Tages-Anzeiger
Guido Kalberer
«Ich will nie mehr nur Bücher lesen, sondern Menschen», schreibt der 22-jährige Student am 18. Februar 1906 an seine Schwester Anna. Das
Interessanteste in der Natur sei doch die menschliche Seele. Der in Zürich geborene und in Schaffhausen aufgewachsene Hermann Rorschach (1884–1922) studierte Medizin mit dem Ziel, Psychiater zu werden. In den beiden letzten Semestern hörte er Vorlesungen bei Eugen Bleuler zur allgemeinen und speziellen Psychiatrie und psychiatrischen Klinik und bei C.G. Jung zur Psychopathologie der Hysterie. Nach Zwischensemestern in Berlin und Bern schloss Rorschach sein Studium 1909 an der Universität Zürich mit dem Staatsexamen ab. Ein Jahr später heiratete er die russische Studienkollegin Olga Stempelin, mit der er zwei Kinder hatte. Der Versuch, sich 1913 in Russland eine Existenz als Ärztepaar aufzubauen, scheiterte.
Kurze Karriere, früher Tod
Es gab in der deutschsprachigen Schweiz kaum eine psychiatrische Anstalt, an der Hermann Rorschach nicht gearbeitet hat: Von der «Thurgauischen Irrenanstalt Münsterlingen» führte seine kurze Karriere über die «Bernische Kantonale Irrenanstalt Waldau» bis zur «Appenzell-Ausserrhodischen Heil- und Pflegeanstalt» in Herisau, wo er 38-jährig an den Folgen einer zu spät erkannten Blinddarmentzündung gestorben ist. Heute erinnert an Rorschach bloss noch das weltberühmte Testverfahren und der seit 50 Jahren in Bern aufbewahrte wissenschaftliche Nachlass «Archiv und Sammlung Hermann Rorschach».
Angeregt von der psychoanalytischen Assoziationslehre wollte Rorschach anhand zufälliger Tintenbilder erfahren, wie die Patienten die so genannten «Klecksografien» wahrnehmen und interpretieren. Die spontanen Reaktionen liessen in seinen Augen auf die mentale und psychische Konstitution der Betrachter schliessen. Es ging Rorschach nicht primär darum, was in die Bilder hineingelesen wurde, sondern um die Fragen: Werden die Kleckse als Ganze oder in Teilen erfasst? Und ist die Antwort durch die Form der Kleckse allein oder auch durch die Farbe bestimmt? Diese neue Methode und die damit einhergehende Problematik waren auch Thema einer Studie, die 1921 dank der Hilfe des einflussreichen Berner Psychiaters Walter Morgenthaler erschienen ist unter dem etwas länglichen Titel «Psychodiagnostik. Methodik und Ergebnisse eines wahrnehmungsdiagnostischen Experiments (Deutenlassen von Zufallsformen)». Sein erstes bedeutendes Werk sollte jedoch bereits sein Vermächtnis sein: Nur Monate nach dessen Publikation verstarb Rorschach.
Siegel der Objektivität
Eine Kabinettausstellung in der Berner Universitätsbibliothek führt nun mittels sorgfältig ausgewählter Fotografien, Briefe, (kopierter) Klecksbilder und Zeichnungen in das Leben und Werk von Rorschach ein. Auf kleinem Raum entsteht so ein Bild dieses im deutschsprachigen Raum kaum, in den USA und Japan umso mehr angesehenen und rezipierten Psychiaters – eines Forschers, dessen Neugier nicht gezügelt wurde durch die wissenschaftlichen Fachgrenzen. Der Untertitel der Schau macht deutlich, in welchem Spannungsfeld sich die Psychologie und die Psychiatrie jener Zeit bewegten: «Ein Schweizer Psychiater zwischen Naturwissenschaft und Intuition». Wie schon Sigmund Freud war auch Rorschach darauf bedacht, seine Einsichten in die menschliche Wahrnehmungs- und Vorstellungswelt mit dem Siegel der Objektivität zu versehen. Alles andere wäre ihm zu wenig gewesen in einer Zeit, die vom unaufhaltsamen Siegeszug der Naturwissenschaften geprägt war.
Die für die Ausstellung verantwortliche Psychologin Rita Signer verfasste auch eine lesenswerte Broschüre zum Thema. Darin räumt sie den Kontrahenten von Hermann Rorschach gebührend Platz ein – insbesondere Szymon Hens, der bereits 1917 seine Doktorarbeit «Phantasieprüfungen mit formlosen Klecksen bei Schulkindern, normalen Erwachsenen und Geisteskranken» am Burghölzli eingereicht hat. Stärker als Rorschach, der sich mit formalen Kriterien wie Ganz- oder Detaildeutung, Form-, Farb- und Bewegungseinflüssen beschäftigte, interessierte Hens die Frage, was die Betrachter tatsächlich auf den Bildern sahen. Signer geht davon aus, dass die Publikation von Hens Hermann Rorschach zu den weiteren Forschungen angeregt hat. Dass dieser wiederum andere Psychiater beeinflusste, zeigt die Berner Ausstellung mit den formschönen Tintenklecksen des deutschen Arztes Georg A. Roemer. Diese Arbeiten, die Rorschachs Erbe nach dessen frühem Tod weiterführen sollten, belegen, dass sich damals eine regelrechte Klecksszene herausgebildet hat.
