«Meine Jugend auf Burg Hohenklingen»

Schaffhauser Bock
(ut)

In seinen Jugenderinnerungen erzählt Jakob Bryner, wie er als kleiner Knabe seinen Vater bei der täglichen Arbeit begleitete und Bekanntschaft machte mit dem Wald, der Wiese und der mannigfaltigen Tierwelt rund um die Burg. Sein Schulweg führte ihn durch den Klingenwald hinunter nach Stein am Rhein, wo er sich häufig bei seiner Grossmutter aufhielt. Dort hatte er reichlich Gelegenheit, die zahlreichen Handwerker im Städtchen bei ihrer Arbeit zu beobachten. Jakob Bryner erzählt, wie es damals in der Schule zu- und herging und wie er mit seinen Freunden die freie Zeit mit Spielen verbrachte, die heute fast vergessen sind. Er beschreibt die Arbeiten in Feld und Stall, schildert einen Waschtag, die Sunnete und die jährliche Metzgete. Daneben berichtet er von den damaligen lndustriebetrieben und erzählt von der Einrichtung der modernen Errungenschaften wie Telefon und Strom. Einige Begebenheiten aus seiner Studentenzeit runden das Werk ab und sorgen für ein spannendes, kurzweiliges und humorvolles Lesevergnügen.
Für einmal steht nicht das spektakuläre, in Zeitungen und Geschichtsbüchern dargestellte Zeitgeschehen im Mittelpunkt, sondern der Alltag in einer schweizerischen Kleinstadt zwischen 1910 und 1930.
Die Erstausgabe des Buches erschien vor zehn Jahren unter dem Titel «Jugenderinnerungen eines alten Staaners». Damals ermunterte die Tochter Ursula Thüler-Bryner ihren Vater, seine stets gern gehörten Schilderungen aus seiner Jugendzeit auf Band zu sprechen, und verarbeitete die Aufzeichnungen zu einem Buch. 2006 ist Bryner im Alter von 97 Jahren verstorben.
Meine Jugend auf Burg Hohenklingen, Erinnerungen eines alten «Staaners». Das Buch von Jakob Bryner mit vielen Fotografien der damaligen Zeit hat 170 Seiten und kostet 29 Franken.
Erhältlich bei: Ursula Thüler, Hauptstrasse 60, 8224 Löhningen (ursula.thueler@bluewin.ch) sowie in den meisten Buchhandlungen in der Region, auf der Burg Hohenklingen und im Shop von Tourismus Stein am Rhein.
Lesung im Rahmen der Aktion «Orte und Worte – Literaturlandschaft am Untersee» am Sonntag, 26. April 2009, 11 Uhr, Burg Hohenklingen, Stein am Rhein. Es liest Ursula Thüler-Bryner, die Tochter des Autors.

**Leseproben aus dem Buch**
aus dem Kapitel «Kinderjahre»:
Meine frühesten Kindheitserinnerungen reichen zurück bis in die Zeit vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges. Mir klingt noch der Name «Titanic» in den Ohren, der Name eines grossen Meerschiffes, das an einen Eisberg gestossen und mit über tausend Menschen gesunken sei. Ich erlebte in diesen Jahren ein Erdbeben und hörte klagen über Hochwasser, das die Keller der Häuser an der Schifflände überflutet habe. Und eines Tages sah ich am Himmel eine tief brummende «Zigarre» erscheinen, die die Grossen «Zeppelin» nannten …
Unvergesslich ist mir jene Nacht geblieben, als mich das Sturmgeläute der Elfuhrglocke jäh aus dem Schlaf riss und die Mutter ins Elternschlafzimmer stürzte, wo mein Bettchen stand. «D‘ Ziegelhütte im Niederfeld brännt! Dörfsch cho luege, ich leg di grad a.» Im Vorbeigehen sah ich vom obersten Treppenabsatz aus den Vater am Seil der grossen Glocke ziehen, aber die Mutter führte mich in aller Eile in die Stube. Dort konnte ich auf der Sitzbank am Fenster stehend die Feuersbrunst am Rhein unten gut beobachten. Am nächsten Tag ging ich mit meiner Schwester Berteli ins Städtchen hinunter, um die Brandstätte mit den schwarzen Mauerruinen und den verkohlten, zum Teil noch rauchenden Balken aus der Nähe anzuschauen.

