Der erste Archivar war ein Hutmacher

Schaffhauser Nachrichten, Region
Martin Schweizer

Schon im 11. Jahrhundert archivierten die Mönche im Kloster Allerheiligen und die Nellenburger in ihrem Hausarchiv wichtige Dokumente. Zum Glück, denn sie erhellen den Nachfahren die Vergangenheit. Das älteste Zeugnis im Stadtarchiv stammt immerhin aus dem Jahr 1045 und ist zugleich die Urkunde mit der Ersterwähnung von Schaffhausen; König Heinrich III. verlieh damals dem Grafen Erberhardt von Nellenburg das Münzrecht für die Stadt, womit in der Geschichte erstmals der Name «Scafhusun» auftaucht.

Quelle für städtisches Leben
Auch sonst ist die Städtgeschichte durch Dokumente, Karten, Pläne, Stiche und Fotografien reich dotiert und dokumentiert. Namentlich Steuer- und Rechnungsbücher der Stadt, die bis ins Jahr 1392 reichen, sind hervorragend geeignet für die Erforschung des städtischen Lebens im Mittelalter und in der Neuzeit.
Seit 1540 werden in Kirchenbüchern auch Geburten und Eheschliessungen dokumentiert – wichtige Quellen zur Familiengeschichte für Archive und Lokalhistoriker. Peter Scheck, der als Nachfolger von Hans Ulrich Wipf das Archiv seit zehn Jahren leitet, versucht zudem zielstrebig, Teile der Bestände über eine Datenbank und das Internet einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Scheck: «Es gibt noch viel zu erforschen.»

Erstmals professionell
Professionell geführt wird das Stadtarchiv erst seit der Wahl von Reallehrer Ernst Steinemann zum halbamtlichen Archivar im Jahre 1956. Darum das Jubiläum. Steinemann war überaus emsig, vereinigte die damals an verschiedenen Orten verstreuten Archivalien im Parterre des «Grossen Hauses» am Fronwagplatz 24 und trat erst mit 82 Jahren von seinem Amt zurück.
Interessant ist aber auch die Vorgeschichte. Mit der Trennung der kantonalen und städtischen Verwaltung auf Grund der neuen Kantonsverfassung von 1831 wurde als gewissermassen freischaffender Registrator und Archivar erstmals Bernard Freuler (1796-1858) gewählt. Nun meint man ja, nur wir Nachgeborenen müssten beruflich flexibel und mobil sein, aber man täusche sich nicht: Freuler war schon im 19. Jahrhundert ein Multitalent, wurde als Jüngling zunächst Hutmacher, dann Geselle, betrieb einige Zeit in der Stadt die Wirtschaft zum «Bären», bevor er nach Wien ging und dort Malerei studierte. Als Landschaftsmaler machte er kaum Furore, Bilder von ihm sind heute nicht mehr auffindbar. Das hinderte ihn freilich nicht daran, als Zeichnungslehrer am hiesigen Gymnasium zu unterrichten, ehe er als Suppleant des Stadtgerichts amtete, nachher Mitglied des Grossen und des Kleinen Stadtrates wurde und schliesslich auch im Kantonsgericht sass.
Pikant: Als Vizepräsident dieses Gerichts sprach sich der umtriebige Mann für das letzte in Schaffhausen vollzogene Todesurteil aus; der Exekution durch das Schwert hat Freuler, der später auch Mitglied im Kirchenrat und im Obergericht wurde, als Zeuge beigewohnt.

Geistlichkeit bockt
Das erste offizielle Archiv der Stadt sollte in der ehemaligen Sakristei der St.-Johann-Kirche eingerichtet werden. Jetzt müsste man meinen, dass das für Registrator Freuler, Besitzer auch des Hauses zum Hardereck am Münsterplatz gehörte und Erbauer des Gutes Rammersbühl; kein Problem war. Aber weit gefehlt, die Geistlichkeit wollte die Sakristei nicht räumen und verweigerte die Übergabe des Schlüssel an den Stadtrat. Peter Scheck über diesen Affront: «Erst nach einer Intervention der Kantonsregierung konnte die Angelegenheit geregelt werden!»

Auch im Weinkeller
Die Sakristei diente in der Folge der Stadt volle 125 Jahre lang als . Archiv; dazu kamen im Laufe der Zeit : noch Nebenräume, beispielsweise ein Weinkeller unter dem Stadthaus, der sich allerdings als nicht sehr nützlich erwies. Betreut wurden diese Archive über Jahre hinweg ohnehin mangelhaft, überhaupt nicht oder zeitweise allenfalls nebenamtlich.

Grosse Leistungen
Nach Bernhard Freuler wurde Anno 1866 Gefängnisaufseher und Lokalhistoriker Hans Wilhelm Harder vom Stadtrat mit der Archivierung beauftragt. Jahrzehnte später, 1913 und ebenfalls im Nebenamt, wurde Carl August Bächtold (1838-1921) Archivar, der nebenbei auch als Stadtbibliothekar fungierte.
Über den historisch interessierten und versierten Theologen und Verfasser wegweisender Beiträge sprechen die Schaffhauser Historiker noch heute mit grosser Hochachtung. Denn der in Merishausen geborene und später während 43 Jahren an der Steigkirche tätige Seelsorger hat unter anderem die berühmte Rüeger-Chronik, ein Standardwerk der Schaffhauser Geschichte, bearbeitet und kommentiert.
Von Carl August Bächtold, einem gemäss Überlieferung höchst bescheidenen und zurückhaltenden Mann, gibt es ein schönes Ölgemälde von Hans Sturzenegger. In Anerkennung seiner kulturhistorischen Leistungen wurde dem einstigen Stadtarchivar von der philosophischen Fakultät der Universität Zürich ausserdem die Würde eines Ehrendoktors verliehen.