Spitzname Klex
Die Ausstellung, die vor allen Dingen historisch interessant und aufschlussreich ist, hält sich mit Aussagen über Sinn und Zweck des «Formdeutversuchs» (Rorschach) angenehm zurück. Kritischen Besuchern sei empfohlen, das Werk des Psychiaters losgelöst von der damals üblichen Anbindung an die Gesetze der Naturwissenschaft zu betrachten. Dass der subjektive Faktor im Leben und Werk Hermann Rorschachs eine weitaus grössere Rolle gespielt hat als bisher angenommen, mag ein Detail illustrieren: Schaut man sich die Innenseite der Mütze an, welche der Schaffhauser Kantonsschüler als Mitglied der Studentenverbindung «Scaphusia» trug, entdeckt man den Namen Klex. Wenn das kein Omen war…
**Ausstellung «Hermann Rorschach. Ein Schweizer Psychiater zwischen Naturwissenschaft und Intuition»**
Die Universitätsbibliothek Bern nimmt das fünfzigjährige Bestehen des von ihr betreuten Rorschach-Archivs zum Anlass, Leben und Werk des Forschers und Arztes Hermann Rorschach (1884-1922) mit Exponaten aus dessen Nachlass anschaulich zumachen. Hermann Rorschach wurde mit seinem später nach ihm benannten psychodiagnostischen Test weltberühmt. Dass sich seine Forschungsinteressen auch auf andere Gebiete erstrecken, ist weitgehend unbekannt. Die Ausstellung orientiert sich an den Stationen seines kurzen Lebens und verzichtet bewusst darauf, Werk und Biografie trennen.
Universitätsbibliothek Bern, Zentralbibliothek, Ausstellungsraum, Münstergasse 63, 3000 Bern 8. – 6. Dezember 2007 bis 23. Februar 2007
Öffnungszeiten: Mo bis Fr 8 bis 19 Uhr, Sa 8 bis 12 Uhr.
Ausstellungsraum der Zentralbibliothek:
6. Dezember 2007 bis 23. Februar 2008
Öffnungszeiten Mo bis Fr, 8 bis 19 Uhr Sa, 8 bis 12 Uhr
**Ausstellung «Hermann Rorschach. Ein Schweizer Psychiater zwischen Naturwissenschaft und Intuition»**
*Medientext*
Website Archiv und Sammlung «Hermann Rorschach»
Der Rorschach-Test wurde weltberühmt. Sein Schöpfer, der Schweizer Psychiater Hermann Rorschach, blieb jedoch ein Unbekannter. Die Universitätsbibliothek Bern nimmt das fünfzigjährige Bestehen des von ihr betreuten Rorschach-Archivs zum Anlass, Leben und Werk des jung verstorbenen Forschers und Arztes in einer Ausstellung zu zeigen. Diese präsentiert eine vielseitig interessierte und künstlerisch begabte Persönlichkeit.
Wer mit dem Namen Rorschach nicht die Stadt am Bodensee, sondern den berühmten psychodiagnostischen Rorschach-Test verbindet, kennt sicher das hervorstechendste Merkmal im Schaffen des Schweizer Psychiaters Hermann Rorschach (1884-1922). Die vielseitige Person, die sich hinter dem Ruhm des Testverfahrens verbirgt, dürfte allerdings nur wenigen bekannt sein.
Ein Grossteil des Nachlasses von Hermann Rorschach gelangte in den vergangenen Jahren durch Schenkung der Kinder in das von der Universitätsbibliothek Bern betreute Rorschach-Archiv. Dadurch kann erstmals Einblick in die Weite des Denkens und Forschens, aber auch in die künstlerischen Seiten von Rorschachs Persönlichkeit genommen werden.
2007 feiert das Archiv und Sammlung Hermann Rorschach sein fünfzigjähriges Bestehen, ein willkommener Anlass, dem mit erst 38 Jahren verstorbenen Psychiater eine Ausstellung zu widmen. Die Ausstellung orientiert sich an den Stationen seines kurzen Lebens und verzichtet bewusst darauf, Werk und Biografie zu trennen.
Zum Leben von Hermann Rorschach
Kindheit und Jugend
Hermann Rorschach wird am 8. November 1884 in Zürich als Sohn eines Zeichenlehrers geboren. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in Schaffhausen. 1897 verlieren er und seine beiden jüngeren Geschwister die Mutter, 1903 stirbt der Vater nach längerer Leidenszeit.