aus dem Kapitel «Alltag auf Burg Hohenklingen»:
So um halb sieben Uhr, wenn die Neuenburger Pendule im Elternschlafzimmer die halbe Stunde in wohlklingendem Ton angekündigt hatte, konnte ich von meinem Bettchen aus beobachten, wie der Vater aufstand und die Kerze auf dem Nachttisch anzündete. Er zog sich an und stieg mit dem Kerzenständer in der Hand die grosse Treppe hoch, um den Milchkessel in der Küche zu holen. Auf dem Weg zum Stall schloss er mit dem langen, schweren Torschlüssel das Burgtor auf, das den ganzen Tag über unverriegelt blieb. Kurz darauf machte auch die Mutter Licht und stand auf. Sie half mir beim Ankleiden, denn das war damals ein ziemlich kompliziertes Geschäft. Ich denke dabei vor allem an die langen, handgestrickten wollenen Strümpfe, an deren oberem Rand ein Knopf angenäht war. Zwei mit Knopflöchern versehene Elastbänder verbanden sie mit dem «Gstältli», einer Art Unterhemd, das am unteren Rand mit den entsprechenden Knöpfen versehen war. Auch Mutter und ich gingen dann im Schein der Kerze die Treppe hinauf und durch den kalten Saal in die Küche. Hier wurde als Erstes die mehr Licht spendende Petrollampe angezündet und ich durfte die Kerze ausblasen.

aus dem Kapitel «Schulzeit»:
Im Frühjahr 1915 marschierte ich als stolzer Erstklässler mit dem Thek am Rücken zum Schulhaus. Die hölzerne Federschachtel mit dem Schiebedeckel und das Schwammbüchsli samt Inhalt klapperten so schön, wenn ich rannte! Diese Dinge hatte ich schon zu Weihnachten bekommen. Damals erhielt man nur notwendige oder mindestens nützliche Sachen geschenkt. In späteren Jahren bekam ich sogar einmal einen Handleiterwagen, der für den allgemeinen Gebrauch bestimmt war, und freute mich dennoch riesig darüber! (…) Zum Gebrauch für Lehrer und Schüler stand hinten in einer Zimmerecke der Spucknapf, «Speuztrucke» genannt, gefüllt mit einer Schicht Sägemehl. Reallehrer Biedermann brauchte keine solche Trucke, wie ich ein paar Jahre später feststellen konnte. Er öffnete bei Bedarf einfach einen Fensterflügel und jagte den heraufgezogenen «Grünen» in hohem Bogen und mit zischendem Geräusch vom zweiten Stock hinaus in Richtung Schlosserei Schneider.

aus dem Kapitel «Fabriken und Industriebetriebe»:
In den Fabrikräumen der lang gezogenen Teigwarenfabrik Lieb, Siegrist & Co. – später die Paniermehlfabrik Lieb AG – kannte ich mich besonders gut aus. Mit den beiden Söhnen der Familie Lieb, Köbi und Noldi, genannt «Nudle», beide um einige Jahre älter als ich, und mit Bruno Siegrist verband mich eine jahrelange Freundschaft. In der Fabrik durfte ich die aus der Teigwarenmaschine herausquellenden, lauwarmen Spaghetti, Nudeln oder Makkaroni auffangen und probieren – Mailänderliteig schmeckte zwar besser! Zwei breite, scharfe, sich drehende Flügelmesser schnitten die eng aneinanderliegenden Teigwürstchen von der auswechselbaren Formscheibe ab. Die feuchten Teigwaren fielen in ein Metallgefäss und gelangten dann in einen Trockenraum. Nach dem Trocknungsprozess wurden sie in mit blauem Packpapier ausgekleidete Kisten abgepackt und per Bahn zum Bestimmungsort geschickt. Die Kisten wurden vom «Kistenmacher» auf Vorrat soweit zusammengenagelt, dass nur noch der Deckel eingepasst werden musste. Einen schöneren Spielplatz als das Kistenlager hätten wir Buben uns – besonders bei Regenwetter – nicht wünschen können. Die Kisten dienten uns als Kutschen- oder Autositze und für den Mauer- oder Wohnungsbau. Der Kistenmacher freute sich wohl nicht besonders, wenn wir uns in seinem Revier breit machten. Aber was konnte er schon ausrichten, denn der Fabrikantensohn Bruno war schliesslich mit von der Partie.

aus dem Kapitel «Mensur*»:
In der Schweiz war die Durchführung von Mensuren schon vor 1920 verboten worden, sie fanden aber offensichtlich im Verborgenen dennoch statt. Einmal in einem echten Rittersaal fechten zu dürfen, das musste von besonderem Reiz sein! Von der ganzen Angelegenheit sollte ich zwar nichts erfahren, aber als neugieriger Sechstklässler hatte ich am nächsten Tag den Grund der aussergewöhnlichen Geschäftigkeit bald ausspioniert und herausgefunden, dass ich die Szene von der alten Treppe aus unbeobachtet verfolgen konnte. Die Fechter wurden so vorbereitet, dass sie vor lebensgefährlichen Verletzungen geschützt waren. Dabei wurde der Halsschlagader besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Der Kopf blieb frei, ausgenommen die Augen, denen eine Spezialbrille den notwendigen Schutz bot. In eine Art Lederjacke gekleidet, wartete der Fechter schliesslich, bis er vom Rittersaal her aufgerufen wurde…

*studentischer Zweikampf mit Säbel


Soldatenspiel. 1916 (Jakob Bryner, der Autor des Buches, 7-jährig, vierter von rechts)


Familie Bryner, Pächter- und Gastwirtfamilie auf Hohenklingen von 1911-1932 (Autor, 6-jährig, 2.v.l.)