Schaffhauser Nachrichten, Aus- und Weiterbildung
Karl Hotz
Es ist schon fast eine Binsenwahrheit: Unsere Welt wächst immer mehr zusammen. Darum wird auch der souveräne Umgang mit fremden Sprachen immer wichtiger. Ein Weg dazu sind die sogenannten zweisprachigen Maturitäten. Dabei gibt es zwei Formen. Bei der ersten Variante wird – zumindest bei uns in Schaffhausen – das dritte Schuljahr statt auf dem Emmersberg in einer französischsprachigen Mittelschule in der Romandie absolviert – die sogenannte Maturité bilingue. In der Variante zwei wird ein Teil der Fächer ab der zweiten Klasse vollständig in Englisch absolviert. Hier spricht man von der sogenannten Immersionsmethode. Wir unterhielten uns mit Rektor Urs Saxer und Protektor Pasquale Comi, der die Evalutionsphase leitete, über Ziel und Erfahrungen der neuen Methode.
**«Keine Elite der Elite»**
Eines stellt Urs Saxer gleich eingangs klar: «Bei uns ist, anders als teilweise in anderen Kantonen, der Zugang zu beiden Formen sehr offen. Wir wollen keine Elite der Elite, für die die Maturité bilingue oder die Immersionsmethode eine Art Belohnung ist.» Für einen Aufenthalt in der französischsprachigen Schweiz reicht beispielsweise die Note 4,5 in Französisch sowie ein Gesamtnotendurchschnitt in gleicher Höhe. Und beim Immersionsunterricht heisst es in den Richtlinien, er sei für alle Schülerinnen und Schüler des Sprachlich-Altsprachlichen Profils (S) offen, die Freude daran hätten, Fremdsprachen auf eine neue Art zu lernen, und motiviert seien, mit Ausdauer an Problemlösungen zu arbeiten. Zugelassen sind zudem sowohl Schülerinnen und Schüler, die Englisch im Schwerpunktfach, als auch solche, die es im Freifach belegen.
**Erste Tests vor acht Jahren**
Die ersten Versuche mit den neuen Formen, so Pasquale Comi, seien an der Schaffhauser Kantonsschule in den Jahren 2001 bis 2003 unternommen worden. Damals wurden die Fächer Mathematik und Geschichte in englischer Sprache unterrichtet. Die Erfahrungen waren so positiv, dass ab 2004 jährlich ein neuer Klassenzug des sogenannten Ausbildungsprofils S (sprachlich-altsprachlich) in einem erweiterten Pilotversuch in den beiden Fächern und zusätzlich in Physik in Englisch unterrichtet wurden. Auch dieser Pilot verlief sehr positiv, so dass die Kantonsschule dem Erziehungsrat den Antrag stellte, diese Maturitätsform definitiv einzuführen. Im Oktober letzten Jahres wurde der Antrag gutgeheissen. Die Ergebnisse wurden sehr sorgfältig evaluiert. Bei zwei Parallelklassen zeigte sich beispielsweise im Jahre 2006, dass die Klasse mit dem Immersionsunterricht das Tempo am Anfang etwas drosseln musste, bis der fachspezifische und allgemeine Wortschatz erarbeitet war. Doch schon nach wenigen Wochen glichen sich die Unterschiede aus. Ein Jahr später wurden Vergleichsprüfungen im Fach Geschichte durchgeführt – ohne signifikante Unterschiede. Eine letzte Umfrage kurz vor der Matur ergab das gleiche Resultat. Die Lehrkräfte der Immersionsklassen stellten allerdings im Unterricht ein grösseres Interesse fest – was natürlich auch daran liegen könnte, dass eher die Aktiveren und Interessierteren sich überhaupt für eine zweisprachige Matur entscheiden. Und die Maturprüfungen bestätigten schliesslich die vorherigen Resultate: Alle zweisprachigen Schülerinnen und Schüler erhielten das Maturzeugnis, und Experten, die beide Klassen begutachteten, stellten keinerlei Unterschiede fest. Wenig überraschend stellten die Englischlehrer fest, dass die Immersionsklasse beim Hören, Sprechen und Lesen, etwas weniger im Schreiben, überdurchschnittliche Erfolge erzielten – mit unerwarteten Folgen: In der Freifachklasse stellte die Englischlehrerin fest, dass sich die Schülerinnen und Schüler, die die Immersionsklassen nicht besuchten, gehemmter verhielten und sich weniger zu Wort meldeten, weil die Immersionsschüler deutlich besser waren.
**Die gleichen Prüfungen**
Ebenso sorgfältig wurden die Leistungen in Mathematik und Physik verglichen, was fast noch ein wenig einfacher war, denn es konnten in beiden Gruppen einfach die identischen Prüfungsaufgaben gestellt werden. Auch hier wurde festgestellt, dass zu Beginn die Immersionsklassen im Fach Physik etwas schlechter abschnitten – vermutlich wegen des bereits erwähnten gedrosselten Lerntempos. Doch mit der Zeit glichen sich die Unterschiede praktisch aus. In der Mathematik waren die Erfolgsquoten bei den einzelnen Prüfungsfragen zwar unterschiedlich, doch bei den Gesamtnoten schnitten die Immersionsklassen bei den vergleichbaren Fragen leicht besser ab. Umgekehrt war es bei der Entwicklung der Zeugnisnoten in Physik nach einem Jahr: Während die Noten der Immersionsklassen im Durchschnitt ganz minim um 0,03 Punkte sanken, stiegen jene der Normalklasse um 0,2 – alles in allem aber auch keine signifikanten Unterschiede.