Studium
Nach Abschluss der Schule 1904 nimmt Hermann Rorschach sein Studium an der Académie de Neuchâtel auf, im Herbst 1904 beginnt er ein Medizinstudium an der Universität Zürich. Er verkehrt in russischen Studentenkreisen und lernt Russisch. Nach Zwischensemestern in Berlin und Bern schliesst er im Februar 1909 sein Studium in Zürich ab.
Münsterlingen
Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Russland tritt Hermann Rorschach im Sommer 1909 eine Assistentenstelle in der Thurgauischen Irrenanstalt Münsterlingen an. 1910 heiratet er seine russische Studienkollegin Olga Stempelin. Mit einer Dissertation über Reflexhalluzinationen promoviert er 1912 bei Eugen Bleuler. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit macht er die ersten Versuche mit Tintenklecksen.
Russland – Waldau
Ende 1913 verlässt Hermann Rorschach mit seiner Frau die Schweiz, um sich in Russland als Psychiater niederzulassen. Die dort vorgefundenen Arbeitsbedingungen entsprechen jedoch seinen Vorstellungen nicht. Im Sommer 1914 kehrt er wieder in die Schweiz zurück und nimmt eine Assistentenstelle an der Bernischen Kantonalen Irrenanstalt Waldau bei Bern an.
Herisau – Zufallsbilder
Im Herbst 1915 wird Hermann Rorschach als Sekundararzt an die Appenzell-Ausserrhodische Heil- und Pflegeanstalt in Herisau gewählt. Zwei Jahre später widmet er sich wieder Klecksversuchen. Die Ergebnisse dieser jahrelangen Versuche mit Zufallsbildern werden im Juni 1921 unter dem Titel «Psychodiagnostik» publiziert.
1917 wird die Tochter Lisa geboren, 1919 der Sohn Wadim. Erst 38-jährig stirbt Hermann Rorschach acht Monate nach der Veröffentlichung seines später weltbekannten Tests am 2. April 1922 an den Folgen einer zu spät diagnostizierten Blinddarmentzündung.
Zufallsbilder und Rorschach-Test
Zufallsbilder haben in der Kunst eine lange Tradition und seit einigen Jahren im kunsthistorischen Diskurs Konjunktur. Dabei wird regelmässig auf den Rorschach-Test verwiesen. Bereits seit der Renaissance haben Zufallsbilder Künstler fasziniert und inspiriert: Leonardo da Vinci erläutert in seinem Traktat von der Malerei, dass man sich durch Anschauen von Gemäuer mit Flecken zu Bildern inspirieren lassen kann. Im 18. Jahrhundert stellt der englische Kunstpädagoge und Landschaftsmaler Alexander Cozens eine Klecksmethode zum Entwerfen von Landschaftsbildern vor. Im 19. Jahrhundert spielt der englische Landschaftsmaler Turner gezielt mit dem Zufall.
Die in der Ausstellung konzipierten Lebensstationen Hermann Rorschachs widmen sich unter anderem seiner Kindheit, Jugend und Studienzeit, veranschaulichen seine ersten wissenschaftlichen Erfahrungen in der Psychoanalyse, dokumentieren die Aufenthalte in Russland und zeigen seine spätere Forschungsarbeit mit den Zufallsbildern, die als Grundlage zum Rorschach-Test dienen. Anhand von Fotografien, Zeichnungen, Manuskripten und Korrespondenzen wird nicht nur die Vielfalt seines wissenschaftlichen Werks, sondern auch die vielen Facetten der Persönlichkeit von Hermann Rorschach aufgezeigt.
*Kontakt: Rita Signer, Leiterin von Archiv und Sammlung Rorschach, Dalmazirain 11, 3005 Bern
Telefon 031 351 27 02, rita.signer@ub.unibe.ch.
Christine Felber, Öffentlichkeitsarbeit, Universitätsbibliothek Bern, Münstergasse 61, 3000 Bern 8
Telefon 031 631 92 56, Fax 031 631 92 99, E-Mail christine.felber@ub.unibe.ch, www.ub.unibe.ch
Nähere Informationen zur Ausstellung
Ausstellungskonzept: Rita Signer, Leiterin von Archiv und Sammlung Hermann Rorschach und Fachreferentin für Psychologie und Psychiatrie an der Universitätsbibliothek Bern.
Ort: Universitätsbibliothek Bern, Zentralbibliothek, Ausstellungsraum, Münstergasse 61/63, 3000 Bern 8
Dauer: 6. Dezember 2007 bis 23. Februar 2008
Vernissage: Mittwoch, 5. Dezember 2007, 18 Uhr (auf Voranmeldung)
Öffnungszeiten: Mo bis Fr 8 bis 19 Uhr, Sa 8 bis 12 Uhr
Veranstaltungen: Die Ausstellung begleiten Vorträge und Führungen (s. Begleitleporello)
Publikation: Rita Signer: Archiv und Sammlung Hermann Rorschach. Bern: Universitätsbibliothek Bern, 2007*