Steinchen im Mosaik der Rank bewahren

Schaffhauser Nachrichten, Wirtschaft
Doris Kleck

Heute geht ein Stück Schaffhauser Industriegeschichte zu Ende. 154 Jahre ist es her, dass die Gründerväter Friedrich Peyer im Hof, Heinrich Moser und Conrad Neher die «Schweizerische Waggons-Fabrik bei Schaffhausen» gründeten. Man wollte sich die Wasserkraft des Rheinfalls zu Nutze machen. Das erklärt das Kuriosum, dass die ersten Eisenbahnwagen mit Pferdefuhrwerken ausgeliefert werden mussten, weil keine Gleisanschlüsse zum Werkgelände führten. Die Gründung der SIG erfolgte aber nicht nach dem damaligen Schema F für Unternehmensgründungen: Die SIG war nie ein eigentlicher Handwerksbetrieb, der stetig wuchs. Im Gegenteil, die Gründerväter fuhren im grossen Stile ein: Von Beginn weg arbeitete die SIG mit einer Belegschaft von rund 150 Mann. Die SIG war eine richtige Fabrik. Ein wichtiger Arbeitgeber. Und der Stolz der Schaffhauser Bevölkerung.

Region Schaffhausen vertreten
An diesem Punkt setzt die Geschichte des Schaffhauser Wirtschaftanwaltes Martin Frey ein. Kürzlich habe ihn ein ehemaliger SIG-Mitarbeiter gefragt, ob er wisse was SIG heisse. Nein, nicht «Schweizerische Industrie-Gesellschaft», klärte ihn der Mitarbeiter auf. Stattdessen? «Si Isch Gsii». Der Verlust der Eigenständigkeit und das Aufgehen in der neuseeländischen Rank-Gruppe errege die Gemüter in der Region Schaffhausen, meint Frey. Sorge für Unsicherheit. All diesen Leuten, welche die Faust im Sack machen, will der Anwalt seine Stimme geben. An der heutigen Generalversammlung will er sich deshalb zur Wahl in den Verwaltungsrat stellen. Er ist der Meinung, dass das Lokalkolorit auch unter der neuen Führung der Rank-Gruppe im Verwaltungsrat vetreten sein sollte. Er sieht sich als Bindeglied zwischen der Region Schaffhausen und der SIG Holding. Und er will sich dafür einsetzen, dass der Sitz der SIG Holding in Neuhausen ebenso wie die Arbeitsplätze erhalten bleiben – wenn nicht sogar ausgebaut werden. Sein Vorgehen gründet ein Stück weit auch auf seiner Irritation über den Kanton und die Wirtschaftsförderung, die den Verkauf als Fait accompli hingenommen haben. Notwendig war der Verkauf seiner Ansicht nach keineswegs. Auch in einer globalisierten Welt könne eine Unternehmung ihre Eigenständigkeit bewahren, wenn sie es wolle. Doch jetzt will er aus der Situation das Beste machen: «Das bin ich auch meinen Vorfahren schuldig.»
Denn Martin Freys Jugend war eng mit der SIG verknüpft. Schon sein Urgrossonkel Hermann Frey amtete zwischen 1898 und 1927 als Verwaltungsratspräsident. Anschliessend führten Grossvater Oscar und Vater Rene Frey das Unternehmen bis 1975. Seine erste Erinnerung an die SIG? «Das war 1957, als die SIG den Auftrag der Schweizer Armee für das Sturmgewehr bekam. Da knallten die Korken im Haus. Doch als Sechsjähriger realisierte ich nicht genau, was der Grund war, der mich am Schlafen hinderte.» Mit der Herstellung von Waffen begann die SIG bereits 1860. Das Waffengeschäft diente als zweites Standbein neben dem Waggonbau, um sich gegen Krisen in einer Branche abzusichern. Das Konzept der Diversifikation hatte damals gerade seine Gültigkeit. So stieg die SIG 1906 auch in den Markt für Verpackungsmaschinen ein. Automobile, Elektrofahrzeuge und Pressluftwerkzeuge hatte sie ebenso im Angebot. Und Viehenthäuter. Martin Frey erinnert sich, wie er einmal von der Geschäftsleitung ins Schlachthaus abdelegiert wurde, um die Funktionalität des Viehenthäuters zu überprüfen. Den Blick auf die Kuh, die mit dem Bolzen erlegt und hernach enthäutet wurde, wollten sich die Chefs ersparen.