**Auch ein Anreiz für die Lehrkräfte**
Rektor Urs Saxer rückt aber auch noch einen anderen Punkt in den Vordergrund: «Wir sehen vor allem den Immersionsunterricht auch als Herausforderung und Entwicklungsmöglichkeit für die Lehrkräfte.» Man verzichte darauf, das sogenannte «Proficiency», einen anerkannten Standard für Englischkenntnisse, zur Bedingung zu machen, man setze einfach sehr gute Englischkenntnisse voraus, insbesondere auch im sprachlichen Ausdruck. Aber natürlich biete man den Lehrkräften, die Immersionsunterricht erteilen wollten, die Gelegenheit zur Weiterbildung. Diese Möglichkeit werde, vor allem in Form von Sprachaufenthalten auch gerne wahrgenommen. Es brauche zudem von allen auch einen Sondereinsatz: «So müssen beispielsweise sämtliche Unterlagen ins Englische übersetzt werden. Und auch sonst braucht die Vorbereitung der Lektionen etwas mehr Aufwand.» Lehrkräfte, die Immersionsklassen unterrichten, erhalten deshalb eine Lektion Entlastung. Sowohl Urs Saxer wie auch Pasquale Comi sind sehr erfreut, dass der Erziehungsrat nun definitiv grünes Licht für die neuen Unterrichtsformen erteilt hat. «Das wertet das Angebot der Kantonsschule Schaffhausen auf», ist Saxer überzeugt.
**Austauschjahr Noten werden übernommen**
Bei der «Maturité bilingue» wechseln Schülerinnen und Schüler in der dritten Klasse der Kantonsschule für ein ganzes Jahr an ein Gymnasium in Lausanne. Sie absolvieren dort den ganz normalen Unterricht. Voraussetzung ist aber, dass auch Schülerinnen und Schüler aus Lausanne nach Schaffhausen wechseln.
Die Grundlagen- und die Wahlfächer werden in Lausanne grundsätzlich weitergeführt. Alle Noten aus Lausanne werden übernommen, so dass – wenn nicht etwas anderes dazwischen kommt – die Matur zusammen mit der Stammklasse in Schaffhausen abgelegt werden kann. Die Maturaarbeit muss allerdings zwingend auf Französisch geschrieben werden – in welchem Fach ist aber offen.
**Immersion Geschichte in Englisch gemeistert**
«Nein, im Fach Geschichte ist die Sprache kaum ein Problem – man findet den Anschluss rasch wieder, auch wenn man einmal ein Wort nicht versteht» – so und ähnlich die Antworten auf die Frage, wie schwierig es sei, dem Geschichtsunterrricht in Englisch zu folgen.
Und in der Tat, wenn man den Schülerinnen und Schülern von Hans-Rudolf Dütsch zuhört, wie sie das ungemein komplexe Thema «Konzentrationslager Auschwitz» diskutieren, kommt man zur Ansicht: «Das kann doch gar nicht so schwierig sein.» Insbesondere in der zweiten Lektion, als drei Kurzvorträge zu verschiedenen Aspekten gehalten werden, muss man dann aber als Zuhörer verflixt gut aufpassen, um immer alles mitzubekommen und zu verstehen, worum es im Detail geht. Dass dann, wenn Zusatzfragen gestellt werden, sowohl Fragende wie Antwortende manchmal nach Begriffen suchen müssen, erinnert einen aber dann wieder daran, dass hier ja im Rahmen der Immersionsmethode ein ganzes Fach in Englisch absolviert wird und das für die Schaffhauser Schülerinnen und Schüler ja eine Fremdsprache ist. Dass Hans-Rudolf Dütsch, der als Jugendlicher drei Jahre in den USA gelebt und nun als Vorbereitung noch das «Proficieny» in England abgelegt hat, selber nicht nur sehr gut Englisch spricht, sondern manchmal fast unmerklich ein wenig hilft, erleichtert die Sache natürlich. Dütsch ist übrigens von der Immersionsmethode begeistert und hat festgestellt, dass die Beteiligung am Unterricht eher stärker ist als in der Muttersprache. Dass er viele Unterlagen für den Unterricht nun doppelt, weil in zwei Sprachen, erstellen muss, nimmt er denn auch ohne Murren in Kauf.
**Den Faden wieder finden**
Noch etwas haben übrigens die Schüler festgestellt: «In Mathematik und Physik ist, vor allem an Anfang, der Unterricht nicht so einfach. Verpasst man den Anschluss, weil man einen Begriff nicht versteht, ist es schwieriger den Faden wieder zu finden.»