansicht Meiers vor allem in seinem Spätwerk «von Tag zu Tag in dünnerer Luft». Der Geistesriese mit durchaus bacchantischen Zügen habe als «Einsamer in den Wind gesprochen» – eine Schlussfolgerung, die man in dieser Rigorosität nicht unbedingt teilen muss, doch unbestreitbar ist: Die «Droge seines Lebens» war, sagt Meier zu Recht, «nebst Begeisterungsfähigkeit die Arbeit».

**Verlockender Zauber**
Der Historiker erinnert in diesem Zusammenhang auch an ein ganz anderes Thema, an Jaeckles im Benziger Verlag erschienenes Buch «Dichter und Droge». Nach dem Vorbild von Albert Hofmann und im Beisein von Ernst Jünger unternahm er in Stein am Rhein im Dezember 1966 einige Selbstversuche mit LSD – mit am Ende eindeutigem Befund. «Die Drogenzauber», konstatierte er, «muten verlockend an», doch seien «entscheidende Phänomene ernüchternd». Auch Hofmann wisse, dass das «Drogenerlebnis nicht mehr zu Tage bringt, als vorgegeben ist». Und, mit Seitenblick auf Baudelaire: «Die Magie entzündet falsches Licht», wogegen Dichter und Philosophen ihre «Seele durch andauernde Arbeit und Kontemplation» erneuerten.

**Jahrelang Gast im «Ochsen»**
Teile seines mehrere tausend Seiten umfassenden Monumentalwerkes entstanden ab Mitte der sechziger Jahre in Stein am Rhein, im ehrwürdigen «Roten Ochsen» am Steiner Rathausplatz, wo Jaeckle von Hausbesitzer Oscar Wanner eine gediegene «Schreibklause» mieten konnte und wo der Chefredaktor meist am Wochenende schriftstellerisch tätig war. Abends dislozierte Jaeckle jeweils in die unteren Gemächer, in die heimelige Weinstube und an den für seine überschäumende Geselligkeit bekannten Stammtisch des «Ochsen». Viel Lokalprominenz traf sich dort, darunter, unvergesslich, auch Ständerat Koni Graf.

**Lesungen im «Rehbock»**
So oft es ging, nahm Erwin Jaeckle in Stein am Rhein auch teil an den seinerzeit von Jochen Greven in der Galerie Rehbock initiierten literarischen Lesungen; lebhafte und sich oft spontan entwickelnde Debatten von Husserl bis Celan fanden in dieser von Eric Bührer geleiteten Galerie statt. Seine Verbundenheit zu Stein am Rhein unterstrich Jaeckle ausserdem an seinem 60. Geburtstag, den er auf der Burg Hohenklingen feierte.

**Legendäre «Freitagsrunde»**
Etwas anspruchsvoller als der Treffpunkt im «Ochsen» war damals die berühmte Zürcher «Freitagsrunde», zu der neben Jaeckle Literaturkritiker Max Rychner, Manesse-Verleger Walter Meier, Robert Faesi, Emil Staiger, Werner Weber und Schriftsteller wie Joseph Breitbach und Alexander Xaver Gwerder zählten. Man traf sich im Cafe Odeon zu einem «anregenden, in der Regel strukturierten Gespräch». Nachher wechselte man in die «Kronenhalle» und im Sommer in einen nahegelegenen Landgasthof.
Erwin Jaeckle war ein unabhängiger, zu keiner kriecherischen Haltung fähiger Kopf, was er auch während des Aktivdienstes unter Beweis stellte; er gehörte zu jenen Offizieren des «Gotthardbundes», die sich für einen bedingungslosen Widerstand, notfalls auch gegen den Bundesrat, ausgesprochen hatten. Pirmin Meier verweist zudem auf die Standfestigkeit Jaeckles gegenüber Duttweiler; es gab da offenbar manchen Krach zwischen dem MigrosGründer und dem von «Dutti» 1942 persönlich eingesetzten Chefredaktor – eine «Prawda des Landesrings» war die «Tat» aber nie; Jaeckle hielt die redaktionellen Zügel fest in der Hand und liess sich zeit seines Lebens «aus Überzeugung vom Geist der Widerrede» beseelen.
Auch als sich Gottlieb Duttweiler 1948 im Bundeshaus mit einem Steinwurf fragwürdig in Szene setzte, mochte ihm Jaeckle nicht zu folgen, wie Meier in seiner verdienstvollen Betrachtung* festhält. Der Chefredaktor der «Tat» schritt nicht unüberlegt zur Tat, war vielmehr ein Mann des Wortes und ein begnadeter Rhetoriker, wie es «solche in der Geschichte des eidgenössischen Parlaments nicht oft gegeben hat». Im Nationalrat sprach er immer ohne Manuskript, seine Erfahrungen mit der Kunst der freien Rede kann man auch in einem «Knigge für Parlamentarier» nachlesen.

«Erwin Jaeckle, «Lerne das Leben und lebe das Lernen» von Pirmin Meier, herausgegeben von der Stiftung für Abendländische Ethik und Kultur, Bergstrasse 22, 8044 Zürich.


**Dichter und Philosoph**
In der Nachfolge Goethes
Stationen Der schriftstellerische Nachlass von Erwin Jaeckle befindet sich im schweizerischen Literaturarchiv, das sein Wirken unter anderem so umschreibt: Erwin Jaeckle (1909-1997), promovierter Germanist, langjähriger Chefredaktor der «Tat» und Politiker des Landesrings der Unabhängigen, hat ein vielbändiges Werk geschaffen. Seine Schriften versteht er als Elemente einer «Pansophie», sein Anliegen als disziplin- und kulturüberschreitende Weltwahrnehmung in der Nachfolge Goethes, Novalis‘ und Rudolf Pannwitz‘ (1881-1969). Literarisch betätigte sich Jaeckle vor allem als Lyriker.


Gemütlich anno 1978 bei einem Glas Roten im «Roten Ochsen» in Stein am Rhein, von links nach rechts Hausbesitzer Oscar Wanner, Chefredaktor Erwin Jaeckle und alt Stadtpräsident Arnold Bächtold. Stehend die damals neue Wirtin der Weinstube, die aus dem Simmental stammende Verena Weissmüller.
Archivbild B. + E. Bührer