**Anno 1402: Erster Nachweis einer Hexenverbrennung in Mitteleuropa**
Wie wichtig ein Dokument letztlich für die Geschichtsschreibung ist, kann auch ein Archivar nicht immer auf Anhieb erkennen. Die Bedeutung erschliesst sich für Historiker oft erst später. Gesammelt und aufbewahrt wird deshalb zunächst alles – oder fast alles. Bei manchen Schriftstücken, vorab von Behörden, ist der Sinn der Archivierung allerdings von Anfang an ersichtlich.
So konnte das Stadtarchiv unlängst auf Grund von Stadtrechnungen einen bereits im Jahre 1402 stattgefundenen Hexenprozess belegen. Dabei handelt sich um den ersten Nachweis einer Hexenverbrennung in Mitteleuropa überhaupt. Stadtarchivar Peter Scheck: «Bisher galt Luzern als der Ort, wo im deutschsprachigen Raum erstmals Anno 1419 über eine ‹Hexerey› verhandelt wurde. Der beschuldigte Mann wurde damals freigesprochen.» In den Schaffhauser Stadtrechnungen der Jahre 1402/03 finden sich nun aber sogar Hinweise auf Ausgaben für die Strafverfolgung und Hinrichtung einer oder mehrerer Hexen. Der Informationsgehalt ist zwar relativ dürftig, man erfährt nichts über das Geschlecht der Person oder über die Anzahl der allenfalls verurteilten Personen. Immerhin weiss man, dass die durch städtische Amtsleute verhafteten «Deliquenten» aus Beringen stammten und von dort nach Schaffhausen überführt wurden. Die Knechte, «welche die hägsen von Beringen brachten», erhielten dafür zehn Schilling für Wein. Die «Hexen» wurden im Rathaus festgesetzt, wo sie vermutlich auch ihre erzwungenen Geständnisse ablegten. Stadtarchivar Peter Scheck: Der Eintrag für «Holtz zuo dem Hegsen Brand» beweist, dass «das Verhör wie auch der Gerichtsprozess für den oder die Beschuldigten offensichtlich negativ ausfiel».
Hexenverfolgungen gab es in allen Kulturkreisen. Das düstere Kapitel des Hexenwahns wurde in der Schweiz und in Europa aber erst mit der Hinrichtung von Anna Göldi im Juni 1782 abgeschlossen. (-zer)

**Die Stationen: Archivierung in einem historischen Haus**
Dokumente werden in der Stadt Schaffhausen seit Jahrhunderten gesammelt und geortet. Doch erst mit der Wahl von Ernst Steinemann (1888-1972) als halbamtlicher Stadtarchivar im Jahre 1956 und dem Bezug neuer Räume zwei Jahre später im Parterre des «Grossen Hauses» wird das Stadtarchiv wirklich professionell geführt.

Neu im Vollamt
Als Stadtarchivar im Vollamt arbeitete ab 1970 dann allerdings erst Hans Ulrich Wipf, der 1996 von Peter Scheck abgelöst wurde. In die Zeit dieser beiden initiativen Archivare fallen unter anderem die räumlichen Erweiterungen des Archivs, der Einbau eines modernen Lesesaals und eines Raumes für den Kulturgüterschutz mit einem Fassungsvermögen von über 500 Laufmetern. Dort, im Keller, werden die wertvollsten Unterlagen aufbewahrt, mittelalterliche Urkunden, Ratsprotokolle, Grund- und Rechnungsbücher, historische Nachlässe.

Auf einer Länge von 2,5 Kilometern
Mit der Einführung der elektronischen Datenverarbeitung machte das Archiv in den letzten Jahren erneut einen grossen Schritt – das Stadtarchiv zählt heute in der Schweiz zu den Pionieren der Präsentation von Archivbeständen im Internet.
Zurzeit verfügt das Archiv, das in einer Woche die Bevölkerung zu einem Tag der offenen Tür einlädt, über zwölf Räume und sechs moderne Compactusanlagen, die seinerzeit die alten Schubladenschränke ersetzten. Die Kapazität der Regale beträgt 2,5 Kilometer, davon sind rund 90 Prozent belegt.

Im Besitz der Stadt
Das «Grosse Haus» mit der unverwechselbaren Passage zwischen dem Fronwagplatz und der Krummgasse war im Mittelalter im Besitz verschiedener adeliger Familien. Zeitweilig gehörte das Haus auch Bürgermeister Ulrich Trüllerey, der die Schaffhauser bei der Schlacht von Grandson anführte. 1685 wurde das Gebäude unter dem damaligen Eigentümer Hans Conrad Peyer im Hof umgebaut. Die Errichtung des öffentlichen Durchgangs und die Umgestaltung des Erdgeschosses in Geschäftsräume (wie der Klopstock und später der Glarner) erfolgten erst im Jahre 1895.
1921 kaufte die Stadt die Liegenschaft – eine aus der Sicht des jetzt 50-jährigen Stadtarchivs zweifellos vorausschauende Massnahme. (-zer)


Blick in den Lesesaalmit Archivar Peter Scheck, Studentin Sereina Deghimenzi (links) und Lehrtochter Johanna.
Bild: B. + E. Bührer.