Auskunft über ein komplementäres Paar

Schaffhauser Nachrichten, Stein / Diessenhofen
m.za.

Der dritte Vortrag im ersten Zyklus des Frühjahrsprogramms der Berlinger Seniorenakademie stand unter dem Titel «Physik und Philosophie». Das Referat hielt Jürg Fröhlich, Professor für theoretische Physik und Vorsteher des Departements Physik an der ETH Zürich.
Was sind das für Leute, «die als Physikerinnen oder Physiker ein Leben lang versuchen, mehr über die Natur herauszufinden»? Professor Fröhlich, ein eloquenter, mit treffendem Humor gesegneter Referent, gab selbst eine Antwort auf seine obige Frage: «Ich meine, es seien Leute, die eingesehen haben, dass die Welt ungeheuer kompliziert ist, sodass man sie im Allgemeinen gar nicht verstehen kann, und dass die meisten Fragen, die man über die Welt stellt, gar keine vernünftige Antwort haben, respektive dass die meisten Fragen, die man über die Welt stellte, gar keinen Erkenntniswert, sondern bestenfalls einen Gefühlgswert haben. Fast alle Fragen mit denen sich die Philosophen beschäftigen, haben diese Eigenschaft. Das heisst nicht unbedingt, dass sie uns gleichgültig sein sollen; denn sie beeinflussen das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen, und dies macht sie wichtig.»
Nach diesen bedeutsamen Bemerkungen unternahm Fröhlich, wie er es umschrieb, «eine kurze historische Exkursion» durch die Geschichte der Physik. Der Exkurs entwickelte sich dann zu einer ausgedehnten, hochinteressanten Schau auf die Begründer der neuzeitlichen Physik wie Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton, die zwar in ihrem Denken von uralten philosophischen Vorstellungen geprägt waren, diese aber «eher als göttliche Offenbarungen interpretierten» und sich auch, wie der Referent betonte, eher mit Theologie als Philosophie befasst hätten: «Das Wirken Gottes in der Welt war ihnen eine Gewissheit.» Wie zum Beispiel Galilei, der die Welt als Werk Gottes auffasste, als «ein Buch, das vor uns offen liegt».
Senioren, die sich noch an ihren Physikunterricht in der Schule erinnern mochten, begegneten in den Ausführungen des Physikers einigen Gegenständen, bei denen Sie möglicherweise ein Aha-Erlebnis hatten. Denn damals wie heute gehen die Physikerinnen und Physiker – Leute, denen Professor Fröhlich ein «kindliches Gemüt» attestiert – «äusserst einfachen Phänomen» nach; siehe Atomismus, Elektrodynamik, Erscheinungen der Wärme, Gravitationsgesetz, Relativitätstheorie, Quantentheorie und so weiter. Auf die Philosophie kommend, meinte der sprachgewitzte Referent, die Physik sei «in einem ähnlichen Sinne nur ein symbolisches Abbild oder ein Plan eines Ausschnitts der Wirklichkeit; wie ein Fahrplan, der angibt, wann und für wie lange der Zug anhält, nur eine symbolische Repräsentation einer Bahnreise ist. Die Physik ‹erklärt› unser Erleben des Seins in der Gegenwart, dass ‹Jetzt›, genauso wenig, wie der Fahrplan das Erleben des Eintreffens in einem bestimmten Bahnhof während einer Bahnreise erklärt, die tatsächlich stattfindet». – so bild- und lebhaft wurde man über das komplementäre Paar Physik und Philosophie informiert.