Schaffhauser Nachrichten, Feuilleton
Felix Graf
Karl Schmid, brillanter Germanist, wertkonservativer Querdenker, Generalstabsoberst und Ehemann der Kabarettistin Elsie Attenhofer, ist einer der wenigen Schweizer Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, die über ihren unmittelbaren Wirkungskreis hinaus gehört worden und im kollektiven Gedächtnis des Landes haften geblieben sind. Sein noch heute gerne zitiertes Hauptwerk «Das Unbehagen im Kleinstaat» formulierte er 1963.
Autorenlesungen
Grosse und nachhaltige Verdienste hat sich Schmid als Förderer der Schweizer Gegenwartsliteratur erworben. Er hat nicht nur die neuen Werke in seinen wöchentlichen Vorlesungen an der Freifachabteilung der ETH besprochen, sondern auch Autorinnen und Autoren zu Lesungen eingeladen. Das war damals für eine Hochschule ganz ungewöhnlich. Als Sekretär der Jury des renommierten Charles-Veillon-Preises für den deutschsprachigen Roman hat er junge, noch unbekannte Talente nach Kräften gefördert.
Zu den Geförderten gehörte auch die Schaffhauser Schriftstellerin Ruth Blum. Der im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich aufbewahrte Briefwechsel zwischen der eloquenten Autorin und dem brillanten Literaturprofessor zeugt von der warmen Sympathie, mit der Schmid an der persönlichen und literarischen Entwicklung «seiner» Autoren Anteil nahm. Gross war das Vertrauen, mit dem ihm Ruth Blum ausführlich über ihre schriftstellerische, gesundheitliche, schulische und gesellschaftliche Befindlichkeit berichtete. Der die Jahre 1951 bis 1964 abdeckende Briefwechsel ist ein schönes Beispiel für die ebenso freundliche wie nachhaltige Hartnäckigkeit, mit der sich Schmid bei Verlegern und Verbänden für die Schriftstellerinnen und Schriftsteller verwendet hat.
Öchslewaage für Literatur
Am 1. April 1963 schickt ihm der Artemis-Verleger Bruno Mariacher eine Auswahl von Ruth Blums Gedichten mit der Bemerkung zurück, sie seien zu altmodisch und schwerfällig für eine Veröffentlichung. Schmid antwortet am 14. April, dass er ihm die Gedichte wohl nicht geschickt hätte, wenn sie so schlecht wären, und dass es sich bei Blum, «im Gegensatz zu vielen akkreditierten Lyrikern», immerhin um einen «lebendigen Menschen» und nicht nur um ein «belesenes Hirn» handle. Und weiter: «Soll ich Ihnen, Verehrter, einmal ihren Erismann so auf die Öchsli-Grade (sic!) prüfen, wie sie es mit der Blumin tun?» Am 4. Mai teilt Schmid Ruth Blum die Absage des Artemis-Verlages mit und schickt ihr mit Anspielung auf ihr Lehramt sein soeben erschienenes Buch «Das Unbehagen im Kleinstaat»: «Hier bekommen Sie mein Neuestes, das in Schulnoten ausgedrückt, dort eine 5, da eine 2 bekommt.»
Sowohl Karl Schmid als auch Ruth Blum eignet eine wesenhafte Mündlichkeit. Was bei ihr als überschäumende Eloquenz in Erscheinung tritt, manifestiert sich bei ihm in der Brillanz seiner freien Rede. In einem Brief vom 18. Juli 1960 spielt Ruth Blum auf ihre Eloquenz an: «Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gut getan mir Ihre freundlichen Zeilen haben, in jeder Hinsicht. Obwohl meine Freunde finden, es fehle mir nicht an keltischer Eloquenz, will ich meinen Dank nun nicht mit vielen Worten ausdrücken, sondern ein paar süsse Zungen reden lassen, die Ihnen von Schaffhausen zukommen werden. Schmausen Sie sie zusammen mit Ihrer Frau Gemahlin, deren herrliche Beredsamkeit ich früher unendlich genoss, damals, als ich noch nicht im Exil lebte und noch ab und zu ins ‹Cornichon› kam!» Keltomanie und Eloquenz bescheinigt sich Ruth Blum auch in einer brieflichen Einladung zu einer Flasche Wilchinger an Karl Schmid vom 5. September 1960: «Dass die Begginger so eloquent sind, mag keltisches Erbe sein. Jedenfalls: als ich in Cork den Wunderstein küssen sollte, der die irische Haupttugend verleiht, nämlich «the gift of persuading eloquence», sagte meine Cousine: «Chüss no da Schtaa nid, susch halt ich’s mit dir überhaupt nümme us!»
Nur Stichworte notiert
In Karl Schmids Autorenkartei, die in der laufenden Ausstellung «Unbehagen im Kleinstaat: Karl Schmid (1907 bis 1974) und die Schweiz» im Zürcher Museum Bärengasse ausgestellt und bei der Karte zu Ruth Blum aufgeschlagen ist, steht vermerkt, dass er im Wintersemester die Brieferzählung «Sonnenwende» besprochen hat. Dazu existiert nurmehr eine Lesenotiz. Karl Schmid hat sich für seine «Vorlesungen» jeweils nur ein paar Stichworte notiert und daraus seinen Vortrag in freier Rede entwickelt. Zu Ruth Blums «Sonnenwende» steht unter anderem: «Alles zu literarisch» und «Nicht gut». Das ist es in der Tat auch nicht. Wie alles Künstlich-Fiktive, mit dem sie sich, wie auch im Briefwechsel ersichtlich wird, jahrelang abgeplagt hat. Im Gegensatz zu ihren literarisch-autobiografischen Schriften, die sie im Briefwechsel mit dem Literaturprofessor bezeichnenderweise nur ganz am Rand erwähnt. Leider existieren keine Hinweise auf Karl Schmids Einschätzung der literarisch und zeitgeschichtlich bedeutenden Werke «Blauer Himmel, grüne Erde» (1941) und «Die grauen Steine» (1971). Beide Bücher zeichnen sich durch die kraftvoll-poetische Sprache, den psychologischen Tiefgang und den grossen, zeitgeschichtlichen Dokumentationswert aus. Sie transportieren das Lebensgefühl der Menschen in den geschilderten Epochen über räumliche und zeitliche Grenzen, wie dies weder in der Ausstellung noch der wissenschaftlichen Abhandlung möglich ist.
Die Ausstellung «Unbehagen im Kleinstaat: Karl Schmid (1907-1974) und die Schweiz» im Museum Bärengasse Zürich, ist Di von 14 bis 20 und Mi bis So von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen mit Christoph Schmid und Felix Graf am 29. Januar und am 26. Februar, 18 Uhr. Über die Weihnachtstage sowie am 1. und 2. Januar geschlossen, Literatur: Bruno Meier (Hg.). «Das Unbehagen im Kleinstaat Schweiz. Der Germanist und politische Denker Karl Schmid 1907-1974» NZZ Libro, 2007 CHF 28.
Felix Graf ist Leiter des Museums Bärengasse Zürich und Kurator am Schweizerischen Landesmuseum.