Revolutionäres unterm Schweinsleder

Schaffhauser Nachrichten, Region
Robin Blanck

«Wir haben fast ein ganzes Spiel», sagt Peter Scheck und zeigt die Bögen mit den 92 spätmittelalterlichen Spielkarten her, die bereits für nationale Aufmerksamkeit gesorgt haben. Zum Vorschein gekommen sind die Karten, als im vergangenen Winter der Schweinsleder-Einband eines Abgabenverzeichnisses aus dem 16. Jahrhundert restauriert wurde. Gebunden wurde das Verzeichnis des Schaffhauser Spendamtes – eine Art mittelalterliche Sozialhilfe für Arme – zwischen 1526 und 1550, wie Martin Cordes, Stellvertreter des Stadtarchivs, in seinem zum Thema verfassten Artikel darlegt. Weil es damals noch keinen Karton gab und Papier teuer war, nutzte man bereits vorhandenes Material, das nicht mehr gebraucht wurde, für die Herstellung der steiferen Umschläge: So kamen die Spielkarten in den Einband. Die Karten dürften im frühen 16. Jahrhundert entstanden sein, eine genaue Datierung ist jedoch laut Cordes kaum möglich.
Etwas kleiner als die heutigen Spielkarten sind sie, und auch etwas weicher. Nach weit über 400 Jahren sind die Farben Rot, Gelb und Grün zwar verblasst, dennoch lassen sich die Motive noch problemlos identifizieren. Schilten, Schellen, Eicheln, Rosen, in Varianten vom König bis zum nicht mehr gebräuchlichen Dreier. Auch dem Laien fällt auf: Die Bilddarstellungen auf den Karten haben sich über die Jahrhunderte nur unwesentlich verändert. Der Schellen-Unter trägt bereits seine Narrenkappe, ebenso in seiner Grundform vorhanden war bereits damals das Banner, dessen Kartenwert schon im 16. Jahrhundert zehn Punkte betrug, wie die unten links aufgedruckte römische 10 – «X» – erkennen lässt. Überdeutlich wird die Ähnlichkeit dann beim Rosen-Ass, das bereits seine charakteristische Form angenommen hatte.

Umkehr der Verhältnisse
Allerdings wurde mit den Karten nicht im heutigen Sinn gejasst, denn diese Art des Kartenspiels fand erst im auslaufenden 18. Jahrhundert den Weg von Holland zu uns. Wie im 16. Jahrhundert mit den Karten gespielt wurde, ist nicht bekannt. Interessant: «Damals wurde jene Karte, die wir heute als Ass kennen, als «Daus» bezeichnet», sagt Stadtarchivar Peter Scheck – daher auch der Überraschungsausruf «Ei der Daus!». Diese Karte mit dem Punktwert zwei galt als schlechteste Karte. Dass genau diese im Rahmen des Spiels dann zu solcher Macht avancierte und sogar die Kraft hatte, den König zu schlagen, wurde von der hochwohlgeborenen Obrigkeit gar nicht gerne gesehen. Denn das kam einer Umkehr des Verhältnisses zwischen Herren und Untertanen gleich, und genau davor fürchteten sich die Oberen: «Wenn der Schwächste den König schlägt, dann haftet dem etwas Revolutionäres an», sagt Scheck, «auch deshalb wurde das Kartenspiel verboten.»
Das älteste uns bekannte Spielkartenverbot in der Stadt Schaffhausen stammt aus dem Jahr 1389, ob die Verwendung der 92 nun wieder zum Vorschein gekommenen Karten im Zusammenhang mit reformatorischen Vorstellungen von Zucht und Ordnung zu sehen ist, bleibt gemäss Scheck Spekulation. Als sicher kann hingegen gelten, dass die Untertanen sich nicht strikt an die Auflagen hielten: Im Rechnungsbuch der «Gesellschaft zun Kaufleuten», in dem Ein- und Ausgaben vermerkt wurden, findet sich im Jahr 1488 der Eintrag, dass «1 Schilling 6 heller um 6 kartenspil» ausgegeben wurden.
Laut Martin Cordes hatte sich die Stadt Basel in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu einem «Zentrum der Spielkartenherstellung» entwickelt. Auch die jetzt in Schaffhausen gefundenen Karten dürften auf einen Basler Urtypp zurückgehen, wie die Verwendung des Basler Stabes auf einigen der Schilten-Karten, und auch des Zeichens der Basler Safranzunft vermuten lasse.

Aus der Werkstatt von Lorenz Bell
Zudem konnte über diesen Fund das Wissen über Lorenz Bell, den wohl wichtigsten Schaffhauser Buchbinder des frühen 16. Jahrhunderts, gewonnen werden, welcher den Einband gefertigt und noch weitere Arbeiten hinterlassen hat.
Zu bewundern sind Abbildungen der Karten im Schaukasten des Stadtarchivs (im Durchgang zum Fronwagplatz), ausserdem wurden die wichtigsten Fakten in einem farbig illustrierten Büchlein zusammengefasst, das man für fünf Franken beim Stadtarchiv beziehen kann.


Stadtarchivar Peter Scheck mit den in Schutzhüllen verstauten Karten. Auf dem Tisch stehend das nun restaurierte Buch, in dessen Einband die Karten steckten.
Foto: Bruno Bührer.