Stein am Rhein damals

Schaffhauser Bock
Susann Schnider

Gegen elf Uhr füllte sich der Obergaden im dritten Stockwerk der Burg mehr und mehr. Die Organisatorin Yvonne Bähler, Leiterin von Tourismus Stein am Rhein, strahlte und hatte alle Hände voll zu tun, die Stuhlreihen immer wieder für neue Gäste zu ergänzen: «Mit so viel Interesse haben wir nicht gerechnet, ich bin überwältigt!» Rund 90 Zuhörerinnen und Zuhörer hatten sich schliesslich versammelt, als Ursula Thüler-Bryner, Tochter und Lektorin des Autors, erzählte, wie das Buch zustande kam.

«Dieses Jahr wäre er 100 Jahre alt geworden – schade, dass mein Vater die Lesung in dieser stimmigen Umgebung und die Zweitauflage seines Buches nicht mehr miterlebt,» meinte seine Tochter sichtlich bewegt. Vor etwas mehr als 10 Jahren hatte sie ihren Vater ermuntert, seine Erinnerungen auf Diktaphon zu sprechen und bot ihm an, die Aufzeichnungen zu einem Buch zu verarbeiten, das pünktlich zu seinem 90. Geburtstag unter dem Titel «Jugenderinnerungen eines alten Staaners» erschien. «Erstaunlich, wie viele Einzelheiten mein Vater mit 85 Jahren aus seiner Erinnerung abrufen konnte», erzählte Ursula Thüler. Sie las aus dem Kapitel «Kinderjahre» (siehe «Bock» vom 21. April), dann folgten Müsterchen aus der Schulzeit. Einer der eindrücklichsten Momente war die im Originalton gesprochene Hörprobe ab Band.

Die Beschreibung des äusserst mühsamen Limonadentransportes, auf einem von zwei Kühen gezogenen Wagen, von der Schifflände hinauf zur Burg oder die Schilderung der Freundschaft des Autors mit dem Fabrikantensohn Bruno Siegrist von der «Nudli» gaben Aufschluss über Arbeit und Freizeit, aber auch über die sozialen Verhältnisse der damaligen Zeit.

Höchstspannung brachte das Kapitel, in dem sich der Autor als junger Bursche vom «Zinneli» aus – dem kleinen Balkon im Obergaden – an einem Feuerwehrschlauch für einen unerlaubten Ausgang abseilt und morgens um vier Uhr auf gleichem Weg wieder in die Burg zurückkehren soll… Das gebannt lauschende Publikum teilte Alltag, Freuden und Leiden mit dem jungen Jakob in Stein am Rhein. Seine Erzählungen würzte Ursula Thüler mit erklärenden Zwischentexten und stellte nach der Lesung fest: «Immer wieder konnte ich – besonders bei der älteren Zuhörerschaft – zustimmendes Nicken beobachten. Beim Signieren der Bücher haben sich sogar einige Nachkommen von in der Lesung erwähnten Personen vorgestellt!»