Einkaufstour mit Boutellier
Es war Roman Boutellier, CEO von 1999 bis 2004, der bei Martin Frey die Erinnerung an diese Anekdote wieder weckte. Denn Boutellier sagte an einer GV zur Rechtfertigung der neuen Fokussierungsstrategie aufs Verpackungsgeschäft: «Stellen Sie sich mal vor, die SIG hat gar einmal Viehenthäuter hergestellt.» Der St. Galler Professor Boutellier wusste aus den Lehrbüchern, dass die Zeit der Diversifikation vorbei war. Die Konzentration auf die Kernkompetenzen war angesagt. Die SIG stiess den Schienenfahrzeugbau und das Waffengeschäft ab.
Das war im Jahr 2000. Doch die eigentliche Zäsur in der SIG-Geschichte fand bereits 1989 statt, auch wenn man dies damals nicht unbedingt als solche erkannte. Noch unter der Leitung von Ulrich Dätwyler stieg die SIG mit dem Kauf der deutschen Papier- und Klebstoffwerke Linnich GmbH (PKL) in das Geschäft mit Verpackungen von flüssigen Lebensmitteln ein. Milch, Saft, Suppen oder Saucen zum Beispiel. «Mit dieser Akquisition wurde aus der überschaubaren Firma ein europäischer Konzern», meint Martin Frey heute. 1998 wird die PKL in SIG Combibloc umbenannt. Und die SIG Combibloc ist heute die weit wichtigere der zwei noch verbliebenen Divisionen: Combibloc erzielte im letzten Jahr einen Betriebsgewinn von 104 Millionen Euro, die Sparte SIG Beverages (Kunststoffflaschen) wies eine Million Euro als Betriebsgewinn aus.
Im Prinzip wurde aus der SIG mit dem Kauf der PKL ein deutscher Konzern. Bei- den Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen der SIG 2003 meinte denn auch Boutellier: «Das Unternehmen identifiziert sich nicht mehr mit Neuhausen, sondern mit der Marke SIG.» Der Ausspruch hat aber nicht nur damit zu tun, dass die Zahl der Mitarbeiter in Neuhausen seit 1991 von 2500 auf 250 geschrumpft ist, sondern auch damit, dass die SIG unter Roman Boutellier fleissig auf Einkaustour ging. «Boutellier verfolgte eine Hunter-Strategie, die offensichtlich falsch war», meint Martin Frey heute. HambaFilltec, Alfa und Simonazzi sind Beispiele von Firmen, die im Jubiläumsbuch der SIG noch in den höchsten Tönen als Neuakquisitionen gelobt, kurze Zeit später aber wieder abgestossen wurden. Dass die Bereinigung des Konzernportfolios mit hohen Kosten verbunden war, versteht sich von selbst.

Verkauf der SIG Pack
Unter dem «Gesundschrumpfungsprozess», der mit der Fokussierung auf die Verpackung für Flüssigkeiten einherging, verkaufte die SIG auch die in Beringen ansässige SIG Pack. Diese Division stellte Verpackungsmaschinen für Stück- und Schüttgüter her und beschäftigte weltweit 1750 Mitarbeiter, davon 700 im Werk Beringen. Die Ankündigung kam ausgerechnet im Jubiläumsjahr 2003, das unter dem Motto «Gemeinsam in die Zukunft» stand, und schlug in der Region hohe Wellen. Martin Frey bezeichnet diesen Verkauf an den Bosch-Konzern als «Todesstoss» für die SIG. Weshalb? «Das war für mich ein Schritt zu viel in Richtung Fokussierung», sagt der Schaffhauser, der aber auch hinzufügt, dass die Konzentration auf das Verpackungsgeschäft grundsätzlich richtig gewesen sei. Er argumentiert allerdings, dass sich die SIG heute mit einer übermächtigen Konkurrentin messen muss: Tetra Pak hat im Bereich der Verpackungen für Flüssigkeiten eine klare marktbeherrschende Stellung inne. Deshalb beurteilt er die eindimensionale Fokussierung auf die Flüssigkeiten als eine Gefahr für die SIG: «Die SIG hat sich damit selbst zum perfekten Übernahmekandidaten gemacht.»

Ruhe kehrt hoffentlich wieder ein
Und der Rest der Geschichte ist ja hinlänglich bekannt. Die SIG wird vom Schweizer Aktienmarkt verschwinden. Ihre Zukunft liegt in der Hand der neuseeländischen Rank-Gruppe. Martin Frey rechnet nicht damit, dass er in den Verwaltungsrat gewählt wird.
Doch was wäre wenn? Die Fokussierung sei jetzt natürlich durchgezogen, daran könne er nichts mehr rütteln, sagt Frey. Schliesslich wisse er aber auch nicht, wie die SIG innerhalb der Rank-Gruppe positioniert sein werde: «Vielleicht passt ja die SIG wie ein Mosaiksteinchen in die Rank-Gruppe. Dann geht es darum, das Mosaiksteinchen innerhalb der Gruppe in Neuhausen zu bewahren.» Oder vielleicht gar auszubauen. Nach der Abwehrschlacht gegen Tito Tettamantis Sterling und dem Bieterkampf mit Elopak und Rank sind jetzt immerhin wieder die Kräfte frei, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: das operative Geschäft.


Martin Frey will in den Verwaltungsrat der SIG, damit auch die Region Schaffhausen vertreten ist.
Bild: Doris Kleck