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Programmheft Schumann

Begleittext aus dem Programmheft

Robert Schumann (1810-1856)
Festouvertüre mit Gesang über das Rheinweinlied für Orchester und Chor,
Op. 123, 1853
Dirigent: Florian Merz
Solisten: Csilla Zentai, Sopran; Hiroko Kashiwagi, Alt; Manfred Fink, Tenor; Peter Meven, Bass
Chor und Orchester der Klassischen Philharmonie Düsseldorf
EBS 1993
7:57

Bereits in den Jahren zwischen 1849 und 1851 entwickelte Schumann Pläne zur Komposition einer Ouverture mit Gesang. Er konnte sich dabei hauptsächlich an Beethovenschen Vorbildern orientieren: das Finale zu dessen 9. Sinfonie und ganz besonders die Phantasie für Klavier, Chor und Orchester (op. 80) galten zur damaligen Zeit als ausgesprochene Unikate.

Innerhalb weniger Tage komponierte Schumann im April 1853 seine «Festouverture mit Gesang», wobei er auf Entwürfe aus dem Sommer 1852 zurückgreifen konnte. Möglicherweise hatte Schumann seine Komposition ursprünglich für das zwischen dem 1. und 4. August 1852 in Düsseldorf stattfindende Sängerfest vorgesehen, dann aber nicht weiter ausgeführt und letztlich seine Ouverture zu «Julius Cäsar» op. 128 in diesem Rahmen uraufgeführt. Neuen Anreiz zur Vervollständigung der Festouverture bot schliesslich das 31. Niederrheinische Musikfest, das zwischen dem 15. und 17. Mai 1853 in Düsseldorf stattfand. Der Komponist und Dirigent Schumann konnte somit das Musikfest durch ein Werk beenden, das Orchester und Chor gleichermassen beteiligte und darüberhinaus auch dem Lokalkolorit entsprach, indem es einen ausgesprochen rheinischen Text einband. Die Musik hat einen heiteren Charakter und ich denke, sie wird gerade am Rhein willkommen sein, berichtete Schumann seinem Verleger Nikolaus Simrock. Matthias Claudius dichtete im Jahre 1775 das Rheinweinlied, dessen Vertonung Johann André 1776 besorgte. In dieser volkstümlichen Gestalt wurde das Lied bis ins 19. Jahrhundert hinein verbreitet.

Das Abschlusskonzert des Niederrheinischen Musikfestes am 17. Mai 1853 in Düsseldorf mit der Uraufführung der Festouverture sollte den musikalischen Höhepunkt bilden. Die Begeisterung des Publikums führte zum spontanen Mitsingen des Schlusschores. Eine solche Gewalt des Orchesters wie des Chores erinnere ich mich noch nie gehört zu haben, schrieb Schumann kurz nach dem Ereignis an Nikolaus Simrock. Dennoch lässt sich die Resonanz des Premierenpublikums nicht eindeutig beschreiben. Zumindest die nachfolgenden Presseberichte fielen eher negativ aus, wodurch das Werk bis auf den heutigen Tag ungerechtfertigterweise in den Hintergrund gedrängt wurde.

Obwohl sich der Verleger Simrock in Bonn sehr rasch zur Drucklegung der Festouverture bereiterklärt hatte, versuchte er nun aufgrund der widersprüchlichen Aufnahme des Werkes bei der Uraufführung, die Abmachung rückgängig zu machen. Erst nach zahlreichen Querelen erschien im Herbst 1854, als Schumann bereits in der Endenicher Anstalt weilte, zunächst der vierhändige Klavierauszug der Ouverture; Partitur und Orchesterstimmen wurden erst nach Schumanns Tod im August 1857 veröffentlicht.

Die in C-Dur gehaltene Festouverture ist in ihrer groben Struktur dreiteilig konzipiert: der langsamen Einleitung (Feierlich, doch nicht zu langsam) folgt der instrumentale Hauptteil (Lebhaft), der sich grösserenteils am Modell der Sonatensatzform orientiert und der durch ein Tenor-Solo zum chorischen Schlussteil führt, in dem die drei Strophen des Rheinweinliedes verarbeitet sind. Dieser Vokalsatz wird durch die Einführung und Verarbeitung seines motivisch-thematischen Materials in den beiden instrumentalen Teilen des Werkes vorbereitet, wodurch diese beiden zweifellos einleitenden Charakter erlangen. Im überleitenden Tenor-Solo herrschen rezitativische und ariose Elemente gleichermassen vor. Schumann verwendet hier einen von dem Düsseldorfer Dichter und Arzt Wolfgang Müller von Königswinter verfassten Text Im vokalen Schlussteil singt der Chor die erste und letzte Strophe des Rheinweinliedes, während die mittlere von einem Soloquartett gebracht wird. Signal- und Fanfarenartige Motivbildungen bestimmen diesen gloriosen Abschluss der Festouverture.

Dr. Irmgard Knechtges-Obrecht, Robert-Schumann-Gesellschaft & Forschungsstelle, Düsseldorf